anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Mittwoch, 22. November 2017
Was man so braucht
Ich finde es ja immer wieder faszinierend, wie unterschiedlich die Vorstellungen der Menschen sind, wenn sie gefragt werden, wie viel Geld sie wohl im Durchschnitt so brauchen.

Das Faszinierende an so einer Untersuchung ist nämlich, dass es keine absolute Zahl gibt, dass also das, was jemand wirklich braucht von so vielen verschiedenen Faktoren abhängt, dass man tatsächlich keine absolute Zahl sinnvoll festlegen kann.
Der eine Mensch kommt völlig locker mit 500€ im Monat aus und hat dabei noch das Gefühl, persönlich richtig reich zu sein und sich alles kaufen zu können, was er will, wenn er ein Monatseinkommen von 700€ hat.

Von der Sorte Mensch habe ich eine Tochter, die gar nicht weiß wohin mit ihrem Reichtum, steif und fest behauptet, dass sie sich alles kaufen könnte, was sie will und dementsprechend aber auch sehr wenig Neigung zeigt, sich karrieremäßig zu sehr anzustrengen. Noch studiert sie d.h. aktuell hängt sie grade in so einer Warteschleife zwischen Bachelor und Master, weil die Zulassung zu dem Master, den sie sich ausgesucht hat, nur zum Wintersemester erfolgt, sie aber eben grade erst ihre Bachelorarbeit abgegeben hat. Deshalb geht es für sie erst nächsten Oktober wieder weiter. Das findet sie aber gar nicht schlimm, dann kann sie jetzt in der Zwischenzeit eben ein bisschen jobben und ansonsten das Leben genießen. Sie braucht ja nicht viel. Dass sie überhaupt den Master macht, liegt wahrscheinlich zu einem großen Teil auch daran, dass ich sie so intensiv dazu gedrängt habe, da ich der festen Überzeugung bin, dass die Wörter "zuviel" und "Bildung" in einem Satz nicht vorkommen.

Ihr großer Bruder dagegen braucht mindestens das Doppelte und hat schon früh eine hohe Kreativität gezeigt, sich immer noch mit irgendwelchen Zusatzmitteln aus Darlehen wohlmeinender Verwandte oder Freunde zu versorgen.
Noch als Schüler hat er sich regelmäßig bei seinem Onkel Geld geliehen, ich schätze, bei ihm hatte er sein Taschengeld schon im zarten Alter von 14 locker bis zur Rente verpfändet.
Und obwohl er durch Nebeneinkünfte etc. tatsächlich über deutlich mehr Monatseinkommen verfügt als seine Schwester, kommt er eigentlich schlecht mit seinem Geld aus und fiebert der Zeit entgegen, wo er endlich fertig ist mit seinem Studium und beginnt, ein angemessenes Gehalt zu verdienen. Ich bin sicher, das wird ihm gelingen, da er Medizin studiert und die Mediziner in Deutschland nicht grade zur unterbezahlten Kaste gehören. Er hat jetzt auch schon einige Facharztrichtungen aussortiert, weil dort das Verhältnis von Arbeit zu Verdienst einfach zu ungünstig ist, er ist ganz zielgerichtet an Karriere interessiert, die für ihn auch zwangsläufig mit dem entsprechenden Einkommen verbunden ist.

Das dritte Kind schließlich könnte man wohl am ehesten als Frugalist bezeichnen, seine Grundeinstellung finde ich in diesem Artikel sehr gut wiedergegeben.
Er möchte das Leben so gut wie möglich mit Nichtstun genießen und bereitet sich bereits jetzt sehr sorgfältig auf die "Rente" vor, oder zumindest darauf, dass er sich später ohne extra Mühe die Dinge leisten kann, von denen er heute schon träumt. Da er der festen Überzeugung ist, dass ihm das nur durch Sparen gelingt, hat er letzten Monat einen offiziellen Sparplan eröffnet, in den er monatlich 1/3 seines Taschengeldes per Dauerauftrag einzahlt.

Ich beobachte diese drei Kinder hoch fasziniert, weil sie mal wieder so unterschiedlich sind, in diesem Fall in ihren Ansprüchen und Erwartungen.
(Mich hat es schon bei den Babys fasziniert, wie unterschiedlich Geschwister werden können und allein um das ausführlich zu beobachten hätte ich gerne 17 Kinder bekommen. Hat dann nicht geklappt, aber diese drei sind wirklich ein Paradebeispiel für komplette Individualität bei ansonsten gleichen Erbanlagen.)

Ich beobachte aber auch bei anderen Menschen mindestens genauso fasziniert, wie unterschiedlich die Bedürfnisse und Erwartungshaltungen sein können, bei der Frage "was man so braucht".

Die Marketingleute haben dabei natürlich jede Menge verschiedene Käufertypen unterschieden, hier machen mir die hübschen Akronyme immer großen Spaß.
LOHAS habe ich neulich erst gelernt. (Lifestyles of Health and Sustainability) Ich hätte sie sonst wahrscheinlich als grüne Yuppies (young urban professional) bezeichnet, was es aber längst nicht so gut trifft und mal wieder beweist, dass sich auch diese Lifestyle-Ideen schneller ändern als ich mitkomme. Denn natürlich sind all diese verschiedenen Anspruchs- und Erwartungshaltungen im Grunde auch nur Ausfluss bestimmter gesellschaftlicher Entwicklungen und die sind immer trendgesteuert, aber gleichzeitig natürlich auch davon abhängig, was der einzelne überhaupt für Auswahlmöglichkeiten hat.

Und hier steht es dann endlich, das Wort, das für mich die Freiheit schlechthin bedeutet:
Auswahlmöglichkeiten
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Denn natürlich sind alle Trends und Typen, alle Lebensmodelle, Ansprüche und Erwartungen nur graue Theorie, wenn ich gar nicht die Möglichkeit habe, sie auszuwählen.
Um diese Freiheit zu erlangen, muss ich im ersten Schritt die Grundlagen schaffen und im zweiten Schritt dann auch bereit sein, Kröten zu schlucken. Wenn ich vorhabe, mit 40 in Rente zu gehen, dann kann ich bis 39 nicht in Saus und Braus leben und regelmäßig mehr als mein Einkommen verprassen. Wenn ich dann allerdings nach 20 Jahre eisernem Sparen mit 41 an einem Herzinfarkt versterbe, ist das auch wieder dumm gelaufen.
Wenn ich meine, 500€ sind ein ausreichendes Monatseinkommen und für mehr muss man sich nicht bewegen, dann muss ich auch damit leben, dass ich nur sehr wenig individuelle Selbstbestimmung habe. Denn dann funktioniert ein Leben im Zweifel nur in einer Groß-WG, die mir nur sehr wenig Privatsphäre lässt und jederzeit verfügbare Stand-by-Mobilität wird dann sicherlich auch ein Problem.
Wenn ich dagegen meine, ich bräuchte mehr Geld und immer mehr Geld, weil es so viele Dinge gibt, die ich mir kaufen möchte, dann verzichte ich in ähnlichem Maße auf meine individuelle Selbstbestimmung, weil ich dann die meisten Dinge im Leben meiner Karriere unterordne.

Man kann es also drehen und wenden wie man will, jedes Lebensmodell hat seine Vor- aber auch seine Nachteile.
Wichtig finde ich nur, dass man sich selber aktiv entschieden hat und nicht willenlos und ohne sich der Folgen bewusst zu sein, in irgendetwas hineingeschliddert ist.
Wenn man aber gefühlt ungewollt tatsächlich in eine Situation hineingerutscht ist, die einem dann, wenn sie unbequem wird, plötzlich nicht mehr gefällt, dann hat man sich meiner Meinung nach trotzdem bewusst dafür entschieden. Man hat sich nämlich viele Jahre lang aktiv dafür entschieden, sich keine Gedanken darum zu machen und sich stattdessen lieber auf den lieben Gott das Wohlwollen von anderen Leute, das BGB oder das Sozialgesetzbuch verlassen. Klar ist es blöd, wenn der Plan dann nicht aufgeht, aber hey, ist das wirklich der liebe Gott schuld?

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