anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Mittwoch, 7. Oktober 2020
Kein Urlaub
J meinte vorhin, das Blog hätte heute fünf Jahre-täglich-Jubiläum, das sind damit 1.825 Beiträge, was sich als absolute Zahl dann wiederum gar nicht so viel anhört.
Aber immerhin habe ich jetzt schon mal die ersten fünf Jahre durchgehalten, da werde ich es auch für die nächsten fünf Jahre noch schaffen, und wenn die um sind, muss ich schon nicht mehr täglich ins Büro.
Man muss sich seine Zwischenstops nur passend setzen, dann wird auch ein Marathon zu zweiundvierzigtausend machbaren Schritten.

Sonst war der Tag heute durchwachsen mit seltsamen Begegnungen und schrägen Informationen, einige davon lassen mich teils kopfschüttelnd, teils fassungslos zurück, aber ändern kann ich es auch nicht.

Ich muss dann wohl akzeptieren, dass andere Menschen andere Risikobeurteilungen haben und ich sollte mich daran gewöhnen, dass es auch in der aktuellen Situation völlig normal ist, in Urlaub zu fahren, insbesondere wenn man ihn so gebucht hat, dass man ihn jetzt nicht mehr stornieren kann und wenn man dafür bezahlen muss, dann muss man ihn auch antreten, ist ja logisch, oder etwa nicht? Lieber den Magen verrenken als dem Wirt was schenken, ist eine uralt Weisheit und auch inderaktuellensituation noch immer voll gültig.
Ich stehe dann am Seitenrand und schüttele etwas fassungslos den Kopf - es ist genau diese unselige Reiserei und Feierei, bei der jeder meint "doch nur für sich" ein Recht darauf zu haben und genau deshalb verbreitet sich dieses Virus weiter und weiter.
Weshalb alle Welt meint, man müsse ausgerechnet jetzt und ganz unbedingt und dringend noch mal Urlaub machen, weil ja schließlich Herbstferien sind, wird sich mir ganz sicher nicht mehr erschließen, weshalb man zum Zwecke dieses Urlaubs aber auch noch quer durch die Weltgeschichte reisen musss, das begreife ich noch viel weniger, aber ich darf bei solchen Themen ja eh nicht mehr mitreden, schließlich habe ich offen bekannt, dass ich nicht mehr gerne verreise.

Ich bin da also raus, ich darf da gar keine Meinung haben, weil ich gar nicht weiß, welche Vorteile Reisen insgesamt so hat. Und das stimmt tatsächlich, in der aktuellensituation sind ja sogar noch die Vorteile weggefallen, die ich mir wenigstens theoretisch vor zwei Jahren noch hätte vorstellen können.
Übriggeblieben ist aus meiner Sicht neben einer immensen Unbequemlichkeit (potenziert schlimmer als vor zwei Jahren, weil jetzt ja zu anstrengenden Reisezeiten und fremdem Bett auch noch die gesamten Coronaschutzmassnahmen kommen und ich kann wirklich überhaupt nicht verstehen, was jemand daran attraktiv findet) aber auch eine nicht zu verleugnende Asozialität, weil man sich ja ganz offensichtlich und demonstrativ einen feuchten Kehricht darum schert, ob man zur Risikoverbreitung beiträgt oder nicht, Hauptsache man urlaubt das bezahlte Geld ordnungsgemäß ab, alles andere wäre ja wirklich gröbste Verschwendung.

Es tut mir leid, aber mir fehlt wirklich komplett das Verständnis dafür, warum man für die nächsten 12-24 Monate nicht einfach mal mit seinem A*sch zu Hause bleiben kann, wenn es nicht wirklich dringend notwendig ist, dass man sich unter Leute begibt. Das kann doch nicht so schwer sein
.
(Abgelegt in anjesagt und bisher 118 x anjeklickt)

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nicht neu,
die Erkenntnis:

"Ich habe es oft gesagt: das ganze Unglück der Menschen kommt daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können."

Blaise Pascal

(1623 - 1662), französischer Religionsphilosoph und Naturwissenschaftler, Begründer der Wahrscheinlichkeitsrechnung

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dann drück mal die Daumen, dass aus diesem Urlaub kein größeres Unglück entsteht, denn mein Bruder fliegt mitsamt seiner Familie (zwei Kinder haben Herbstferien in Grundschule bzw. Gymnasium) und unserer Mutter nach Andalusien oder Portugal (ich habe nicht mehr genauer nachgefragt), weil Stornieren der Reise halt nicht mit einer Geldzurückerstattung verbunden gewesen wäre.
Und da ja so ein Urlaub für fünf Personen nicht billig ist, muss er jetzt abgeurlaubt werden, koste es was es wolle, im Zweifel auch die Gesundheit. Aber die Mutter meint, sie ist alt genug und muss eh nicht mehr länger leben, wenn sie sich die Seuche einfängt, dann ist das für sie auch okay und dem Bruder scheint das offensichtlich auch ziemlich egal zu sein (also, ich meine, dass die Mutter sich aufgrund seiner Einladung die Seuche holt.) Ist halt ihre Verantwortung und immerhin stirbt sie dann glücklich, weil sie vorher noch so einen tollen Urlaub mit ihm und ihren Enkeln hatte.

Ich habe eine durchaus lockere Einstellung zum Tod und zum Sterben, aber wenn, dann möchte ich bitte an etwas anderem versterben als nach 10 Tagen Intensivstation mit Zwangsbeatmung und allem Pipapo wegen dieser Seuche - und außerdem hätte ich nicht die Chuzpe, meine Mutter zu so einer Reise zu nötigen. Sie hat ja bis zum Schluss gehofft, dass die Reise vielleicht doch noch abgesagt wird, wurde sie aber nicht, also musste sie mit. Mitgegangen, mitgefangen usw., meine Mutter macht grundsätzlich keine Rückzieher, wenn sie einmal etwas versprochen hat. Und weil ich das weiß, würde ich mich bei so einer Einladung absolut in der Verantwortung fühlen. (also ich meine, ich hätte nicht den Mut, mich selber nachher schuldig fühlen zu müssen, wenn sie sich wirklich etwas holt.)

Ich sitze bei solchen Geschichten deshalb nur fassungslos zu Hause und grusele mich.