anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Freitag, 9. April 2021
Zweitausendfünfhundert
Zweitausendfünfhundert Tage, so lange bist Du jetzt schon weg und trotzdem bist Du immer noch da.
Nicht mehr täglich, aber regelmäßig, mindestens einmal die Woche gibt es eine Situation, wo ich an Dich denke und mit Dir rede.
Ja, ich rede oft mit Dir, ich finde es schön, dass ich seit zweitausendfünfhundert Tagen mit Dir reden kann, ohne dass wir uns streiten müssen. Das ist eindeutig ein Vorteil, totsein ist nicht nur schlecht.

Überhaupt finde ich totsein für denjenigen, der tot ist, ja gar nicht so schlimm, weil ich fest davon überzeugt bin, dass es Dir entweder völlig egal ist, eben weil Du tot bist, oder, wenn es ein Leben nach dem Tod gibt, na, dann wirst Du Dich da schon eingerichtet haben, denn wenn Du etwas gut konntest, dann das. "Neues Spiel, neues Glück, gibt keinen Grund, deshalb den Kopf hängen zu lassen, so ist das mit den Leben, kommt immer wieder ein neues." - ich kann es förmlich spüren, wie Du Dir die Hände reibst und fröhlich in neue Abenteuer startest, während Du mir nur noch kurz zurufst, dass ich mir keine Sorgen machen soll, Du hast alles im Griff.

Für diejenigen, die nicht tot sind, ist es aber schon blöd, wenn in ihrem Leben plötzlich jemand fehlt, weil der jetzt in einem anderen Leben weitermacht. Da bleibt ein Loch und um das muss man irgendwie drumherumleben und dabei ständig aufpassen, dass man da nicht reintritt und stolpert, das wirft einen sonst nämlich jedes Mal ein bisschen aus dem eigenen Lebensalltag.
Jeder Mensch, der stirbt, hinterlässt ein Loch im Leben der Menschen, die ihn kannten. Je nachdem wie eng man mit dem toten Menschen gelebt hat und verbunden war, ist das Loch größer oder kleiner und vor allem an einer zentralen Stelle mitten im eigenen Leben oder weiter am Rand und dementsprechend schwer oder nicht so schwer fällt es den Hinterbliebenen, sich an dieses Loch in ihrem Leben zu gewöhnen.
Das Loch, was Du in meinem Leben hinterlassen hast, hattest Du ja schon vor Deinem Tod begonnen, etwas zuzuschippen und mir geholfen, meinen Lebensmittelpunkt an eine andere Stelle zu verlagern, weg von dem Loch, was Du hinterlassen wirst, deshalb war es nicht ganz so riesengroß und vor allem bin ich nicht zu oft reingetreten und ins Stolpern geraten. Es war aber trotzdem eine Zeitlang mühsam.
Inzwischen geht es ganz gut, vor allem auch, weil ich die allermeisten der sonstigen Stolpersteine, die Du mir in Deiner großen Unbekümmertheit ja auch noch hinterlassen hast, inzwischen zur Seite geräumt habe, einige konnte ich sogar benutzen, um das Loch zu füllen, weil ich mich sehr darüber geärgert habe, dass ich mich mit all dem Kram jetzt auseinandersetzen musste, und dieser Ärger war genau die Energie, die es brauchte, um die Steine in das Loch kullern zu lassen.

Es ist immer noch nicht alles aufgeräumt und einige Steine spuckt das Loch auch wieder aus und wirft sie mir erneut in den Weg, aber vielleicht ist das auch nur Deine Methode, dauerhaft in meinem Leben präsent zu bleiben, zutrauen würde ich es Dir.

Mein Umgang mit Dir hat sich verändert, er ist abgeklärter geworden, wohlwollender und auch verständnisvoller.
An manchen Tagen, wenn ich mit Dir rede und Dir erzähle, was wieder alles so passiert ist, muss ich über mich selber lachen, denn während ich mich noch lautstark darüber beschwere, welche Widrigkeiten sich das Leben jetzt wieder für mich ausgedacht hat, sehe ich, wie Du bedauernd die Schultern hochziehst, um Dich in der gleichen Bewegung auch aufzulösen und im Nebel zu verschwinden. Ja, ich weiß ja, Du kannst Dich nicht um alles kümmern, hast Du mir ja oft genug gesagt. Ich habe in den letzten zweitausendfünfhundert Tagen aber auch begriffen, dass es vielleicht tatsächlich sogar ganz klug ist, wenn Du Dich nicht kümmerst, und ich die Dinge selber regel, seitdem ich mich deshalb nicht mehr von Dir provoziert fühle, geht das eigentlich ganz gut.
Und es funktioniert gut, wenn ich mir dabei von meinem Westfalenmann helfen lasse, der ist meine wichtigste Unterstützung überhaupt. Ohne ihn hätte ich auch Dein Durcheinander nicht so vernünftig aufgeräumt bekommen, aber genau so hattest Du das ja auch geplant, nicht wahr?

2.500 Tage - das ist doppelt so lange wie der Zeitraum, den ich noch ins Büro gehen muss. Naja, fast doppelt so lange, denn ich bin erst in 1.262 Tagen fertig mit dem Büro, ich finde das übrigens schade, dass die Zahlen nicht genau passen, Kabbalistik ist ja etwas, was ich immer schon mit großem Vergnügen gespielt habe. Aber auch wenn es nicht ganz genau passt, so macht es mir doch Hoffnung, dass 1.262 Tage gar nicht mehr so lange sind, denn Du bist ja auch noch nicht lange fort und doch schon doppelt so lange. Ach, ich fange an, Unsinn zu reden, das passiert mir übrigens öfter mal, wenn ich mich mit Dir unterhalte, es ist so wohltuend, nicht auf jedes Wort achten zu müssen, dass ich dabei dann auch schon mal übers Ziel hinausschieße.

Ich wäre ja so neugierig zu erfahren, wie Du mit den aktuellen Sprachvorschriften umgingest. Das wäre sicherlich ein großer Spaß, also, ich meine, für mich, weil ich die seltsamen Verrenkungen, die hier seit neuestem angestellt werden, um die Sprache als Alibimäntelchen über jede Art der vorstellbaren Diskriminierung zu legen, ja schon extrem spaßig finde. Als ob man Diskriminierung dadurch abschafft, dass man sie anders nennt. Ich weiß noch wie Du Dich über das "Jobcenter" lustig gemacht hast, das ab irgendwann nicht mehr Sozialamt hieß und "Stütze" auszahlte, sondern Hartz4 Unterstützungsleistungen anbot. Die Realität hat sich erwartungsgemäß dadurch natürlich nicht verändert, es entstanden nur noch mehr neue Wörter, und ob Menschen weniger diskriminiert werden, weil sie jetzt "Hartzer" heißen oder "hartzen", wenn sie nicht arbeiten, könnten die schlauen Sprachveränderer ja mal untersuchen, aber das könnte zu einem Ergebnis führen, dass Teile unser intellektuellen Sprachförderungselite verunsichern könnte, deshalb lässt man das wohl besser.
Ich bin so sicher, dass Du Dir jeden Tag neue, hintertupfige Schmähungen gegen diese Rittery des gegenderten Unperfekts ausdenken würdest, dass es wirklich ganz arg schade ist, dass hierzu nicht mehr genug Zeit blieb. In Hermes Phettberg hattest Du ja schon lange einen Bruder im Geiste gefunden, seine Sprachvariante wird jetzt allerdings wirklich grade ernsthaft als seriös diskutiert, stell Dir das vor, soweit ist es mit der Sprache in diesem Land gekommen. Obwohl, von allen Varianten, die nicht nur diskutiert, sondern offiziell von obersten Stellen verwendet werden, finde ich die Zuschauy-Lösung tatsächlich noch am angenehmsten, sie ist wenigstens niedlich.

2.500 Tage, das sind fast 30% der Zeit, die Du ein aktiver Teil meines Lebens warst, und trotzdem fühlt es sich immer noch an wie vorgestern, ich schätze, Du taugst einfach nicht zum Vergessen und darum bin ich sehr, sehr froh.
Wir haben so viel gemeinsam erlebt und auch überlebt, da waren schon einige heiße Situationen bei, aber am Ende ging alles immer gut aus und wir hatten wieder eine Story mehr für unsere Katastrophengeschichten. Vielleicht ist das ja der Grund, weshalb ich tief innen drin immer noch fest davon überzeugt bin, dass Du gar nicht ganz verschwunden bist aus dieser Welt. Vielleicht bist Du aber auch nur vorgegangen, wartest jetzt irgendwo und rufst in regelmäßigen Abständen meinen Namen, so wie Du es eigentlich immer getan hast, wenn ich nicht im selben Raum war wie Du.

Grade heute habe ich K noch die Geschichte mit dem Müllwagen erzählt, erinnerst Du Dich?
Hier auf Borkum wurde heute nämlich auch der Müll abgeholt und weil als erstes die Müllmänner für die gelben Säcke kamen und die Abdeckplane nicht wieder ordentlich über den schwarzen Müllsack gezogen haben, hat es natürlich prompt eine Möwe geschafft, den Sack aufzupicken und Teile des Inhalts über die Straße zu verteilen, bevor auch dieser Sack vom nachfolgenden Müllwagen eingesammelt wurde. Als ich die Plane reinholte sah ich die Bescherung, machte die Straße wieder sauber und erzählte K, was passiert war, was er mit: "Ja, als ich heute Morgen aus dem Fenster sah, habe ich gesehen, dass die gelben Säcke weg waren und die Plane nicht mehr ordentlich drüber lag." kommentierte, was wiederum mich zu einer sehr erbosten Antwort brachte, denn wenn er gesehen hat, dass die Plane nicht mehr richtig liegt, dann hätte er natürlich sofort hingehen müssen und sie wieder gradeziehen, man weiß doch, was passiert, wenn die Müllsäcke nicht abgedeckt sind. Er sagte dazu aber nur, das wäre nicht gegangen, weil er nur einen Morgenmantel anhatte und damit nicht auf die Straße gehen wollte.
An dieser Stelle zeigte sich der Unterschied zwischen einem Westfalen und einem Wiener, denn natürlich fiel mir dazu die Geschichte ein, wie Du einst barfuß und mit wehendem Morgenmantel, in jeder Hand eine Mülltonne hinter Dir herziehend hinter dem Müllwagen herjagtest, weil Du natürlich trotz von mir mehrfach abgefragter und von Dir bestätigter Zusage die Mülltonnen nicht rechtzeitig an die Straße gestellt hattest. Als Du das Müllauto draußen klappern hörtest, fiel es Dir aber siedendheiß ein und bei der Wahl zwischen barfuß und im Morgenmantel die Mülltonnen dem Müllwagen nachzubringen oder meinem vorhersehbaren Wutanfall, wenn die Tonnen nicht geleert worden wären, hast Du Dich klugerweise für die Rettung der Mülltonnenleerung entschieden. Zur Freude aller Nachbar(inne)n ging Dir bei dem Sprint mit den Mülltonnen aber auch noch der Gürtel des Morgenmantels auf.
Es muss ein wunderbares Bild gewesen sein, wie der Herr Wirtschaftsprüfer barfuß, mit wehenden Morgenmantelrockschößen und einem frei schwingenden Schniedel mit zwei Mülltonnen im Schlepptau einmal fast die gesamte Straße langgerannt ist. Ich habe die Geschichte am Abend natürlich brühwarm von der Nachbarin erfahren, aber die Mülltonnen waren geleert. Prioritäten, so wichtig.

Ach CW, zweitausendfünfhundert Tage, das ist eigentlich schon ganz schön lange, aber in meinem Leben bist Du präsent wie eh und je. In diesem Sinne, auf die nächsten zweitausendfünfhundert
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