anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Mittwoch, 25. Januar 2017
Das angefangene Sein
oder wie ich lernte, meinen Westfalenmann zu verstehen.

Als ich vor nunmehr fast neun Jahren vom Rheinland ins Westfalenland zog, musste ich mich nicht nur daran gewöhnen, dass das Leben als Fußgänger hier komplett andere Risiken birgt als ich das aus dem Rheinland kannte, sondern auch an einige sprachliche Besonderheiten, die mich teilweise bis heute amüsieren.
Ein reflexhaftes Dauergrinsen löst bei mir die westfälische Perfektform des Verbs "anfangen" aus. Für einen Westfalen ist "anfangen" nämlich ein intransitives Verb der Zustandsänderung. Zumindest konjugiert er es so. Er hat nicht angefangen etwas zu tun, sondern er ist angefangen.
Wenn man erst mal mit der westfälischen Mentalität vertraut ist, erschließt sich einem diese sprachliche Anwendung aber durchaus, denn natürlich verändert sich ein Westfale im Zustand, wenn er beginnt etwas zu tun. Von einem Westfalen im Regelzustand verändert er sich in einen Westfalen im Ausnahmezustand. Er ist angefangen. Er ist damit kein vollständiger Westfale mehr, sondern ein angefangener, einer, bei dem etwas fehlt, so wie bei einem angefangenen Laib Brot. Ganz klar eine Zustandsänderung, deshalb ist jeder Westfale auch stets dringend bemüht, diesen Zustand wieder zurückzuändern, weshalb "anfangen" für ihn selbstverständlich ein zeitlich begrenztes, abgeschlossenes Geschehen ausdrückt. Er möchte damit so schnell wie möglich wieder aufhören, wer ist auch schon gerne angefangen.
Viele Bewegungsverben können sowohl ein andauerndes Geschehen als auch ein zeitlich begrenztes, abgeschlossenes Geschehen ausdrücken. Im ersten Fall stehen sie in der Vergangenheit mit haben, im zweiten Fall mit sein.
Wenn man das alles weiß und bedenkt, ist es völlig normal, dass Westfalen immer nur angefangen sind etwas zu tun, auf keinen Fall soll das ein Dauerzustand sein.

Das gefährliche Leben eines Fußgängers in Westfalen und in einer potenzierten Form das Leben eines Fußgängers in Münster ist dagegen ein Zustand, in dem bin ich bis heute (an)gefangen. Ob ich mich daran je gewöhnen werde, wage ich ernsthaft zu bezweifeln, ich übe es allerdings auch nur so selten wie möglich, weil ich dafür schlicht zu wenig Mut habe.
Und Verstehen werde ich es wohl auch nicht mehr so richtig.
Im Rheinland werden Fußgänger von Autos totgefahren. Das weiß man, aber das ist auch ein kalkulierbares und vor allem ein trainierbares Risiko, mit ein wenig Übung kann ich den meisten Gefahrensituationen gut vorbeugen. Vorm Überqueren der Straße erst nach links, dann nach rechts und dann noch mal nach links schauen - das lernt man schon als Grundschulkind und das hilft auch enorm beim Nichtüberfahrenwerden. Wenn man sonst noch beachtet, dass es halt Bürgersteige für Fußgänger und Straßen für Autofahrer gibt und man sich nicht ohne Grund und vor allem ohne maximale Vorsicht im Revier des anderen bewegt, sind die allermeisten potentiellen Unfälle auch schon vermieden.
Es bleiben einzelne Ausreißer. Natürlich passieren noch Unfälle, bei denen Fußgänger von einem Auto überfahren werden, aber absolut gesehen ist das kein Alltagsgeschehen, sondern tragische Einzelsituationen.

In Westfalen dagegen geht die Gefahr nicht von den wilden Autofahrern aus, ganz im Gegenteil, die sind in Westfalen deutlich zivilisierter als im Rheinland und halten sogar vor einem Zebrastreifen, wenn ein Fußgänger da wartet und über die Straße gehen möchte - ein Erlebnis, was meine nach Westfalen umgesiedelten Kinder in den ersten Monaten in ihrer neuen Heimat gar nicht oft genug bestaunen konnten. Aus lauter Faszination darüber, dass die westfälischen Autofahrer tatsächlich vor einem Zebrastreifen anhalten, haben sie sich ganze Nachmittage mit dem Überqueren von Zebrastreifen vergnügt. Immer wieder hin und zurück und wieder hin und wieder zurück - ich glaube, sie haben sich gefühlt wie ein Raubtierdompteur, der bisher nur mit Tigern zutun hatte und plötzlich auf einen Trupp dressierter Meerschweinchen trifft. Im Rheinland wären sie bei diesem Spiel spätestens beim dritten unkontrollierten Überqueren des Zebrastreifens niedergemäht worden, da wird den Kindern halt eingebläut: "Erst nach links, dann nach rechts und dann noch mal nach links gucken, egal welchen Übergang auf der Straße du wählst. " - und das gilt vorsichtshalber auch für grüne Ampeln, denn auf der Straße fahren die Autos und im Zweifel sind die stärker.

Worauf man im Rheinland aber so gut wie gar nicht aufpassen muss, weil es davon kaum welche gibt, das sind Fahrradfahrer. Es gibt natürlich Fahrradfahrer, aber eher draußen im Grünen und am Wochenende und nicht im Alltag tagsüber im Stadtverkehr. Im Stadtverkehr fahren die Fahrradfahrer Auto, wäre ja auch sonst viel zu gefährlich. Denn die Straße ist für die Autos und die Bürgersteige sind für die Fußgänger, für Fahrradfahrer gibt es also gar keinen Platz, außer draußen vor der Stadt auf den Feldwegen und deshalb fahren Fahrradfahrer im Rheinland nur am Wochenende rum, das ist da eben so.

In Westfalen fahren die Leute aber Fahrrad statt Auto, zumindest sehr, sehr viele. Und in Münster fast alle. Und die meisten fahren dann auch noch so schnell wie möglich, man möchte ja schließlich ankommen und ist kein nutzloser Wochenendfreizeitradler. Die einzigen Autos, die in Münster rumfahren, sind unvorbereitete Touristen oder unbelehrbare, zugezogene Nichtwestfalen. Deshalb sind die Autofahrer auch so freundlich zu den Fußgängern und halten vorm Zebrastreifen, denn in jedem zugezogenen Autofahrer steckt ja auch ein wenig Fußgänger, zumindest Teilzeitfußgänger, lässt sich ja gar nicht vermeiden. Autofahrer und Fußgänger kommen in Westfalen sehr gut miteinander aus.
Eine echte Feindpartei dagegen sind die Fahrradfahrer. Die sind überall und kennen überhaupt keine Freunde. Und keine Rücksicht und keine Regeln und auch sonst nur sehr wenig. Fußgänger sind für sie einfach nur lästige Verkehrshindernisse, oder, ein Eindruck, der sich mir immer mehr aufdrängt, beliebte Slalompömpeltrainierobjekte. Man versucht sie nicht umzufahren, aber man bekommt nur Punkte, wenn man mit maximaler Geschwindigkeit und so dicht wie möglich dran und drumherum vorbeiwitscht. Und wie beim Slalomfahren normal, klappt das nicht immer fehlerfrei. Aber deshalb muss man ja auch dauernd weiterüben.
Fahrradfahrern gehört dabei der gesamte öffentliche Raum, Fußgängerzonen, Bürgersteige, ja sogar Shoppingmalls - alles Fahrradfahrergebiet, warum sollte man absteigen?

Als zugezogener Autofahrer in Münster nehme ich die Kriegserklärung an und betrachte meine Verkehrsteilnahme als sportliche Herausforderung. Aber als Fußgänger traue ich mich dort nicht auf die Straße, viel zu gefährlich und auch nicht trainierbar, aus meiner Sicht. Im Unterschied zu Autos, die man ja wunderbar hören kann, wenn sie in der Nähe sind, taucht so ein rasender Fahrradfahrer ohne jedes Geräusch aus dem Nichts auf und das noch an Stellen, wo man überhaupt nicht damit rechnet. Wenn sie nur auf der Straße fahren würden, könnte man sich ja noch irgendwie drauf einstellen, würde man sie halt wie Autos, die man nicht hört, behandeln, aber immerhin wären die Gebiete geklärt. Aber auf Fahrradfahrer, die mich umfahren, nur weil ich als Fußgänger auf dem Bürgersteig ohne zu gucken einfach mal zwei Schritte zur Seite gemacht habe - darauf fällt es mir sehr schwer, mich passend vorzubereiten
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