anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Montag, 25. März 2019
Tagebuchbloggen
Auf Twitter fand ich diese Frage nach dem Sinn, Zweck und Nutzen des Tagebuchbloggens
"Mich interessiert, ob es Sinn macht und wie Du es machst, im Blog ein Tagebuch zu führen. Bzw. mein Tagebuch als Blog zu veröffentlichen - aber das will man ja nicht, oder?"

Und weil ich darauf nicht in 140 bzw. 280 Zeichen antworten kann, nehme ich es als Anlass, einfach an dieser Stelle darauf zu antworten, vor allem, weil ich beim Nachdenken über die Antwort merke, dass sich bei mir "Zweck und Nutzen" im Laufe der Zeit tatsächlich geändert haben.
Ich antworte deshalb zweigeteilt, zunächst das "Wie" und dann das "Warum"

Wie ich es mache
Ich schreibe hier jeden Tag etwas auf diesem Blog, weil ich mir das so vorgenommen habe und weil ich es mittlerweile schon seit dreieinhalb Jahren durchhalte.
Wenn man es erst mal eine Zeitlang durchgehalten hat, wird es immer leichter, weil es zu einer festen Institution im täglichen Leben wird, man selber irgendwann so sehr daran gewöhnt ist, dass es zur Routine wird. Außerdem ist mein eigenes Umfeld mittlerweile daran gewöhnt und begreift es ebenfalls als Selbstverständlichkeit und unterstützt mich auch aktiv mit Themenvorschlägen, Fotos und/oder Gastbeiträgen, die ich immer dann in Anspruch nehme, wenn ich tatsächlich mal einen Tag überhaupt gar keine Chance sehe, hier irgendetwas zu veröffentlichen.
Und schließlich gibt es irgendwann auch feste Leser, die man weder beunruhigen noch enttäuschen will.

Der Vorsatz "ich schreibe jeden Tag etwas" war am Anfang hauptsächlich ein Versuch, überhaupt wieder mit dem Bloggen anzufangen. Ich habe schon 2006 mal eine Zeitlang gebloggt, das aber aus Gründen wieder drangegeben und alles gelöscht, danach habe ich mehrfach Versuche gestartet, das Bloggen noch mal neu zu beginnen, sonderlich erfolgreich war ich damit aber nie, weil ich mehr Ausreden hatte, weshalb ein Text noch nicht gut genug ist, um ihn zu veröffentlichen als dass ich Texte tatsächlich online setzte. Irgendwann hatte ich eine Sammlung von über hundert angefangenen Blogtexten, online war kaum etwas. (Übrigens: weshalb ich gerne bloggen möchte, steht in der "Warum-Antwort" weiter unten)
Im Sommer 2015 versuchte Frau Novemberregen aktiv Leute zum täglichen Bloggen zu bewegen, ich habe das damals gespannt verfolgt (weil ich ihren Blog sowieso schon seit Anfang lese), aber um öffentlich Wetten mit anderen abzuschließen, bin ich viel zu wenig kompetitiv. Überhaupt bin ich sofort raus, wenn es um Gewinnen oder Verlieren geht, if I can't win, I'm not gonna play - und das Risiko, dass ich da versagt hätte, war mir schlicht zu groß. Aber die Idee, die dahinter stand und die Tipps, die sie anderen gab, wie man so ein tägliches Bloggen beibehalten kann, das gefiel mir alles sehr, und so habe ich dann ab Oktober 2015 nur mit mir selber als Wettgegner die Challenge angenommen - und kann für mich sagen, dass diese Idee für mich genau richtig war, um überhaupt wieder zu bloggen.

Der Begriff "Tagebuchbloggen" steht für mich dabei nicht für Tagebuch im klassischen Sinn, also dass ich jeden Tag penibel aufschreibe, was ich so mache, sondern er steht nur dafür, dass ich wirklich jeden Tag irgendwas in meinem Blog veröffentliche.
Das ist damit die elegante Überleitung zu der "Warum-Frage", denn da hat sich im Laufe der Zeit tatsächlich auch etwas geändert.

Warum ich täglich blogge
Ganz am Anfang, also ganz frühes damals™, so ca. 2005-2006, hat es mir einfach Spaß gemacht, Texte zu schreiben und darüber mit anderen ins Gespräch zu kommen. Meine Texte waren schon immer einigermaßen "autobiographisch" geprägt, freie Phantasiegeschichten liegen mir gar nicht, auf dieser Ebene geht meine Kreativität gegen Null.*
Ich kann aber sehr gut Texte schreiben zu Themen, die mich grade interessieren, über die ich nachdenke, zu denen ich eine Meinung habe, wo ich mich aufrege oder wo ich auch einfach nur Dinge beschreibe, die ich erlebt habe. Beim Schreiben werden mir oft erst Dinge klar, die ich vorher so explizit noch gar nicht wahrgenommen habe, ich diskutiere sozusagen beim Schreiben mit mir selber und nutze Schreiben deshalb sehr gerne, um Dinge in meinem Kopf zu sortieren.
Deshalb habe ich das Bloggen auch schon sehr früh für mich entdeckt und hatte viel Spaß daran, denn durch das feedback (Kommentare), was damals noch viel üblicher war als heute, wurden Themen manchmal noch zusätzlich von Seiten beleuchtet, die ich in der Form noch gar nicht beguckt hatte. Damals habe ich nicht täglich etwas geschrieben, aber schon sehr oft, damals hatte ich aber auch noch deutlich mehr Zeit, mich im Internet rumzutreiben als das heute der Fall ist.
*Meine Mutter behauptet zwar bis heute, dass ich mir ständig Geschichten ausdenke, die gar nicht stimmen, das liegt aber nur daran, dass ich ab und zu, natürlich nur sehr selten und auch nur in ganz unbedeutendem Maße, aber vielleicht doch schon mal ab und zu, Dinge aus der Realität etwas verändere. Aber dass ich damals in der Schule die 100m unter 13 Sekunden gelaufen bin, das stimmt bestimmt und ich kann nichts dazu, wenn der Lehrer uns die 100m Strecke auf der 75m-Bahn laufen ließ.

Dann habe ich aber meine berufliche Position verändert und plötzlich wurde es sehr wichtig, dass ich privat und beruflich sauber trenne, bzw. dass die Menschen in den beiden Welten sauber getrennt sind, denn beruflich bin ich in einem Umfeld unterwegs, wo von mir ein sehr seriöses, verantwortungsbewusstes und verschwiegenes Verhalten erwartet wird, weshalb ich ganz enorm wenig Interesse daran habe, meine privaten Meinungen mit Menschen aus meinem beruflichen Umfeld zu diskutieren. Außerdem gibt es Menschen in meinem beruflichen Umfeld, von denen habe ich keine besonders gute Meinung und auch das möchte ich nicht in meinem beruflichen Umfeld thematisieren.
Deshalb ist mir eine ausreichende Anonymität sehr wichtig und deshalb habe ich auch nur ein sehr eingeschränktes Verlangen nach einer größeren Bekanntheit meines Blogs.
Leider bestand damals eine viel zu große Gefahr, dass mein damaliger Blog bei Menschen in meinem beruflichen Umfeld bekannt werden würde, deshalb habe ich 2008 kurzerhand alles gelöscht und litt dann viele Jahre unter Verfolgungswahn.
Gleichzeitig fehlte es mir aber, dass ich schriftlich meine Gedanken sortierte und ich stellte fest, dass das Veröffentlichen im Internet für mich eine wunderbare Möglichkeit war, mich selber zu disziplinieren, Gedanken zu Ende zu denken. Zumindest zu einem vorläufigen Ende oder immerhin so weit, dass es zunächst mal in sich rund war, was ich da als Meinung von mir gab. Ohne Veröffentlichung blieben die allermeisten Texte halbfertig im Entwurfsordner stecken, ein Zustand, der mich immer mehr ärgerte und ich musste akzeptieren, dass ich von der Grundveranlagung her ein enorm schludriger Mensch bin (wusste ich zwar schon immer, aber man versucht ja meist, so unangenehme Wahrheiten irgendwie zu verdrängen).
Um mich also selber zum Schreiben zu zwingen, was ich mag, weil es mir hilft, meine Gedanken zu sortieren, brauche ich externen Druck. Diesen externen Druck kann ich mir aber nur selber machen, weil ich das ja nie und niemals je von einem fremden Dritten akzeptieren würde. Und so entstand das Projekt "ich schreibe jeden Tag etwas auf dem Blog". Zunächst nur heimlich und still mit mir selber besprochen (weil die Angst zu scheitern am Anfang schon sehr groß war), mittlerweile habe ich aber genug "Vergangenheit", um mir selber bewiesen zu haben, dass ich es durchgehalten habe, Scheitern ist also kein Problem mehr, deshalb kann ich jetzt auch offen darüber sprechen.
Ganz eigentlich wollte ich also nur Texte bloggen, in denen ich mir wirklich ausführlich Gedanken zu irgendeinem Thema gemacht habe, aus Gründen der Selbstdisziplin wählte ich aber die Form des "jeden Tag etwas Schreiben" und so blieb und bleibt für viele Tage "zwischendurch" natürlich nur eine Kurzbeschreibung des eigenen Tages, weil ich nicht genug Zeit und genug Themen habe, mir jeden Tag ausführlich Gedanken zu irgendwas zu machen. Würde ich aber diesen selbstgemachten Zwang des "ich muss einfach jeden Tag irgendwas schreiben, egal ob gut oder schlecht, ich muss nur einfach etwas abliefern" - würde ich diesen Zwang aufgeben, verwaiste mein Blog wahrscheinlich innerhalb kürzester Zeit wieder, weil ich eben diese lästige Tendenz habe, zum sofortigen Verlottern zu neigen, wenn ich da nicht aktiv gegensteuere.

Mittlerweile hat sich das tägliche Bloggen also einigermaßen fest etabliert und so ergab sich im Laufe der Zeit noch ein sehr angenehmer Nebeneffekt: Ich muss nämlich niemanden aus meiner Familie mehr anrufen, um zu erzählen, was ich in der letzten Zeit so gemacht habe, das können sie alles hier lesen, wenn es sie interessiert. Und wenn es sie nicht interessiert, haben sie Glück, dass ich sie nicht anrufe, um ihnen mit Dingen einen Knopf an die Backe zu quatschen, die sie offensichtlich nicht interessieren. Sic!
Als mir vor gar nicht so langer Zeit der zweite Sohn, der früher immer sagte "ne, so viel Zeit, das alles zu lesen habe ich nicht" mitteilte, dass er hier doch regelmäßig mitliest, freute ich mich schon sehr über sein "Geständnis", denn nach meiner eigenen Interpretation gibt es ja sonst nur einen Grund, wenn Menschen aus meinem persönlichen Umfeld hier nicht lesen.

Ein "Tagebuch" wurde das Blog also allein deshalb, weil ich nicht für jeden Tag Themen (und Texte) habe, die außerhalb meines Tagesgeschehens liegen und über die ich einfach nur mal so grundsätzlich etwas schreiben möchte. Einen Entwurfsordner (Onenote), in dem immer noch fast hundert angefangene Texte liegen, habe ich immer noch, ich habe aber heute eine deutlich höhere Motivation, diese Texte zu Ende zu bringen, denn jeder fertige Text aus dem Entwurfsordner erspart mir einen Tag Rumgeeiere à la "heute ist gar nichts passiert" oder "ich komme leider vor lauter Müdigkeit zu nix mehr", was zwar grundsätzlich erlaubte Jokerphrasen sind, um das Tagessoll zu erfüllen, aber weder bin ich darauf stolz noch strebe ich es an, solche Beiträge in größerer Menge zu posten, weil ich dann ja den offensichtlichen Beweis liefern würde, dass ich etwas in meinem Leben ändern müsste.

Zusammenfassung: Ich benutze mein Blog als Tagebuchblog, weil es mir den äußeren Rahmen für die nötige Selbstdisziplin gibt, überhaupt etwas zu schreiben und weil ich es praktisch finde, dass Menschen, die ich persönlich kenne, sich jederzeit informieren können, was ich so mache und über das Blog auch jederzeit eine Möglichkeit haben, mit mir ins Gespräch zu kommen.
Und schließlich finde ich es inzwischen auch schon sehr praktisch, dass ich einfach hier nachschauen kann, in welchem Jahr wir das Zimmer im Dachgeschoss renoviert haben oder wann genau ich mir den Arm gebrochen habe
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