anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Dienstag, 20. November 2018
Vom leben und nicht sterben lassen
Mit der Mittagsfähre ging es heute wieder zum Festland, wobei "Mittagsfähre" eine eher euphemistische Unterstellung einer Tageszeit ist, die, absolut betrachtet, bedeutet, dass die Fähre erst gegen 16.15h in Emden ist, Sonnenuntergang ist heute um 16.29h…….
Im Fährplan steht dann zwar "13.30h Fähre nach Emden", tatsächlich sind die Abfahrtzeiten ab Borkum aber immer "ab Bahnhof", die Fähre selber legt dann erst rund eine halbe Stunde später ab.
Heute gab es noch ein wenig hin und her bis alle LKWs an Deck gepuzzelt waren, außerdem fuhren wir gegen die Tide, das zieht sich dann.
Eigentlich hätte ich dafür auf der Fähre über zwei Stunden Zeit gehabt, einen wunderbaren Blogtext vorzubereiten. Scheiterte leider daran, dass ich von akuter Lustlosigkeit ergriffen war und lieber irgendein albernes iPad Spiel gespielt habe, sinnlos, dafür ohne Hirnunterstützung möglich und auch irgendwie erholsam.
Von Emden führte die Fahrt direkt nach Leer, neuer Versuch rauszubekommen, wie genau gut oder schlecht es denn nun um den Vater bestellt ist. Gestern hatte ich ja schon seinen Hausarzt, der zufällig auch mein direkter Nachbar ist und zu dem ich deshalb einen quasi "direkten Draht" habe, gefragt und gebeten, doch mal mit dem Klinikum zu telefonieren, um dort Informationen abzugreifen, die mir verwehrt werden, weil ich hoffte, so von Arzt zu Arzt klappt das besser mit der Kommunikation. Klappte es aber nicht, der wusste heute Vormittag auch noch nicht mehr.
Das ist schon alles sehr seltsam, was da läuft.
In der Klinik gab es dafür heute mal keine Wartezeiten, der Vater war wach und wurde grade von einer Schwester versorgt, die meinte, er wäre heute ansonsten schon gut zu pass. Das ist norddeutsch und bedeutet "der stirbt uns hier nicht so schnell weg." Als ich da war, bestand seine Gesamtreaktion aber nur daraus, dass er mich bat, doch bitte dafür zu sorgen, dass man ihn endlich in Ruhe sterben ließe. Er freute sich zwar sichtlich, mich zu sehen, ich denke aber hauptsächlich deshalb, weil er mir zutraut, dafür zu sorgen, dass man ihn in Ruhe lässt.
Leider liegt das an dieser Stelle aber nicht mehr in meiner Macht. Er hat da Pech, ich habe den falschen Beruf, ich kenne mich auf diesem Gebiet überhaupt nicht aus und weiß deshalb nicht, wie ich ihm helfen könnte. Ich kann jetzt organisieren, dass er irgendwo einen Pflegeplatz mit 3x die Woche Dialyse bekommt, aber mehr kann ich nicht für ihn tun.
Er tut mir wirklich ganz schrecklich leid und was die Krankenhaustechnik da grade mit ihm macht, ist mein ganz persönlicher privater Horror. Ich bin deshalb dreimal extra froh, dass ich selber zwei Kinder habe, die für diese Situation genau die richtige Ausbildung haben (werden) und mit denen ich heute schon eine feste Vereinbarung habe, dass ich nicht so enden muss. Ein Mediziner und ein Pharmazeut, das sollte genügen, um mir ein derartiges Schicksal zu ersparen. Mein Vater dagegen hat nur überflüssige BWLer Kinder, also Augen auf bei der Berufswahl der Kinder.

Ob die Krankenhausmediziner ihn jetzt wirklich noch über viele Jahre weiter durchs Leben quälen werden, werden wir sehen, immerhin ist er jetzt versorgt, wird täglich gewaschen und ernährt, insgesamt ist der Umgang mit ihm dadurch für mich jetzt einfacher als vorher, als er seine sehr individuellen Hygienevorstellung noch frei herausstinken ausleben konnte.

Als ich aus dem Krankenhaus kam, war es kurz vor 19h und es schneite. Ich hatte noch zwei Stunden Autofahrt vor mir, um es mal so auszudrücken: Ich war not amused.

Aber ich bin heil Zuhause angekommen, morgen wieder Büro, das Leben geht weiter
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