anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Donnerstag, 2. November 2017
Nichtstun rulez
Eigentlich gibt es niemanden, der mich fragt, womit ich meine Tage denn üblicherweise so verbringe, denn eigentlich habe ich mir ein recht überzeugendes Außenwirkungsbild aufgebaut, das sozusagen jeden, der mich kennt, annehmen lässt, ich bin im Grunde dauernd überbeschäftigt und drehe ein ganz großes Rad.
Vielleicht ist das auch tatsächlich so, ich kann das überhaupt gar nicht mehr objektiv beurteilen, denn um für andere ernsthaft überzeugend zu sein, muss ich natürlich auch selber fest daran glauben, dass ich überdurchschnittlich stark beschäftigt bin und natürlich auch ständig mit einem Leistungsgrad von 150% unterwegs bin.

Selbstverständlich glaube ich fest, dass das so ist, zumindest die Nummer mit dem Leistungsgrad ist bestimmt richtig, was allerdings eine Kleinigkeit ist, wenn man die 100% Leistungsgrad am Durchschnittsoutput der sonstigen Kollegen misst.
Das hört sich jetzt nach einer gewaltigen Hybris an, liegt aber einfach nur darin begründet, dass ich nicht mehr in der Privatwirtschaft tätig bin, sondern im öffentlichen Dienst.
Wenn man nach 25 Jahren Tätigkeit in der freien Wirtschaft in den öffentlichen Dienst wechselt, fühlt sich das am Anfang an, als ob man aus vollem Lauf auf Kindergartengetrippel abgebremst wird.
Für mich war das allerdings die perfekte Übergangsmethode, denn als ich vor über neun Jahren mein Leben neu erfunden und in diesem Zusammenhang auch genau diesen Wechsel vollzogen habe, hätte ich zunächst mal gar nicht die Kraft gehabt, mit dem alten Schwung weiterzulaufen, so dass ich nur mit einer halben Stelle im öffentlichen Dienst angefangen habe, aber nach kurzer Zeit erstaunt feststellte, dass ich mit einer halben Stelle ungefähr so viel leiste, wie andere Kollegen, die sich den ganzen Tag im Büro rumdrücken. Das gab gewaltig viel Selbstbewusstsein und führte nach einiger Zeit dazu, dass ich mir ganz ohne Stress eine volle Stelle zutraute, denn die heißt im öffentlichen Dienst eben wirklich nur 40 Stunden und nicht 60, wie in der freien Wirtschaft.

Diese volle Stelle habe ich also nun schon seit ein paar Jahren, da ich mich vorher aber gut regeneriert und erholt hatte, finde ich so ca. 45-50 Stunden die Woche überhaupt nicht anstrengend, was wiederum dazu führt, dass ich mir locker zwei-drei Wochen Extraurlaub pro Jahr einfach durch Überstunden abbummeln leisten kann.

Eine dieser Extrawochen läuft grade, okay, durch die Feiertage sind es nur drei Extratage "Gleitzeit", die man einsetzen muss, absolut ist es aber eine ganze Woche Ferien, die ich grade genieße und eben erschrocken festgestellt habe, dass morgen schon Freitag ist und damit die Extrazeit schon fast wieder rum ist.
Was ich in den letzten Tagen gemacht habe, kann ich gefühlt in einem Wort zusammenfassen: Nichts.
In echt, war es natürlich etwas mehr, ich habe der Fachschaft Medizin in Hamburg einen Crashkurs in Sachen Buchhaltung gegeben, anschließend alte Freunde von ganz früher wiedergetroffen und wahrscheinlich viel zu viel Rotwein getrunken, aber es gab Amarone und deshalb wäre es zu schade gewesen, wenn ich da nicht mitgehalten hätte, dann habe ich Herwart getrotzt und bin streng gegen den Wind bis nach Borkum gefahren (das Auto brauchte locker 25% mehr Sprit als sonst, nur weil es der Gegenwind so stark war), habe zwei Tage mit der Heizung gekämpft (okay, kämpfen lassen) und abschließend gewonnen, bis dahin aber sehr gefroren und tapfer kalt geduscht (wobei Zähneputzen mit kaltem Wasser noch viel schlimmer ist, finde ich), gestern habe ich ein Haus gekauft und heute so lange experimentiert, bis ich jetzt tatsächlich den perfekten Eiergrog beherrsche.

Und natürlich habe ich auch noch andere Dinge in der Zwischenzeit gemacht, schließlich bin ich seit über 100 Stunden schon hier auf Borkum, aber gefühlt habe ich meine Zeit hauptsächlich mit Nichtstun verbracht - und das tatsächlich mal wieder sehr genossen.
Für die Außenwirkung ist das aber natürlich eine Katastrophe, deshalb bin ich auch sehr froh, dass eigentlich keiner fragt, was ich denn tatsächlich den ganzen Tag so mache. Eigentlich heißt in diesem Fall niemand außer mir selber - und ich übe grade, mir auf meine eigene Nachfrage zu bestätigen, dass ich alles richtig gemacht habe
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