anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Sonntag, 1. September 2019
September und Selbstverständlichkeiten
Ab sofort haben wir September und ich stelle fest, ich mag es. Nicht wegen meiner Hitzeabneigung* und der mit dem Monat September verbundenen Herbstankündigung, sondern einfach weil im September das dritte Tertial des Jahres beginnt, und 3/3 sind ein Ganzes, also ist das Jahr schon fast rum - und alleine dieser Gedanke gefällt mir sehr.

*Den Sommer fand ich dieses Jahr gar nicht so schlimm. In meiner Erinnerung war es letztes Jahr viel schlimmer, weil viel schwüler. Dieses Jahr gab es ein paar eklig heiße Tage, aber mit trockenerer Luft und außerdem musste ich die allerwenigsten davon im Büro verbringen, also alles gut für mich.

Für die nächsten fünf Jahre wird das Leben noch so weitergehen wie bisher, sprich sowohl K als auch ich werden noch regelmäßig ins Büro gehen, was wiederum bedeutet, wir haben eine Anwesenheitsverpflichtung auf dem Festland, und das bedeutet, es gibt enorm viel zu pendeln, wenn ich so oft wie möglich zu Hause sein will.
Es bleibt also anstrengend.
Noch fünf Jahre und den Rest von diesem - aber wir haben ja immerhin schon September und das heißt, dann ist dieses Jahr auch bald um, dann sind es nur noch vier Jahre und der Rest des neuen Jahres, es wird also deutlich weniger und das macht mich froh.

Deshalb mag ich September, das Ende des Jahres ist nah, bald liegen schon die ersten Dominosteine in den Einkaufsläden, man merkt an allen Ecken, dass das Jahr und die Tage kürzer werden. Gut so. Voran, voran mit der Zeit, für die nächsten fünf Jahre kann sie mir gar nicht schnell genug vorbeigehen.

*******

Am Freitagabend habe ich mich ja abends noch mit Menschen getroffen. Zwei davon waren mir total unbekannt, es war also ein Blinddate für insgesamt drei Personen, weil jeder dieser drei Menschen (mit mir) jeweils nur den Einlader kannte und keine der anderen eingeladenen Personen.
Es war ein interessanter Abend mit interessanten Gesprächen und ich habe mal wieder gelernt, warum ich nicht sozialkompatibel bin: Ich sehe Menschen nicht als abstrakte Gesamtheit, sondern ich sehe immer nur Individuen. Und unter den Individuen gibt es nicht nur nette, sondern auch Arschlöcher und nicht nur kluge, sondern auch dumme.
Ich habe keine pauschal positive Einstellung zu Menschen, sondern gebe mir nur Mühe, wenigstens eine neutrale und offene Einstellung jedem einzelnen Menschen entgegenzubringen, mit dem ich umgehe.

Die Menschen als Gesamtheit sind mir als Zahl zu groß, weshalb ich sie gedanklich gerne in Schubladen unterteile. Ich mag also Vorurteile, denn sie machen aus großen Zahlen, kleine Zahlen, so wird die Gesamtheit für mich griffiger in der Gesamtbetrachtung.
Das ändert aber nichts an meinem Umgang mit einem Individuum, weil ich im persönlichen Umgang ja jeden Menschen einzeln wahrnehme und nicht als Teil einer Gesamtheit.
Den Unterschied "Mensch in der Gesamtheit" und "Mensch als Individuum" scheinen aber viele nicht zu machen, weshalb an einigen Stellen schon mal Missverständnisse vorprogrammiert sind.

Und ich habe halt keine grundsätzlich positive Einstellungen Menschen gegenüber, weil ich sie nur als Individuen wahrnehme und erst mal sondiere, wie sich der Kontakt entwickelt.
Wenn ich in ein Gehege gehe, wo sich viele Hunde aufhalten, die sich alle durchaus freundlich gebärden und mit mir spielen wollen, so bleibe ich doch bis zum Verlassen des Geheges grundsätzlich vorsichtig, weil ich nicht jeden der Hunde einzeln so gut kenne, dass ich genau weiß, wie er einzuschätzen ist. Zwar werden alle Hunde grundsätzlich "freundlich" geboren, doch können andressierte Verhaltensweisen, Krankheiten oder schlechte Erfahrungen aus jedem freundlichen Hund einen potentiellen Beißer machen. Die meisten sind übrigens Angstbeißer - und ich rechne halt grundsätzlich damit, dass in jedem freundlichen Hund eventuell auch ein Angstbeißer steckt.

Da ich selber nun eher kein Rudeltier bin, ist mein Umgang mit anderen Wesen meist geprägt von ausreichend Abstand, damit sie, falls sie beißen, mich nicht direkt verletzen, sondern sich vorzugsweise irgendwo in der Schutzkleidung verfangen.

Sozialkompatibel geht aber wahrscheinlich anders.

Vor allem, weil ich mir dann auch noch Meinungen leiste, die von jedem Mitglied in unserer Gesellschaft Verzicht erwarten.
Denn ich finde, es geht uns hier in Deutschland allen miteinander entschieden zu gut, und ja, ich finde, es geht auch denen entschieden zu gut, die meinen, sie wären entsetzlich benachteiligt und es müssten große, weitere Anstrengungen unternommen werden, um ihre Rechte weiter zu stärken.
Es ist nämlich alles eine Frage der Perspektive und der Vergleichsgröße.
Verglichen mit dem Leben der meisten Afrikaner geht es hier in Deutschland auch einem schwul-lesbischen Transmenschen mit Behinderung noch richtig gut, und wenn mir unsere deutschen Randgruppen mit Sprüchen wie "das ist ja wohl eine Selbstverständlichkeit" oder "das sind ja wohl Menschenrechte" kommen, winke ich schnell ab, denn ihre Forderungen nach Selbstverständlichkeiten und Menschenrechten existieren halt nur in dem Kontext der zufälligen Besonderheit, dass sie hier in Deutschland leben. Wären sie in Afghanistan geboren, hätten sie definitiv andere Probleme.

Ich gehe deshalb überhaupt nicht mit bei Aussagen, die Begriffe wie "Selbstverständlichkeit" u.ä. enthalten, eben weil der allererste Start ins Leben schon grundsätzlich über Glück und Pech entscheidet und ich nicht begreife, wie man, wenn man beim Start Glück gehabt hat, anschließend Forderungen stellen kann, die mit "Selbstverständlichkeit" arbeiten.

So gut es sich anfühlen mag, wenn man sein soziales Gewissen damit beruhigt, dass auch die Ärmsten der Armen, ohne Unterschied nach persönlicher Leistungsfähigkeit, Geschlecht und sexueller Neigung bei uns in unserer deutschen Gesellschaft noch auf einen Lebensstandard gehievt werden, von dem ein Durchschnittsafrikaner nur träumen kann, so unrealistisch finde ich es, dass unsere deutsche Gesellschaft sich diesen sozialen Luxus auf Dauer wird leisten können.
Ich bin der festen Überzeugung, dass wir hier in Europa und damit auch und vor allem wir hier in Deutschland in den nächsten Jahren immer größere wirtschaftliche Probleme bekommen werden - und wenn die Mittel knapp werden, sind Sozialausgaben traditionell das erste, an denen gespart wird. Und weil ich fest damit rechne, dass es so kommen wird, finde ich halt Begriffe wie "Selbstverständlichkeit" in diesen Zusammenhängen schlecht gewählt, denn sie führen zu einer Erwartungshaltung, die wiederum eine recht hohe Fallhöhe der Enttäuschung nach sich zieht, wenn es dann plötzlich doch nicht mehr so selbstverständlich ist.

Um eine derartig radikale Position aber akzeptiert vertreten zu können, müsste ich selber ganz unten auf der Skala der Gesellschaft stehen, denn jedem, der sich in der Werte- und Vermögensskala der deutschen Gesellschaft bei den oberen 10% bewegt (reich, weiß, gebildet) wird automatisch unterstellt, dass er sich so eine Meinung nur leistet, weil er ja selber nichts zu verlieren hat.
Das wiederum ärgert mich, denn meine Meinung beinhaltet aus meiner Sicht gar keine Wertung und vor allem gehe ich sogar fest davon aus, dass ich sehr wohl eine Menge verlieren werde, aber grade weil ich diese Meinung schon sehr lange habe, habe ich mich eben auch schon seit sehr langer Zeit damit beschäftigt, persönlich Vorsorge zu treffen.
Eigentlich kann es mir deshalb sogar ziemlich egal sein, wie das hier in Deutschland weitergeht, eben weil ich schon sehr viele Alternativen und worst case scenarien in meine Vorsorgepläne eingebaut habe.
Aber es ärgert mich trotzdem, wenn meine Meinung deshalb abgelehnt wird, weil ich persönlich weniger schlimm von meinem Horrorszenario betroffen sein werde als andere.
Ich finde, das ist der falsche Grund, diese Meinung abzulehnen.

Ich sage nicht, dass wir in Deutschland zu hohe Sozialausgaben haben oder dass diese oder jene Inklusions- oder Genderbewegung verkehrt ist. Ich sage einfach nur, dass das aus meiner Sicht nicht mehr lange gut geht und ich finde, wir legen hier in Deutschland den Fokus auf die falschen Schwerpunkte und dass es Zeit wird, dringend umzudenken.

Statt sich immer weiter mit Themen wie Mütterrente, Gleichstellung aller denkbaren Geschlechter, Vermeidung von Diskriminierungen in Wort und Tat und Inklusion von Altersrentnern zu beschäftigen, sollte man sich lieber mehr Gedanken um die Entwicklung des Klimas machen und welche positiven Maßnahmen* man vor allem hier in Deutschland ergreifen kann, egal, ob sie finanzierbar sind oder nicht. Denn wenn sie nicht finanzierbar sind, liegt es daran, dass wir nicht von unserem Luxus** runterwollen - und das halte ich für eine ziemlich schwierige Haltung.

*positive Maßnahmen für das Klima sind fast automatisch zwingend negative Maßnahmen für den Lebensstandard der Bevölkerung. Lässt sich leider nicht vermeiden. Die kann man aber nicht auf freiwilliger Basis erwarten, die kann man nur per Order Mufti durchsetzen. Die wiederum will aber niemand ausgeben, weil, dann ist er ja der Buhmann.

**und ja, dazu gehört auch der Luxus, sich einen breitangelegten Mindestlebensstandard als Selbstverständlichkeit und Menschenrecht zu gönnen


Klar, wir gucken als erstes nur nach rechts und nach links und sehen die anderen Europäer und dann die Amerikaner und die Chinesen, Japaner und Inder - und stellen fest, dass die alle miteinander noch viel größere Klimasünder sind als wir und dann sollen die doch mal als erste.
Nun, wenn das Klima kippt, ist natürlich die gesamte Welt betroffen, aber als allererstes wird es ca. 2 Milliarden Menschen in Afrika treffen und wenn die sich alle in Bewegung setzen, weil sie halt nicht mehr in Afrika leben können, dann werden sie mit großer Vorliebe grade nach Europa wollen, denn außer einem nach wie vor gemäßigten Klima haben wir hier auch so wunderbaren Luxus für alle und vor allem Selbstverständlichkeiten, Menschenrechte und Würde.

Und dann knallt's, weil die Afrikaner - zu recht - nicht einsehen, weshalb sie weniger Recht auf Selbstverständlichkeiten etc. haben.
Das Zeitfenster für diese Entwicklung liegt übrigens unter einer Generation, glaube ich, und ja, ich glaube auch, dass ich davon noch eine Menge mitbekommen werde, genau das macht mir ja Sorge.
Da ich aber keine Lösung habe, wie das Problem für Deutschland oder Europa gelöst werden könnte, beschäftige ich mich damit, wie ich mich und die Menschen in meinem Umfeld darauf am besten vorbereiten kann. Das mag sehr egoistisch sein, aber als globale Menschenretter sollen sich besser die bewerben, die meinen, Menschen wären etwas Besonders.
Ich finde Menschen in der Gesamtheit weder besonders rettenswert noch besonders sympathisch, ich mag Individuen und um die kümmere ich mich, das reicht mir
.

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