anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Donnerstag, 11. Juni 2026
Der 90. Geburtstag
Heute war der 90. Geburtstag von Miss Sophie meiner Mutter und ursprünglich wollte sie ihn genauso feiern wie ihren 80., d.h. sie wollte auch nur die Gäste einladen, die auch zum 80. schon geladen waren. Es hatten sich aber in der Nachkommenschaft neue Partnerschaften ergeben und so gab es dann doch Änderungen.
Es kamen Partner dazu (auch Enkel werden älter), andere waren ersetzt worden.
Drei der Enkel hatten keine Zeit bzw. waren zu weit weg, um mal eben zum Geburtstag feiern vorbei kommen zu können.
Gefeiert wurde auch nicht mehr in der Wohnung der Mutter, sondern in der Wohnung der Schwester, was die Schwester verständlicherweise sehr in Stress versetzte, es gab aber wenig sinnvolle Alternativen.

Wir wohnen aktuell noch zu weit weg, das Haus in Rheda wäre optimal, ist aber noch nicht fertig und so musste man aus den gegebenen Möglichkeiten das Beste machen.

Ich hatte die Aufgabe bekommen, eine Schwarzwälderkirschtorte zu backen, weil das der traditionelle Geburtstagskuchen zumindest in meiner Familienlinie war und ist. Meine Schwester mag ihn nicht so, d.h. dort gab es den nie, aber ich kenne nur diesen Kuchen als Geburtstagskuchen, denn den hat schon meine Großmutter immer gebacken.
Meine Kinder lieben ihn und ich bin immerhin bereit ein Stück davon zu essen, was bei meiner sonstigen Kuchenabneigung schon etwas bedeutet.

Meine Schwester bat mich allerdings, möglichst keinen Alkohol in den Kuchen zu tun, was bei mir auf einen starken innerlichen Widerstand stieß. Kein Rum im Kuchen macht den Kuchen ungefähr so genießbar, wie Kartoffeln ohne Salz. Es bleibt essbar, aber mir fehlt die Freude am Essen und warum soll ich Kuchen essen, der für mich nur fad schmeckt?

Dann fiel mir aber ein, dass wir ja mittlerweile mindestens zwei Hardcore-Veganer in der Familie haben und für die muss das Essen ja sowieso immer besonders zubereitet werden. Reines Weglassen, wie bei Vegetarieren, funktioniert da nicht, denn auch Kuchen ohne Fleisch ist nicht zulässig, wenn da Eier verbacken wurden. Für Veganer muss man also eh immer mit Ersatzprodukten arbeiten, weshalb ich üblicherweise das Kochen für Veganer schlicht ablehne, mir ist das definitiv zu albern.

Aber wenn ich doch sowieso eine Schwarzwälderkirschtorte ohne Alkohol backen soll, dann kann ich auch gleich eine vegane Torte backen, dann kommt es da auch nicht mehr drauf an, ich muss sie schließlich nicht essen und ich bekomme bestimmt Extra-Karma-Punkte, wenn ich mich derart brav und folgsam den Vegan-Geboten beuge.

Also versuchte ich im ersten Schritt, einen fertigen, veganen Biskuit-Tortenboden zu kaufen, weil, ich muss das Zeug ja nicht essen, da kann ich auch bedenkenlos Fertigprodukte verwenden.

Ergebnis: Habe ich nirgendwo gefunden. Ich war in diversen Läden, keiner hatte vegane Biskuitböden.
Überhaupt scheint mir der Vegan-Hype sehr abgeflaut zu sein, es gibt sozusagen keine Sonderregale mit nur Vegan-Kram mehr, sondern vegane Produkte sind zwischen nicht veganen ohne besondere Hinweise einfach einsortiert.

In den Sonderregalen stehen jetzt Protein-Produkte, ist offensichtlich aktuell deutlich angesagter.

Also musste ich auch den Tortenboden selber backen und weil ich keine Lust hatte, mich ausführlich mit veganen Backalternativen zu beschäftigen, kaufte ich kurzerhand Ei-Ersatzpulver im Großmarkt.
Großmärkte haben traditionell keine Kleingebinde, also kaufte ich das kleinste verfügbare und das war ein Kilopaket Ei-Ersatzpulver, was in der Menge 143 Eiern entspricht. Wenn vegan, dann auch all in.

Außerdem kaufte ich zwei Becher vegane Schlagsahne und eine Tube vegane Zuckerschrift.

Gestern Abend habe ich dann zwei Biskuitböden gebacken: Einen vegan und einen klassisch.
Außerdem kochte ich zwei Portionen Kirschfüllung, das konnte dann alles über Nacht abkühlen.

Heute Morgen schlug ich noch die Sahne und bastelte dann die Torten zusammen. Rein optisch sahen sie sich sehr ähnlich

Schwarzwälderkirschtorte, vegan und klassisch

Auf die klassische Torte (natürlich MIT Alkohol) schrieb ich noch "90" mit der veganen Zuckerschrift und war sehr versucht, auf die vegane Torte einen Totenkopf zu malen, ließ es dann aber bleiben, man muss es ja nicht übertreiben, mit dem persönlichen Widerstand.

Dann verpackte ich beide Torten transportsicher und wir fuhren nach Bielefeld, wo wir auf die Minute pünktlich zur eingeladenen Kaffeezeit eintrafen.

Der Rest war dann Geburtstagsfeier mit Verwandtschaft wie es eben so ist.
Ich bin nicht familienkompatibel, aber das ist auch nichts Neues.

Die Mutter versicherte mir ausführlich, dass ich ja nun wirklich erstaunlich grau geworden bin, fast so wie sie selber, aber ihre Haare wären immerhin schön weiß, meine nur grau, dafür aber sehr grau.
Ich fragte sie, ob sie nicht auch noch feststellen wolle, dass ich wirklich dick geworden bin, das täte sie ja sonst auch, sie merkte, dass sie wohl einen Schritt zu weit gegangen war, aber da war es schon zu spät und passiert.

In der Bruderfamilie lebt seit Anfang des Jahres auch ein Hund, die Schwester und ihr Freund haben jeder auch einen Hund, mit Bixa wären es also vier Hunde gewesen, die bei dieser Geburtstagsfeier zwischen den Menschen rumgewuselt wären, ich war auf eine Menge Hundetheater gespannt.

Bixa ist grundsätzlich niemals aggressiv, sondern immer zu allen Lebewesen nur freundlich, aber gleichzeitig auch sehr neugierig, schmusebedürftig und intensiv an anderen Hunden interessiert und fordert sie beständig zum Spielen auf.

Der kleine Hund der Schwester hat leider vor allen möglichen Dingen Angst und am meisten vor anderen Hunden, weshalb er bellt und kläfft wie blöde, wenn sich ein anderer Hund nähert. Wenn nur Bixa zu Besuch ist, kann man es noch einigermaßen organisieren, dass die zwei sich nicht zu nahe kommen, wenn noch ein vierter Hund und außerdem jede Menge Menschen dazukommen, wird es unbestritten schwierig.

Die Schwester hatte ihre Hunde deshalb vorsichtshalber alle in externe Betreuung gegeben, um die "vier Hunde mit Bixa-Problematik" zu entschärfen.

Der Hund des Bruders ist nun auch kein Draufgängerhund, aber dass sie gut mit Bixa spielen kann, haben wir schon auf Borkum gesehen.
Allerdings funktioniert das Spielen der Hunde nur draußen und ohne menschliche Intervention. Dann funktioniert es allerdings wirklich bestens.

Das Problem sind also nicht die Hunde, sondern die Menschen, die die typischen Helikopter-Hundehalter-Eigenschaften zeigen und so war es natürlich schwierig, als der Bruder samt Hund und Familie eintraf, die ihren Hund aber nicht einfach draußen auf der Wiese laufen lassen wollten und überhaupt ständig sehr besorgt waren, dass sich ihr armer kleiner Hund doch bitte auf keinen Fall zu sehr verausgabt.

J meinte, Bixa wäre ein Arschlochhund, weil sie andere Hunde immer ärgern müsse und nicht in Ruhe lassen könne, ich reagierte darauf massiv beleidigt, weil ich finde, Bixa ist kein Arschlochhund, sondern einfach nur extrem freundlich, aufgeschlossen und spielbegeistert und noch nicht alt genug, um den Unterschied zwischen draußen und drinnen sauber zu erkennen.

Wie auch immer, ich fand die Situation extrem unerfreulich und wollte dann so schnell wie möglich nach Hause, ich möchte meinen Hund weder dauernd verteidigen, noch rechtfertigen aber auch nicht einsperren oder anbinden müssen, nur weil der Rest der Welt eine andere Vorstellung davon hat, wie sich ein Hund benehmen sollte
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