anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Donnerstag, 5. November 2015
Schuld oder nicht schuld
In H's. Leben ist sicher eine Menge falsch gelaufen.
Das ist schon deshalb unbestritten, weil es eine echte Diagnose gibt, mit echten Symptomen und jeder Menge Ärzten, die das alle ernst nehmen. Gehen wir also mal davon aus, das ist real.
Krebs und Depressionen sind im Grunde sehr ähnliche Krankheiten, beide enden tödlich, wenn sie nicht behandelt werden, (und selbst dann gibt es nicht immer eine Chance), es gibt aber einen entscheidenden Unterschied: Krebs halten auch alle Gesunden für eine echte Krankheit, denn das ist ja was "körperliches".
Depressionen dagegen haben immer mit dem latenten Vorwurf "man kann sich aber auch anstellen" zu kämpfen und den individuellen Ansprüchen der Umgebung, die meinen "das kannst du doch noch machen, Arme und Beine sind doch gar nicht kaputt".

Ich glaube, dass grade das persönliche Umfeld in den meisten Fällen das komplizierteste Therapieproblem ist.
Alle sind natürlich durchaus bereit, die Krankheit ernstzunehmen - aber eher wie so eine Grippe. Da weiß man ja heute auch, dass das etwas ganz anderes ist als ein Schnupfen und dass es Leute gibt, die an einer Grippe sterben - aber wenn jemand von der Grippe erwischt wurde, nun ja, dann gönnen wir ihm eben auch mal drei-vier Wochen Bettruhe, aber dann muss auch gut sein. Dann wird er ja wohl wieder gesund sein und seine tägliche Arbeit so wie immer erledigen können.
Wenn jemand Depressionen hat, dann soll er mal für eine Zeit in die Klinik gehen und dann noch in eine Reha, wenn er das braucht - aber dann ist er doch sicher geheilt. Und dann können wir doch auch wieder so weiter machen wie vorher, jetzt ist der Mensch doch wieder gesund.
Dumm nur, dass das oft nicht klappt.
Depressionen sind wie Krebs - man kann den Tumor vielleicht verkleinern und isolieren, ganz weg geht er aber meist nicht und ob er nicht doch schon irgendwohin gestreut hat, merkt man auch oft erst nach langer Zeit.
Eine wichtige Therapiemaßnahme besteht also darin, sich selber bewusst zu machen, was einen krank macht. Vielleicht ist auch belastet das bessere Wort. Denn "Belastung" ist genau das, was man vermeiden muss.
Wenn jemand Lungenkrebs hat, sollte er die Belastung durch weiteres Rauchen vermeiden, das sieht jeder sofort ein.
Wenn jemand Depressionen hat, muss er die Belastung durch seine Umgebung vermeiden (oder wenigstens vermindern), die er im Zweifel viele Jahre vorher ohne zu Murren, oft sogar gewollt und vorsätzlich gesucht ertragen hat. Wie der Raucher. Der hat ja auch nicht bewusst unter den Zigaretten gelitten. Erst durch seine Krankheit ist ihm klar geworden, dass es ihm nicht guttut, wenn er weiter raucht.

Wer oder was nun im Einzelfall eine Belastung darstellt, dass muss jeder Betroffene selber herausfinden und es dann seiner Umgebung so mitteilen, dass sie allein durch die Mitteilung nicht sofort zu einer noch größeren Belastung werden. (weil sie jetzt tiefsitzend beleidigt sind.)
Denn das ist natürlich das größte Problem.

Wenn ich zwanzig Jahre mit jemandem zusammengelebt habe und ich war eigentlich immer ganz zufrieden mit unserem Zusammenleben, dann trifft es mich natürlich wie ein Blitzschlag, wenn mir plötzlich der andere sagt, dass ich ihm gewaltig auf die Nerven gehe.
Das ist doch sagenhaft ungerecht und das kann der andere doch nicht einfach so machen. Nur weil ihm irgendwelche Therapeuten da jetzt irgendwelche Flausen in den Kopf gesetzt haben, kann er doch nicht mein ganzes Leben in Frage stellen. Jetzt plötzlich soll alles schlecht gewesen sein? Das ist doch unfair.
Und egoistisch.
Und überhaupt einfach nicht in Ordnung. Ich bin doch nicht schuld, dass der andere mit seinem Leben nicht klar kommt. Ich habe ihm doch nie was getan, im Gegenteil, mich immer nur gekümmert und war ansonsten immer nur nett und höflich und hilfsbereit - und rücksichtsvoll! Vor allem rücksichtsvoll, das ist ganz wichtig zu betonen. Ich habe schließlich wirklich immer Rücksicht genommen.
Der andere kann doch nicht einfach hingehen und sagen, ich gehe ihm auf die Nerven.
Was soll ich denn jetzt machen? Ich kann doch nicht auch mein ganzes Leben einfach wegschmeißen, nur weil da irgendwelche Therapeuten dem anderen solche Spirenzchen vorgeschlagen haben.

Es ist entsetzlich.
Einer bricht im laufenden Kreislauf zusammen, schert aus und lässt sich reparieren. Aber statt sich dann wieder zurück in den normalen Kreislauf einzuordnen und gehorsam auf seinem alten Platz wieder weiterzustrampeln und so wie vorher dauernd den Abgasmief der Menschen um sich herum einzuatmen, setzt er sich einfach mittenrein, lässt sich die Sonne auf den Pelz scheinen und stört alle. Hält alle auf, ist ein Hindernis und für keinen mehr eine sinnvolle Hilfe.
Alle müssen jetzt um ihm herumfahren und sollen sich dabei auch noch "vernünftig" verhalten. Hupen ist unerwünscht und anrempeln erst recht. Und ihren Mief müssen sie auch noch selber einatmen und ihren Alltagskram selber wegräumen.

Kann man sich natürlich drüber ärgern.

Oder sich drüber freuen, dass es wenigstens einer geschafft hat, sich aus diesem tödlichen Klammergriff des alltäglichen Lebenskampfes zu befreien, sich einfach rauszieht aus dem Kampf, zu dem immer zwei gehören und sagt: "Macht ihr was ihr wollt, ich mach dafür, was ich will."

Ich find's gut, denn meine Überzeugung war schon von je her: Wenn jeder an sich selber denkt, ist an jeden gedacht.
Punkt
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