anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Sonntag, 3. April 2022
Saubermachtag und Typ unauffällig
Ich habe heute mal die Dinge im Haus geputzt, die nur alle paar Jahre geputzt werden, also sowas wie im Bad hinter, unter und in den Schränken. Auf dem Fenstersims im Bad stehen meine Ohrringständer und auf der Heizung im Schlafzimmer steht eine Kiste (offen) mit Broschen und Kettenanhängern, alles war unendlich verstaubt und das Silber tiefschwarz angelaufen, benutzbar ist der Schmuck in dem Zustand eh nicht, ich ekelte mich schon länger davor.

Jetzt ist alles wieder sauber und vor allem durchsortiert, eine große Menge Schmuck ist in einer Flohmarktkiste gelandet, der hässliche unechte sofort im Mülleimer und es fühlt sich gut an.

Früher habe ich jeden Tag andere Ohrringe getragen. Abends habe ich sie rausgepult abgenommen und morgens irgendein anderes Paar wieder angelegt.
Genauso habe ich das mit Ringen gemacht. Und mit Ketten sowieso.

Ich besitze sehr viel Schmuck und ich habe auch immer viel Schmuck getragen.
Durch meine jahrzehntelange Flohmarktgeherei besitze ich viele wertvolle Stücke, mit CW war ich früher auch häufiger mal auf Schmuckauktionen und dann hatten wir ja auch noch gute Kontakte nach Südafrika.

Vor einigen Jahren gab es hier im Ort eine größere Einbruchserie, das schreckte mich auf und ich packte die wirklich wertvollen Stücke zusammen und legte sie in einen Safe.
Seitdem sie nicht mehr in der Kiste in meinem Schlafzimmer sind, trage ich sie auch nicht mehr, ist ja viel zu umständlich.

Vor über zwei Jahren (also kurz vor Corona) war ich beim Augenarzt, weil meine Augen ständig tränten und juckten und ich morgens mit dicken Krusten am Lidrand aufwachte. Die Ärztin diagnostizierte eine Lidrandentzündung, verordnete Antibiotika und strenges Schminkverbot.

10 Tage später waren die Verkrustungen am Morgen weg, aber das Tränen und Brennen blieb - die Ärztin diagnostizierte eine chronische Lidrandentzündung, empfahl mir Cremes und Augentropfen und gab mir den Rat, die Augen so wenig wie möglich zu schminken.

Seitdem habe ich meine Augen nicht mehr geschminkt, gar nicht, nada, und ich fühle mich unglaublich gut damit.
Über 40 Jahre habe ich meine Augen jeden Morgen geschminkt. Das war genauso selbstverständlich wie Zähneputzen.
Von einem Tag auf den anderen habe ich das aufgehört und freue mich seitdem jeden Morgen, dass ich auch wirklich keinerlei Bedürfnis mehr nach Lidstrich, Wimperntusche und Co. habe.

Zeitgleich habe ich aufgehört meine Ohrringe zu wechseln und Ringe zu tragen.
Das mit den Ringen ergab sich durch die neuen Hygienevorgaben und der sprunghaft gestiegenen Händewaschhäufigkeit.
Händewaschen und -desinfizieren, anschließend eincremen - alles Tätigkeiten für die man am besten keine Ringe trägt, schon gar nicht solche, wie ich sie für gewöhnlich trage, nämlich ziemlich große, ausladende Ringe, ich ließ sie deshalb einfach weg.

Und wenn ich keine Ringe mehr trage, brauche ich auch keine passenden Ohrringe mehr auszuwählen. Seit über zwei Jahren habe ich kleine Diamantstecker in den Ohren, die mich beim Schlafen überhaupt nicht stören - und keinen Bedarf, sie gegen andere Ohrringe zu tauschen.

Das einzige, was ich noch täglich auswählte und wechselte war meine Armbanduhr. Genauso wie ich sehr viel Schmuck besitze, habe ich auch sehr viele Armbanduhren. Wenn ich keine Uhr trage, fehlt mir was, zum Schlafen lege ich sie aber ab. Ich habe eine extra Uhrenschublade, wo alle Uhren drin liegen. Jeden Morgen wählte ich früher einen (oder zwei) Ringe, ein Paar Ohrringe, eine Kette und eine passende Uhr, manchmal auch noch ein Armband, das aber nicht täglich.
Bis letzten Sommer war die Uhr das einzige, was ich noch jeden Morgen passend aussuchte, alle anderen Accessoires verstaubten vor sich hin, aber Uhr (und Brille) brauche ich zum Vollständigkeitsgefühl.
Dann kaufte ich mir eine Smartwatch und habe seitdem keine andere Uhr mehr getragen.

Smartwatch, ja ich weiß, wie ich da lange verächtlich drüber gelästert habe, weil es tatsächlich eigentlich keinen vernünftigen Grund gibt, weshalb man so ein Ding braucht. Aber dann las ich, dass man mit der Smartwatch auch mit Maske an sein Handy entsperren kann und dass man damit mit Maske an bezahlen kann und das waren zwei Argumente, die mich nachdenklich machten, und dann gab es ein unglaublich günstiges Angebot, da konnte ich dann nicht widerstehen (fast 50% Rabatt, damit kriegt man mich immer) - und finde das Ding seitdem tatsächlich sehr praktisch. Und ja, ich trage seitdem keine andere Uhr mehr, was enorm schade ist, weil ich wirklich sehr viele, sehr schöne und auch hochwertige Uhren besitze, aber die edlen Uhren liegen jetzt mit im Safe und die anderen verstauben gemeinsam mit dem restlichen Schmuck einfach vor sich hin und im Grunde ist das jetzt auch egal.

Was ich eigentlich sagen wollte: ich habe kein Interesse mehr daran, mich mit Schminke, Accessoires und aufwändigem Styling (extra) herauszuputzen.
Es begann mit dem "nicht mehr Schminken", durch das ich bemerkte, dass mich die Menschen kein Stück anders behandelten, ob mit oder ohne MakeUp und so lernte ich, dass ich da vorher wohl meine eigene optische Wirkung gewaltig über (oder unter?)schätzt hatte. Wie auch immer, ich kam zu der Überzeugung, dass sich ab einem bestimmten Alter (ich denke, spätestens, wenn man aus der Gebärfähigkeit raus ist), die Schwerpunkte in der sozialen Kommunikation verschieben und dass es klug ist, wenn man das selber bemerkt und darauf reagiert.

Meine Reaktion bestand darin, dass ich leichte Panik bekam, als ich bemerkte, dass ich zwar meinen Typ neu definieren sollte, also streiche "sexy" und ersetze es durch "?" - tja, durch was?, ich wusste zunächst nämlich nicht, was ich als Alternative anstreben sollte.
Ich wusste nur, was ich alles nicht will.
"Scharfe Alte" ist kein Kompliment, was ich herausfordern möchte.
Und auch "Was, soo alt bist du schon? Das hätte ich nicht gedacht. Du siehst mindestens 10 Jahre jünger aus." ist kein Dialog, den ich erstrebenswert finde.
Auch Bemerkungen wie "hast dich gut gehalten" oder "natürlich kannst du noch einen Minirock tragen" finde ich überflüssig.
Bodyshaming sozial zu übertünchen ist grade schick und für mich heißt das: Es wird gelogen, was das Zeug hält und jede positive Bemerkung über die Optik einer nicht mehr gebärfähigen Frau garantiert dem Sprecher extra Karmapunkte.

Schließlich ist mir aber aufgefallen, dass ich mich vorzugsweise gar nicht über meine Optik definieren möchte. Am allerliebsten möchte ich optisch so unauffällig sein, dass niemand zweimal hinschaut.
Noch besser wäre es, wenn ich gar nicht erst wahrgenommen werde. Optisch.
Ich bin nämlich durchaus in der Lage mich auf anderen Wegen in eine Kommunikation einzuschalten (dafür bin ich wirklich alt genug inzwischen) und eine Situation, in der ich nicht wahrgenommen werde, weil ich optisch eben so unauffällig bin, dass ich quasi unsichtbar bin, finde ich in keinster Weise negativ, im Gegenteil, ich sehe hier sogar viele Vorteile.
Ich steuere aktiv, wann ich wahrgenommen werden möchte, und dass mir das immer auch ohne optische Unterstützung gelingt, davon bin ich sehr fest überzeugt.

Ich habe für mich also beschlossen "sexy" durch "unauffällig" zu ersetzen und anschließend bemerkt, dass das gar nicht so einfach ist.
Unauffällig ist nämlich nicht unscheinbar. Graue Mäuse sind durchaus auffällig, sie werden in der Regel aber als negativ, weil langweilig wahrgenommen.
Der Typ "Gemeindepfarramt" ist ein Typ, der ist mir noch unangenehmer ist als der Typ "schrille Alte", nur knapp gefolgt vom Typ "Vorsitzende der Landeselternschaft".

Unauffällig ist auch nicht ungepflegt, ganz im Gegenteil. Ökotussi ist ebenfalls ganz gewiss nicht unauffällig.

Jedes Styling mit viel blingbling scheidet aus, überhaupt scheidet jedes Styling aus, dem man ansieht, dass es ein Styling ist. Ich glaube, "unauffällig" ist der schwierigste Style von allen. Aber ich arbeite dran.

Meine Highheels habe ich aussortiert, sie haben ihren Sinn verloren.
Meinen Schmuck habe ich heute geputzt und anschließend weggeräumt, das meiste brauche ich wohl auch nicht mehr, so führte das eine zum anderen.

Meine Angewohnheiten und Vorlieben haben sich in den letzten zwei Jahren also stark geändert, von einem Mensch, der sich IMMER geschminkt und auffällig gestylt hatte, bin ich zu jemandem geworden war, der sich innerlich über Menschen amüsiert, die offensichtlich viel Zeit und Mühe in ihr Styling und ihr Outfit stecken und dabei nicht nur Kosten, sondern auch Unbequemlichkeiten bis hin zu Schmerzen (ich sach nur Highheels der wirklich unangenehmen Sorte) bereit sind zu ertragen, nur um nach außen eine Schale präsentieren zu können, ohne die sie sonst augenscheinlich meinen, ihrem Selbstbild nicht gerecht zu werden.

Jeder Mensch folgt den Vorgaben seines Selbstbildes, ich bin für mich aber sehr froh, dass ich nur noch "unauffällig" realisieren muss, hätte schlimmer kommen können
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