anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Donnerstag, 23. Mai 2019
Sprach-Tics
Das typische an Konferenzen ist, dass es Menschen gibt, die Vorträge halten und das typische an Menschen ist, dass sie unterschiedlich sind.
So weit so trivial.
Da ich heute den ganzen Tag auf einer Konferenz war, hatte ich ausreichend Gelegenheit, die skurrilsten Unterschiedlichkeiten der einzelnen Redner zu beobachten, aber eines hatten sie dann doch alle wieder gemein, und, wie drücke ich es aus, aber ich sag mal so: Alte weiße Männer gehen mir zunehmend auf die Nerven.

Zugegeben, die gewählte Location befeuerte das alte-weiße-Männertum enorm und verleitete nicht nur den Moderator zu teilweise schon arg dümmlichen Sprüchen. Die Veranstaltung fand statt in der Classic Remise, und ein riesiger Ringlokschuppen voll mit übermotorisierten Oldtimern ist wohl vor allem für alte weiße Männer etwas ganz Tolles, aber nach acht Stunden menspreading war ich zum Schluss nur noch genervt, wobei es mich am meisten nervte, dass die Jungs selber das wirklich gar nicht wahrnehmen. Schon eine faszinierende Spezies, diese alten Männer.

Darüberhinaus waren heute aber auch wirklich schräge Redner am Start.
Neulich war ich auf einer Veranstaltung, wo eine Frau ständig "genau" sagte, ca. alle 10 Sekunden sagte sie "genau", es war schon sehr witzig. Zum Glück nahm sie aber nur als einer von sechs Gästen an einer Podiumsdiskussion teil, deshalb hatte sie nicht so viel Redezeit und es war insgesamt nicht ganz so nervig. Heute war aber ein Redner dabei, der einen Vortrag von 45 Minuten hielt und leider unter einer bösen Form von "Sag-ich-mal"-Tourette litt.
Nach 10 Minuten bemerkt man als Zuschauer, dass man bei sag ich mal leicht beginnt zu zucken, nach 20 Minuten kramt man verzweifelt nach Ohrstöpseln und nach einer halben Stunde gibt man auf und geht aufs Klo, sag ich mal. Es war wirklich ganz außerordentlich übel, und dabei dachte ich, dass die Genau-Frau neulich schon eine Hardcorenummer aus der Kategorie unbehandelte Sprach-Tics gewesen sei, es geht aber wohl immer noch schlimmer, genau, scheint es, sag ich mal.

Als nächster Redner kam dann ein Mann, der ganz besonders cool, locker und witzig sein wollte und nach den unvermeidbaren, platten Autosprüchen zur Begrüßung aber auch in seinem Fachvortrag hintereinander weg irgendwelche dämlichen Bemerkungen machte, jede gefolgt von einem "Spaß beiseite". Nach 10 Minuten begann ich eine Strichliste zu führen für jedes Spaß beiseite, eine halbe Stunde später sah das dann so aus


Ne im Ernst, jetzt mal Spaß beiseite, sowas darf man doch nicht als Fachreferenten vor einem Fachpublikum sprechen lassen, oder habe ich da falsche Erwartungen?

Dafür war das Essen gut, soweit ich es schmecken kann, denn meine Geschmacksnerven sind immer noch nur sehr eingeschränkt aktiv, es hatte aber eine angenehme Konsistenz und war warm.
Außerdem wurden beim Dinner mit ein paar interessanten Menschen Visitenkarten getauscht, wenn die Redner auch nichts taugten, unter Netzwerkaspekten war der Tag ein voller Erfolg
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... ¿hierzu was sagen?

 
Als junger weißer Mann habe ich mal in der Erwachsenen-Fortbildung ein Seminar abgehalten, und danach wurde mir zugetragen, dass ein paar Teilnehmer Strichlisten angefertigt hatten, wie oft ich "ein Stück weit" sage. Es war über 30 mal in vier Stunden, und das war mir schon ein bisschen peinlich.

... ¿noch mehr sagen?  

 
ich denke, jeder hat so seine Sprachmarotten und Lieblingsfüllwörter, aber wenn man öfter als Redner vorträgt, sollte man sich seine eigenen Angewohnheiten bewusst machen und dann daran arbeiten, sie auf ein erträgliches Maß zu reduzieren.
Was für einen Text die Orthographie ist für einen Vortrag die Sprechweise - denn auch die kann man üben und verbessern.
Ich gehe mal davon aus, dass Sie heute ein Stück weit weniger redundant vortragen? Junge weiße Männer sind da sicher noch leichter zu entschuldigen ;-)

 
Ich hatte in den letzten Jahren nicht mehr so viel Gelegenheit, meine Vortragsweise zu optimieren. Ansonsten hing es vom Thema ab, ob ich mich darin sattelfest genug fühlte, anhand von ein paar Stichpunkten relativ frei zu sprechen (mit entsprechend höherem Risiko, Füllphrasen zu benutzen) oder ob ich ein detailliertes Skript ausarbeitete, an das ich mich hielt.

 
Diese Füllphrasen benutzt man ja immer, wenn man frei redet, auch in privaten Unterhaltungen, der eine mehr, der andere weniger. Da ist gar nichts gegen zu sagen, solange sich die Menge/Wiederholungsrate in einem üblichen Rahmen hält.
Erst die auffällig überhöhte Dauernutzung finde ich unangenehm, übrigens auch, wenn ich mich einfach nur privat mit Menschen unterhalte.
Wenn ich mir mal wieder ein neues Lieblingswort angewöhne, sind es meist meine Kinder, die sich da sehr schnell drüber lustig machen. Liegt sicher daran, dass ich es bei anderen so oft kritisiere, ich finde es aber sehr praktisch, damit eine private Vorwarnstufe zu haben, die ich auch grundsätzlich ernst nehme.