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Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Sonntag, 16. Juni 2019
"Unbelastet von finanziellen Problemen"
Vor einiger Zeit ist Liliane Bettencourt gestorben und ein Bekannter hat damals dazu gesagt: "Na, die hatte in ihrem Leben wenigstens nie finanzielle Probleme."
Meine spontane Reaktion war: "Ich glaube, die hatte wahrscheinlich nur aus finanziellen Gründen Probleme."

Und seitdem denke ich auf diesem Thema rum, denn ich habe mich gefragt, was man so alles unter "finanziellen Problemen" verstehen kann, und vor allem, wodurch sich die einzelnen Definitionen unterscheiden und was das über den jeweiligen Menschen aussagt, also (ab?) wann jemand von sich selber sagt, er hätte finanzielle Probleme.

Bedeuten finanzielle Probleme, dass man nicht genug Geld hat?
Wenn ja, wofür nicht genug?
Um alles bezahlen zu können, was man so bezahlen muss?
Was muss man denn bezahlen?
Wenn man mehr Geld hat, gibt man dann auch mehr aus?
Kann man mehr Geld haben als man ausgeben kann?
Oder können finanzielle Probleme auch dadurch entstehen, dass man seinen Besitz einfach nur verteidigen will?
Gegen wen? Und was will man denn überhaupt mit seinem Geld machen, wenn man mehr hat als man braucht?


Die Frage "Was muss man denn alles so bezahlen" finde ich dabei besonders spannend, denn ich bin sicher, dass diese Frage wahrscheinlich von 10 Leuten 10mal verschieden beantwortet wird.

Denn das "muss" ist ja kein echtes Muss. Wenn man das "muss" als zwingendes Muss im Sinne von "lebensnotwendig, sonst stirbt man" definiert, gibt es zumindest hier in Deutschland wahrscheinlich kaum jemanden, der finanzielle Probleme hat, denn unser soziales System sorgt immerhin dafür, dass hier normalerweise keiner verhungert oder erfriert, nur weil er kein Geld hat, um sich die notwendige Versorgung zu kaufen.

Wenn es aber kein zwingendes Muss ist, sondern ein von den Umständen festgesetztes, dann dürfte die Frage, was man bezahlen "muss" sich daran orientieren, was man selber so meint, bezahlen zu müssen, oder, genauer, was man selber meint, bezahlen können zu müssen und wofür man sein Geld ausgeben möchte.

Jetzt ist das, was man meint, bezahlen zu müssen, sehr stark abhängig von den individuellen Verhältnissen.
Der eine meint, er müsse 2000 Euro Miete bezahlen, weil Wohnen in der Stadt eben so teuer ist und weil er keine preiswertere Wohnung gefunden hat und jetzt wohnt er nun mal in dieser Wohnung also muss er die Miete auch bezahlen. Und den Strom und die Heizung und das Wasser. Versicherungen braucht man natürlich auch und von irgendwas musste man ja auch die Einrichtung bezahlen, also hat man einen Kredit aufgenommen und der muss jetzt auch bezahlt werden.
Ein anderer meint, er wohnt lieber etwas außerhalb und zahlt nur ein Viertel der Miete, dafür hat er entweder längere Pendlerzeiten oder verdient außerhalb der Stadt eben auch weniger.
Wenn man Kinder hat, werden die Listen noch länger an Dingen, die alle bezahlt werden müssen. Die brauchen ständig etwas Neues zum Anziehen, weil sie aus dem alten Kram herausgewachsen sind, dann brauchen sie Schulbücher und Geld für die Musikschule, und den Sportverein und die Klassenreise und ab und zu will man den Kindern ja auch mal was Gönnen

Ich wundere mich ja oft, wofür Menschen ihr Geld ausgeben und vor allem wie unterschiedlich da jeder die Prioritäten setzt, grade das ist ein Phänomen, was ich schon seit vielen, vielen Jahren bestaune.

Und genauso faszinierend ist es, dass einige Leute mit einem Einkommen von "X" ständig über finanzielle Probleme klagen und andere Menschen, die genau das gleiche Einkommen haben, ganz zufrieden durch ihr Leben wandern und erklären, sie kämen gut aus und könnten sich alles kaufen, was sie wollten.

Ich glaube deshalb, dass jeder Mensch eine sehr subjektive Wahrnehmung hat, wie viel Geld er hat und wie viel Geld er braucht.
Und ich glaube, dass jeder Mensch üblicherweise versucht, wenigstens seine bisherigen Verhältnisse zu halten, bzw. die Verhältnisse zu finanzieren, von denen er meint, dass sie ihm zustehen.

Unter diesen Annahmen wird klar, weshalb 10 Leute 10 verschiedene Antworten auf die Frage "wie viel Geld sie brauchen, um ohne finanzielle Probleme leben zu können" geben, denn die persönlichen Verhältnisse, in denen jemand lebt bzw. die er als Mindestmaß verlangt, die sind im Zweifel bei jedem anders.

So gibt es Leute, die leben quasi dauerhaft "über ihre Verhältnisse", was dazu führt, dass sie wahrscheinlich auch dauerhaft finanzielle Probleme haben.

Dann gibt es Leute, die kommen zwar vielleicht mit ihren aktuellen Verhältnissen grade so klar, schauen aber unentwegt über den Tellerrand und sehnen sich ständig nach mehr. Die haben im Zweifel auch dann schon finanzielle Probleme, wenn es ihnen nicht gelingt, ihr Einkommen zu erhöhen und sie deshalb meinen, sie müssten ständig sparen und knapsen.

Wieder andere Leute haben vielleicht einfach ein höheres Sicherheitsbedürfnis und leben deshalb in ständiger Angst, dass ihr Einkommen ab morgen nicht mehr reichen könnte. Der Job ist nur befristet oder von Entlassung bedroht, die Rente ist nicht sicher, alles wird teurer, man wird von einem (nicht versicherten) Unglück getroffen - und was es ansonsten noch für Risiken im Leben gibt, die die finanzielle Existenz bedrohen. Diese Leute haben oft deshalb finanzielle Probleme, weil sich bei ihnen alles ums Geld dreht und sie nie das Gefühl haben, genug Rücklagen angehäuft zu haben - und wenn sie bereits Rücklagen angehäuft haben, dann haben sie finanzielle Probleme mit ihren Rücklagen: Dass die an Wert verlieren, gestohlen werden, sich nicht ausreichend von alleine vermehren oder dass sie Steuern zahlen sollen. Das empört übrigens viele Leute, die Rücklagen haben, am meisten: Dass sie Steuern zahlen sollen für bereits versteuertes Geld. Das ist ein komplett anderes Thema und natürlich mitten aus meinem Beruf, aber ich könnte mich jedesmal wieder amüsieren, mit welcher Selbstverständlichkeit sich Leute über "die Ungerechtigkeit des deutschen Steuersystems" empören, ohne einen Hauch von Ahnung davon zu haben.

Meine persönliche Meinung ist ja, dass viele Menschen, die über finanzielle Probleme klagen, eine, nun, nenne ich es mal "komplizierte Prioritätenliste" haben, weil sie bestimmte Fixkosten entweder gar nicht in Frage stellen (die Kosten für Wohnung zB, hängen eben auch ganz stark von der Wahl des Wohnortes ab) oder keine strategische Finanzplanung betreiben oder schlicht eine recht überzogene Erwartungshaltung haben, in ihrer Vorstellung, was ihnen "zusteht".

Aber zurück zu Frau Bettencourt: Die Frage, ob sie nie finanzielle Probleme hatte, hängt davon ab, wie man finanzielle Probleme definiert. Sie hatte sicherlich keine Probleme mit "zuwenig Geld", sie hatte so viel, dass es ihr sowieso nie gelungen wäre, über ihre Verhältnisse zu leben und sparen musste sie sicherlich auch nicht, wenn sie sich "mal etwas leisten" wollte. Auch hatte sie sicherlich genug Geld, um sich leisten zu können, sogar große Teile ihres Vermögens zu verlieren. Auch ein klitzekleiner Rest, sagen wir mal so 0,1%, hätte immer noch gereicht, um ihren Lebensstandard im Alltag nicht wesentlich verändern zu müssen. Ihr Vermögen soll 33 Mrd. Euro betragen, wenn sie davon 99,9% verloren hätte, wären ihr immer noch 33 Mio. Euro geblieben, man sollte meinen, das reicht, um "ein sorgenfreies Leben" zu führen.

Und trotzdem glaube ich, dass die meisten Probleme, die sie im Leben so hatte, finanzieller Natur waren. Oder zumindest finanziell bedingt. Wenn man in ihrer Biographie rumliest, werden viele Streitigkeiten erwähnt, die sie mit Ihrer Tochter und ihrer Familie hatte, weil sie sich nicht einig waren, wie sie all das Geld ausgeben durfte.
Und wenn sich arme Leute beklagen, sie müssten einen ungeliebten oder anstrengenden Job machen, um das nötige Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen, so müssen richtig reiche Leute mit anderen Einschränkungen in ihrem Leben leben und man kann sich trefflich streiten, was einem lieber ist. Ein Leben unter verschärften Sicherheitsbedingungen ist das eine, und trotzdem wird die Angst vor Entführungen oder Anschlägen dauerhaft präsent sein. Soziale Kontakte werden immer den Beigeschmack des Geldes aushalten müssen, denn wie viele falsche Freunde werden sich ständig an einen ran machen, eben weil so viel Geld da ist. Ich glaube, wirklich Reiche sind sehr häufig auch sehr einsam.

Und ich glaube, dass ich in meinem Leben mit hoher Wahrscheinlichkeit wesentlich weniger finanzielle Probleme, oder auch finanziell induzierte Probleme hatte als Frau Bettencourt.

Als Kind habe ich immer davon geträumt, einmal reich zu sein, wobei meine Definition von "reich" nur bedeutete, dass ich mir kaufen kann, was ich will und nicht ständig rechnen muss, um die verfügbare Menge an Geld in angemessenem Verhältnis zur Menge an Restmonat auszubalanzieren. Das machten nämlich meine Eltern und überhaupt alle Verwandten und das fand ich keinen erstrebenswerten Zustand und habe mir schon sehr früh vorgenommen, mich nie in eine finanzielle Abhängigkeit zu begeben, weder dadurch, dass ich nur begrenzte Verdienstmöglichkeiten habe, noch dadurch, dass ich mir aufwändige Luxuswünsche als Spleen in Kopf setze.

Ich habe deshalb sehr bewusst darauf geachtet, mir einen Beruf auszusuchen, der angenehm gut bezahlt ist und gleichzeitig eine hohe Jobgarantie hat, während ich andererseits viele Ausgaben dadurch vermeide, dass ich weder den Bedarf noch die Notwendigkeit spüre, dafür Geld einsetzen zu müssen. Das, was man heute als "lifetime balance" bezeichnet, war mir also schon vor vierzig Jahren wichtig.

Ich glaube, meinen Kindheitstraum, mir kaufen zu können, was ich will, den habe ich seit meinem 18. Lebensjahr ziemlich entspannt umgesetzt. Die Kombination aus beidem, schon per Default-Einstellung gar keine abgedrehten Wünsche zu haben und mit second hand Dingen rundum zufrieden zu sein und gleichzeitig eine sehr aufgeschlossene Arbeitshaltung gegenüber allen Jobs, mit denen man Geld verdienen kann, das hat früh dafür gesorgt, dass ich immer das Gefühl hatte, ich komme gut aus mit meinem Geld.

Nach CWs Tod habe ich seine Hinterlassenschaften sortiert und geordnet und durch die Auszahlung der Versicherungen habe ich jetzt also ein (schuldenfreies!) Haus am Meer und ein Cabrio, übrigens zwei Dinge, die oft genannt werden, wenn Leute gefragt werden, was sie sich kaufen würden, wenn sie wirklich reich wären, und mittlerweile habe ich außerdem auch einen Überblick über das, was sonst noch vorhanden ist und was mich erwartet, wenn ich aufhöre, aktiv Geld zu verdienen. Ich weiß also, dass ich mir wirklich keine Sorgen mehr machen muss und dass ich es mir inzwischen sogar leisten könnte, mir auch abgedrehte Wünsche zu erfüllen - nur genau hier wird es schwierig, denn die habe ich nicht.

Ich finde es auch gar nicht so einfach, aktiv "sinnlos" Geld zu verpulvern, eben weil mir schlicht der Spaß daran fehlt.
Vor einiger Zeit war ich mit K in einem sehr edlen, vornehmen Restaurant, was logischerweise auch die passenden, edlen und vornehmen Preise hatte. Das Essen war okay - aber ich muss es nicht noch mal haben. Für mich hat das was mit abnehmenden Grenznutzen zu tun, wenn ich also bei unserem Griechen für 15€ essen gehen kann und mir schmeckt das Essen dort wirklich ausgezeichnet gut, die Bedienung ist nett und ich fühle mich rundum wohl, weshalb sollte ich dann für eine anderes Essen 150€ bezahlen? Mehr als satt und "richtig lecker" geht doch gar nicht.
Okay, ich gehe auch gerne zum Japaner und dort bin ich dann auch bereit 30 € oder sogar 45 € zu bezahlen - aber dann ist auch die Grenze erreicht, wo ich das Gefühl habe, alles andere ist einfach überflüssig und ich habe keinen Zusatznutzen davon.

Wenn ich "Dinge" kaufe, habe ich sehr gerne eine sehr hohe Qualität, weil ich es anstrengend finde, mich über technisches Versagen bei "Billigkram" zu ärgern. Aber da es fast problemlos möglich ist, die sehr hochwertigen Dinge auch gebraucht für einen Bruchteil des Neupreises zu erwerben, kaufe ich fast alles gebraucht und habe dann deutlich mehr Spaß daran als wäre ich einfach in einen Laden gegangen und hätte meine Kreditkarte gezückt.
Letztes Beispiel ist der Schlafsessel, den ich für 5% des Neupreises bei ebay Kleinanzeigen ergattert habe - und mit der Organisation der Logistik und dem ganzen Drumherum hat mich dieses Kauf sehr zufrieden gemacht. Das Teil für das 20fache im Laden zu kaufen, wäre deutlich weniger spaßig gewesen und ich hätte auch für die Zukunft keine schöne Erinnerung an die Beschaffung des Möbels, ich hätte also für entschieden mehr Geld deutlich weniger Erlebnis bekommen, aber nicht mehr Produkt. Insgesamt also ein sehr schlechtes Geschäft.

Überhaupt finde ich es kompliziert, Spaß daran zu haben, Dinge zu kaufen, die mir einfach teuer vorkommen. Hier geht es um das eigene Wertgefühl und das ist natürlich ganz individuell entstanden und geprägt.
Ein T-Shirt zB ist für mich weniger wert als eine Hose. Ein Laden, in dem T-Shirts das gleiche kosten wie Hosen, verwirrt mich und ich frage mich dann immer, bei wem von uns beiden die Preiskalkulation kaputt ist.

Ein Kaffee hat für mich einen Gegenwert von ca. 20 cent - so viel kostet es, wenn ich ihn selber koche. Weshalb diese modernen Coffee to go, die aus meiner Sicht völlig überteuert sind, so beliebt sind, kann ich nicht verstehen, bei mir heißen sie nur Kaffee zum Weggehen und ich habe in meinem ganzen Leben bisher noch nie einen gekauft. Weil, wofür? Das Zeug ist nicht nur teuer, sondern auch die ersten 10 Minuten viel zu heiß und danach zu kalt. Und überhaupt, Kaffee im Pappbecher, erinnert mich viel zu sehr an Situationen, an die ich alle nicht mehr erinnert werden möchte. Aus genau dem Grund habe ich übrigens tatsächlich immer einen stabilen "Reisebecher" dabei, wenn ich unterwegs bin, einfach nur, weil ich Getränke aus Pappbechern schrecklich finde, obwohl ich seit neuestem natürlich gerne behaupte, ich mache das wegen no waste, was tatsächlich aber nicht der Grund ist. Und weil ich deshalb sowieso immer mit Reisebecher unterwegs bin, kann ich auch vorher noch zu Hause meinen eigenen Kaffee reinfüllen, womit ich wieder bei meinen 20 cent Wertgefühl bin.

Im übrigen fällt es mir viel leichter, Produkte zu kaufen als für Erlebnisse Geld auszugeben, weil ich die meisten Produkte nicht einfach selber machen kann, Erlebnisse aber sehr wohl, zumindest vergleichbare Erlebnisse, die mir gleichwertig vorkommen. "Die wahren Abenteuer sind im Kopf" singt André Heller und das war schon immer eines meiner Lieblingslieder und auch meine feste Überzeugung.
Mich wundert deshalb auch sehr, wie viel Geld die Menschen für Reisen ausgeben, das ginge definitiv deutlich preiswerter und mit mehr Abenteuer :-) Und Aktivitäten wie Konzerte oder Kino etc. empfinde ich ja fast grundsätzlich als anstrengend und unlustig. Wenn ich die Musik hören will, kaufe ich die CD und kann sie in besserer Qualität auf meiner eigenen Stereoanlage hören, wenn ich den Film sehen will, kaufe ich mir die DVD und habe es zu Hause gemütlicher. Aber okay, das Erlebnis "Gesellschaft" hat für mich grundsätzlich eher einen Negativwert, was das Leben unter Kostengesichtspunkten aber deutlich verbilligt.

Ich glaube, ich habe mich jetzt ein wenig verstrubbelt, bei dem, was ich sagen wollte. Auslöser meiner Gedankenkette war der Satz zu "finanziellen Problemen" und dass mir dabei auffiel, dass ich mich schon öfter darüber gewundert habe, wie viele Menschen über "finanzielle Probleme" klagen, die aus meiner Sicht ihr eigenes Leben und vor allem ihr Ausgabeverhalten nur mal ein wenig anders strukturieren müssten, dann kämen sie völlig locker mit ihrem Geld klar.
Eine Folge meines Berufes ist natürlich, dass ich bei sehr vielen Menschen weiß, was sie verdienen bzw. mir bei den meisten in etwa vorstellen kann, wie viel Geld sie zur Verfügung haben - und genau deshalb wundere ich mich so oft.
Aber vielleicht ist das auch genau der Grund, weshalb ich mir so reich vorkomme - die allermeisten Dinge, für die viele Leute Unsummen an Geld ausgeben , die erspare ich mir einfach dadurch, dass ich gar kein Verlangen danach habe
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