anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Montag, 29. August 2016
Altern
"Alt werden ist ein Vorgang, der mit einer ganzen Reihe Veränderungen einhergeht." - soweit würde diesen Satz wohl jeder unterschreiben.
Das Faszinierende ist nur, dass diese Veränderungen teilweise schon wirklich skurrile Ausprägungen haben, ich nenne sie mal „Veränderungsfeatures“, und noch viel faszinierender ist, dass diese Features ganz plötzlich da sind, einfach über Nacht vom Himmel gefallen ins Bett gekrochen und gehen fortan nicht mehr weg.

Warum alte Leute so seltsam sind, weshalb sie so schräge Angewohnheiten haben und wieso sie so wunderliche Dinge tun, sagen, denken und erwarten - das waren Fragen, die habe ich mir schon als Kind gestellt und ich habe mir damals fest vorgenommen, erstens kein langweiliger Erwachsener und zweitens aber erst recht keine seltsame Alte zu werden. Sowas muss sich doch verhindern lassen - man muss sich selber nur genau und sorgfältig beobachten und bei den ersten Anzeichen von beginnender Veränderung - zack - eingreifen und verhindern.
Weil, so dachte ich früher, solche Veränderung kommen ja langsam und schleichen sich einfach heimlich und unbemerkt ein, wenn man nicht aufpasst. Ich aber wollte aufpassen, hatte ich mir fest vorgenommen.

Seit frühester Jugend an beobachte ich also meine Lebensabläufe, -umstände und -veränderungen ganz genau und sehr kritisch - und ewig lange hat sich gar nichts getan.
Das mit dem Erwachsenwerden konnte ich einigermaßen erfolgreich managen, bilde ich mir ein. Ich denke, ich habe zumindest erfolgreich verhindert, dass ich ein langweiliger Erwachsener werde. Dafür war aber auch nicht sehr viel mehr notwendig als die feste Überzeugung, dass "Spaß haben" grundsätzlich und immer die oberste Lebensmaxime sein muss. „Die reine Vernunft darf niemals siegen!“ sagte schon Albert Einstein, und daran habe ich mich einfach immer gehalten und bin gut gefahren damit.

Spätestens seitdem ich dreißig bin, warte ich aber außerdem darauf, dass das mit dem "alt und seltsam werden" dann endlich auch mal losgeht, denn ich war schon seit jeher schwer gespannt, wie das passiert – nur entgegen vielerleuts Prophezeiungen haben sich bei mir die sonstigen Altersfeatures zunächst mal reichlich Zeit gelassen.

So wurde ich Mutter und nichts veränderte sich. Zumindest nicht so, dass ich es als "Alters- oder Seltsamkeitsfeature" hätte bezeichnen können.
Ganz eigentlich wollte ich ja nie Kinder haben, aber herrje, läuft halt nicht immer so, wie man sich das vorstellt, also machen wir das Beste draus. Kind kriegen wir auch noch mit durch. Wir werden schon Spaß haben.
Dann wurde ich dreißig, aber auch jetzt veränderte sich nichts so, wie es mir viele Menschen vorhergesagt hatten. (Werd du erst mal dreißig, du wirst schon sehen, wie sich das Leben verändert.) Weder das Leben noch ich veränderten sich spürbar.

Auch mit vierzig bemerkte ich noch keinen feststellbaren Unterschied. Ich fühlte mich eigentlich immer noch wie mit zwanzig, es gab keinerlei körperliche Veränderungen (zumindest keine, die ich spür- oder sichtbar registriert habe), und es gab auch keine psychischen oder mentalen Änderungen. Ich hatte in Grundsatzdingen immer noch dieselbe Meinung und Überzeugung wie mit 20 und ich habe sie auch noch genauso energisch vertreten und gelebt.
Mir gefielen immer noch dieselben Dinge, meine Vorlieben, Abneigungen, Gewohnheiten und vor allem mein "Ich-Gefühl " - alles unverändert.
Mit 40 war ich dreifache Mutter und ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich oftmals beklommen meine Kinder beguckte und von einem ganz unwohlen Gefühl beschlichen wurde: Die hielten mich doch tatsächlich für ihre Mutter. - Mich. Die meinten auch ernsthaft, ich sei eine Mutter. In solchen Momenten hatte ich meist ein wenig Mitleid mit meinen Kindern, denn wie leicht hätte das ins Auge gehen können. Dann wäre die Chose aufgeflogen und sie hätten bemerken müssen, dass ich ganz in echt immer noch ein ziemlich unerwachsenes Gör mit hauptsächlich Flausen im Kopf war. Nix Mutter und seriös und vernünftig und erwachsen. Ich hatte einfach nur versucht, für alle Beteiligten das Beste aus den gegebenen Umständen zu machen und stets darauf geachtet, dass wir alle viel Spaß dabei hatten. Aber das ist dann natürlich auch die Kehrseite der Medaille, wenn man kein langweiliger Erwachsener werden will, den Prototyp der guten Mutter kriegt man dann auch nicht hin.

Aber dann ging's plötzlich los. Mit Mitte vierzig wurde ich von einer massiven Sinn- und Jammerkrise überrollt. Wo die plötzlich herkam, wie die angefangen hat, was der Auslöser war - keine Ahnung. Sie war plötzlich da und ging nicht mehr weg.
Ich musste mich sehr anstrengen, diese Krise überhaupt irgendwie in Griff zu kriegen, übrig blieb eine AnJe, die deutlich älter war. Oder vielleicht auch nur deutlich müder, denn das bin ich seitdem: dauermüde. Und mit dieser latenten Dauermüdigkeit im Nacken sind viele Dinge natürlich deutlich anstrengender und machen entschieden weniger Spaß.

Und seitdem trudeln jede Menge seltsame Altersfeatures ein, die meisten davon einfach so, sind –zack – plötzlich da, wenn ich mal eine Sekunde nicht aufgepasst habe, weil sich meine eigene Altersbeobachtungskontrolle mal kurz schlafen gelegt hat. (Die Dauermüdigkeit, da ist nicht gegen anzukommen.)

So wachte ich eines Morgens auf und konnte meine Augen nicht mehr scharfstellen. Lesen auf 30cm Entfernung ging nicht mehr. Echt, über Nacht.

Dann war mir plötzlich nicht mehr kalt. Kam auch ganz plötzlich, fand ich aber zunächst mal gar nicht schlimm, denn immerhin hatte ich bis zu dem Zeitpunkt weit über vierzig Jahre durchgefroren. Mir war früher eigentlich immer kalt, selbst im Sommer. Meine Lieblingsstrandbekleidung war früher ein riesiger Kaschmirpulli, den kann man nämlich auch auf nackter Haut prima tragen. Das einzige, was ich bei diesem Temperaturfeature etwas ärgerlich finde, ist, dass mir jetzt immer so viel zu warm ist, wie mir früher zu kalt war; nur gegen Wärme hilft auch kein Kaschmirpulli, zumindest nicht, wenn man ihn schon ausgezogen hat. Seitdem sich mein Temperaturverhalten um 180° gewandelt hat, habe ich eine immer intensivere Sommerabneigung entwickelt, hier kann ich dann durchaus mal zusehen, wie es kontinuierlich schlimmer wird, mein Hass auf Hitze, aber ändern kann ich ihn trotzdem nicht.

Und irgendwann hatte ich auch keine Lust mehr zu rauchen.
Ich fand Rauchen einfach blöd (auch wenn ich es deshalb trotzdem nicht einfach so über Nacht abstellen konnte, aber das ist eine andere Geschichte).
Dass ich Rauchen plötzlich blöd fand, hat mir dann aber schon zu denken gegeben, schließlich war ich über Jahrzehnte überzeugter Genussraucher gewesen. Weshalb ich es so ruckartig nicht mehr gut fand, weiß ich nicht, bemerkenswert finde ich nur, dass alle Gründe gegen das Rauchen , die ich heute in Mengen vortrage und von denen ich natürlich auch tief überzeugt bin, alle so schrecklich vernünftig und langweilig alt-erwachsen sind.
Hier bemerke ich also das erste Mal eine Körperveränderung im Kopf, eine Gesinnungsänderung.
Wo die jedoch herkommt, wie die entstanden ist und vor allem, weshalb die jugendliche Leichtigkeit des "mirdochegal" nicht mehr genug Durchschlagskraft hat, um sich gegen die üble Vernunftsdiktatur (Altersweisheit?) zu wehren, das kann ich nicht erklären, das ist alles unbemerkt von meiner "Altwerdenradarüberwachung" ganz stickum in mein Leben gerutscht, und ich habe keine Idee, wie ich so etwas verhindern könnte.

Jetzt lassen sich mit "nicht mehr rauchen" und "nicht mehr frieren" natürlich rein medizinisch/biologisch andere körperliche Veränderungen erklären, wie zB "plötzlich 15kg mehr".
Dabei war die Gewichtszunahme selber nicht das unerwartete Übernachtereignis, aber es hat sich durchaus sehr plötzlich geändert, dass ich nicht mehr essen konnte, was ich wollte.
Ich habe mich jahrzehntelang schwerpunktmäßig von Kartoffelchips und Kaffee ernährt - und plötzlich ging das nicht mehr. Plötzlich stellte ich verwundert fest, dass ich von einer 150g Tüte Kartoffelchips gut 1,5 kg Gewicht zulegte (übrigens ein Phänomen, was mich schon aus rein naturwissenschaftlicher Sicht fasziniert).
Kaffee dagegen - ein Getränk, das ich früher am liebsten intravenös genossen hätte und mindestens zwei Liter davon pro Tag brauchte, um überhaupt zu überleben - Kaffee schmeckte mir plötzlich nicht mehr. Oder anders gesagt: Ich hatte keinen Appetit mehr auf Kaffee. Ich trinke zwar noch jeden Morgen vor dem Aufstehen eine Tasse Kaffe, aber den Tag über bin ich ansonsten mit Tee (und auch noch diesen peinlichen "Omas Kräutertee") viel mehr zufrieden. Wenn ich mir diese Vorlieben- und Verhaltensänderung aber objektiv von der Seite begucke, dann bin ich schon gut unterwegs auf dem Weg zur „seltsamen Alten“, aber, wie schon oben gesagt, ich habe keine Idee, wie ich das ändern könnte.

Und es werden immer mehr von diesen skurrilen Altersfeaturen:

Nehmen wir mal die Sache mit dem Bauch, der ist nämlich ein Opfer des Temperaturwandels. Früher war mir immer kalt, d.h. aber nicht, dass ich überall gefroren habe. Am Bauch z.B. habe ich nie gefroren.
Jetzt ist mir immer warm – bis auf den Bauch, da friere ich jetzt ständig. Mir ist überall warm, nur am Bauch ist mir kalt.
Ich habe keine Ahnung, wann das angefangen hat. Eines Tages fror ich einfach am Bauch und scheinbar ist es dann dabei geblieben.
Irgendwann muss es zwar ein erstes Mal gegeben haben - nur genau das ist mir nicht aufgefallen.
Dabei ist das so ein auffälliges Alters-Feature, denn kein normaler junger Mensch friert am Bauch, zumindest nicht als einzige oder erste Stelle am Körper, wenn sonst alles warm ist. , so wie es mich seit einiger Zeit am Bauch friert.

Ich habe natürlich nie Unterhemden getragen. Denn Unterhemden, nein wirklich, die sind ja nun so eindeutig so sehr omaalt, da gibt es auch nichts mehr zu beschönigen, Unterhemden sind was für seltsame Alte. Aber wenn man am Bauch friert, dann wirft man auch schon mal steinerne Grundsätze über Bord…..

Ein anderes Altersfeature sind diese Härchen, die mir plötzlich an Stellen wachsen, wo sie früher nie gewachsen sind, dafür wachsen dort, wo ich sie früher immer weggemacht habe, heute gleich gar keine Haare mehr. Achseln und Beine sind also quasi haarfrei, aber am Kinn und auf der Oberlippe komme ich aus dem Zupfen gar nicht mehr raus. Diese Härchenzupferei hat sich mittlerweile zu einer echten Manie entwickelt. Ich habe an allen Stellen, an denen ich mich häufiger aufhalte, strategische Pinzettendepots eröffnet, also nicht nur im Bad, sondern auch am Bett, am Schreibtisch, am Sofa, im Auto und im Büro. Und in der Handtasche natürlich, für unterwegs. Und da ich zwei Zuhauses habe, gibt es in/an jedem Bad, Bett, Schreibtisch, Sofa mindestens eine Pinzette. Aufaddiert besitze ich also mindestens zwölf Pinzetten (in der Handtasche sind zwei) und wenn ich mir jetzt überlege, dass ich früher noch nicht mal meine Augenbrauen gezupft habe, weil, war nicht nötig (übrigens bis heute nicht, die wachsen ganz freiwillig okay), dann bin ich auch hier der seltsamen Alten schon ein gutes Stück entgegen gekommen.

Und so geht es munter weiter, ein Skurrilitäten-Feature nach dem anderen nistet sich ein und ich stehe staunend daneben und kann es nicht fassen.
Ich trage meine Haare am liebsten zu einem Knoten gedreht, weil a) nicht so warm im Nacken (immer zu warm, ich sagte es schon) aber auch weil b) viel bequemer, muss man die Haare nicht so oft waschen.
Ich trage auch immer seltener hochhackige Pumps und habe eine verheerende Leidenschaft für Sneaker entwickelt. (Der neue Modeschuhe der Ü60 Generation, so weit ist es mit mir jetzt schon gekommen.)
Meine Toleranzschwelle ist deutlich nach unten gerutscht, dumme Leute finde ich mittlerweile nicht mehr witzig, sondern nur noch anstrengend.
Technik hat den Reiz des Neuen verloren. Es kommt immer häufiger vor, dass ich mich gar nicht oder nur sehr schaumgebremst für neue Technik und Software interessiere und dabei so gruselige Sätze murmele wie: „Das hat doch bisher auch ohne XY sehr gut funktioniert.“
Andere Sprachen sind mir lästig geworden. DAS ist wirklich ein angstmachendes Feature, wenn man bedenkt, wie sprachversessen ich früher auf jede neue Sprache reagiert habe und es superklasse fand, in vier Sprachen gleichzeitig durch den Alltag zu surfen. (Wenn wir in Frankreich Urlaub machten, ich mit dem südafrikanischen AuPair weiterhin englisch redete, ins holländische wechselte, wenn das englische Wort fehlte, die Kinder auf deutsch anschimpfte und in französisch mit dem örtlichen Handwerker verhandelte. Dann erst fühlte es sich wie „pralles Leben“ an.) Heute habe ich noch nicht mal mehr Lust, ins Ausland in Urlaub zu fahren. Scary, sage ich da nur.

Aber obwohl ich mir so fest vorgenommen hatte, jede Veränderung genau zu beobachten und vor dem Betreten des Hauses schon zu verscheuchen, so stelle ich heute dann doch fest: Hat nicht geklappt, ich glaube, ich bin schon jetzt ganz schön greisig – and more is yet to come
.

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