anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Sonntag, 5. Mai 2019
geschmortes Kaninchen im Crockpot
Als ich neulich in der Kühltheke meines bevorzugten Lebensmitteldiscounters ein ganzes Kaninchen als Sonderangebot* entdeckte, war ich spontan versucht, das zu kaufen, habe es dann aber doch wieder zurückgelegt, weil mir einfiel, dass ich Kaninchen bisher nur beim Spanier, bei meiner Oma und bei meiner Schwiegermutter gegessen habe und es auch immer sehr lecker fand, ich selber aber überhaupt keine Ahnung habe, wie man Kaninchen zubereitet und was dabei zu beachten ist. Ich erinnerte mich dumpf an einen Vortrag meiner Schwiegermutter, die das Vieh immer über Nacht in Buttermilch eingeweicht hat und mir mal lang und breit versucht hat, zu erläutern, was beim Schmoren von Karnickeln alles zu beachten ist, aber bei solch komplizierten Aktionen fand ich 15€ für ein Experiment, was eine gute Wahrscheinlichkeit hat, daneben zu gehen, dann schlicht zu teuer.
*Mit Sonderangebot meine ich nicht unbedingt einen besonders günstigen Preis, sondern die Tatsache, dass es überhaupt als Frischware angeboten wurde, was ich mit Bewusstsein noch nie gesehen hatte. Also ein besonderes Angebot, zusätzlich zu der normalen, dauergelisteten Alltagsware.

Meine Oma auf Borkum hielt selber Kaninchen (ich denke zwar, es war der Onkel, aber egal, meine Oma hat sie dann verarbeitet), dort gab es also öfter mal "Kanin"**, aber meine Oma verbrachte den größten Teil ihres Tages in der Küche, Kaninchen zuzubereiten ist bei mir also fest mit "Sonntagsbraten" und "viel Arbeit" und "bestimmt ganz kompliziert" verknüpft.
** Ebenfalls legendär ist die Geschichte mit den "Boatpeople" aus Vietnam, von denen eine größere Menge im Winter 1979 auch auf Borkum untergebracht wurden und die einheimischen Familien aufgefordert waren, die armen Leute über Weihnachten in ihre Familie aufzunehmen, damit die Menschen das Fest der Liebe nicht einsam in ihren Flüchtlingsunterkünften verbringen mussten. Meine Oma, an der die Weltpolitik meistens komplett ungehört vorbeizog, antwortete im Sommer auf die Frage eines Badegastes, ob sie zu Weihnachten auch "Fietnamesen" gehabt hätten, mit "Nein, wir hatten Kanin."

Mit meiner Kocherei ist das überhaupt so ein Ding. Ich selber halte gar nicht viel von meinen Kochkünsten, weil ich für aufwändige Gerichte viel zu faul bin und grundsätzlich auch nicht wirklich mit großer Begeisterung in der Küche werkel, auf dem Sofa liegen und lesen finde ich viel attraktiver.
Gleichzeitig bin ich aber ein sehr mäkeliger Esser und da beißt sich die Prioritätenkatze ein wenig in den eigenen Schwanz.
Ich habe deshalb schon sehr früh meine Begeisterung für selbstgemachtes "fast food" entdeckt, denn Selbermachen ist nicht nur deutlich preiswerter als auswärts essen, ich kann es vor allem genau so kochen / würzen / zusammenstellen / auswählen, dass es mir schmeckt. So ideologische Überlegungen wie "gesund" oder "kalorienarm" haben mich dagegen noch nie interessiert und Kochen als meditative Beschäftigung ist ganz weit von meiner Einstellung entfernt.

Ich mag alles, was schnell geht, wobei ich damit nicht den absoluten Kochvorgang meine, sondern meine Anwesenheitszeit in der Küche. Wenn ich irgendwelche Zutaten zackzack zusammen in einen Topf werfen kann und es schmeckt dann nachher lecker, dann kann der Topf selber gerne lange Zeit zum Garen brauchen, das ist mir völlig egal, der einzige Nachteil solcher Gerichte mit langen Kochzeiten ist, dass ich rechtzeitig daran denken muss, sie anzusetzen, aber als "viel Arbeit" betrachte ich so etwas nicht.
Ich liebe deshalb natürlich auch Küchenmaschinen, die alleine vor sich hinkochen. Neben einem Kochtopf stehen zu bleiben, um ständig irgendetwas umzurühren oder kleiner zu stellen oder sonst wie zu beobachten, ist ja mal so gar nicht mein Ding.
Einen Thermomix habe ich schon seit Mitte der 90er Jahre (also lange, bevor die Dinger "hip" wurden) und eine ganz wunderbare Entdeckung Ende der 90er Jahre war der Crockpot. Ich glaube, die offizielle deutsche Bezeichnung ist Schongarer, da auf meinem Gerät aber Crockpot steht, heißt das Ding bei uns halt Crockpot. Im Durchschnitt braucht ein Gericht darin zwar 5 Stunden, aber es macht keine Arbeit, weil man gleich zu Anfang alles auf einen Rutsch reinwirft - und nach einigen Stunden ist das Essen dann fertig. Wirklich sehr genial.

Die Basics meiner Kochkenntnisse habe ich von meiner Großmutter*** gelernt. Die war Hauswirtschaftslehrerin und hatte eine sehr pragmatische Einstellung zum Kochen. Rezepte habe ich so gut wie keine von ihr übernommen (außer ihre schlesischen Kartoffelklöße), aber eine tiefsitzende Zuversicht, dass man im Grunde aus allen Lebensmitteln irgendetwas Leckeres herstellen kann, wenn man weiß, welche chemischen Reaktionen durch Koch-, Brat- und/oder Kombinationsentscheidungen ausgelöst werden und dann welche Art von Geschmack ergeben.
***Der Unterschied zwischen Großmutter und Oma ist klar definiert: Oma ist die Mutter des Vaters, Großmutter die Mutter der Mutter. Und wehe, das verwechselte jemand, der wurde sofort zurechtgewiesen. "Du hast aber ein hübsches Kleid an, hat das wieder deine Oma genäht?" - "Meine Oma kann gar nicht nähen, das Kleid hat meine Großmutter genäht."

Dadurch habe ich aber auch schon sehr früh die Erfahrung gemacht, dass man sich nur dann an Rezepte halten sollte, wenn man das Rezept schon mehrfach selber ausprobiert hat und genau weiß, dass es wirklich zum eigenen Geschmack passt.
Wenn man ein Rezept dagegen irgendwo in einem Kochbuch oder einer Zeitung entdeckt, dann ist es im Grunde nur eine skizzierte Idee, ein Vorschlag, was man vielleicht mal ausprobieren könnte, aber ganz bestimmt kein Grund, das exakt so nachzukochen.
Außerdem habe ich ja auch ein grundsätzliches Problem mit Regeln und Vorschriften. Ich halte mich an Vorschriften nur dann, wenn ich einsehe, dass sie einen echten Sinn haben, ansonsten reizen mich Vorschriften meist nur zum Widerspruch und Verändern. Keine gute Voraussetzung zum Kochen nach Rezept mit festen Vorgaben.

Gleichzeitig liebe ich aber Kochbücher und benutze sie so ähnlich wie Einrichtungsbücher, eben als Ideenlieferant, was ich dann selber nachher daraus mache, ist meist oft etwas komplett anderes, aber ohne Vorlage wäre ich halt nicht auf die Idee gekommen.

Da ich schon seit 1981 einen eigenen Haushalt führe, habe ich im Laufe der Jahre natürlich viele Dinge schon ausprobiert, sehr viel ging daneben, aber mit wachsender Erfahrung wurde die Ausschussquote immer kleiner und mittlerweile habe ich eine Trefferquote von ca. 90%, schätze ich jetzt mal so aus dem Bauch. D.h. wenn ich Dinge koche, die ich vorher noch nie gekocht habe, dann ist das Ergebnis in 9 von 10 Fällen essbar, obwohl ich die Rezepte in aller Regel stand by erfinde, sehr stark beeinflusst, von dem, was grade im Haus ist und weg muss. K jammert manchmal, dass ich auch besonders leckere Gerichte nur schwer wiederholen kann, weil ich mir meist natürlich nicht merke, was ich da so zusammengerührt habe, im Grunde ist das wie freies Improvisieren auf dem Klavier, je besser man mit dem Instrument umgehen kann, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich auch ein freies Rumgeklimper ohne Notenvorlage noch schön anhört, aber wiederholen kann man es eben auch nicht.

Das war jetzt eine lange Vorrede für das, was ich eigentlich sagen wollte: Obwohl ich mittlerweile eigentlich ganz routiniert und erfolgreich mit den Küchengeräten umgehen kann, habe ich mich doch zunächst mal nicht an die Zubereitung eines Kaninchens getraut, weil das eben gefühlt bestimmt sehr kompliziert ist.

Dann sagte K aber, er hätte noch nie Kaninchen gegessen und das forderte meinen Ehrgeiz heraus, wäre doch gelacht, wenn ich das nicht raus- und hinkriegen könnte, die Zubereitung eines Karnickels.

Also suchte ich im Internet nach Kaninchen Rezepten, entschied, dass das gar nicht so kompliziert klingt, und kaufte dann gestern kurzerhand einen ganzen Hoppler.

Weil ich im Internet dann so viele Rezepte gefunden hatte (und jedes war anders, Überraschung), konnte ich mich natürlich nicht entscheiden, wie ich mein Kaninchen nun selber zubereiten werde und es kam, wie es dann immer kommt, ich löste mich von einer einzelnen Rezeptvorlage, kombinierte Ideen aus drei Rezepten und für den Rest improvisierte ich frei - und, was soll ich sagen, es war so genial lecker, dass K meint, ich solle das jetzt ganz unbedingt aufschreiben, weil er genau so etwas unbedingt noch mal essen will.

Deshalb die Anleitung also hier vor allem für mich selber zum Wiederfinden:
Gekauft hatte ich ein ganzes Kaninchen, es fehlte nur der Pelz und der Kopf, der Rest, also auch alle Innereien, waren noch dran. Die habe ich als erstes ausgelöst und entsorgt. Ich gehöre eindeutig zum Team "lieber verhungern als Innereien essen".

Dann habe ich es kurz unter kaltem Wasser abgewaschen, mit Zewa trockengetupft und anschließend mit einer Geflügelschere in Stücke geschnitten, zwei dicke Hinterläufe, zwei dünnere Vorderläufe und den Rücken mit Seitenteilen. Jedes Teil mit Salz und Pfeffer bestreut und mit mildem Senf eingerieben, zur Seite gelegt.

Ich hatte im Internet gelesen, dass das größte Problem ist, dass der Braten saftig bleibt und man Kaninchen deshalb am besten schmort. So etwas mache ich ja grundsätzlich im Crockpot, da kann man am wenigstens falsch machen.
Als Gemüsebeilage habe ich Fenchel (1 Knolle), Möhren (drei Stück) und Zwiebeln (zwei Stück) verwendet, alles in kleine Stücke gehobelt und dann zusammen mit einer Packung Bacon (kleingeschnitten) in der Pfanne angebraten. Nach dem Anbraten in den Crockpot gekippt und anschließend die vier Karnickelbeine auch angebraten und ebenfalls in den Crockpot gelegt. Das Rückenteil habe ich ungebraten dazu gegeben, hier sagte mir das Internet, das wäre sehr empfindlich und mal solle es deshalb besser nicht anbraten. Als Flüssigkeit hatte ich zwei Brühwürfel in 300ml heißem Wasser aufgelöst, dazu 200ml trockener Weißwein und ein Schuss Gin. Außerdem ein wenig Ingwer kleingeraspelt dazu gegeben und drei Wacholderbeeren gemörsert, die gesamte Mischung über Fleisch und Gemüse gießen, den Crockpot zwei Stunden auf high und zwei Stunden auf low - und fertig ist das perfekt geschmorte Kaninchen.
Supersaftig und butterweich, beim Rausfischen aus dem Crockpot fielen mir die Fleischteile schon fast auseinander.



Weil ich ja nicht sicher war, ob das wirklich gelingt, hatte ich vorsichtshalber mal viele Kartoffeln dazu gekocht und noch eine Pfanne gemischtes Gemüse gebraten, war letztlich viel zu viel, aber man weiß ja nie. Jetzt haben wir für morgen noch mal die gleiche Menge Essen schon fertig gekocht.
Das Fleisch hatte ich separat aus dem Crockpot gefischt und dann die Flüssigkeit in einen Topf gegossen, um sie zu einer etwas dickeren Sauce zu reduzieren. Das Gemüse war ebenfalls superlecker geworden (das gebratene Gemüse hätte es also wirklich nicht gebraucht), das nächste Mal werde ich das eingekochte Gemüse mit den Kartoffeln und ein wenig Sauce zu einem gemischten Kartoffelstamp verarbeiten, da freue ich mich jetzt schon drauf.



Als Foodfotograf bin ich zwar eine Katastrophe und sehr viel Mühe mit Deko und Anrichten haben wir uns auch nicht mehr gemacht, aber es war wirklich so superlecker (und roch schon vor dem Essen so gut), dass ich stolz bin, überhaupt Fotos von dem vollen Teller gemacht zu haben, es kostete tatsächlich extra Disziplin
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