anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Sonntag, 12. Juni 2016
Nachwehen
Totgeschwiegen
Eingefroren
Versteinert
Kaputt

Es mag Menschen geben, die mit ihrem Leben zufrieden sind, wenn die äußere Hülle, also das Bild nach außen, eine heile Welt darstellt. Was dadrunter steckt, wie die Welt wirklich ist, das interessiert dann nicht.
Die schweigt man tot. Die friert man ein. Die negiert man.
"Darüber möchte ich nicht reden."
Klar, ist ja auch entschieden einfacher.
Probleme sind nicht nur anstrengend, sondern auch gefährlich. Nachher kommt noch jemand und macht die ganze, wunderbar rosa gepinselte Scheinrealität einfach kaputt, in dem er Sachen sagt wie "Das finde ich nicht in Ordnung."
oder noch schlimmer: "Du bist kein guter Mensch, du machst dir dein Leben einfach - auf Kosten anderer. Dich interessiert nicht, wie es den anderen geht, wenn du deine Welt nur rosa anpinseln kannst."

Ich habe diesen Satz im Ohr: "Wir sind auf der Welt, um anderen Menschen eine Freude zu machen." So oft gehört - und nie bedacht, wie der andere das lebt. Denn was eine Freude ist für mich, entscheidet natürlich derjenige, der mir diese Freude macht, und das ist grundsätzlich das, was er selber gut findet. Und ich habe mich dann selbstverständlich zu revanchieren, am liebsten auf die gleiche Art.

Mein Vater kaufte mir Sahnetorte. Er wollte mir eine Freude machen.
Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie Sahnetorten gemocht. Genau genommen finde ich Sahnetorten sogar ziemlich eklig, ich mag einfach kein süßes Zeug.
Mein Vater dagegen liebt Sahnetorten, und er reißt sie sich vom Herzen, um mir eine Freude zu machen.

Ich kann dabei nur verlieren. Entweder würge ich mir diese widerliche Sahnetorte irgendwie rein und versuche, nicht sofort auf den Tisch zu kotzen - oder ich habe den schwarzen Peter, weil ich mich mal wieder anstelle.
"Ich wollte dir doch nur eine Freude machen."
Ja, schon klar, und ich bin diejenige, die sich mal wieder schlecht benimmt. Jeder liebt Sahnetorte, nur ich muss aus der Reihe scheren.
Wenn ich dann tatsächlich sage, ich möchte keine Sahnetorte, wird geseufzt.

Was für ein unfaires und ungleich gewichtetes Spiel das ist, merkt man erst, wenn man feststellt, dass man selber kaputt gegangen ist dabei.
Mir macht Sahnetorte Magengeschwüre.
Ich kann davon nicht schlafen und heule tagelang vor mich hin, weil mir so schlecht ist.

Es ist so entsetzlich verlogen.

Aber warum lasse ich mich immer wieder darauf ein und warum verdammt noch mal, fressen alle Leute ständig Sahnetorte?

Und noch was: Wenn ich diesen völlig schwachsinnigen Text "Wir haben überlebt" über die heldenhafte Kindheit der 60er/70er Jahrgänge noch einmal irgendwo vorgelegt bekomme, kotze ich mindestens fünf ganze Sahnetorten auf einen Schlag auf das Manuskript und stecke anschließend noch die Bude in Brand.
Ernsthaft.
Punkt
.
(Abgelegt in anjeeckt und bisher 670 x anjeklickt)

... ¿hierzu was sagen?

 
Zum Glück bemisst sich der eigene Lebenssinn und der Wert des eigenen Daseins nicht daran, anderen eine Freude zu machen.

Mein Warnlicht springt an, wenn andere nicht willens oder fähig sind vom EQ her anzuerkennen, das das, was ihnen gefällt, anderen Menschen nicht automatisch auch gefallen muss. Psychisch gesunde, reife Menschen bekommen so eine Differenzierungsleistung zw. Ich und Du eigentlich problemlos hin. Besonders wenn dann noch so tadelnd wie im Text beschrieben reagiert wird, würde ich aufpassen.

Ich kann nur dazu raten, sich nicht von solchen Manipulationen einwickeln zu lassen und sich innerlich emotional von solchen Spielen so weit wie möglich zu distanzieren. Gerade, wenn es nahe Mitmenschen sind. Je nachdem in welchem Ausmaß das vorkommt und in welchem Kontext und pers. Verbindung man zu dem so handelnden steht, macht das ernsthaft krank psychisch. Wenn man schon so aufwächst und erzogen wird, würde ich das als eine Art "Gehirnwäsche" bezeichnen, aber das bezieht sich jetzt auf definitiv gestörte Familien- & Persönlichkeitsstrukturen. Teils kommt es aber auch in "milderer Form" bei normalen Menschen/in normalen Familien vor. Solche "Spiele" aka Manipulationen sind von denjenigen selten ernsthaft böse gemeint und werden auch eher nicht bewusst eingesetzt, das nur mal der Vollständigkeit halber ohne so ein Verhalten gutheißen zu wollen.

Aber ich weiß ja nicht, ob dein Vater sich nur bei dieser einen Sache so verhalten hat und ob das folgende von dir übernommen wurde oder woher du das hast, dass man Sahnetorte zu mögen hat und sich andernfalls schlecht benehmen und aus der Reihe tanzen würde:
"Ja, schon klar, und ich bin diejenige, die sich mal wieder schlecht benimmt. Jeder liebt Sahnetorte, nur ich muss aus der Reihe scheren."

Aber als Einzelfall muss man sowas natürlich auch nicht überbewerten. Kommt wie gesagt ganz auf das Ausmaß insgesamt an und wie der Umgang/die Beziehung miteinander generell ist und ob man sich dort wohlfühlt.

Pardon für mein Kommentieren; das Muster dahinter und deine Reaktion sind mir nur so ins Auge gesprungen. Viele Menschen sind sich solcher Prozesse dahinter nicht bewusst und verstehen nicht, warum sie selbst auf so ein an sich objektiv betrachtet eher banales Geschehen wie das unerwünschte Verschenken von Sahnetorte emotional so anspringen.

... ¿noch mehr sagen?  

 
Als erstes: Vielen Dank für den Kommentar. Ich habe mich vor allem deshalb darüber gefreut, weil sonst niemand mit mir über dieses Thema spricht - oder vielleicht besser: Weil ich sonst niemanden habe, der mit mir darüber sprechen möchte. Meine Kinder möchte ich da nicht reinziehen und mein Westfalenmann ist halt ein Westfale. Über Probleme zu reden liegt ihm nicht so und eine Antwort oder gar eine Lösung fällt ihm auch nicht ein, also mag ich ihn auch nicht mehr als unbedingt nötig damit quälen.
Und ja, es ist ein sehr persönliches Thema, und ja, ich habe auch tatsächlich größere Probleme damit, größere vielleicht sogar als ich vor mir selber zugeben möchte, denn normalerweise ist mir meine Rolle als lässiger, cooler und unabhängiger Mensch, den so leicht nichts aus dem Tritt bringt, schon sehr wichtig.

Aber ich habe für mich auch festgestellt, dass ich jede Sorte Problem nur aufarbeiten oder in Griff bekommen kann, wenn ich darüber rede. Am liebsten natürlich mit dem Menschen, der für mich das Problem darstellt, aber das ist leider oft nicht möglich.
Warum das oft nicht möglich ist, hat ganz viele verschiedene Ursachen. In vielen Fällen liegt es vielleicht sogar an mir, weil ich den ersten Schritt nicht mache. Dann denke ich mir aber auch immer, warum soll ich den ersten Schritt machen, ich streiche diesen Menschen einfach aus meinem Leben und dann ist auch gut. Wenn ich dem anderen wichtig wäre, könnte er ja auch auf mich zukommen, wenn er das nicht tut, bin ich ihm nicht wichtig und dann lohnt es sich auch nicht, sich überhaupt um diese Beziehung weiter zu kümmern.
Der Satz, den ich in meinem Leben wahrscheinlich am häufigsten gesagt habe, ist: "Ich kann das alleine."
Ich kann prinzipiell immer alles alleine und ich denke, das habe ich in meinem Leben auch hinreichend oft bewiesen. Wobei ich unter "alleine" nicht verstehe, dass ich Dinge höchstpersönlich und selber mache, sondern nur, dass ich zwecks Problemlösung nicht auf Menschen aus meinem näheren Umfeld angewiesen bin. Wenn ich einen Wasserhahn wechseln möchte, weil er tropft und der eigene Mann hat zwar die Kompetenz das zu machen, verschiebt es aber immer wieder, dann klingel ich im Zweifel kurzerhand bei den Nachbarn und bitte um Hilfe, statt mich betrübt in die Ecke zu setzen, zu bejammern, dass der Wasserhahn tropft, sich aber keiner darum kümmert.
"Love it, change it oder leave it" ist dabei eines meiner Lieblingszitate. Ich stehe nicht auf Jammern und schon gar nicht auf Seufzen, ich versuche in aller Regel mein Leben eher ergebnisorientiert positiv zu steuern.

Menschen aus dem eigenen Leben zu streichen bedeutet natürlich auch, dass man aufpassen muss, irgendwann nicht völlig alleine und einsam hinterzubleiben, andererseits streiche ich in der Regel nur Leute, wenn ich denke, ihr und mein Leben ist eh nicht mehr kompatibel und nur deshalb mit Menschen umzugehen, damit man nicht vereinsamt, finde ich auch wieder eine gruselige Vorstellung.
Oder ich streiche Menschen, weil ich denke, ich selber bin ihnen nicht mehr wichtig, bin zu einem unter vielen geworden, man kennt sich halt, aber niemandem fällt auf, wenn ich fehle. Wenn ich dieses Gefühl habe, bin ich auch weg. Was für mich bedeutet, ich melde mich nicht mehr bei diesen Menschen und wenn man sich durch Zufall doch noch mal irgendwo begegnet, bin ich höflich und reserviert. Wie ich es bei fast allen fremden Menschen bin, außer ich will gezielt etwas von dem anderen.
Wenn ich jemandem aus meinem Leben streiche, verschwinde ich gerne so unauffällig wie möglich. Ich will keinen Ärger, keine Szenen, keine Aufmerksamkeit. Denn ich verschwinde ja in aller Regel deshalb, weil ich das Gefühl habe, ich bin für den anderen eh nicht mehr wichtig, dafür brauche ich keine große Szene zum Abgang.
Jetzt gibt es aber Menschen, die lassen sich nicht ersetzen, und genau hier setzt mein Problem an.
Ich habe halt nur einen Vater und nur eine Mutter. Und genaugenommen habe ich eben sogar genau nur DIESEN Vater und DIESE Mutter. Die kann ich nicht wirklich aussortieren, denn sie hinterlassen immer eine Lücke. Ich kann weder einfach einen anderen Vater oder eine andere Mutter finden, noch kann ich behaupten, ich hätte nie Vater oder Mutter gehabt. Ich kann vielleicht noch Geschwister streichen, denn die muss ich ja nicht zwingend gehabt haben, aber einen Vater oder eine Mutter kann ich weder wirklich aus meinem Leben streichen noch so tun, als hätte es sie nie gegeben.
Also muss ich irgendwie mit ihnen umgehen. Und genau da beginnt mein Problem.
Mein Vater ist zwar traditionell "der Problemmensch in der Familie", denn er war schon ein rechtes Arschloch, früher. Aber nach einer sehr akuten (inzwischen aber austherapierten) Altersdepression ist er heute immerhin so weit, dass er sehr kleine Brötchen backt und sich große Mühe gibt, weder dominant noch fordernd aufzutreten. Und er ist bereit mir zuzuhören.
Wenn er mir dann zugehört hat, entschuldigt er sich in aller Regel.

Alles Dinge, die meine Mutter nicht tut.

Meine Mutter hat immer unter meinem Vater gelitten. Solange ich denken kann, hatte ich das Gefühl, ich muss sie vor dem gewalttätigen Vater beschützen und ich darf auf keinen Fall noch zusätzlichen Ärger für sie verursachen.
Ich war die älteste, nach mir kamen noch vier Kinder, von denen aber zwei gleich wieder gestorben sind. Die arme Frau hatte also nicht nur das Trauma der toten Kinder zu verkraften, sondern auch diesen herrischen, dominanten Ehemann, der ihr kaum Freiräume ließ, alles bestimmte und sie komplett kontrollierte.
Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich mich je mit meiner Mutter auseinander gesetzt hätte. In der Pubertät stand sie unter so etwas wie "Welpenschutz" - ich wäre mir einfach schlecht vorgekommen, wenn ich ihr vorsätzlich zusätzlichen Ärger bereitet hätte. Also habe ich die Klappe gehalten. Und bin gegangen. Ich bin mit 18 von zu Hause ausgezogen und habe damit meiner Mutter die Gelegenheit gegeben, mit den beiden kleinen Geschwistern ebenfalls auszuziehen und diesen herrischen Ehemann zu verlassen.
Das ist jetzt 35 Jahre her - meine Mutter war damals 45 und hat seitdem nie wieder ein eigenes, ganz privates Leben nur für sich geführt, sondern hat sich komplett auf die Kinder (natürlich die beiden kleineren, die 6 und 12 waren, als sie den Ehemann verließ) konzentriert und versucht, diesen Kindern den Schaden, den sie ihnen dadurch beigebracht hat, dass sie ihnen den Vater genommen hat, so gut es geht durch Aufopferung auszugleichen. Wobei, ich weiß es nicht, was sie sich gedacht hat, ich war schon damals raus, denn ich war ausgezogen und wohnte 200km weit entfernt. Mir musste niemand etwas ersetzen, ich war groß und konnte alles alleine.

Mein bewusstes Problem mit ihr begann erst, als mir meine kleine Schwester letztes Jahr sagte, sie hätte Probleme mit ihr. Da stellte ich fest, dass ich das alles nur zu gut verstehen kann, dass ich genau die gleichen Probleme auch gehabt hätte oder im Grunde immer noch habe, nur dass sie für mich nicht so problematisch sind, denn ich lebe nicht mit ihr in einem Haus. Dass ich aber meine Schwester absolut verstehen kann, denn wenn ich je zugelassen hätte, meine (arme) Mutter mal kritisch zu sehen, hätte ich genau das auch als sehr negativ empfunden. Und plötzlich kam bei mir all das hoch, was ich die letzten 40 Jahre unter Verschluss gehalten habe. Mit dem Ergebnis, dass mir meine Mutter sagte, sie wolle mit mir nicht darüber reden.

Und so ist das jetzt: Ich würde da gerne drüber reden. Ich würde gerne über so vieles reden. Ich würde auch gerne darüber reden, weshalb ich mit meinem Bruder nicht mehr rede. (Der aus meiner Sicht das geklonte Ebenbild seines Vaters ist und vor dem ich mich deshalb grusele, aber vielleicht könnte man ja doch mal drüber reden? Nur wie arrangiert man das? Wer macht den ersten Schritt? Eine Mutter, die sich dafür zuständig fühlt, haben wir leider beide nicht.)

Statt dessen benehmen wir uns alle (halbwegs) vernünftig vorbildlich, kommen zum 80., Geburtstag der Mutter zusammen - und reden nicht miteinander.
Ich meine, wie krank ist das eigentlich?

Die Sahnetorte ist ein reales Erlebnis mit meinem Vater - und es hat lange gedauert bis ich selber begriff, weshalb ich darauf so spontan so besonders emotional negativ drauf reagiert habe.
Und der Satz "Ich bin auf der Welt, um anderen eine Freude zu machen." ist auch von meinem Vater (seines Zeichen Religionslehrer…..) - aber est jetzt beginne ich zu begreifen, mit welch perfiden Methoden Menschen arbeiten, die behaupten, nur wer sich um andere kümmert, ist ein guter Mensch. Und hier beginnt die Parallele, denn auch meine Mutter findet es richtig und wichtig, sich zuvörderst um andere zu kümmern……
Deshalb wurde die Sahnetorte für mich zu einem Bild. Denn was mich am allermeisten verstört ist die Tatsache, dass ganz unglaublich viele Menschen Sahnetorte mögen, dass ganz unglaublich viele Menschen dieses scheinheilige "ich mache dir eine Freude" Spiel spielen, weil die tatsächliche Erwartungshaltung dahinter natürlich einen Schritt weitergeht: Ich habe Dir eine Freude gemacht, jetzt bist du mir verpflichtet.

Und ich habe keine Ahnung, wie ich aus diesem Spiel mit positivem Ergebnis ausbrechen kann.

 
Du könntest
beispielsweise mich wieder mal anrufen. Ich spreche mit Dir.

 
Das habe ich jetzt geschickt rausgekitzelt, oder? :-)

Ja, ich rufe dich an. - Ich wollte nur nicht jedesmal rumjammern, wenn ich mich melde. Oder den Eindruck erwecken, ich rufe nur an, wenn ich was zu jammern habe.....

 
Mit so einer ausführlichen Antwort hätte ich nicht gerechnet. Das ist nicht negativ gemeint.

Gestörte Familienmuster und Grenzüberschreitungen körperlicher und verbaler Art sowie verdeckte destruktiv-manipulative "Psycho-Spiele" kenne ich, aber ich kenne auch gesunde-liebevolle Familienstrukturen. Zwei Welten quasi, aber beide real. Bei mir betrifft es weniger meine Eltern, aber deren Eltern sowie noch jemand anderes. Es ist auch egal, weil mir die emotionale Bindung an jene Personen größtenteils irgendwann in der Kindheit abhanden gekommen und ein Teil von ihnen längst verstorben ist. Ich denke bei den eigenen Eltern ist die Abgrenzung schwieriger, erst recht, wenn man kein "solides Fundament" von ihnen mitbekommen hat, weil sie dazu nicht in der Lage gewesen sind.

Deine Thematik wäre prinzipiell in einer Therapie passend aufgehoben schätze ich mal, aber ich kann sehr gut verstehen, wenn du das nicht möchtest. Aber wenn es dir um einen Austausch geht, dürftest du online früher oder später Menschen finden, die ähnliche Konstellationen und Strukuren wie du sie von deiner Familie beschreibst, kennen. Es scheint unter der sog. "Kriegsgeneration" doch recht viele zu geben, die schräge Eltern gehabt haben.

Soweit du deinen Vater beschreibst, hast du heutzutage einen Umgang mit ihm, der für dich ok ist?

Das ist das Einzige, was mir persönlich als sinnvoller Tipp für den Umgang einfällt:
Darauf achten, was für eine Art von Kontakt für einen selbst ok ist, sich ggf. rational die Verantwortungsbereiche klar machen (=> was ist dein Kram, was ist die Angelegenheit deiner Mutter bei einer bestimmten Situation? Sie ist ja ein erwachsener Mensch, der für sich selbst verantwortlich ist.) und auf die Einhaltung der eigenen Grenzen bestehen, aber selbst nicht übergriffig werden und sich in den Lebensbereich des anderen einmischen.

Das ist nicht als absolute höhere Weisheit gemeint mit der sich alle Probleme in Luft auslösen, sondern eher als ein gewisser, grober Leitfaden.

"Und so ist das jetzt: Ich würde da gerne drüber reden. Ich würde gerne über so vieles reden. Ich würde auch gerne darüber reden, weshalb ich mit meinem Bruder nicht mehr rede. (Der aus meiner Sicht das geklonte Ebenbild seines Vaters ist und vor dem ich mich deshalb grusele, aber vielleicht könnte man ja doch mal drüber reden? Nur wie arrangiert man das? Wer macht den ersten Schritt? Eine Mutter, die sich dafür zuständig fühlt, haben wir leider beide nicht.)"
Mit wem genau möchtest du aus deiner Familie reden? Ich denke der erste Schritt liegt an dir, weil du das Redebedürfnis hast und für dich diesbzgl. schneller Klarheit bekommst so, als wenn du passiv abwartest bis du "angesprochen" wirst. Falls das überhaupt jemals passieren wird.

Aber ich würde vorsichtig sein, an so einen Redeversuch allzu hohe Erwartungen zu knüpfen und auch damit rechnen, dass das worüber du reden möchtest, vom anderen negiert oder gleich ganz anders dargestellt wird.
... Und dir auch vorher überlegen und bewusst machen, was du dir von so einem Gespräch erhoffst.

"Statt dessen benehmen wir uns alle (halbwegs) vernünftig vorbildlich, kommen zum 80., Geburtstag der Mutter zusammen - und reden nicht miteinander.
Ich meine, wie krank ist das eigentlich?"
Hm für mich persönlich klingt das ziemlich normal, aber ich bin da sicher kein geeigneter Maßstab.

Da du love it, change it or leave it als Motto magst:
Nimm deine Familienmitglieder so wie sie sind; ändern kannst du allenfalls die Rahmenbedingungen zu deinen Gunsten, aber die Persönlichkeit(sstrukturen) wirst du bei deinen Familienmitgliedern nicht ändern können.

"Und der Satz "Ich bin auf der Welt, um anderen eine Freude zu machen." ist auch von meinem Vater (seines Zeichen Religionslehrer…..) - aber est jetzt beginne ich zu begreifen, mit welch perfiden Methoden Menschen arbeiten, die behaupten, nur wer sich um andere kümmert, ist ein guter Mensch. Und hier beginnt die Parallele, denn auch meine Mutter findet es richtig und wichtig, sich zuvörderst um andere zu kümmern……"

Wie wäre es mit "Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht."? ^^

Jeder Helfer, der selbst psychisch gesund bleiben möchte, denkt auch ausreichend an sich selbst. Wer sich dagegen für andere aufopfert, hat ein psychisches Problem, das sich darin ausdrückt und braucht das Helfen für sich selbst.

Du musst - mal etwas stumpf festgestellt - nicht die Lebensmaximen deiner Eltern zu deinen machen und befolgen. Auch wenn es natürlich so eine Sache ist, sich davon zu lösen und etwas eigenes zu entwickeln, das im Einklang mit den eigenen Bedürfnissen steht und einem gut tut.

"weil die tatsächliche Erwartungshaltung dahinter natürlich einen Schritt weitergeht: Ich habe Dir eine Freude gemacht, jetzt bist du mir verpflichtet."

Ja das ist ein sehr beliebtes Muster. Ich mag sowas nicht, aber wer mir schon ein Geschenk faktisch aufnötigt, der kann von mir aus bis in alle Ewigkeit beleidigt-vorwurfsvoll in der Ecke hocken, weil ich seine unausgesprochene Gegenleistungserwartung nicht erfüllt habe. Oder ich nehme das Geschenk gar nicht erst an und denke mir meinen Teil, wenn der andere daraufhin austickt. Irgendwie entlarven diese Leute sich ja doch früher oder später selbst.

Aus dem Spiel kommst du am besten raus, wenn du bei dir bleibst innerlich. Ich kann das nicht so gut mit Worten ausdrücken, aber ich meine damit, dass du bei deinen eigenen Bedürfnissen und Empfindungen bleibst ohne auf den anderen und dessen Gefühle und Wünsche etc. zu schauen und weißt wie du verhindern kannst, dass deine eigenen Muster (quasi die eigenen wunden Punkte) dich letztlich doch wieder reinreißen ins Familienspiel. Eine Art gesunder Egoismus gemischt mit gefühlsmäßiger Distanz.

Muss ja nicht perfekt sein. Das halbwegs hinzubekommen in den meisten Situationen, dürfte reichen. ;)

 
vielen Dank für die ausführlichen Gedanken.

Viele der Ratschläge oder Meinungen beschreiben genau mein Verhalten oder meinen eigenen Standpunkt.

>>Nimm deine Familienmitglieder so wie sie sind; ändern kannst du allenfalls die Rahmenbedingungen zu deinen Gunsten, aber die Persönlichkeit(sstrukturen) wirst du bei deinen Familienmitgliedern nicht ändern können. <<
Genau deshalb ist "leave it" in vielen Fällen meine Wahl. Denn ich mag es vielleicht nicht ändern können, aber ich kann es auch nicht lieben.

>>Soweit du deinen Vater beschreibst, hast du heutzutage einen Umgang mit ihm, der für dich ok ist?<<
Ja, damit kann ich inzwischen umgehen. Er achtet auf den notwendigen Abstand und hat die alte, extrem egozentrische Rechthaberei fast komplett aufgegeben.
Er ist heute einfach nur noch ein alter Mann mit mangelnder Hygiene und seltsamen Ansichten. Mich findet er toll und wird nicht müde zu betonen, wie besonders ich sei. - Aus seiner Sicht bin ich das wahrscheinlich auch, denn ich bediene ganz viele Rollenklischees gleichzeitig: ich kann nicht nur das, was üblicherweise nur Männer können, nämlich haushaltsnahe Handwerkerarbeiten selber erledigen, sondern ich verdiene auch noch das Familieneinkommen alleine und schmeiße den gesamten Haushalt mit Kochen, Waschen und Putzen.
Für ihn ist das schon deshalb eine Großtat, weil er noch nicht mal die beiden Männeraufgaben (Geld verdienen und Handwerkerarbeiten) erfüllen kann, ich glaube, er kann noch nicht mal 'ne Glühbirne wechseln. Von Frauenkram und Haushaltsarbeiten mal ganz zu schweigen.
Früher fand ich ihn lächerlich, heute zucke ich einfach nur noch die Schultern und hör nicht mehr hin. Wenn ich doch hinhöre, macht es mich böse, denn sein extrem rollenverhaftetes Denken ist einfach nur eine Frechheit und eine Respektlosigkeit gegenüber jeder Frau, die gerne wieder in den Beruf einsteigen möchte, aber nichts rechtes findet.
Egal - ich denke, mit meinem Vater habe ich ein Modell des Umgangs gefunden, mit dem ich gut klarkomme, mit ihm habe ich ja auch viele Jahre des offenen Dissens hinter mir und das meiste ist einfach inzwischen "erledigt."

Schwieriger ist das mit meiner Mutter, denn hier gab es nie eine offene Auseinandersetzung.
Früher habe ich mich nicht getraut, hätte ein schlechtes Gewissen gehabt, wäre mir mies und rücksichtslos vorgekommen und später habe ich mir selber immer wieder gesagt: "Sie meint das nicht so. Sie meint es doch wirklich gut.
Du schreibst es ja selber (im ersten Kommentar) >>Solche "Spiele" aka Manipulationen sind von denjenigen selten ernsthaft böse gemeint und werden auch eher nicht bewusst eingesetzt,<<

eben, und deshalb habe ich in den allermeisten Fällen nie etwas dazu gesagt.
War auch nicht schlimm, denn wir wohnten ja weit auseinander. Nur wenn sie zu Besuch war, wurde ich ab dem zweiten oder spätestens am dritten Tag immer hysterischer und aggressiver.
Fand ich aber nicht wirklich problematisch, ich musste nur dafür sorgen, dass die gemeinsamen Tage auf ein Minimum beschränkt waren.
Und außerdem war ich ja die einzige, die so seltsam auf sie reagierte.
Meine Schwester wohnte mit ihr in einem Haus und mein Bruder war alle naselang mit der ganzen Familie dort zu Besuch.
Die waren also eine Familie, den Vater mochte keiner leiden und ich war außen vor.
Ich zog mich auch immer weiter raus, denn das Leben, was die Geschwister da führten, war so überhaupt nicht meines. Klassische Rollenverteilung, Klischees als best practice perfekt umgesetzt, jeder Kabarettist hätte seine helle Freude an dem gelungen Vorstadtdasein der Verwandtschaft gehabt.
Ich fand, ich hatte mich da nicht einzumischen, ich hatte das nicht zu kommentieren und auch nicht zu verurteilen. Deshalb war ich vorzugsweise nicht da.

>>Wie wäre es mit "Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht."? <<

Das ist mein Standardspruch und ich werde nicht müde, ihn immer wieder zu wiederholen.
Meine Schwester hat auch begonnen, sich dieser Einstellung zu nähern, seitdem hat sie auch massive Probleme mit der Mutter. Ich versteh mich dafür jetzt gut mit ihr.

>>Aus dem Spiel kommst du am besten raus, wenn du bei dir bleibst innerlich. Ich kann das nicht so gut mit Worten ausdrücken, aber ich meine damit, dass du bei deinen eigenen Bedürfnissen und Empfindungen bleibst ohne auf den anderen und dessen Gefühle und Wünsche etc. zu schauen und weißt wie du verhindern kannst, dass deine eigenen Muster (quasi die eigenen wunden Punkte) dich letztlich doch wieder reinreißen ins Familienspiel. Eine Art gesunder Egoismus gemischt mit gefühlsmäßiger Distanz.<<
Ich denke, genau das tue ich auch in den allermeisten Fällen. Es war jetzt halt nur der 80. Geburtstag. Ein runder Geburtstag und ein hohes Alter. Ich dachte, ich könnte einfach für einen Tag die Zähne zusammenbeißen und so tun, als ob alles okay ist. Einen Tag, ach was, nur einen halben Tag, ging ja erst am Nachmittag los. Das kann doch nicht so schwer sein. Und alle anderen können das doch auch.
Ich glaube, ich habe mich auch herausgefordert gefühlt. Wenn die anderen das können, dann kann ich das auch.
Irgendwie hat es ja auch (halbwegs) geklappt. Der Katzenjammer kam erst am nächsten Tag.
Ich fühle mich nach so einer Schauspielleistung einfach schmutzig. Unehrlich, abgezockt und verlogen. Als wäre ich plötzlich auch Teil so einer Vorstadtsoap.

Ich denke, das hat mein Gejammer ausgelöst. Inzwischen bin ich schon wieder zwei Tage und 100km weiter, habe (vor allem auch wegen Deiner Kommentare hier) noch mal sehr ausführlich über meine eigene Position nachgedacht und denke, ich lasse einfach alles, wie es ist.
Ändern kann ich sowieso niemanden, was also sollte ich erreichen wollen? So schnell wird jetzt erstmal keiner mehr 80, die nächsten Jahre können mit hoher Wahrscheinlichkeit komplett ohne Familienfeier abgewickelt werden, also gibt es doch noch nicht mal präventiv irgendwelche Probleme abzuwehren.

Ich freue mich, dass ich mich seit einiger Zeit wieder so gut mit meiner Schwester verstehe, und hier war sie diejenige, die das Gespräch gesucht hat.
Geht also.
Alles wird gut
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