anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Freitag, 1. November 2019
Die Ehefrau
Franz hat eine Ehefrau.

Eine richtig echte, so mit Standesamt, Namensänderung, Ehering und Splittingvorteil.
D.h. das mit dem Ehering hatte sich nach ca. 15 Jahren Ehe erledigt. Als Franz feststellte, dass seine Ehefrau ihren Ehering nicht mehr trug, hat er seinen auch in die Schublade gelegt und war’s zufrieden. Er fand einen Ring an der Hand eh immer unpraktisch und wenn sie ihren auch nicht mehr trägt, dann darf er das sicher auch. Über die abgelegten Eheringe haben die beiden nie gesprochen.

Überhaupt haben die beiden im Laufe der Jahre immer weniger miteinander gesprochen. Gab ja auch nicht mehr so viel zu reden. Nach dem die Kinder geboren waren, die natürlich ordnungsgemäß von ihrer Fulltime-Mutter versorgt und gepflegt wurden, waren die Rollen klar verteilt, jeder lebte sein Leben und war sehr bemüht seine Pflichten zu erfüllen.
Franz war für’s Geld verdienen zuständig und seine Ehefrau für den Haushalt. Sie wollten beide unbedingt eine zufriedene kleine Familie sein, in der es keine großen Probleme gab.

Am leichtesten vermeidet man Probleme, wenn man nicht darüber spricht, dass man mit irgendetwas unzufrieden ist. Franz Ehefrau hat sich zwar noch ab und zu beschwert, dass er ihr zu wenig im Haushalt hilft, dass der große Haushalt so entsetzlich viel Arbeit ist und sie es eigentlich kaum alleine schafft. Franz hat daraufhin alle Haushaltspflichten außerhalb des Hauses fest übernommen (also Einkaufen, Gartenarbeit und Autos waschen und tanken.) Innerhalb des Hauses war er aber keine sinnvolle Unterstützung, da er ihr entweder alles durcheinanderbrachte, was sie nach einem genauen System organisiert hatte oder nicht gründlich genug war. Deshalb blieben die gesamte Küchenarbeit und alle Putzereien komplett an ihr hängen.

Franz selber hat sich dagegen nie beschwert. Er hat einfach aufgehört zu reden und sich aufs Zuhören spezialisiert. Wenn man sich am Wochenende als Familie traf, dann erzählten Frau und Kinder aus ihrem Alltag und Franz stellte Fragen und hörte zu.
Streit gab es höchstens mal wegen oder mit den Kindern. Besonders der Älteste war schwierig. Er hatte seinen eigenen Kopf und machte eigentlich selten, was man ihm sagte oder was von ihm erwartet wurde.
Der Jüngere dagegen war ein echter Sonnenschein, absolut Mamas Liebling und aufgrund seiner höflichen Zurückhaltung auch selten auffällig oder ein Ärgernis.
So gingen die Jahre ins Land, und nach dem die Kinderplanung und -herstellung erfolgreich abgeschlossen war, gab es auch keinen Grund mehr, sich auf diesem Gebiet noch unnötig weiter zu kompromittieren. Man schlief zwar nach wie vor gemeinsam im Ehebett, hier aber schicklich beschützt von (von der Ehefrau sorgfältig gebügelten) Schlafanzügen, und jeder hielt sich an die Regeln, die für ein glückliches Familienleben nötig sind.

Das hätte jetzt bis dass der Tod sie scheidet so weitergehen können, wenn Franz nicht ab und zu irgendwelche unschicklichen Bilder durch den Kopf gegangen wären und er sich mit Mitte 30 auch einfach noch zu jung fühlte, mit diesem Thema für immer abzuschließen.
Dabei war das biologisch einfach nicht mehr notwendig. Zwei Kinder sind absolut genug und mehr hätte die Ehefrau auch gar nicht bewältigen können, sie kam ja so schon vor lauter Familien- und Hausarbeit kaum rum. Dazu noch einen Ehemann, der nur auf sein Vergnügen aus ist, ne wirklich, das ist ja wohl mehr als verständlich, dass dafür keine Kapazitäten mehr frei waren.
Überhaupt hatte er viel zu wenig Verständnis für ihren aufopferungsvollen Dauerstressjob als Hausfrau und Mutter.
Den Begriff "mental load" hatten die Frauenrechtler damals noch nicht entdeckt, aber mehr beladen als sie es war, ging kaum. Denn Franz war vor allem deshalb eine Belastung, weil er ihre immense Arbeit weder wahrnahm, noch sinnvoll unterstützte oder geschweige denn würdigte. Um alles musste sie sich alleine Kümmern, an alles denken, alles organisieren und natürlich alles immer wieder saubermachen.
Franz hatte immer nur seinen Spaß im Kopf, er wollte am Wochenende Dinge unternehmen, dabei war das Haus noch nicht fertig geputzt, die Wäsche noch nicht gebügelt und der Garten nicht poliert.

Wenn er sich um die Kinder kümmerte, kaufte er ihnen fettige Pommes oder ungesunde Pizza und zerstörte damit die gesamte sorgfältig ausgewogen überdachte Ernährungsplanung. Überhaupt machte er es sich immer nur leicht. Er kaufte fast food und sie musste kochen. Dabei hasste sie kochen, aber was sollte sie machen? Er interessierte sich ja nicht.
Seine offensichtliche Interesselosigkeit an ihrem Leben und ihren Problemen machte ihr das Leben täglich schwerer. Er dagegen vergnügte sich ganz offensichtlich, nahm einen Job nach dem anderen an, begann seltsame Hobbys, war kaum noch zu Hause und wenn, dann machte er Dreck und Unordnung.

Als die Kinder groß war, kam er eines Abends nach Hause, packte seine Anziehsachen und die meisten Akten aus seinem Büro in sein Auto und sagte: "Tschüss, ich ziehe aus."
Das war's. Er ließ sie einfach alleine zurück, mit dem ganzen großen Haus und der Unmenge an Arbeit, die dieses Haus macht und verschwand. Ohne Erklärung, ohne Gespräch.
Okay, er zahlte dafür Geld. Viel Geld. Er zahlte ihr dafür viel mehr Geld als sie je selber hätte verdienen können, auch wenn sie nie geheiratet und Kinder bekommen hätte, sondern einfach in ihrem Job weiter gearbeitet hätte, hätte sie selber nie so viel Geld verdienen können. Aber das war ja wohl auch das mindeste, schließlich hat er sie verlassen und nicht umgekehrt.

Franz wohnt jetzt bei seiner Freundin, mittlerweile schon seit über zehn Jahren, aber das ist auch alles, was sich verändert hat. Sie hat immer noch die viele Arbeit, die sie kaum schaffen kann, mittlerweile sind auch die Kinder weg und haben sie im Stich gelassen, aber immerhin ist sie noch die Ehefrau.

Die richtig offiziell, staatlich angetraute Ehefrau.

Mehr haben die zwei bis heute nicht darüber geredet. Er wohnt halt nicht mehr zuhause, aber nun ja, immerhin macht er ihr dann auch keinen extra Dreck, muss man auch mal positiv sehen.
Sonst hat sich nichts geändert. Wenn sie mit irgendwelchen sonstigen Dingen Probleme hat, weil die Waschmaschine nicht mehr funktioniert, der Gärtner nicht ordentlich arbeitet, die Heizung Geräusche macht oder das Schlafzimmer neu gestrichen werden soll, dann ruft sie ihn an und er kümmert sich.
Er kümmert sich um alles, um dass sich ein ordentlicher Ehemann kümmern muss, sie kann es schließlich nicht alleine, was soll er auch tun. Er kümmert sich um die komplette Haustechnik, richtet ihr einen Computer ein, kauft ihr ein Smartphone und sorgt dafür, dass alles regelmäßig upgedatet wird, weil, sie kann es ja nicht und einmal im Monat fängt sie ihn ab, wenn er seine Post abholen will und dann bleibt er ein paar Stunden, damit sie ihm ausführlich von ihren Sorgen und Problemen erzählen kann.

Seit über zehn Jahren.

Außerdem erscheint er regelmäßig zu Familienfeiern, natürlich alleine, weil die Freundin, die will seine Frau nicht dabei haben, wo kommen wir denn da hin, das Flittchen, das er nur braucht, weil Männer halt seltsame Bedürfnisse haben.

Seit über zehn Jahren.

Mittlerweile leben beide Kinder in einer festen Beziehung, die Familienfeiern werden also immer größer, jetzt sind sie schon zu sechst, eine richtig große, glückliche Familie. Es wird deshalb aber auch immer komplizierter einen Termin zu finden, an dem alle Zeit haben, Franz hat dafür natürlich Verständnis und opfert gerne ein langes Wochenende, an dem er sonst zwar mit der Freundin weggefahren wäre, weil sie an langen Wochenenden immer wegfahren, aber wenn seine Frau doch sonst keinen Termin findet für ihre Familienfeier, was soll er machen. Er hat schließlich sie verlassen, da muss er jetzt Rücksicht nehmen.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie in noch mal zehn Jahren immer noch so weiter, nur Franz, der muss sich zwischendurch eine neue Freundin suchen, weil die alte, die hatte irgendwann einfach keine Lust mehr als illegitimes Verhältnis immer wieder ausgeladen zu sein
.

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