anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Montag, 29. Juni 2020
Mode
Es ist schon seltsam mit der Mode, oder genauer: mit dem Modegeschmack einzelner Menschen.
Jeder lebt ja in seiner ganz eigenen Filterblase, aus der sich sein ganz eigener Modegeschmack bildet. Der wird deshalb durch Vorbilder, wie man gerne sein möchte, genauso beeinflusst wie durch Hinternbilder, wie man auf keinen Fall sein möchte. "Am Arsch" denkt man sich, wenn man Leute sieht, die man nur rein optisch schon ungemein abstoßend findet. Hinternbilder sind damit genauso prägend wie Vorbilder und als drittes spielen dann noch Traumbilder eine wichtige Rolle, denn natürlich lebt jeder gleichzeitig noch in dem jeweils individuell ausbalanzierten Spannungsfeld zwischen Dunning-Kruger-Effekt und Impostor-Syndrom.

Ich nehme mich da keineswegs aus, ganz im Gegenteil, ich versuche nur meinen eigenen Modegeschmack sowohl in dem Bereich, der mir persönlich gut gefällt und den ich versuche, nachzuahmen, nach dem Warum zu ergründen als auch meine Modeabneigungen, also alle Stilrichtungen, die ich mit "ach du meine Güte, da hat es aber jemand nötig" pauschal extrem herablassend diskriminiere, zu verstehen*.
*Irgendwas hat sich in dem Satz grammatikalisch verduddelt, aber ich bin zu faul, da jetzt länger drüber nachzugrübeln, wie es richtig gehört, ich gehe davon aus, es ist auch in der grammatikalisch avantgardistischen** Form verständlich.
**avantgardistisch ist die schicke Form von "ich kann es grad nicht besser"


So, nach meinen passiv-aggressiven Angriffen auf den selbsternannten "ich bin Kulturschaffender und damit systemrelevant" Umtriebler, komme ich zurück, zu dem, was ich eigentlich sagen wollte: Es gibt Leute, die pflegen eine äußerlich durchaus auffallende Optik und beschweren sich dann gleichzeitig über Lookism.
Ich stehe dann jedesmal fasziniert am Rand und frage mich, wer denen eigentlich ins Hirn geschissen hat, dass sie die Widersprüchlichkeit ihrer eigenen, optisch gestylten Existenz im Kontrast zu dieser Forderung nicht bemerken.

Ich sagte es ja neulich schon, ich finde Lookism völlig okay, weil es in meiner Definition die Vorbeurteilung einer Person rein nach ihrer optischen Erscheinung ist und das betrifft vor allem die optischen Aspekte, die jeder Mensch aktiv selber beeinflussen kann.
Jemanden nur wegen seiner Hautfarbe in eine bestimmte Schublade zu stecken, ist meiner Meinung nach kein Lookism, sondern nur dämliche Ignoranz. Wenn sich aber jemand große Mühe gibt, seine Hautfarbe noch durch allerlei andere Modeaccessoires zu unterstreichen und damit besonders hervorzuheben, dann denkt der sich ja was dabei und dann finde ich es legitim, dass ich mir als Beobachter der Szenerie mir auch etwas dazu denken darf.
So'n Punk zB, der sich die Mühe macht, seine Haare regelmäßig optisch passend zu seinem Rollenbild anzupassen, der will doch mit seiner Optik etwas ausdrücken und insofern wäre es ja fast schade, wenn sich da niemand drum kümmern würde.

Und das gilt meiner Meinung nach für alle optischen Spirenzchen, die sich Menschen im weitgefassten Rahmen von "Mode" selber ausdenken.

Ich selber ziehe eine möglichst unauffällige Mode vor. Maximales Understatement war schon immer mein Credo und im übrigen bin ich viel zu eingebildet arrogant als dass ich zugeben würde, dass mich optische Überlegenheit beeindrucken könnte.

"Möglichst unauffällig" heißt dabei 'maximal unterstützend', ohne sich je selber in den Vordergrund zu spielen, weder positiv noch negativ.

Dabei gibt es für mich ein paar NoGos, die ich für mich selber kategorisch ausschließe und wegen derer ich alle Menschen, die hier eine andere Meinung haben, erst mal in eine Schublade mit Minuspunkten stecke, weil sie eindeutig dem Leitbild "die Optik bestimmt nicht den Menschen" widersprochen haben.

Tattoos gehören für mich in diese NoGo-Schublade. Jeder Mensch, der sich ein Tattoo stechen lässt, wird dafür gute Gründe haben - und ich reagiere ganz pauschal mit einem abwertenden "na, dann wird er das wohl brauchen" Schulterzucken darauf, und bin jedesmal froh, dass dieser Krug an mir vorüberging.

Ich hatte auch tatsächlich noch nie das Gefühl, das ich ein Tattoo brauche, ich hatte aber auch noch nie das Gefühl, dass ich heiraten möchte oder mich zu etwas ähnlich "Ewigem" mit nach außen gekehrter Symbolwirkung zu entschließen. Ich habe eben überhaupt wenig Bedarf, anderen Leuten etwas beweisen zu wollen.
Und wenn ich es nur für mich mache - na, dann brauche ich auch kein echtes Tattoo. "Die wahren Abenteuer sind im Kopf" - und nicht von anderen in meinen Körper gepiekst.

Dabei muss ich meinem Vater bis heute zutiefst dankbar sein, dass ich kein eigenes Tattoo habe, denn eine meiner größten Schwächen ist ein 100%iger Widerspruchsgeist. Hätte mein Vater mir vor 40 Jahren verboten, dass ich mich tätowieren lassen, dann wäre ich heute bunt wie ein Bootsmann auf Kaperfahrt. Weil ich es mir natürlich nie hätte verbieten lassen.
Zu meinem großen Glück hat er es aber einfach vergessen mir zu verbieten, was so gesehen schon fast wieder eine Leistung ist, weil er mir ansonsten so gut wie alles verboten hat. Nur an die Tattoos, da hat er tatsächlich nicht dran gedacht. Uffff.

Und um den Bogen zum Einleitungssatz zurück zu schlagen: ich war in einem Männer-Modehaus und ich sach mal so: Die Männer haben echt Glück, dass grade Corona ist und jeder jetzt damit eine perfekte Ausrede hat, nicht den dernier cri tragen zu müssen, weil, das wären sonst bunte Blumenhemden, und das kann doch wirklich niemand wollen, oder
?

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