anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Samstag, 1. Juni 2019
Einkaufen, Drama im Internet und verbranntes Brot
Für einen Samstag war ich heute enorm früh auf und aktiv. K hatte eine Friseurtermin um 9h, C und ich hatten beschlossen, dann mit ihm ins Dorf zu fahren, um den örtlichen Schuhladen zu testen.
Klappte fast, K ist, weil er pünktlich sein wollte, einfach schon mal losgefahren, aber als er fertig war, waren wir auch schon unterwegs und trafen uns dann vorm Schuhladen. Timing perfekt.

Wir fanden ein Paar Schuhe, das C gefiel und passte, was ich ganz wunderbar fand, denn C hat morgen Geburtstag und ich noch kein Geschenk für sie.

K fuhr dann nach Hause, weil er noch eine Verabredung mit dem Kantenschneider hatte, C und ich strolchten noch eine Weile durchs Dorf, stellten fest, dass an der Kulturinsel Flohmarkt ist, liefen dort auch zweimal hoch und runter, kauften eine Hose für C und zwei Blusen für mich und fuhren dann ebenfalls heim.

Dort schmiss ich die schon vorsortierte Waschmaschine an, die Neuerwerbungen vom Flohmarkt passten noch rein, jetzt ist der Wäschekorb komplett leer, kommt auch selten vor.

Am Nachmittag ging C zum Vaterhaus und mähte dort den Rasen, ich schnibbelte ein wenig Gemüse, machte ein paar Dips und las dann ausführlich Internet, denn in meiner Filterblase ist grade richtig was los, ich fand es hochspannend.

Eine recht bekannte Bloggerin ist damit aufgekippt, dass sie sich ihre Biographie wohl sehr frei erfunden hat, was zwar grundsätzlich nicht dramatisch ist, aber diese Dame hat es dann doch ein wenig übertrieben, weil sie als Deko ihrer eigenen (real nicht existenten) Biographie noch gleich ein paar mehr Leute erfunden hat, die sie auch noch als Holocaustopfer an die entsprechenden Stelle meldete und das war den meisten Leuten dann wohl doch zuviel literarische Freiheit.

Ich hatte ihr Blog auch in meiner Blogroll verlinkt, weil ich ihren Schreibstil zunächst ganz interessant fand, im letzten halben Jahr wurde es mir aber immer öfter "too much" und ich habe immer weniger dort mitgelesen, in den letzten Wochen gar nicht mehr - und ich hatte sie auch auf Twitter und Instagram entfolgt, weil mir ihr immergleiches Thema langweilig geworden war, so dass ich die Aufregungen, die sich um diese Person entwickelten, erst mit Verspätung mitbekommen habe und dann auf Informationen von der Seitenlinie angewiesen war, weil sie alle ihre Konten auf privat gestellt hatte und das Blog ist offline.

Ich mag ja solche Dramen, ich bin dann immer schrecklich neugierig und klicke solange im Internet rum, bis ich möglichst viele Infos zusammen habe, so dass ich den Nachmittag heute sensationslüstern am Handy verbrachte.

Aber nu ist auch gut. Die Dame hat ihren Biographiefake wohl wirklich sehr zielstrebig durchgezogen und sogar Leute aus ihrem privaten Umfeld glaubten an die ausgedachten Hintergründe, sowas kommt vor, oder, wie es ein Kollege gerne sagt: Shit happens.
Meine Reaktion war, dass ich meine Blogroll überarbeitet habe, damit ist das Thema für mich abgehakt.

Als ich grade mit Abendessen kochen beschäftigt war, schellte das Telefon und ich machte den Fehler, mir einzubilden, ich könnte Multitasking. Kann ich nicht, sollte ich aber langsam auch wissen, konnte ich nämlich noch nie.
Brot im Backofen rösten und Telefonieren ist nicht kompatibel, sieht dann so aus:


Nach dem Essen noch eine Fahrradtour mit K, einmal bis zum östlichsten Strandrestaurant der Insel, ist ein wunderschöner Weg immer am Wasser lang und hat den besonderen Vorteil, dass man unterwegs an verschiedenen großen Mülleimern vorbeikommt, mission accomplished, sowas befriedigt mich ja auch immer sehr
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(...) im letzten halben Jahr wurde es mir aber immer öfter "too much"

Ging mir ähnlich, weswegen ich da nur noch sporadisch gelesen habe. Trotzdem blöd, dass ich mir eingestehen muss, das ganze nicht grundsätzlich hinterfragt zu haben.

Bin mal gespannt auf die Stellungnahme von Franziskript, Thomas Knüwer & Co, die der Dame einen Blogger-Award verliehen haben.

... ¿noch mehr sagen?  

 
Ob ihre Fake-Biographie auch in irgendeiner Form Auswirkungen auf die Goldenen Blogger hat, weil sie zum Blogger des Jahres 2017 gekürt wurde, darüber habe ich auch nachgedacht, aber ich denke, diesen Preis hat sie für die Texte bekommen, die sie geschrieben hat und die sind doch "echt", im Sinne von "selber geschrieben" und nicht geklaut oder kopiert.
Dass sie unbestritten einen sehr eigenen und oft auch sehr einnehmenden Schreibstil hat, ist meiner Meinung nach Grund genug, dass ihr dieser Preis zu recht verliehen wurde.
Dass viele Menschen sich von Texten besser mitnehmen lassen, wenn sie sich einbilden können, der Inhalt sei "real", kann meiner Meinung nach nicht dazu führen, dass fiktive Geschichten keine guten Blogtexte sind.

Dass sich die Leser des Blogs jetzt getäuscht fühlen, ist verständlich, geht durch die Enttarnung doch ihre eigene "Mitfühlblase" kaputt, aber so wie schon bei Relotius (und der war ja sogar Journalist, und damit Schreiber einer Zunft, die "wahrheitsgetreue Berichterstattung" als Maßgröße für sich in Anspruch nimmt), bin ich hier erst recht der Meinung, dass die Leute es selber schuld sind, wenn sie Texte, die jemand schreibt, weil er erkennbar Spaß am Schreiben hat, für bare Münze nehmen.

 
Im Falle der angeblichen Versandhaus-Erbin, die 2005 zwangsgeoutet wurde, habe ich das auch so gesehen. In dem aktuellen Fall bin ich geneigt, etwas andere Maßstäbe anzulegen. Immerhin ging die gute Frau H*ngst so weit, über 20 angebliche Holocaust-Opfer-Biographien aus ihrer fiktiven Verwandschaft bei der Gedenkstätte in Yad Vashem einzureichen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit das jüdische Opfer-Ticket zu zücken.

 
Da wiederum bin ich ganz bei Ihnen, die weiteren Folgen ihrer ausgedachten Biographie finde ich auch äußerst unschön und nicht mit "künstlerischer Freiheit" zu entschuldigen.
Sie schadet damit nicht nur "echten" Opfern, die sich durch solche Möchtegernopfer natürlich verstärkter Skepsis und einem erhöhten Rechtfertigungszwang gegenübersehen, sondern sie enttäuscht auch alle Menschen, die sie persönlich und privat kannten und annahmen, sie hätten über das Internet den Kontakt zu einem wunderbaren Menschen gefunden, mit dem sie nach einem/mehreren real life Treffen nun eine echte, reale und gute Freundschaft verbindet.
Ein gutes Beispiel für diese Betroffenheit ist hier sicherlich die Kaltmamsell, die vor lauter Schreck einen ganzen Tag nicht bloggen konnte, was bei ihr sonst eher nicht vorkommt.

Welche Gründe auch immer einen Menschen dazu bringen, ein einmal angefangenes Lügengespinst immer weiter zu betreiben und mit immer feiner ausgearbeiteten Details zwanghaft am Leben zu erhalten - das mag von Zufall über Vorsatz bis hin zu einer massiven psychischen Störung vielfältige Ursachen haben, so wollte ich eigentlich nur gesagt haben, dass ich zwar ihr menschliches Verhalten unschön finde und falls es irgendwelche juristischen Konsequenzen gibt, dann sollte das auch geprüft werden, nur diesen goldenen Bloggerpreis, den hat sie meiner Meinung nach zu recht erhalten - denn schreiben kann sie.

 
Mittlerweile wurde auf Twitter vermeldet, dass der Blog-Award aberkannt wurde. Offensichtlich reicht Schönschreiben als Begründung doch nicht aus, es geht damit auch ein gewiser Wahrheitsanspruch einher, wenngleich man an solche Bloggeschichten nicht exakt den gleichen Maßstab anlegen kann wie an Spiegel-Reportagen.

 
Tatsächlich, das Orga-Team der Goldenen Blogger hat ein offizielles Statement abgegeben.
Tja, das muss jeder für sich selber bewerten, ich hätte dafür keinen Grund gesehen, aber vielleicht unterstelle ich ja auch nicht die richtigen Gründe, weshalb der Preis ursprünglich verliehen wurde. Das Schreiben selber scheint dann wohl doch nicht der zentrale Grund zu sein.
Nun denn.