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Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Donnerstag, 4. Juni 2026
Briefe als Nachlass
Herr Buddenbohm schrieb etwas über Briefe schreiben, die Kaltmamsell griff das Thema auf und kam dabei unter anderem auf die Frage, was mit ihren Briefen nach ihrem Tod passiert. Also nicht mit denen, die sie selber geschrieben hat, die hat sie ja aufgegeben (ich finde diesen albernen Wortwitz jedes Mal wieder schön), sondern mit denen, die sie selber bekommen und bisher aufbewahrt hat.

Ich habe in meinem Leben auch sehr viele Briefe geschrieben bzw. bekommen, weil ich schon früh ausführliche Brieffreundschaften pflegte, deshalb schreckte ich an genau dieser Stelle auf, denn auch in meinem Keller gibt es eine sehr große Kiste mit Briefen, die ich bekommen habe und natürlich habe ich die auch alle gesammelt und aufbewahrt und bisher nicht weggeworfen.

Als von Bekannten die Mutter gestorben war, fanden ihre Kinder in ihrem Haus auch so eine Kiste mit alten Briefen und Fotos, von deren Existenz sie vorher nichts wussten. Für die Kinder war das unglaublich spannend, sie haben alles neugierig durchstöbert und machten sich im Nachhinein eifrig über die verborgenen Details aus dem Leben ihrer Mutter her.

Ich fand das richtig gruselig, denn wenn es sie so interessiert, warum haben sie die Mutter nicht danach gefragt, als sie noch lebte? Wenn sie sich vorher nicht getraut haben, mit der Mutter zu reden, weil sie Sorge hatten, dass sie der Mutter mit ihren Fragen zu nahe gekommen wären, es also immer eine gewisse Distanz zwischen ihnen gab, oder weil die Mutter die Antwort offen verweigerte, dann gebietet es meiner Meinung nach der Anstand, das Wesen oder den Willen der Verstorbenen auch nach ihrem Tod zu respektieren.
Aber da hat natürlich jeder seine eigene Meinung zu.

Ich machte mir auf alle Fälle Gedanken über meine eigene Briefekiste und kam dann aber nach einigem Nachdenken zu dem Schluss, dass nach meiner Erinnerung wohl in keinem meiner erhaltenen Briefen etwas so Spannendes oder Geheimes drinsteht, dass sich meine Kinder ernsthaft dafür interessieren werden bzw. dass es da wirklich etwas Neues für sie zu entdecken gibt, so dass ich keine Notwendigkeit darin sehe, die Briefe jetzt schon mal prophylaktisch zu vernichten oder konkrete Anweisungen zu erteilen, wie nach meinem Tod damit umzugehen ist.

Das liegt zu einem Großteil sicherlich daran, dass ich es ja noch nie wichtig fand, mein Leben, meine Erlebnisse oder meine Gedanken so unter Verschluss zu halten, dass ich eigentlich nicht darüber reden möchte, ich habe ja noch nicht mal ein Problem mit einem offenen Tagebuchblog.

Klar ist nicht alles blogbar und natürlich gibt es Dinge, die gehören nicht in die Öffentlichkeit, aber zumindest in meiner inneren Familie wüsste ich kein Thema, über das ich nicht offen reden würde, wenn es den anderen irgendwie betrifft oder interessiert oder interessieren könnte, ich kann mir also gar nicht vorstellen, dass meine Kinder nach meinem Tod sich mit Informationen beschäftigen werden, zu denen sie auch vor meinem Tod schon jederzeit Zugang haben.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich zu so vielen Themen gar keine dezidierte Meinung habe und sehr häufig sogar zwei sehr konträre Positionen zumindest in Ansätzen verstehen oder akzeptieren kann. Ich glaube, in vielen Bereichen ist meine Ambiguitätstoleranz recht hoch.

Es gibt allerdings einzelne Themen, zu denen habe ich sehr wohl eine eigene und dann auch eine sehr konkrete Meinung, bei diesen Themen ist meine Toleranz exakt bei Null und ich habe weder ein Bedürfnis, das zu ändern, noch sehe ich eine Notwendigkeit dafür.

So ist es mir zB völlig wurscht, welche Art von Sexualität oder Geschlecht jemand für sich selber bevorzugt, ich wüsste einfach nicht, weshalb mich das mehr interessieren sollte als die Farbe seiner Socken.
Und auch in meiner inneren Familie sehe ich da keine Notwendigkeit, dass ich da selber in irgendeiner Art Stellung zu nehmen sollte. Selbst wenn mir mein Westfalenmann jetzt mitteilte, er fühlte sich eigentlich als Frau und möchte gerne sein Geschlecht ändern lassen und künftig nur noch Frauenkleidung tragen, wäre wohl das einzige, was mir dazu einfiele eine Bemerkung wie: "Wenn es dich zufrieden macht, dann viel Spaß. Mir wäre das zu unbequem."

Das fällt mir vor allem deshalb als Beispiel ein, weil ich neulich mal wieder irgendwo im Fernsehen einen Film sah, wo genau das ein großes Problem für Frau und Sohn war, also dass ein älterer Mann sich endlich zu seinen geheimen Gendergelüsten bekannte und ich dann nur fragend davor sitze und mich wundere, weshalb man sich darüber aufregen sollte.

Wenn mir mein Westfalenmann allerdings jetzt plötzlich und unerwartet mitteilte, dass er schon immer ein großer Fußballfan war und dass er beschlossen habe, diese seine Leidenschaft künftig nicht weiter zu verstecken, sondern endlich ausleben wolle, nun, hmmm, ich denke, dann hätte ich ein ernstes Problem mit unserer Beziehung.

Was Sport angeht ist meine Akzeptanzgrenze sehr niedrig. Ich kann es grundsätzlich akzeptieren, wenn jemand selber gerne Sport macht, auch wenn es mir wohl nie gelingen wird, es nachzuempfinden, da mir dafür einfach die Bewegungsbegeisterung fehlt. Dass aber Leute von passivem Sport besessen sind, also selber nur zugucken, wie andere Sport machen und das dann toll finden, da fehlt mir nicht nur das Verständnis, sondern auch die Akzeptanz, zumindest wenn es sich um Menschen in meiner direkten, inneren Umgebung handelt.

Ich habe einmal mit einem sportbegeisterten Mann zusammengelebt, gelernt habe ich aus dieser Beziehung vor allem, dass ich das nicht wiederholen werde. Wenn sich das gesamte Leben um von außen vorgegebene Termine von irgendwelchen Sportveranstaltungen dreht und gefühlt die Hälfte der gemeinsamen Zeit dadurch gesperrt ist, weil grade Olympia oder Welt-, Europa- oder sonstwasfüreine Meisterschaft stattfindet und das alles dringend live angeschaut werden muss, dann versagt meine Toleranz sehr schnell.

Vor allem dieses "live" anschauen entzieht sich komplett meinem Verständnis. Was ist an einem Fußballspiel anders, ob ich es in der Mediathek anschaue oder in der Liveberichterstattung? Man muss sich ja nicht das Ergebnis vorher sagen lassen.

Zu Sport habe ich also eine sehr deutliche Meinung, die sich im Laufe der Jahre auch noch immer weiter verstärkt und verfestigt hat. Von mir aus kann zwar jeder machen, was er will, aber ich möchte dann bitte nichts damit zu tun haben. Als ich neulich eine Freundin besuchte, traf ich dort auf ein anderes Ehepaar, was ich vorher nicht kannte. Die zwei machten grundsätzlich einen sehr sympathischen Eindruck, es stellte sich im Verlauf des Gesprächs aber heraus, dass sie beide begeisterte Fußballfans sind und als sie meine Ablehnung bemerkten, wollten sie ihre Leidenschaft nicht nur teilen, sondern mich gefühlt auch missionieren, also so im Stil meines Vaters, der andere ja auch gerne mal zu ihrem Glück zwang, weil sie immer wieder aufs Neue versuchten zu erklären, wie toll das ist, sich live so ein Fußballspiel anzusehen, wegen der Atmosphäre und wegen was weiß ich, eben überhaupt - und naja, spätestens dann setzt bei mir ein intensiver Rückwärtsgang ein.
Nein danke, ich möchte lieber nicht.

Aber all das ist für die Menschen in meiner persönlichen Umgebung keine neue Information und da ich insbesondere zum Thema Sport schon immer eine sehr distanzierte Haltung hatte, werden sie auch in alten Briefen keine anderen Details finden.

Was sie im übrigen auch nicht finden werden, sind Liebesbriefe, denn ich habe nie welche bekommen.
Obwohl, so stimmt das nicht, ich habe sehr wohl Liebesbriefe bekommen, aber nie von einem der Männer, mit denen ich wirklich eine echte Beziehung führte.
Die Liebesbriefe, die ich bekommen habe, stammen alle von Männern, mit denen ich nicht zusammen war, ich scheine wohl eine starke Anziehung auf Männer auszuüben, die sich vorzugsweise in Frauen verlieben, die mangels gegenseitiger Zuneigung unerreichbar sind.

Auf alle Fälle sind das die einzigen Liebesbriefe, die ich je bekommen habe, denn da ich nie eine Fernbeziehung führte, gab es auch nie eine Notwendigkeit, mit dem eigenen Partner in einen schriftlichen Austausch zu treten oder sich gar schriftliche irgendwelche Sehnsüchte vorzutragen. Zumindest nicht handschriftlich und auf Papier.
CW hatte eine Handschrift, die konnte niemand lesen (er selber auch nicht) und mein Westfalenmann kann glaube ich gar nicht mehr mit der Hand schreiben, ich kenne auf alle Fälle kein handschriftliches Dokument von ihm auf dem mehr drauf steht als seine Unterschrift
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