anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Sonntag, 2. Dezember 2018
Von nichtexistenten Linsen und dem Sterben
Draußen war es heute trüb und feucht, eine wunderbare Entschuldigung, um das für heute geplante Nichtvordietürgehen tatsächlich umzusetzen.
Zwischen Aufwachen und Aufstehen lagen deshalb über sechs Stunden, die wir wunderbar gemütlich, glücklich und zufrieden mit Lesen im Bett verbracht haben.
So ein bisschen wollte ich heute dann aber doch geschafft kriegen, die Einkäufe von gestern standen noch wild und wirr im Eingang rum, die Küche war in keinem fröhlichen Zustand und Hunger bekam ich irgendwann auch.
Eigentlich hatte ich für heute geplant, eine Linsen-Süßkartoffelsuppe mit Gambas zu kochen und gestern extra Süßkartoffeln und Gambas erworben, weil ich fest davon ausging, dass ich Linsen im Haus habe.
Die habe ich nämlich schon vor über zwei Jahren mal gekauft, jede Menge Linsen sogar, gelbe, rote, schwarze, Beluga und was weiß ich was für welche noch, damals hatte ich nämlich in irgendeinem Kochbuch wirklich lecker wirkende Rezepte mit Linsen gesehen, in denen nicht nur genau erklärt wurde, wo die Unterschiede in den Sorten sind, sondern auch wie man welche Linsenart behandeln muss und was man damit alles machen kann außer Linsensuppe - denn die mag ich nicht. Und weil ich die Rezepte alle ausprobieren wollte, habe ich ganze viele verschiedene Linsen gekauft. Und bis heute davon natürlich nichts umgesetzt, deshalb war ich ja so sicher, dass ich Linsen im Haus habe.

Ich habe also begonnen, die Linsen zu suchen, denn die roten Linsen sollten laut Rezept gewaschen und eingeweicht werden, da muss man rechtzeitig anfangen.
Ich habe letztlich sehr viele interessante Dinge gefunden, weil ich beide Vorratsschubladen in der Küche und den gesamten Vorratskeller einmal gründlich durchsortiert habe, netter Nebeneffekt: Jetzt ist alles wunderbar aufgeräumt und übersichtlich zusammengestellt - nur die Linsen, die habe ich nicht gefunden. Irgendwann fiel mir ein, dass ich die im Sommer mit nach Borkum genommen habe, weil ich gehofft hatte, dass ich dort endlich mal die Zeit finde, all die Linsenrezepte aus dem tollen Rezeptbuch auszuprobieren. Dummerweise hatte ich in der Zwischenzeit aber das Rezeptbuch verkramt, so dass dann zwar Linsen samt Zeit auf Borkum waren, nur halt keine Rezepte. Die habe ich jetzt in Greven wiedergefunden, dafür sind aber keine Linsen mehr hier in diesem Haushalt - so wird das also einfach nichts, mit meinen Linsengerichtexperimenten.

Ich habe dann zu Ks großer Freude standby umgeswitched auf Schinkennudeln, weil ich nach der langen Such- und Aufräumaktion keine Lust mehr auf weitere Küchenarbeit hatte. Außerdem habe ich eine Tüte "Waldpilzcremesuppe" verarbeitet (Vorsuppe), die ich beim Aufräumen gefunden hatte, weil ich damit auch gleich die restlichen Champignons aus dem Gemüsefach sehr gut wegverbrauchen konnte. In Fertigsuppenaufpimpen war ich schon immer gut, in diese habe ich außer Wasser und Tütenpulver noch 200g angebratene Champignons, ein halbes Bund Petersilie und den Rest Sahne (der nicht mehr in die Schinkennudeln passte) gerührt und schwupp schmeckte die Tütensuppe wie ein vornehmes Delikatesssüppchen.
K zu bekochen macht regelmäßig viel Spaß, weil er so glücklich und begeistert über ganz normale Gerichte ist. Für eine Portion Schinkennudeln (natürlich mit viel Sahne und Käse) lässt er jedes ausgefuchste Boeuf irgendwas stehen, gleichzeitig macht er aber auch sehr geduldig meine diversen Kochexperimente mit und hätte auch widerspruchslos Linsen-Süßkartoffel-Suppe gegessen, nur Schinkennudeln sind dann doch eine Liga höher.


Während ich so im Haus rumpuzzelte habe ich noch mal übers Sterben nachgedacht. Für viele Menschen scheint das irgendwie mit ganz viel schrecklichen Gefühlen besetzt zu sein.
Ich habe für mich festgestellt (und das ist überhaupt keine neue Feststellung, sondern im Grunde schon meine Meinung seit immer), dass ich Sterben überhaupt nicht schlimm finde.
Mein Hauptproblem bei dem Thema Sterben ist, dass ich die anderen Menschen nicht verstehe, die daraus so ein Drama machen. Genau genommen, kann ich also einfach nur nicht verstehen, was an Sterben so schlimm ist - oder besser: sein soll.

Jeder Mensch wird sterben, hier ein "vielleicht auch ich" hinterzuhängen, ist niedlich witzig, verändert aber ja nun mal nicht die Realität. Und wenn man tot ist, dann ist man tot. Wie das sein wird, weiß man nicht. Weiß niemand. Sich deshalb schon vor dem Tod darüber den Kopf zu zerbrechen oder sich gar deshalb verrückt zu machen, bei allem Respekt vor den Prioritäten anderer Menschen - aber was bringt das?

Eine Gläubigkeit, die mir vorschreibt, was ich während des Lebens zu tun habe, um die Zeit nach dem Leben gut vorzubereiten, die besitze ich leider nicht, mir bleibt also nichts anderes übrig als einfach nur zu sterben - und dann schaun wir mal.

Für mich ganz persönlich ist deshalb mein eigener Tod überhaupt kein Problem, es ist eigentlich noch nicht mal ein Thema, an das ich mehr als nur ein Achselzucken verschwende. Wenn es soweit ist, dann ist es eben soweit, alles andere findet sich dann.

Wovor ich Angst habe, ist die Zeit vor dem Sterben. Ich habe ausgesprochen gründlich viel Angst vor Schmerzen und noch viel mehr vor Sinnlosigkeit.
Ein Leben, dem ich wirklich auch mit aller Phantasie und gutem Willen, weder einen Fitzel "Aufgabe" noch einen Fitzel "Glück" abpressen kann, so ein Leben erscheint mir enorm sinnlos.

"Aufgabe" ist dabei einfach zu beschreiben. Als Aufgabe gilt für mich alles, was andere Menschen von mir erwarten. Aktuell ist es also so, dass ein Großteil meiner Aufgabe darin besteht, für meine Kinder und K da zu sein, denn alle vier wären sehr wahrscheinlich sehr unglücklich, wenn ich nicht mehr da wäre. (Es mag sein, dass es noch mehr Menschen gibt, die will ich hier jetzt nicht ausschließen, nur diese vier wären ganz sicher am allerbetroffensten von meinem Tod)
Bert Brecht schrieb mal in einem Gedicht:
...
Der, den ich liebe,
hat mir gesagt,
dass er mich braucht.
Darum
gebe ich auf mich acht,
sehe auf meinen Weg
und fürchte von jedem Regentropfen,
dass er mich erschlagen könnte.

...
Das war für mich schon immer Grundlage meiner "Eigenfürsorge", alleine aus diesem Grund würde ich mich dafür verantwortlich fühlen, mein Leben so gut es geht weiterzuleben, solange jemand da ist, der mich braucht.

Jetzt kann es aber natürlich sein, dass es niemanden mehr gibt, der einen braucht, das ist z.B. bei meinem Vater der Fall. Dann bleibt immer noch das eigene Glück als Sinnstifter.
"Glück" ist dabei natürlich genau das, was für MICH Glück bedeutet. Das ist sicherlich für jeden anders, und wenn es meinen Vater glücklich macht, dass er seinen Atemzügen lauschen kann, dann soll das so sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mir das reichen würde, um Glück zu empfinden.
Für mich ist Glück vor allem in irgendeiner Form mit anderen Menschen verknüpft. Ich bin glücklich, wenn ich weiß, dass die Menschen, die ich liebe, auch grade glücklich sind. Ich bin natürlich auch in Einzelsituationen glücklich, der Klassiker dabei: Wenn ich zu Hause am Strand stehe, um mich herum nur Wind, Wasser und Weite, das ist durchaus pures Glück.
Ich glaube, um Glück empfinden zu können, brauche ich auch immer das Gefühl von Freiheit und Weite - alles geht, nichts muss.
Wenn meine Existenz daraus bestände, nur noch meinen Atemzügen zu lauschen - ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass mich das glücklich macht. Und genau deshalb würde ich mich, in der Situation meines Vaters, ziemlich sicher, für ein Ende des Lebens entscheiden, eben einfach deshalb, weil mir persönlich jede Sinnhaftigkeit meiner eigenen Existenz abhanden gekommen wäre.
Aber wie gesagt, das gilt nur für mich und das muss eben auch jeder für sich selber ganz alleine beurteilen.

Wenn ich über das Thema "Sterben" insgesamt nachdenke, dann ist es immer wieder das Gedicht von Mascha Kaléko, was meine Meinung dazu am besten wiedergibt:
...
Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

...
Und hier schließt sich der Kreis: Für diejenigen, die mir nah sind, gilt das Gedicht von Bert Brecht und ich kann nur hoffen und vertrauen, dass sie auf sich achten - bei allen anderen ist es einfach nicht mein Thema, und hier berührt mich das Thema "Tod" genauso wenig, wie es mich belastet.
.

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