anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Mittwoch, 20. April 2016
Wer ist AnJe?
Ich wurde Anfang der 60er als älteste Tochter in eine Familie voller Lehrer geboren. Alle waren Lehrer: Eltern, Großeltern, Onkel, Tanten – ich hatte eine reizende Kindheit….
Schon früh war mir klar, dass ich später alles werden würde, aber niemals Lehrer.
Ich wollte etwas Witziges machen, etwas Kreatives, Aufregendes, Abwechslungsreiches:
Graphikdesign, Werbung oder auch Stewardess.
 
Blöderweise habe ich mich mit 18 verliebt, die Stewardessidee war damit gestorben, ich wäre ja viel zu oft weggewesen. (Ja, mit 18 war ich noch so drauf….)
Die anderen Ideen hat mir dann mein damaliger Freund ausgeredet, der war nämlich bereits Steuerberater und studierte parallel Jura.
So kam ich zum Steuerrecht wie die Jungfrau zum Kinde (das war aber auch zum Glück das einzige Kind aus dieser Beziehung).
 
Ich habe also BWL mit Schwerpunkt Steuerrecht studiert und privat reichlich Erfahrungen sowohl mit Steuerberatern als auch mit (angehenden) Juristen gesammelt.
Schnell waren damit die ersten Steine für eine solide Vorurteilsmauer gelegt, mein Umgang mit beiden Berufsgruppen ist deshalb bis heute oft "schwierig".......

Irgendeine Zeitung (ich meine es war die Süddeutsche) hat mal eine Umfrage veröffentlicht, in der danach gefragt wurde, in welchen Berufen die Frauen besonders attraktiv sind. Steuerberaterinnen landeten dabei auf dem vorletzten Platz, noch hinter Fleischfachverkäuferinnen. Ich sehe es seitdem als besondere Herausforderung an, möglichst anders zu sein als es mein Berufsbild erwarten lässt.

Allerdings fällt mir das schon deshalb nicht besonders schwer, weil ich in gewisser Weise von klein auf anders war.
Als Kind war ich nicht nur deshalb anders, weil ich einen so vertrauten Umgang mit Lehrern hatte, sondern vor allem weil ich zwischen verschiedenen Welten lebte und immer das Gefühl hatte, nirgendwo dazuzugehören.
Aufgewachsen im tiefkatholischen Rheinland mit überzeugt gläubigen, religiös aktiven aber evangelischen Eltern begann meine Ausgrenzung schon bei der Nichtaufnahme in den Kindergarten. Es gab nur einen katholischen Kindergarten und die nahmen keine Ketzer.
Ich habe mich deshalb schon sehr früh sehr kritisch mit Religion beschäftigt und mich immer gefragt, weshalb die jeweils "angeborene" Religionsrichtung für so viele Menschen nicht nur eine so große, sondern auch eine so ernsthafte und vor allem so selbstverständliche Rolle in ihrem Leben spielt.
Bei mir ist da auf alle Fälle etwas schiefgegangen. Ich bin zwar überzeugt evangelisch, aber nur um den seltsamen Katholen schon aus Prinzip etwas entgegenzusetzen, ansonsten betrachte ich diese Überzeugung als Alternative zu der spaßigen Fankultur von Fußballfans. Als nachhaltiger Sportlegastheniker fehlt mir für Fußball nicht nur die Ahnung, sondern auch das Interesse, also halte ich nicht zu den Bayern/Borussen/Haie/Fische oder Wölfe, sondern für die Evangelen. Immerhin tragen Evangelen gegen Katholen bis heute blutige Derbys aus, wenn ich auch das Gefühl habe, in letzter Zeit kommt es zu seltsamen Bündnissen, um gemeinsam gegen noch fremdere Religionsclubs aufzumarschieren. Scheint eine Entwicklung der Zeit zu sein, denn die Fußballclubs haben ja auch viel Ärger mit ihren "Ultras".

Mein Vater - gebürtiger Insulaner aus Borkum (Ostfriesland) und meine Mutter, in Pommern geboren und im Krieg nach Westfalen geflüchtet, haben als Mischung einen "Possi" gezeugt, wie mein Großvater zu scherzen pflegte und vielleicht war das die Rolle, die ich deshalb schon als Kind besetzt habe.
Mir fällt es grundsätzlich sehr schwer, Dinge ernst zu nehmen, was nicht bedeutet, dass ich manche Dinge nicht durchaus wichtig finde.
So finde ich es absolut wichtig, sich mit moralischen und ethischen Grundsätzen und Überlegungen zu beschäftigen und sich selber darüber im Klaren zu sein, welche Grundsätze man für sein eigenes Leben befolgen möchte, aber einer meiner Grundsätze ist, dass das jeder für sich selber entscheiden sollte und man anderen da nicht reinreden oder gar Vorschriften machen sollte.

Was also das Thema Religion und Gott angeht, bemühe ich sehr gerne eine Geschichte von Bertolt Brecht:
Einer fragte Herrn K., ob es einen Gott gäbe. Herr K. sagte: «Ich rate dir, nachzudenken, ob dein Verhalten je nach der Antwort auf diese Frage sich ändern würde. Würde es sich nicht ändern, dann können wir die Frage fallen lassen. Würde es sich ändern, dann kann ich dir wenigstens noch so weit behilflich sein, dass ich dir sage, du hast dich schon entschieden: Du brauchst einen Gott.

Ich habe nachgedacht und festgestellt, dass sich mein Verhalten nicht ändern würde, gäbe es einen Gott, insofern habe ich die Frage für mich fallengelassen.

 
Mit dem Ende der Beziehung zu meinem ersten Steuerberater wechselte ich auch das Büro und hatte tatsächlich mal drei steuerberaterbeziehungsfreie Jahre, die habe ich sehr genossen.
 
Aber dann wiederholte sich das Schicksal, wieder knüpfte ich zu einem Kollegen private Bande, diesmal war es noch schlimmer, der war zusätzlich auch noch Wirtschaftsprüfer.
Da die bekanntermaßen ausgesprochen systematisch und gründlich vorgehen, verzichtete er auf die virtuelle Kind-Jungfrauennummer und machte mir gleich drei richtige Kinder. Wie’s eben so geht…..

Trotz der neuen Rolle und Verantwortung als Mutter konnte ich mein "Anderssein" nicht unterdrücken, was dazu führte, dass ich den Vater der Kinder nicht geheiratet habe.
Heirat, Ehe und der gesamte dazu gehörende Symbolschnickschnack sind für mich auch so etwas wie Religion.
Einer fragte Frau A., ob es die Ehe gäbe. Frau A. sagte: «Ich rate dir, nachzudenken, ob dein Verhalten je nach der Antwort auf diese Frage sich ändern würde. Würde es sich nicht ändern, dann können wir die Frage fallen lassen. Würde es sich ändern, dann kann ich dir wenigstens noch so weit behilflich sein, dass ich dir sage, du hast dich schon entschieden: Du brauchst die Ehe.

Ich lebe mit dem Mann zusammen, solange wir uns gegenseitigen lieben. Wenn sich da etwas ändert, ändert sich auch unser Zusammenleben, dafür brauche ich keinen Trauschein mit Unterschrift von einem Beamten aus dem mittleren Dienst, der im Zweifel auch nicht verhindern kann, dass uns die Liebe abhanden kommt. Die juristischen Konsequenzen einer Ehe oder besser einer "Nichtehe" kann ich auch ohne Trauschein mit meinem Partner so regeln, dass sie genau unserem eigenen Lebensentwurf entsprechen. Im Gegenteil, ich persönlich habe eigentlich immer davon profitiert, dass ich offiziell als ledige, alleinerziehende Mutter galt und somit viel mehr staatliche Unterstützung in Anspruch nehmen konnte als es jede verheiratete Mutter hätte tun können. Zumal auch das formale Handling als "Alleinerziehungsberechtigter" wesentlich einfacher ist, denn es reicht immer eine Unterschrift, was einfach praktisch ist.
Genauso wenig wie ich etwas dagegen habe, wenn jemand meint, er müsse fünfmal am Tag beten und sich dabei vorsichtshalber auch gleich noch in alle vier Himmelsrichtungen verbeugt, denn man weiß ja nie, habe ich etwas dagegen, wenn jemand heiratet, am besten auch noch auf einen Ehevertrag verzichtet und die Begriffe "Ehering" und "Eigentum" nicht sauber auseinanderhalten kann , ich mache mich aber durchaus darüber lustig.
Ich habe für mich festgestellt, dass ich auch ohne Schutz von oben (also ohne den Glauben an einen Gott und ohne staatliche Fürsorgegesetze zum Schutz von Ehe und Familie) noch ein entspanntes und unbesorgtes Leben führen kann, da ich der festen Überzeugung bin, dass ich die gestaltbaren Dinge im Leben viel besser alleine (bzw. auch zusammen mit meinem Partner aber eben ohne Vertrauen auf "oben") organisieren kann.

Ich bin zudem auch der Überzeugung, dass ich als Mutter die "endgültige" Verantwortung für die Kinder habe, denn ich habe mich nicht nur aktiv entschieden, sie in die Welt zu setzen, sondern auch noch, sie als Mutter zu behalten. Ein Vater kann all diese Entscheidungen gar nicht aktiv treffen. Weder kann er entscheiden, ob die Frau das Baby bekommt oder nicht, noch kann er entscheiden, ob sie es nach der Geburt zur Adoption freigibt oder nicht. Und wenn jemand etwas nicht selber entscheiden kann, dann kann ich von ihm moralisch auch nicht dieselbe Verantwortung erwarten wie von demjenigen, der sich sehr bewusst für ein Tun oder Nichttun entschieden hat.
Gleichzeitig würde ich dem Vater nie das Recht oder die Möglichkeit absprechen, sich genau so intensiv um seine Kinder zu kümmern, wie eine Mutter, (im Gegenteil, fände ich toll, wenn er es tut), aber ich habe keine Erwartungshaltung an den anderen und kann damit auch nicht "enttäuscht" werden, wenn ich feststelle, dass der Vater es sich doch lieber sehr einfach macht.
Auf Grundlage dieser Überzeugung hatte ich deshalb nie den Mut, das Geldverdienen ganz dem anderen Partner zu überlassen, sondern fand es aus persönlichen Sicherheitsaspekten (und aus einem Verantwortungsgefühl den Kindern gegenüber) sinnvoller, lieber die Kinderbeaufsichtigung zu delegieren und nicht das Geldverdienen.

Da ich ja meine ursprüngliche Idee der kreativen Selbstverwirklichung beruflich nicht umgesetzt hatte, konnte ich es mir leisten, weniger als 60 Stunden die Woche zu arbeiten, so dass die Kinder noch ausreichend Zeit hatten, ihre Mutter zu erleben. Bedingt durch meine Position als ledige, alleinerziehende Mutter bekam ich bereits für das erste Kind schon mit neun Monaten einen Platz in einer Kindertagesstätte. Das war damals ein Modellprojekt der Stadt und nannte sich "kleine altersgemischte Gruppe". In einem bis dahin ganz normalen Kindergarten wurde eine zusätzliche Gruppe eingerichtet, wo statt 25 nur noch 15 Kinder betreut wurden, davon die Hälfte unter drei Jahren, dafür gab es auch eine Erzieherin mehr als Betreuung. Kinder unter drei Jahren in einen Ganztagskindergarten zu schicken war damals die zweitschlechteste Betreuung nach einem Waisenhaus, mein "Anderssein" stellte ich also auch als Mutter eindrücklich unter Beweis.

Nach der Geburt des zweiten Kindes habe ich mich dann noch zusätzlich mit dem Thema "Au Pair" beschäftigt, weil es eine angenehme, persönliche Entlastung bedeutet, wenn man neben den festen Kindergartenzeiten noch einen flexiblen, jederzeit verfügbaren und den Kindern vertrauten Babysitter im Haus hat, der mir außerdem auch die Möglichkeit gibt, mich als Mutter konzentriert und intensiv nur um ein Kind zu kümmern, während das zweite vom AuPair behütet wird.
Auch hier war mir "normal" mal wieder nicht möglich, denn statt der klassischen Variante (ein Mädchen aus Osteuropa) wollte ich gerne ein englischsprachiges AuPair und am liebsten einen Jungen. Ich fand die Betreuung der Kinder viel zu "frauenlastig". Überall nur Frauen, Erzieherinnen im Kindergarten, Lehrerinnen in der Schule und auch zu Hause sehen die Kinder die Mutter wesentlich häufiger als den Vater. Ich fand also, es kann nicht schaden, wenn sie früh auch Kontakt zu männlichen Wesen haben und englisch fand ich eindeutig die wichtigere Sprache als irgendwas slawisches.
Wir hatten deshalb (bis auf eine weibliche Ausnahme) für viele Jahre nur männliche AuPairs und alle kamen aus Südafrika. Als Schaden aus der Zeit ist mir ein nicht wegzudiskutierender südafrikanischer Akzent in meinem Englisch geblieben, immerhin sage ich aber wieder "traffic light" und nicht mehr "robot", wenn ich im Englischen von Ampeln spreche….

Um mich etwas aus dem familiär belasteten Steuer-Rechts-Prüfer-Umfeld zu lösen, übernahm ich Anfang der 90er Jahre zusätzlich zu meiner StB-Tätigkeit eine Dozentenstelle im Fachbereich BWL und begann mit Vorlesungsveranstaltungen in den Fächern Steuerrecht und Bilanzanalyse.
Im Laufe der Jahre habe ich dann in fast allen BWL-Fächer Vorlesungen übernommen und war Mitglied des Prüfungsausschusses für BWL und Recht, bis mir irgendwann klar wurde, dass ich genau das machte, was ich nie wollte: Lehrer. – Jetzt kann man sagen „Schnellmerker“, aber da bitte ich um Verständnis, bei dieser erblichen Vorbelastung, wer erwartet da schnelle Reaktionen……?
 
Die Tätigkeiten als Dozent und Berater habe ich 16 Jahre lang erfolgreich mit den gleichzeitigen Verpflichtungen einer Mutter und Hausfrau kombiniert. Natürlich hatte ich die AuPairs als Unterstützung und für die regelmäßige Putzerei kam auch eine Dame zur Aushilfe, aber ich bin der festen Überzeugung, dass die Theorien und Grundsätze der BWL aus dem Fach „Organisation und Planung“ ganz sicher von einer berufstätigen Mutter entwickelt wurden.

Mit Mitte vierzig begann ich jedoch intensiv an einer inneren Unzufriedenheit zu arbeiten.
Die Kinder nannten es meine "Mitleidskrise", ich war jammerig, genervt, gestresst und insgesamt einfach nur noch schlecht drauf. Ich wusste zwar nicht, was ich wollte, aber ich konnte seitenweise Listen schreiben mit Dingen, die ich alle nicht mehr wollte, die mir keinen Spaß mehr machten, die mir nicht passten, die mich nervten, die sich dringend ändern sollten, und überhaupt.
In der Zeit war sehr viel "und überhaupt" und ich stellte auch so ziemlich alles, was ich je gesagt, gemacht, gemocht und gedacht hatte in Frage.

Das kreative Verwirklichen hatte ich ausgiebig im privaten Hobbybereich ausgelebt.
Als Lehrerskind konnte ich natürlich verschiedene Instrumente spielen und kannte so ziemlich jede bekannte Basteltechnik, nur leider sind meine (fein)motorischen Fähigkeiten eher mindergut und Zeichnen kann ich gar nicht.

Meine Klavierspielfähigkeiten reichten also weit genug, um während des Studiums jede Menge privater Klavierschüler gegen gutes Entgelt in dieser Kunst zu unterrichten (wehe es sagt jetzt jemand "Lehrer"), aber ich selber bin eigentlich immer eher unzufrieden mit dem, was ich mir da so zusammenklimpere. Und überhaupt wollte ich viel lieber Saxophon spielen. Den Traum träume ich übrigens bis heute, leider bekomme ich noch nicht mal einen Ton aus dem Instrument, aber das kann ja noch werden.

Dass ich gar nicht Zeichnen kann (so sehr nicht, dass ich es noch nicht mal schaffe, auf Anhieb ein "o" zu malen oder schreiben, das sich schließt, es ist wirklich zum Heulen), dass ich zeichnerisch also einfach nur tiefbegabt bin, hat mich auch schon immer geärgert, denn eigentlich finde ich Malen, Basteln und Gestalten toll. Ich habe meine mangelnden Fähigkeiten deshalb früh durch besondere Techniken, ausgefallene Materialien und abgedrehte Gestaltungsideen versucht zu kompensieren.
Als ich durch Zufall in einem südafrikanischen Bastelladen Motivstempel und das dazu gehörende Zubehör entdeckte, habe ich mich mit gradezu wahnhaft übersteigertem Enthusiasmus auf diese für mich tatsächlich umsetzbare Ausdruckstechnik und die sich damit neu eröffnenden Möglichkeiten der graphischen Gestaltung gestürzt.
Und weil bei mir ja alles immer anders laufen muss als bei anderen Leuten, habe ich nach drei Jahren sich immer intensiver steigerndem Stempelhobbywahn kurzerhand selber eine Firma gegründet, die Stempel herstellt und begonnen, damit ein immer größeres Rad zu drehen.
Gleichzeitig mit dem Stempelhobby habe ich auch das Internet entdeckt, denn "Stempeln" war damals noch eine so unbekannte Technik, dass es nur wenig Gleichgesinnte gab, die deutschland- bzw. weltweit verteilt waren.
Man fand sich also übers Internet in Gruppen oder "Listen" zusammen (Foren gab es erst sehr viel später, am Anfang waren es reine E-Maillisten) und ich stellte fest, dass ich nicht nur Spaß am kreativen Gestalten mit Stempeln, Papier und Farben hatte, sondern auch am schriftlichen Austausch mit anderen Leuten. Schnell war ich bekannt für meine "OT" (offtopic) Texte und begann während des Alltags bewusst nach Themen zu suchen, über die ich auf meiner Stempelliste berichten konnte.

Ein anderes Thema, das für mich immer sehr mit "Kreativität" verbunden war, ist Kochen. Kochen als l'art pour l'art ist dabei nicht meine Leidenschaft, sondern "vereinfachtes Kochen", also Herstellen von Speisen mit einem Minimum an Aufwand aber einem Maximum an individuellem Geschmack. Bereits während des Studiums hatte ich sehr viel Spaß am Aufpimpen von Tütensuppen und entwickelte so nach und nach echte Fertigkeiten im Herstellen von komplizierten Gerichten mit einfachsten Methoden.
Mitte der 90er bekam ich den ersten Thermomix, das ideale Gerät, um meine Vorstellung von "gutem Kochen" umzusetzen.
Um dieses Gerät entwickelte sich auch eine aktive Internetgruppe, und auch hier war ich engagiert dabei, wobei mir das OT-texten wieder wichtiger wurde als der Rezeptaustausch.

Irgendwann entdeckte ich dann das Bloggen und verlor gleichzeitig so nach und nach das Interesse an meinen anderen Internetlisten und -foren.

Inzwischen hatte sich meine mitleidskrisige Nörgelei und Sinnsuche aber auch auf die realen Menschenkontakte in meinem Umfeld ausgewirkt. Ich fand alles, alle und jeden doof, allen voran mich am meisten, weshalb ich mich immer mehr zurückzog.

Dann starb der Hund, der Große ging für ein Jahr nach Peking, der Kleinste wechselte aufs Gymnasium und ich fand, dass ich nach 18 Jahren Zusammenleben mit meinem persönlichem Wirtschaftsprüfer mal eine private Auszeit verdient habe, so dass ich beschloss, einfach noch mal etwas Neues zu wagen.

Ich wechselte Job, Mandanten und Wohnort, zog mit den Kindern vom Rheinland ins Münsterland, verschenkte meine Stempelfirma und beendete alle Internetaktivitäten - ich wollte so allein und so anonym wie möglich einfach noch mal von vorne anfangen.
Schnell stieß dann ein neuer Mann dazu, auch hier ein gründlicher Typwechsel: Von einem durchgeknallten, quirligen Wiener (dem Vater der Kinder) zu einem bodenständigen und eher mundfaulen Westfalen, aber alle Beteiligten waren gut zufrieden. Die Kinder haben "meinen Westfalenmann" genauso schnell als weiteres Familienmitglied aufgenommen wie die beiden erwachsenen Männer (der alte und der neue Mann) sich gegenseitig akzeptiert und geschätzt haben.
Angenehm war, dass dieser "Familienumbau" ohne Stress, Streit, Zank, Probleme, Ärger funktionierte, alle Beteiligten haben einfach versucht, das Beste daraus zu machen und ich begann so langsam wieder mit meinem Leben zufrieden zu sein.

Da die Familie meines Vater von der Insel Borkum kommt (und dort immer noch wohnt), bin ich von klein auf mit einem engen Bezug zur Insel aufgewachsen und habe dort eigentlich schon immer jede freie Minute verbracht.
Irgendwann gelang es mir, dort genau das Haus zu kaufen, an dem ich als Kind schon immer vorbeigelaufen war und mir gewünscht habe, dass ich dort wohnen könnte; manchmal werden Kindheitsträume tatsächlich wahr.
Heute ist der Familienwohnsitz auf Borkum, dort haben alle Kinder "ihr Kinderzimmer", auch die Großen, die inzwischen ausgezogen sind und studieren, aber so bleibt es für alle das eigentliche Zuhause.
Da ich beruflich immer noch viel im Münsterland zu tun habe, habe ich jetzt einfach zwei Haushalte und pendele stets am Wochenende.

Eine größere Abneigung habe ich gegen die meisten Arten der sportlichen Betätigung, mit Ausnahme von Reiten und Tennisspielen bin ich auch selber nie freiwillig aktiv gewesen, Besuche im Fitness-Studio, Jogging (insbesondere das aktuell so schicke Nordic Wackling) oder jede Art der Hüpfgymnastik hoffe ich mir noch lange ersparen zu können. Passiven Sport (zugucken wie andere Leute Sport treiben) finde ich allerdings noch überflüssiger.
 
Durch die familiäre Abstammung von einer Nordseeinsel bin ich - wie jeder gute Insulaner - natürlich auch angeboren wasserscheu. Dass ich trotzdem den DLRG-Schein in Bronze besitze, liegt nur daran, dass ich mich mit 16 in einen Rettungsschwimmer am Südstrand unsterblich verliebt habe. Er war aber nur einen Sommer auf der Insel, so dass mit seinem Saisoneinsatz auch meine Wassersportlerkarriere beendet war.

Wenn man auf einer Insel lebt, ist die Organisation der eigenen Mobilität durch das viele Wasser drumherum erschwert. Verkehrsmittel wie Schiff und Flugzeug gehören deshalb zum normalen Alltag. Die Tatsache, dass mein Westfalenmann einen Privatpilotenschein besitzt, hat ihn mir natürlich zusätzlich sympathisch gemacht und meine eigene Pendlermobilität deutlich verbessert.
Inzwischen besitze ich das "Allgemeine Sprechfunkzeugnis für den Flugfunkdienst" und damit die "Berechtigung zur Durchführung des Flugfunks", so dass ich auch eine eigene aktive Rolle im Cockpit übernehmen kann.

Da inzwischen alle Kinder zu Ausbildungszwecken ihr Mutterhaus verlassen haben, pendele ich heute gemeinsam mit meinem Westfalenmann als zufrieden "alleinlebende Erwachsene" mit zwei Haushalten zwischen Insel und Festland
.
(Abgelegt in anjenehm und bisher 1525 x anjeklickt)

... ¿hierzu was sagen?

 
Geradezu überwältigt bin ich von dieser Lebensbeschreibung und der zum Lächeln reizenden Erzählweise....
Mein eigentlich auch ziemlich buntes Leben erscheint mir neben diesem Wildbach wie ein ruhiger breiter Fluss...

Weiter frohes Pendeln und noch viele neue Erfahrungen in der Post-Kinderzeit!

... ¿noch mehr sagen?  

 
Vielen Dank für die guten Wünsche.
Ich muss tatsächlich noch ein paar Jahre weiterpendeln, bis zur Rente ist noch ein Weilchen hin.

Aber die "wilden Zeiten" sind heute im wesentlichen vorbei, zumindest fühlt sich mein Leben für mich heute eher an wie ein großer Strom, in dem es vielleicht ein paar Sandbänke oder Untiefen gibt und ab und zu trifft man auch auf ein paar dicke Baumstämme oder kreuzenden Gegenverkehr, den man umfahren muss, aber die Stromschnellen oder gar Wasserfälle liegen schon lange hinter mir und eigentlich geht die Fahrt nun recht gleichmäßig Richtung großes Meer.