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Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Montag, 20. Mai 2019
Lebensleistung
In letzter Zeit ist wieder ein Wort verstärkt im Umlauf, bei dem ich mich jedesmal aufrege, wenn ich nur daran denke.

Lebensleistung


Was für ein bescheuertes Wort, denn es hat, wenn man es konkret hinterfragt, überhaupt keine Bedeutung.
Es gibt genau deshalb keine Lebensleistung, weil es völliger Blödsinn wäre, so etwas zu definieren.
Es gibt vielleicht eine Überlebensleistung - die hat jeder vollbracht, der noch nicht tot ist, aber was soll eine Lebensleistung sein?

Wenn es eine Lebensleistung gäbe, müsste es ja auch eine Definition dafür geben. Das wiederum bedeutet, es müssten darin Kriterien aufgestellt werden, die erfüllt sein müssen, damit man von Lebensleistung sprechen kann - und automatisch würden dadurch dann Menschen ausgegrenzt, die diese Kriterien nicht oder schlecht erfüllen und das will sich ja wohl hoffentlich niemand anmaßen. Ich meine, festzulegen, wann jemand sein Leben gut oder schlecht verbracht hat.

Das Widerliche an diesem Wort ist vor allem, dass man spontan meint, es hätte eine Bedeutung. Deshalb wird es ja grade von Politikern so gerne verwendet.
"Aus Respekt vor der Lebensleistung" fordert die SPD eine bedingungslose Grundrente. Es ist eine echte Volksverdummung.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen, ich habe nichts gegen eine bedingungslose Grundrente (obwohl ich die Form, in der die SPD sie grade einführen möchte, für entsetzlich ungerecht erachte, aber das ist ein anderes Thema), im Gegenteil, ich finde eine Mindestrente ausgesprochen vernünftig, sinnvoll und begrüßenswert.
Ich habe nur etwas gegen diese schwachsinnige Begründung, die in diesem Zusammenhang immer verwendet wird, denn die ist eine Unverschämtheit.

Da es eine Lebensleistung gar nicht gibt, könnte man den Werbeslogan der SPD auch "Aus Respekt vor Nix" nennen, aber das hört sich dann ja wieder respektlos an, obwohl es genau darum geht.
Jeder soll im Alter angemessen und in Würde sein Auskommen haben, völlig egal, wie er sein Leben vorher verbracht hat.
Aus Respekt vor der Menschenwürde - das wäre eine gute und richtige Aussage.
Aus Respekt vor der Intelligenz der Bürger fände ich so eine Darstellung positiv, unterstützenswert und vor allem durchdacht.

Die Politiker schwurbeln aber lieber von Lebensleistung - und wundern sich über Politikverdrossenheit.

Und ich wundere mich, warum sich nicht viel mehr Menschen darüber aufregen, dass die Politik hier ein Wort verwendet, was im Grunde nichts anderes ist als "Vorspiegelung falscher Tatsachen".

Ich habe mir in der letzten Zeit mal den Spaß gemacht und verschiedene Leute gefragt, was sie unter "Lebensleistung" verstehen und dann ein bisschen schadenfroh gegrinst, als sie alle in diese böse Falle getappst sind, nämlich zu meinen, man könnte eine Definition für dieses Wort finden.

Das Problem bei Definitionen ist, dass ein Beispiel halt nicht ausreicht.
Was ist ein Säugetier? Zum Beispiel ein Esel.

Das Problem bei positiven Beispielen für "Lebensleistung" ist, dass man schlecht sagen kann, dass das Gegenteil so eines Lebens, KEINE Lebensleistung ist.

Das Problem bei Lebensleistung ist eben, dass es niemanden gibt, dem man eine Lebensleistung absprechen kann.
Ein Mensch zB der schwer behindert geboren wurde und in seinem Leben nie etwas anderes gemacht hat als nur zu existieren und sich pflegen zu lassen - auch dieser Mensch hat eine Lebensleistung vollbracht, nämlich erstens überhaupt bis heute am Leben geblieben zu sein und zweitens hat er den Menschen, die ihn pflegen, ganz sicher ganz viele gute Gefühle und Liebe beschert und das reicht doch schon, oder nicht?

Was also soll der Quatsch mit "Respekt vor der Lebensleistung"? Man könnte auch "Respekt vor der täglichen Verdauung" sagen oder "Respekt vorm Bauchnabel", es ist einfach nur komplett trivial.

Und es regt mich auf
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