anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Dienstag, 28. August 2018
Kann man reich sehen? Von optischem und gefühltem Reichtum
Ich hatte ja neulich das Thema, dass man im Kopf so eine Art Schubladendenken hat, was einem suggeriert, das äußere Erscheinungsbild eines Menschen und sein Vermögen hätten etwas miteinander zu tun bzw. wären irgendwie proportional.

"Die Reichen und die Schönen" als Schlagwort fasst das ja recht präzise zusammen, wobei hier noch so Dinge mitschwingen wie "reicher Mann hält sich eine schöne Frau", aber zumindest verfügt die schöne Frau dann über eine kaufkräftige Kreditkarte, um sich optischer noch schöner zu präsentieren, also geht man auch hier davon aus, dass man es sehen kann, wenn jemand genug Geld hat, um sich schön zu machen.

Als J. neulich dieses Ehepaar kommentierte, was auf ihn rein optisch den Eindruck machte, dass das "reiche Leute" sein müssten, fiel mir ein anderes Erlebnis ein, was ich neulich auf dem Flugplatz hatte und wo ich sozusagen "umgekehrt" erstaunt war, denn dort stiegen Menschen in ein Flugzeug ein, die rein optisch für mich "völlig normal" aussahen, die aber tatsächlich sehr, sehr reich gewesen müssen, das konnte man sehr gut aus dem Flugzeug ableiten, mit dem sie unterwegs waren. Mir fiel das deswegen ein, grade weil ich mich da darüber gewundert hatte, wie wenig man diesen Leuten ansah, dass sie eine immense Kohle haben müssen.

Ich denke, ich habe sicherlich noch mal einen anderen Blick als J, wenn es darum geht, einzuschätzen, ob Menschen reich sind oder nicht und ich habe ganz sicher auch eine andere Vorstellung von "reich" als J, aber diese Familie, die dort auf Borkum in ihren Flieger stieg, war wirklich auffällig unauffällig. Kein Fitzel Markenkleidung, kein teurer Schmuck, kein besonderes Styling, kein gar nichts, insgesamt waren sie nicht nur komplett unauffällig gekleidet, sondern benahmen sich auch einfach "normal", so dass ich auf Lehrerin und Verwaltungsbeamter getippt hätte, denn auch die beiden Kinder passten genau wie der mitreisende Opa perfekt in dieses Schema.

Das Besondere war in diesem Fall das Flugzeug, nämlich eine funkelniegelnagelneue zweimotorige Maschine, die meinem Westfalenmann sofort ein irres Glitzern in die Augen zauberte und ihn magisch anzog. Ich finde seine Auto- genau wie seine Flugzeugbegeisterung ja immer niedlich, und wenn dieser Flieger ein Auto gewesen wäre, dann muss man es sich vorstellen wie die neue S-Klasse von Mercedes, eben einfach ganz gehobene Luxusklasse in der Flugzeugkategorie, für die K eine Lizenz besitzt.
Pilotenscheine sind ja noch viel weiter diversifiziert als Führerscheine, wo ja nur grob nach Auto, Motorrad oder LKW unterschieden wird. Um ein Flugzeug fliegen zu dürfen, braucht man quasi für jede "Flugzeuggröße" eine eigene Lizenz. Verständlicherweise reagiert K deshalb am meisten auf Flieger, die wenigstens theoretisch in seiner "Lizenzkategorie" für ihn möglich wären. Nun, die Maschine, die hier direkt vor seiner Nase grade abflugbereit gemacht wurde, war eben vor allem deshalb etwas Besonderes, weil sie wirklich so brandneu war, dass sie in den einschlägigen Fliegerportalen noch nicht mal registriert war. (K hat das natürlich sofort recherchiert). Ganz neue Flugzeuge gibt es nicht so viele, die weitaus größte Zahl aller Kleinflugzeuge, die hier so rumfliegen, hat schon ein durchaus beachtliches Alter auf dem Buckel, ein Flugzeug, was zB erst 10 Jahre alt ist, gilt deshalb eher noch als jung. Das liegt natürlich vor allem an den Preisen, die so ein Flugzeug kostet. Fliegen ist zwar grundsätzlich kein preiswertes Hobby, aber es ist eigentlich auch nicht sooo teuer, wie die meisten Menschen so aus dem Bauch heraus vermuten. Ein brauchbares, einmotoriges Flugzeug zB gibt es schon ab 50.000 Euro, dann ist es zwar schon etwas älter, aber eben immer noch flugtauglich und zugelassen. Außerdem werden die allermeisten Kleinflugzeuge entweder in Haltergemeinschaften oder von Vereinen gehalten, so dass auch nicht ein Mensch alleine den vollen Preis bezahlt. K hat neulich mal ausgerechnet, dass er im Jahr für seine Fliegerei ungefähr so viel ausgibt, wie ein schöner, dreiwöchiger Familienurlaub im Club Med kostet. Sind alles keine Beträge für Sozialhilfeempfänger, aber eben auch nicht so weit außerhalb der Normalität, dass es nicht doch eine Menge Leute gäbe, die sich das leisten könnten.
Aber diese Maschine, die da letzte Woche auf Borkum stand, die war halt werksneu und außerdem top ausgestattet, so dass K meinte, dass man die wohl nicht unter einer Mio bekommt. Das sind dann schon andere Welten und Menschen, die mit "Spielzeugen" in der Millionenkategorie unterwegs sind, die sind auch in meinen Augen "richtig reich" und genau deshalb hat es mich so fasziniert, dass es bei ihnen rein optisch keinerlei Hinweise auf diesen wirklich gehobenen Reichtum gab.

So aus meiner eigenen Sicht und unter Berücksichtigung meiner Vergangenheit (meine Eltern mussten früher immer sehr genau rechnen und wirklich an allem, was nicht dringend notwendig war, sparen, um überhaupt über die Runden zu kommen), behaupte ich mittlerweile ja gerne, dass ich reich bin.
Und ich finde auch wirklich, dass ich reich bin, denn ich muss mir mit hoher Wahrscheinlichkeit bis an mein Lebensende keine finanziellen Sorgen mehr machen und ich habe vor allem das Gefühl, dass ich mir alles, was ich gerne haben möchte, auch einfach kaufen kann, wenn ich das wirklich will. Um meine Rente muss ich mich auch nicht sorgen, da ich mich nicht nur auf die gesetzliche Rente verlassen muss, sondern durch private Vorsorge ausreichend abgesichert bin, um den Standard, den ich jetzt habe, auch ziemlich sicher weiter halten zu können und sowohl für die Ausbildung der Kinder als auch für mögliche Notfälle sind ausreichende Rücklagen vorhanden - mehr Vermögen brauche ich also gar nicht; das, was ich habe, reicht mir, deshalb fühle ich mich reich.
Aber selbstverständlich gibt es Leute, die sind reicher, ich nenne das dann "richtig reich".
Ich bin im Grunde vor allem gefühlt reich, denn in absoluten Zahlen ist mein Reichtum noch durchaus überschaubar und harmlos.
Jetzt kann man trefflich darüber philosophieren, was "reich" überhaupt bedeutet und wo (finanzieller) Reichtum beginnt, meine persönliche Definition ist deshalb einerseits dieses "gefühlt reich", was in dem Moment beginnt, wo man das Gefühl hat, man kann sich alles, was man gerne haben möchte, kaufen und muss sich auch ansonsten keine Sorgen mehr machen und daneben gibt es dann noch dieses "richtig reich", was ich nach rein statistischen Merkmalen definieren würde, früher habe ich immer gesagt: Wer weniger als 10.000 DM Vermögensteuer bezahlen muss, der ist nicht richtig reich. Wenn man mal DM=Euro setzt und die alten Bemessungsgrundlagen und Steuersätze übernimmt, dann braucht es deutlich mehr als 1 Mio (Bar)Vermögen, bevor man in dieser Steuerkategorie landet. (So Vermögenswerte wie das eigene Haus zB waren schon immer vermögensteuerfrei)

Richtig reich bin ich also ganz sicher nicht, und wenn ich so darüber nachdenke, würde ich fast sagen: Zum Glück nicht.
Selbstverständlich wäre so ein Flieger für 1 Mio. ganz schön und sicherlich viel bequemer und schneller und sicherer und was weiß ich noch alles besser als die alten Schätzchen, mit denen wir in der Regel unterwegs sind, gleichzeitig weiß ich aber auch, wie viel Arbeit mit richtigem Reichtum verbunden ist, wenn man sein Vermögen nicht bequemerweise einfach nur geerbt hat, sondern man dafür arbeiten muss, um es zu erhalten bzw. jeden Monat neu zu verdienen - und sorry, genau da bin ich raus, denn exakt hier greift meine ganz persönliche work-life-balance mit aller Macht durch.
Ich betrachte mein jetziges Leben als vollkommen ausreichend luxuriös und mein größter Luxus ist wahrscheinlich, dass ich die meisten "Luxusdinge" gar nicht attraktiv finde, was mein Alltagsleben ausgesprochen preiswert macht.
Natürlich profitiere ich davon, dass viele "Dinge" schon da sind und ich deshalb keinerlei Belastungen aus Krediten habe, Rücklagen muss ich auch keine mehr bilden, denn auch die sind schon da, ich habe aber eben auch keine Sehnsucht nach vielen Dingen, die für andere Leute völlig normal sind. Es geht schon damit los, dass ich nur sehr, sehr selten Neuware kaufe. Weder Klamotten, noch Einrichtung oder "Fortbewegungsmittel", wenn ich konkret etwas suche, mache ich als erstes ebay bzw. ebay Kleinanzeigen auf oder ich warte einfach so lange, bis ich es irgendwo auf dem Flohmarkt finde.
Ich finde Wohnen außerhalb der Stadt viel angenehmer, was bedeutet, dass ich hier ein ganzes Haus zu dem Preis mieten kann, den ich in Münster für eine 3-Zimmer-Wohnung bezahlen müsste, das Haus auf Borkum gehört zu den Dingen, die eben schon da sind, hier besteht der Luxus vor allem darin, dass ich es selber nutze und nicht vermiete, dafür spare ich mir jede Art von Urlaub. Meine Lebensmitteleinkäufe kommen vom Discounter (das ist vor allem reine Bequemlichkeit, ich habe aber auch tatsächlich kein Bedürfnis nach "teurem Essen") und mein Lieblingshobby ist Schlafen. Ich bin in keinem Verein, ich gehe nicht ins Kino und da ich beruflich ziemlich oft zu Veranstaltungen jeder Art eingeladen werde, gebe ich privat tatsächlich so gut wie kein Geld für "Freizeitgestaltung" aus. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich mir je einen "Coffee to go" gekauft habe und wenn ich irgendwo unterwegs bin und Durst bekomme, steuere ich den nächsten Lebensmittelmarkt an und kaufe mir eine Flasche Wasser, weil ich es viel zu lästig finden würde, mich deshalb in eine Kneipe zu setzen. Bei längeren Ausflügen habe ich üblicherweise Proviant dabei - ich mag selbstgemachtes Essen in aller Regel aber auch einfach lieber als gekauftes.
Außerdem habe ich keine Putzfrau, weil ich finde, es ist mehr Arbeit, sich um die Organisation und die Beaufsichtigung einer Putzfrau zu kümmern, als ab und zu einfach mal selber den Besen zu schwingen. Meine Reinlichkeitsansprüche sind nur so mittel, ich kann gut damit leben, wenn die Fenster nur alle 2-3 Jahre geputzt werden, nur bei Bad und Klo werde ich etwas pingeliger - aber hey, das ist grade noch so erträglich machbar. Ich hatte in meinem Leben mit CW immer eine Haushaltshilfe - ich habe wirklich aktiv und bewusst darauf verzichtet als ich den damaligen Haushalt verlassen habe und tatsächlich fehlt sie mir bis heute nicht.
Mein ganz normales Alltagsleben ist also tatsächlich relativ preiswert und gleichzeitig vermisse ich nichts.
Die Kinder sind im Grunde auch nichts anderes gewöhnt, J versucht grade, sich sein Leben in Berlin einzurichten und muss dabei noch ein bisschen ausbalancieren, was ihm wichtig ist und wodrauf er gut verzichten kann, C ist da schon deutlich weiter und behauptet von sich, dass sie genauso lebt wie ich , also dass sie für sich gefühlt auf überhaupt nichts verzichtet und sich alles kaufen kann bzw. tatsächlich kauft, was sie haben möchte, aber trotzdem braucht sie nur rund 500€ im Monat, wovon die Hälfte für Miete und Telefon draufgeht. Das ist weniger als der BaFöG-Satz (und btw: an der Tatsache, dass die Kinder BaFöG bekommen, kann man erkennen, dass mein Einkommen tatsächlich nicht so hoch ist, dass es zu einer BaFöG-Kürzung führen würde, was allerdings auch, ich gebe es zu, Teil meines Berufes ist, dass ich das vernünftig darstellen kann).
Insgesamt will ich damit nur sagen, dass ich mit meinem aktuellen Einkommens- und Vermögensstand mehr als zufrieden bin, am besten gefällt mir, dass ich mir auch langfristig keine Sorgen mehr machen muss, was aber nur funktioniert, wenn ich mit meinem jetzigen Standard auch weiterhin zufrieden bin. Wenn ich plötzlich ein Verlangen nach funkelnagelneuen, zweimotorigen Flugzeugen entwickeln würde - ich glaube, dann wäre das mit der Zufriedenheit ziemlich schnell hinüber. Genau deshalb will ich so viele Dinge gar nicht haben - sie machen nur unglücklich
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