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Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Mittwoch, 26. Dezember 2018
Weihnachten
Meine Mutter fragte heute, ob wir überhaupt einen Weihnachtsbaum hätten und selbstverständlich haben wir einen Weihnachtsbaum, sogar mit Krippe und allem Pipapo



Ich gebe allerdings zu, dass es knapp war, denn ich habe mich geweigert, mich darum zu kümmern. Ich habe mich sogar soweit geweigert, mich darum zu kümmern, dass ich noch nicht mal jemand anderes gebeten habe, sich darum zu kümmern, ja, ich habe noch nicht mal pauschal gesagt, dass ich überhaupt gerne einen Weihnachtsbaum hätte. Ich habe einfach gar keine Meinung zu dem Thema gehabt und den Kindern ganz unverbindlich nur mitgeteilt, wenn sie gerne die letzten Formalitäten einer Weihnachtsfeier retten wollten, dann müssten sie sich halt kümmern.

Ich kann mich dieses Jahr über Weihnachten nicht beschweren, es war erstaunlich stressfrei, es gab keinen Streit und es war auch mental nicht übermäßig anstrengend.
Trotzdem bin ich jetzt froh, dass es vorbei ist. Wenn ich wählen dürfte, würde ich Weihnachten ersatzlos abschaffen und dafür lieber irgendwann im Sommer eine Handvoll bundesweiter (von mir aus auch europaweiter) Feiertage festlegen, ich bin sicher, da hätte jeder mehr von.
Aber egal, es ist wie es ist, Gejammer hilft nix, also muss jeder alleine lernen, wie er die Weihnachtszeit für sich selber am besten organisiert.

Da keines der drei Kinder bisher eine eigene Familie gegründet hat, kommen sie alle drei Weihnachten noch nach Hause und ich denke, es ist auch gut so, denn immerhin haben sie hier noch ein Zuhause und müssen nicht alleine rumsitzen und so tun, als hätten sie sowieso kein Interesse an Weihnachten oder - meiner Meinung nach noch schlimmer, sie würden als demonstrativer Beweis für das gute Herz einer fremden Familie die auf keinen Fall zu bemitleidende Inklusionsfigur einer weltoffenen Weihnachtsfeier bei guten Freunden mimen.

Denn, auch wenn man selber so gar nichts mit Weihnachten und den ganzen Werten, die dazu gehören, am Hut hat, so ist es gleichzeitig genausowenig schön, wenn man sich bei dieser Gelegenheit seiner persönlichen Einsamkeit so richtig gründlich bewusst wird.
Weihnachten ist nunmal ein Familienfest - und wenn man Weihnachten alleine verbringt, dann ist einem die Familie abhanden gekommen.
Hilft ja nix, es zu beschönigen.
Man mag das an 364 Tagen im Jahr sogar gut finden und sich dazu beglückwünschen, dass man sich von der oft anstrengenden, einengenden, andersdenkenden, anspruchsvollen, unverschänmten, rücksichtslosen oder wie auch immer blöden Familie gelöst hat, nur an diesem einen Tag im Jahr, da kommen die Gedanken dann doch.

Was wäre wenn?

Was wäre, wenn ich eine tolle Familie hätte? Eine, in der sich alle mögen und keiner den anderen runtermacht?
In der jeder für jeden Verständnis hat und keiner übergriffig wird? In der alle auf Augenhöhe miteinander umgehen und keiner hinter dem Rücken des anderen die Augen rollt? In der Erwartungen, Ansprüche und Möglichkeiten fließend zueinander passen, so dass es weder Enttäuschungen, noch unerfüllte Einzelsehnsüchte gibt?
Eine Familie, in der alle ähnliche Grundwerte haben und wo jeder mit seiner Rolle innerhalb der Familie rundum zufrieden ist?
Eine Familie ohne internes Machtgerangel, ohne Eifersüchteleien und ohne Empfindlichkeiten?

Ja, das wäre natürlich sehr schön. Genauso schön wie Weltfrieden und eine sofortige Umsetzung aller Klimaziele.
Ich habe nur das dumpfe Gefühl, dass ich dann erst recht ausgeschlossen wäre aus meiner Familie, weil ich selber diesen Ansprüchen ganz sicher nie genügen könnte.

Ich finde es ja schon kompliziert, eine einigermaßen ausgeglichene Zweierbeziehung zu führen - jede zusätzliche Person ist eine zusätzliche Herausforderung für die Symmetrie bzw. Balance.

Und es mag sein, dass es diese Idealfamilien gibt, aber wenn ich mit all meinen Ecken und Kanten durch einen schrägen Zufall in so eine Idealfamilie hineingeraten würde - tja, dann wär's das wohl mit der Idealfamilie, denn ich bin einfach nicht stromlinienförmig genug, um in so einer idealen Umgebung nicht ständig unangenehm aufzufallen. Und leider bin ich gleichzeitig nicht stumpf genug, um das zu ignorieren.

Jetzt mag es natürlich auch Leute geben, die haben einfach deshalb keine Familie, weil sie keine Familie mehr haben. Sie ist ihnen weggestorben und sie sind alleine übrig geblieben. Für diese Menschen ist Weihnachten sicherlich schon deshalb belastet, weil sie den Verlust der Familie noch mal so deutlich bemerken.
Für diese Fälle habe ich leider auch keine Lösung, hier kann man sich das Wegbleiben der Familie noch nicht mal schön denken, im Gegenteil, je mehr man darauf herum denkt, um so schlimmer wird es, hier ist es wahrscheinlich wirklich das allerbeste, über Weihnachten insgesamt so wenig wie möglich nachzudenken und sich nur fürs nächste Jahr vorzunehmen, sich intensiv um das Schaffen einer neuen Familie zu kümmern, denn es braucht nur einen einzigen weiteren Mensch, mit dem man gerne seine Zeit verbringt - und schwupp, schon ist Familie entstanden.

Mein Mensch ist mein Westfalenmann und wenn ich nach vorne schaue, dann ist er für mich die einzige Familie, die (hoffentlich) auf Dauer bleiben wird.
Die Kinder werden irgendwann ihre eigenen Familien gründen, das wünsche ich ihnen zumindest und ich wünsche ihnen, dass sie sich dort wohl fühlen und deshalb beginne ich jetzt schon mit loslassen - kein Kind soll sich verpflichtet fühlen, Weihnachten mit mir zu verbringen.
So schön Traditionen sein mögen, weil sie Sicherheit und Zuverlässigkeit bedeuten, so anstrengend können Traditionen aber auch werden, wenn sie in Zwang und Verpflichtung ausarten.

Wir hatten dieses Jahr noch einen Weihnachtsbaum, wir werden sehen, wie es nächstes Jahr wird
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