anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Dienstag, 11. Mai 2021
Auf auf folgt ab
Dem schwungvollen Montag folgte ein ausgesprochen bewegungsarmer Dienstag.
Er begann damit, dass ich erst um halb neun durch nachhaltiges Telefongeklingel aufgewacht bin. Ach ja, Home-Office, da gilt halb neun als Arbeitszeit. Nach dem Telefonat, was ich ziemlich verpeilt im Halbschlaf annahm und dann während des Gesprächs versuchte, mich ins Wachsein zu hangeln, was nur so mittelgut gelang, habe ich mir einen Kaffee gekocht und mich vor den Rechner gesetzt.
Im Posteingang ein Stapel E-Mails, die ich überwiegend langweilig fand. Ich fühlte mich krank mit seltsam diffusen Symptomen, also grundsätzlich nicht diagnostizierbar krank, aber schlapp, abgeschlagen und mit dem dauerhaft starken Wunsch, mich einfach wieder ins Bett zu legen und dort vorzugsweise nichts zu tun. Ich wollte also noch nicht mal schlafen, denn Müdigkeit war gar nicht das Problem, sondern mich quälte nur eine akute Aktivitätsunlust. Ich wollte auch nichts lesen oder reden, ich wollte am allerliebsten einfach nur im Bett liegen und vor mich hindämmern. Das scheiterte aber an den Verpflichtungen des Home-Office, auch wenn ich die eingehenden E-Mails langweilig fand, so mussten einige trotzdem beantwortet werden und außerdem gab es noch einen großen Stapel älterer, unbeantworteter E-Mails, deren Erledigung durch noch länger Liegenlassen auch nicht einfacher wurde, im Gegenteil.
Weil ich schlechte Laune hatte, schrieb ich dem Wirtschaftsprüfer, der irgendwelche Positionen in der GuV umgegliedert haben wollte, eine lange und sehr bösartige Antwortmail, die ich vor dem Abschicken dann wieder löschte und nur noch "wenn es Sie glücklich macht, dann weisen wir die vereinnahmten Zinsen auf festverzinsliche Wertpapiere auch gerne als Erträge aus magischer Geldvermehrung aus, da sich das Gesamtergebnis nicht ändert, ist es für uns also wurscht, wie die Position heißt" - eine deutlich kürzere und im Ergebnis ja positive Antwort. Es wird mir bis zur Rente wohl nicht mehr gelingen, diese erratischen Umgliederungswünsche von irgendwelchen selbsternannten Bilanzierungswächtern ernst zu nehmen, aber für Wirtschaftsprüfer gibt es nichts Wichtigeres als formal korrekt gesetzte Häkchen, deshalb macht es gar keinen Sinn, sich mit denen in solchen Punkten zu streiten.

Anschließend gab es eine Videokonferenz zum Thema nachhaltige Geldanlagen und danach war meine Laune noch schlechter. Grundsätzlich finde ich die Idee dahinter ganz enorm positiv, aber wie bei allen Dingen, die mit Geld zu tun haben, ist die Umsetzung in der Realität ganz weit von dem entfernt, was sich all die wirmüssendringenddieWeltretten Anhänger davon versprechen. Eine wirklich miese Firma zB ist Tesla. Was für ein verlogener, bigotter Haufen. Darf man sich gar nicht mit beschäftigen, wenn man nicht spontan noch mehr schlechte Laune bekommen will.
Weil es heutzutage auch finanzpolitisch zu einem absoluten Muss geworden ist, als Unternehmen mit einer ausgeglichenen CO2-Bilanz zu punkten, denn je sauberer ein Unternehmen zertifiziert ist, umso mehr zieht es Investorengelder an, geben die Unternehmen einen Menge Geld dafür aus, sich "Ausgleichszertifikate" zu kaufen. Unternehmen, die auf dem saubere Energie Sektor tätig sind, bekommen dafür nämlich Pluspunkt-Zertifikate, die sie mit gutem Gewinn an Unternehmen weiterverkaufen, die schmutzige Energie verbrauchen - so funktioniert der moderne Ablasshandel. Ikea zB verbraucht zwar sehr viel schmutzige Energie, hat sich aber in großem Umfang an Windparks usw. beteiligt, dafür gibt es ganz viele positive Punkte, die die negativen Energiepunkte neutralisieren - deshalb ist Ikea energieneutral. Was für ein wunderbarer Werbeslogan.
Und Tesla zB macht richtig viel Gewinn mit dem Verkauf von positiven Energiezertifikate, davon bekommen sie schließlich genug, weil sie so ungemein nachhaltig wertvolle Produkte produzieren.
Per Saldo ist das also der Markt der nachhaltigen Investments von heute, ein Narr, wer glaubt, dass in der Finanzwelt jemals Moral vor Gewinn funktionieren könnte.
Unabhängig davon, dass ich Teslafahrer vergleichbar anstrengend empfinde wie die klassischen Poseräffchen in ihren tiefergelegten BMWs, weil ich mich bei jeder Art von guckmalwasichhab/kann/mache Zurschaustellung stets frage, welches persönliche Manko der Mensch wohl hat, das er mit so einem Statusgehabe kaschieren muss, sind Teslaautos unter Umweltbilanzaspekten ungefähr so ökologisch korrekt wie vegane Schnitzel von Nestlé. Es sind die Firmen dahinter, die ich so gruselig finde - und natürlich die Tatsache, dass diese Produkte zu einem Symbol geworden sind, das den Fokus komplett auf die falschen Schwerpunkte lenkt.
Aber nun ja, Energiepolitik, Finanzpolitik und Ideologien, drei Themen, die mir fast unweigerlich schlechte Laune machen, weil ich es so unsinnig finde, sie miteinander zu verknüpfen und weil es so wenige Menschen gibt, die die tatsächlich gelebte Realität und die existierenden Anforderungen der Gesellschaft pragmatisch richtig beurteilen und in ein vernünftiges Verhältnis setzen können.

Passend zur negativen Stimmung des Tages teilte mir die Friseurin mit, dass sie diese Woche leider keine freien Termine mehr hat. Phhht, dann nicht, irgendwann kommt es auch wirklich nicht mehr drauf an, lasse ich eben einfach weiter wachsen.

Als ich Ks Fahrrad aus der Werkstatt wieder abholte, fiel mir der geflickte Bowdenzug auf. Den hätte ich ja auch gleich mit erneuern lassen können, hatte ich aber vergessen, zu erwähnen und der Mechaniker meinte, er war sich unsicher, was er damit tun solle, noch würde er ja funktionieren, deshalb hätte er ihn nicht weiter beachtet.
Chance vertan
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