anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Montag, 18. Juni 2018
Unreisig
Ich verreise nicht gerne.
Ich finde Reisen in den meisten Fällen eher unbequem, anstrengend und meist sehr lästig.
Das gilt nicht nur für Dienstreisen, vor denen ich mich so oft wie möglich versuche zu drücken, das gilt auch für Urlaub machen.
Soweit es das Reisen im allgemeinen betrifft, mache ich keine großen Unterschiede, auch private Urlaubsreisen stehen bei mir nicht sehr weit oben auf der Liste der Dinge, die ich unbedingt tun möchte.
Was Urlaubsreisen angeht, liegt das vor allem daran, dass ich ausgesprochen gerne zu Hause bin.
Und weil ich gleich zwei Zuhauses habe, zwischen denen ich ständig hin und her pendele, habe ich sowieso schon das Gefühl, unentwegt auf Achse zu sein.
Außerdem liegt eines dieser beiden Zuhauses auch noch an einem Ort, wo andere Leute extra zum Urlaub machen hinfahren und ich deshalb sehr wenig Sinn darin sehe, selber an einen anderen Ort zu fahren, um endlich mal Urlaub am Meer zu machen.
K. hielt mir neulich wunderschöne Bilder von einem todschicken Strandhotel irgendwo auf einer griechischen oder kroatischen Insel vor die Nase und fragte mich, wie ich das finde. Ich sah viel blaues Meer, sehr blau, beeindruckend photoshopblau, dazu ein Hotel mit einem tollen Pool, flirrend weiße Mauern und eine Felsenküste - und sagte spontan: "Langweilig." Wenn K. mir solche Fotos vor die Nase hält, habe ich nämlich sofort die Sorge, er versucht mich zu einem Urlaub irgendwo außerhalb meiner Zuhauses zu überreden und bei der Vorstellung, ich sitze dann nachher 14 Tage als Massentourist in so einem Hotel auf einer Insel und muss die Zeit totschlagen, bis ich endlich wieder nach Hause darf, bei dieser Vorstellung zucke ich spontan zusammen, weil ich konstant das Gefühl habe, ich habe eh schon zu wenig Zeit, um einfach nur zu Hause zu sein und die wenige freie Zeit, die ich habe, soll ich dann noch in so einem langweiligen Hotel verplempern.
Nein danke. Kein Bedarf.
Für Urlaub in Bergen bin ich allerdings auch nicht geeignet, da meine Abneigung gegen Berge mit wachsendem Alter doppelt proportional schlimmer wird. CW hatte ja diese Wohnung in den Hautes-Alpes , und natürlich sind wir mindestens einmal im Jahr dorthin gefahren, so dass ich denke, ich war in meinem Leben ausreichend oft in den Bergen, um das für den Rest meines Lebens nicht mehr zu müssen. Berge und ich - das wird keine Freundschaft mehr.
Wenn man sich sonst überwiegend am Meer aufhält, ist man daran gewöhnt, dass man den Blick zur Entspannung einfach so ziellos grade in die Ferne richtet, dabei die Seele baumeln lässt und sich über die Unendlichkeit freut.
In den Bergen geht das nicht. Wenn ich dort meinen Blick einfach so, ziellos gradeaus in die Ferne richte, knallt er Zack! sofort gegen den nächsten Berg und ich schrecke beklommen zusammen. Nach einer Woche Aufenthalt in den Bergen habe ich nicht nur immer stärker werdende klaustrophobische Schübe, sondern auch jede Menge blaue Flecken an den Augen, von all den Blicken, die ich unaufmerksam gegen Bergwände geschleudert habe.
Jetzt gibt es sicher noch mehr Urlaubsalternativen als nur Meer und Berge und ja, ich lasse da auch durchaus mit mir reden, aber es wird wohl nie so sein, dass es mir fehlt, wenn ich mal nicht in Urlaub fahre.
Wenn ich jetzt grade so darüber nachdenke, habe ich mich schon seit sehr vielen Jahren ziemlich erfolgreich vor diesem lästigen "in den Urlaub fahren" gedrückt, mein armer Westfalenmann ist deshalb schon ganz deprimiert, denn in seinem Weltbild fährt eine ordentliche Familie eben mindestens einmal im Jahr auch ordnungsgemäß in Urlaub.
Ich frage mich dagegen immer öfter, was die Leute wirklich umtreibt, weshalb so viele Leute ständig meinen, sie müssten "mal raus". Finden die ihr eigenes Zuhause so gräßlich, dass sie sich regelmäßig davon erholen müssen? Und dafür dann auch noch ein horrendes Geld ausgeben und neben einer unstreitig meist sehr umständlichen, unbequemen und nervigen An- und Abreise auch gleichzeitig noch jede Menge Komfortverzicht in Kauf nehmen? Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass eine Unterkunft in einem dieser Massenhotels komfortabler ist als das eigene Bett in der eigenen Wohnung mit den eigenen Sachen.
Ich kann mir genaugenommen halt gar nicht vorstellen, was an einem Urlaub mit Verreisen so toll sein soll.
Und wenn ich mir dann noch ansehe, was solche Urlaube kosten, dann verstehe ich es endgültig nicht mehr. Für die Kohle, die manche Leute einfach nur für Urlaub verballern, könnten die sich auch jedes Jahr zweimal neu einrichten - und irgendwann muss es dann doch zuhause so gemütlich sein, dass man das auch mal in Ruhe genießen will.
Aber nein, der gemeine Deutsche ist reisewütig.
Wenn es dann wenigstens darum ginge, andere Länder und andere Kulturen zu entdecken, dann könnte ich das ja noch mit Neugier und Abenteuerlust erklären, aber Palma de Mallorca ist deutscher als Wanne-Eickel und Abenteuerlust würde ich auch anders definieren.

Nun, egal, soll der Rest der Welt ständig verreisen, ist mir im Grunde ziemlich egal, solange ich in Ruhe zu Hause bleiben darf und keine Koffer packen muss. Kofferpacken ist nämlich meine Hassbeschäftigung Nummer 1 bis 17, lieber bügele ich 153 Hemden und putze alle Fenster, solange ich bloß keine Koffer packen muss. In meiner Kofferpackabneigung habe ich es schon mehrfach fertiggebracht, dass ich einfach ohne gefahren bin und mir dann vor Ort alles gekauft habe, was man eben so braucht, wenn man keinen Kofferinhalt dabei hat. Habe ich als perfekte Alternative entdeckt, nachdem mir auf einem Flug mal ein Koffer weggekommen ist und ich dann schauen musste, wie ich klarkomme. Geht erstaunlich einfach, wenn man die allerallernotwendigsten Basics in der Handtasche hat, was ich sowieso immer habe, denn auch Handtaschenpacken ist ätzend, also schleppe ich stets eine riesengroße Handtasche mit mir rum, in der immer alles drin ist, was man für ein 10tägiges Survivalcamp braucht. K. sagt, meine Handtaschen sind unterkellert, ich will das nicht bestreiten.
Aber auch wenn ich das verhasste Kofferpacken durch Verweigern von mir schieben könnte - einen echten Grund, weshalb ich überhaupt in Urlaub fahren sollte, habe ich dann immer noch nicht gefunden
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