anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Mittwoch, 10. Oktober 2018
Der Wunsch jemand anderes zu sein
Ich habe in der letzten Zeit mehrfach Interviews oder Texte gelesen wo der Satz drin vorkam: "Ich habe mir immer gewünscht ein Junge zu sein."
Auch auf dem Barcamp in Dangast gab es eine Session zu dem Thema "Geschlechtswechsel" - und in welchem Zusammenhang ich mich auch mit diesem Thema auseinandersetze, meine Reaktion bleibt immer gleich, nämlich ein hilfloses Schulterzucken.
Denn mir persönlich ist es ehrlich gesagt ganz herzlich egal, welches Geschlecht ich habe, ich bin als Frau nicht unglücklich oder unzufrieden, ich kann mir aber auch nicht vorstellen, dass ich als Mann ein Problem damit hätte, dass ich ein Mann bin, denn dann wäre ich eben ein Mann, auch gut.
Rein emotional, also rein vom Bauchgefühl her, tut sich bei mir da gar nichts.
Ich bin eine Frau, ich war auch schon immer eine Frau - und ganz ehrlich? Ich finde, es hat enorm viele Vorteile eine Frau zu sein.
CW sagte immer, ich wäre eigentlich ein Mann mit Gebärmutter und ich selber muss offen zugeben, dass mir zumindest die klassischen, typisch weiblichen Reaktionsmuster komplett fehlen. Ich habe kein Tüdelüt-Gen und ich habe auch kein Verständnis für Anstellerei.

Nach der Geburt des ersten Kindes, was viele Frauen als den ergreifendsten Moment ihres Lebens beschreiben, habe ich mir nur dieses beschmierte Etwas beguckt, was da aus mir rausgeflutscht war und dachte "Ach du Schreck, der ist ja grauselig hässlich."
Ich hatte sehr viel Mitleid mit dem armen Wurm und mich schon deshalb dafür verantwortlich gefühlt, mich da drum zu kümmern, aber irgendwelche Hormonausschüttung, die zu akuten Liebeswallungen führten, ne, sorry, das ist mir nicht passiert.
Mich hat vielmehr fasziniert, welch gigantisch große Eier so ein neugeborener Junge hat. Wenn man frischgeschlüpfte Säuglinge auf den Bauch legt, dann liegen sie noch nicht komplett platt auf dem Bauch, sondern eher leicht gekrümmt, was auch nicht verwundert, schließlich haben sie sich in ihrem bisherigen Leben ja noch nie komplett ausstrecken können. Und durch diese gebogene Haltung, also mit
leicht angezogenen Beinen auf dem Bauch liegend, stippt der Popo deutlich in die Höhe und unter dem Popo hängen bei Jungs halt die Eier. Und die sind groß, absolut überproportional groß, zumindest bei neugeborenen männlichen Babys. Das liegt an den weiblichen Mutterhormonen, die sie noch in Mengen im Blut haben, das legt sich mit der Zeit, aber ganz am Anfang, also frisch nach der Geburt, da haben sie schon ein gewaltiges Gemächt.
Und das war so ziemlich das erste, was ich bei meinem frisch geborenen, ersten Sohn bemerkte und er tat mir gewaltig leid. Ich kann übrigens bestätigen, dass es sich wirklich im Laufe der Zeit egalisiert, schon nach drei Monaten bewegen sich die primären männlichen Geschlechtsorgane in völlig normalen Verhältnis zum Rest des Körpers, nur halt ganz am Anfang, da ist das zunächst mal anders. Aber beim ersten Kind, da wusste ich das noch nicht, was vor allem daran lag, dass ich die Bedienungsanleitung zur Babyaufzucht ja auch erst zur Geburt des Kindes als Ravensburger Sachbuch vom Vater geschenkt bekommen habe. Das war ein durchaus praktisches Buch und ich habe viele nützliche Informationen dort bekommen, aber wie gesagt, all diese Informationen gab es für mich erst nach der Geburt. (Übrigens sehr praktisch der Teil mit den Kinderkrankheiten, alphabetisch sortiert, und zwischen Mumps und Röteln stand unter P: "Penis in Reißverschluss eingeklemmt" - das war gut, dass ich das wirklich VOR dem Ernstfall gelesen habe, denn selbstverständlich kam diese Kinderkrankheit auch vor, aber da wusste ich immerhin, weshalb der Sohn plötzlich und unvermittelt so ungestüm losbrüllt, oder wenigstens fiel es mir als Möglichkeit ein - und das wirklich nur, weil ich es vorher in dem schlauen Buch gelesen habe, denn mal ganz ehrlich - woher soll man das als Frau sonst als Möglichkeit in Betracht ziehen?)

Aber wo war ich? Ach ja, eigentlich wollte ich nur sagen, dass es mir persönlich immer herzlich egal war, welches Geschlecht ich hatte, ich war für mich gefühlt immer hauptsächlich ich, also Anje - das Geschlecht hatte tatsächlich und ganz ehrlich überhaupt keine besondere Bedeutung.
Ich habe dann gelernt, dass die Menschen Unterschiede machen zwischen Jungs und Mädchen und gleichzeitig habe ich gelernt, dass es Mädchen besser haben als Jungs. Mädchen müssen nicht so viel, aber sie können sich alles nehmen, was sie wollen. Und ein kluges Mädchen nimmt sich selbstverständlich nur die praktischen oder bequemen Dinge, aber all diesen männlichen Unfug, den die Jungs machen müssen, den kann man als Mädchen entspannt ignorieren.
Wenn es zum Beispiel darum geht, dass am Auto ein Reifen gewechselt werden muss, dann bin ich ganz ungemein entspannt komplett unemanzipiert. Wie blöd kann man sein, sich freiwillig anzustrengen und die Hände schmutzig zu machen, wenn es ausreichend Jungs gibt, die sich danach drängeln?
Wenn sich denn partout und auch nach Warten kein Junge findet, der das macht, klar, dann kann ich das auch alleine, aber warum sollte ich mich hier vordrängeln?
Mein Leitsatz in meinem gesamten Leben hieß schon immer: "Ich kann alles alleine. - Aber nur, wenn sich sonst keiner findet."
Wenn man das typische Klischeedenken bemüht, dann gehören zu meinem Alltag wahrscheinlich mehr männliche als weibliche Schwerpunkttätigkeiten, das liegt aber nur daran, dass ich mir gezielt die Dinge rausgepickt habe, die ich für mich besonders bequem oder einfach fand. Insgesamt war es mir bisher mein gesamtes Leben lang schnurzepiepegal ob eine bestimmte Tätigkeit "nur was für Jungs ist" - wenn ich das machen wollte, dann habe ich das gemacht und ich kann mich an keine einzige Situation erinnern, wo ich nur deshalb daran gehindert wurde, weil ich ein Mädchen bin. Ich kann mich aber durchaus an eine Menge Situationen erinnern, wo ich es gezielt ausgenutzt habe, dass ich ein Mädchen bin, und dass nicht nur beim Reifenwechsel. So fand ich es zB in Betriebsprüfungen sehr positiv, wenn der männliche Prüfer vom Finanzamt so intensiv auf meinen kurzen Rock reagiert hat, dass er dabei die falsch erklärte Umsatzsteuer glatt übersehen hat. Und vergleichbare Situationen gab es viele.
In meinem Leben mit CW haben wir ganz bewusst und sehr erfolgreich diese Rollenverteilung eingesetzt und benutzt und ich fand das völlig okay.
Ich kam mir als Frau auch niemals "ausgenutzt" oder "zurückgesetzt" vor, einfach deshalb, weil ich das nie akzeptiert habe. Klar bin ich in meinem Leben unterwegs auch so typischen chauvinistischen Macho-Alphatierchen begegnet - aber letztlich haben diese Männer sich immer nur selber enorm lächerlich gemacht, denn das passiert ganz von alleine, wenn man ihr Verhalten nur einmal ganz entspannt und ohne viel Gezeter in aller Öffentlichkeit spiegelt.
"Gezeter" ist dabei das schlechteste, was man tun kann als Frau, dann hat man verloren, dann ist man es aber auch selber schuld. Meine Meinung.

Rein vom Bauchgefühl her ist es mir also tatsächlich herzlich egal, ob ich Mann oder Frau bin - aber was so die praktische Bequenlichkeit im Leben angeht, da denke ich schon, dass man es als Frau leichter hat.

Und deshalb hatte ich noch nie in meinem Leben das Bedürfnis, dass ich lieber ein Junge gewesen wäre, im Gegenteil, ich kann alles, was ein Junge auch kann - und kann mir zusätzlich die Freiheiten herausnehmen, die sich nur Frauen herausnehmen können
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Samstag, 6. Oktober 2018
erledigt
Diese Aufsichtsratssitzungen finden viermal im Jahr statt und eigentlich habe ich noch nie erlebt, dass es wirklich Ärger gegeben hat, aber trotzdem herrscht immer eine ziemliche Anspannng, bis so ein Termin dann wieder geschafft ist. Jedesmal nach einer Aufsichtsratssitzung nimmt man sich vor, das nächste Mal aber wirklich eher mit der Vorbereitung der Unterlagen zu beginnen, damit es nicht wieder so ein Stress in allerletzter Minute wird - und es klappt dann doch nie.
Egal, jetzt ist erst mal wieder eine rum, alle Vorlagen sind gut aufgenommen worden, eigentlich könnte man aber tatsächlich sofort mit der Vorbereitung der nächsten Sitzung beginnen, denn die ist schon Mitte Dezember, also nur noch gut zwei Monate. Wenn man die vorgeschriebenen Ablaufzeiten (Abstimmung und Versandfristen) alle ordnungsgemäß einhalten will, dann müssen die nächsten Vorlagen spätestens ins sechs Wochen fertig sein. Jetzt, wo ich das grade selber so durchrechne, spüre ich, wie schon wieder die Hektik für die nächste Sitzung aufkommt.

Nach der Sitzung bin ich dann erst mal Erleichterungsshoppen gegangen, nicht weit von der Zentrale des Mutterhauses entfernt gibt es einen sehr schönen Secondhand-Shop und als Luxusvariante zu einem Flohmarkt taugt der durchaus, "Neuware" einkaufen wird wohl nie so recht mein Ding werden, bei den Preisen der von mir bevorzugten Marken zucke ich üblicherweise schon gewaltig zusammen.

Dort habe ich ganz entspannt eine Stunde rumgeschnöft (und tatsächlich nichts gekauft, weil mir einfiel, dass ich wirklich genug Klamotten habe und nichts Neues mehr brauche), aber nur gucken und sich darüber freuen, wie viel Geld man sparen kann, wenn man all die Dinge, die einem gut gefallen, einfach nicht kauft, ist auch schon ein Spaß. (Und um hier gleich die Pointe rauszunehmen: Nein, ich würde nicht noch mehr Geld sparen, wenn ich gleich in den Neuwaregeschäften gucken und nicht kaufen würde, denn ein Kleid für 350€ gefällt mir einfach nicht, egal wie schön es ist. Wenn ich dieses Kleid dann aber im Secondhandshop für 50€ sehe, dann bin ich durchaus geneigt, über einen Kauf nachzudenken, allerdings kann ich dann durch einen Nichtkauf eben auch nur 50€ sparen.)

Wie auch immer, ich hatte einen netten Nachmittag und habe genug Geld gespart, um stolz auf mich und meine kluge Enthaltsamkeit zu sein.
Als ich nach Hause kam, war K allerdings schon wieder weg - er feiert heute mit seiner richtigen Familie diverse Geburtstage.
Da Geburtstage keine passende Gelegenheit sind, um die Stimmung zu verderben, fuhr er allein und ohne mich. Da seine üblichen Familientreffs aber alle irgendwelche "ernsthaften" Hintergründe haben, wird es wohl noch dauern, bis sich eine Gelegenheit bietet, mich mitzunehmen, denn selbstverständlich wäre seine richtige, echte Ehefrau höchst pikiert, wenn ihren Wünschen (nämlich mich nicht kennenlernen zu wollen) so direkt widersprochen würde.

Aber so ist das eben mit lästigen Veränderungen, irgendwie ist nie die passende Zeit dafür, wer kennt das nicht.

Ich habe den Abend dafür produktiv genutzt, ein wenig aufgeräumt, den Spülenunterschrank wieder eingeräumt (der Wasserhahn war undicht geworden, eine sehr lästige Sache, aber nach mehr als einer Woche ohne Wasserhahn in der Küche, funktioniert jetzt wieder alles einwand- und tropffrei, es musste halt nur wieder eingeräumt werden), eine große Kiste fertige Socken- und Unterwäschenwäsche zusammengelegt und -gerollt und außerdem habe ich noch eine wunderbare Idee für schicke Marmeladenglasetiketten gehabt und heute Abend dann mal einen Schwung davon produziert. Fotos und Erklärung gibt es morgen, aber ich bin schon ein wenig stolz auf meine gute Idee
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Freitag, 5. Oktober 2018
Alles normal heute
Normalerweise wäre ich dieses extralange Wochenende gar nicht auf dem Festland geblieben, wenn wir nicht morgen Aufsichtsratsitzung hätten und ich deshalb gewissermaßen Anwesenheitspflicht habe.
Die meisten Leute, die mich heute angerufen haben, waren deshalb auch schwer erstaunt, dass ich ganz normal im Büro sitze, vermuteten sie mich doch überwiegend fröhlich feiernd auf der Insel.
Aber war ich nicht, sondern absolvierte Alltag as usual, ist ja auch nicht schlecht, wenn man nur durch alltägliche Normalität Erstaunen erzeugt.
Da ich also heute normal im Büro war, und weil gestern so viel Zeit war und weil es im Grunde auch eine gepflegte Tradition ist, dass man zu seinem Geburtstag einen Kuchen ins Büro mitbringt, weil das also alles so ist, habe ich gestern auch noch zwei Kuchen gebacken, die ich heute in der Büroküche aufgebaut habe. Hat Spaß gemacht, vor allem auch, weil ich endlich die Backmischungen aus dem Keller losgeworden bin, auf der einen stand was von 2012 - der Kuchen ist aber einwandfrei gelungen.
Die andere war deutlich neuer, ich glaube, bis 2014 wäre die noch innerhalb der Garantiezeit gewesen, dafür ging es hier um einen Hefeteig und einer Hefe aus dem Jahr 2014 traue ich dann doch nicht mehr so viel zu, aber nach ein wenig Kramen fand ich in meinen sonstigen Vorräten sogar noch eine Hefe aus diesem Jahr. Ich bin schon ausgesprochen gut und aktuell sortiert in meinen Vorräten. Ich fand auch noch einige einzelne Hefepakete aus dem Jahr 2016, die habe ich dann aber gemeinsam mit dem Paket Hefe aus der Backmischung in die ewigen Jagdgründe überführt, man muss das ja nicht übertreiben, mit der Nachhaltigkeit.

Beide Kuchen sind gut gelungen, einmal CherryPie (und fragen Sie nicht nach dem Rezept, es war eine Backmischung) und einmal Hefeapfelkäsestreusel, wobei der Käseteil aus Frischkäse gemacht werden musste, ich hatte vergessen, Quark zu kaufen, aber Improvisation ist alles und Streusel sind immer gut und zumindest die Trockenzutaten werden nicht schlecht, eigentlich konnte also gar nichts schief gehen.

Ich selber bin ja nicht so der Kuchenfreak, aber die Rückmeldungen waren alle positiv.
Nur ein Kollege meinte, ihm wäre nach dem dritten Stück Kuchen leicht schlecht gewesen, ich glaube aber, das lag nicht am Alter der Backmischungen.

Am Abend sind wir dann Essen gegangen, K hatte rechtzeitig genug daran gedacht, einen Tisch bei dem wunderbaren Japaner zu reservieren, bei dem man mindestens 14 Tage Vorlauf braucht für eine Tischreservierung, so dass wir nur sehr selten dort essen gehen, weil diese Vorlaufzeit schlecht mit unserer Spontaneität konform geht, aber für heute war eben alles gut geplant und so hatten wir einen tollen Abend mit sehr leckerem Essen.

Morgen dann Aufsichtsrat und dann ist das auch mal wieder geschafft
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Sonntag, 23. September 2018
Zweiter Tag Barcamp
Man sagt, dass der zweite Tag des Barcamps traditionell die besseren Sessions bietet, weil die Leute warm geworden sind und sich mehr trauen.
Tatsächlich wurden heute auch wesentlich persönlichere Themen diskutiert, allerdings finde ich komplexe Sachthemen interessanter, so dass mir der erste Tag besser gefiel, aber ich denke, damit habe ich eher eine Mindermeinung.
Nun, wie auch immer, insgesamt waren es sehr interessante zwei Tage und ich bin mit meiner Entscheidung, so ein Barcamp einmal auszuprobieren, sehr zufrieden, wenn ich auch über einige Erlebnisse und einige Personen noch ein wenig nachdenken muss. Das ist allerdings auch nicht verwunderlich, denn ich habe ja in diesen zwei Tagen so viel mit fremden Menschen zu tun gehabt wie schon lange nicht mehr und das muss ich jetzt erst mal verarbeiten.

Und sonst noch:
War heute auch die offizielle Verabschiedung von meinem jüngsten Sohn, der schon seinen kompletten Hausstand in seinem Auto mit sich führte, weil er über einen Zwischenstopp für eine Party in Oldenburg morgen nach Berlin fährt, wo er dann sein neues, selbstständiges Leben als Student beginnt und damit sind jetzt wirklich alle Kinder komplett ausgezogen.
Auch wenn ich mein Leben als kinderlose Erwachsene grundsätzlich sehr mag, so ist es doch ein wenig ein seltsames Gefühl, nun auch das allerletzte Kind ziehen zu lassen. Aber vielleicht kommt er ja auch noch mal zu Besuch, ich gehe eigentlich sogar fest davon aus
:-)

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Donnerstag, 13. September 2018
Wartezimmerlektüre
Heute Termin beim Orthopäden, wirklich bemerkenswert fand ich die Auswahl an Zeitschriften im Wartezimmer, was für ein krasser Gegensatz zu der eher SuperRTL-lastigen Klientel beim Unfallchirurgen.


Richtig intellektueller Anspruch, den diese Lektüreauswahl da ausstrahlt.

Die Diagnose dagegen bleibt gleich: Immer noch Schleimbeutelentzündung, wir haben uns jetzt für eine langfristig angelegte Tablettenkur entschieden, wenn das nicht anschlägt, folgt Plan B in der Reihenfolge Spritzen, Strahlen, OP, Euthanasie.

Ansonsten passierte heute nicht viel, hauptsächlich Büro as usual.
Außerdem ein wenig ausgefeilte Logistik, denn C fuhr heute mit der Bahn von Bielefeld nach Emden/Borkum und machte einen Stopover in Münster, um sich von mir die Zehnerkarte für die Fähre geben zu lassen.
Das schwierige dabei war das übliche Bahnchaos, weil der erste Zug, mit dem sie fahren wollte,ausfiel und der zweite aus nicht weiter erläuterten Gründen nicht fuhr, so dass sie schließlich in irgendeinen Zug Richtung Münster einstieg, aber nicht wusste, wann sie ankommen wird. Wir vereinbarten deshalb als Treffpunkt „Münster Preußenstadion“, weil das vom Bahnhof aus gut mit dem Bus zu erreichen ist und außerdem war dort heute Flohmarkt, so dass auch ich gut beschäftigt war, während ich auf sie wartete.

Einkauf des Tages: Ich besitze jetzt ein Paar Ballerinas von der Firma UGG
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Donnerstag, 6. September 2018
Gereschtichkeit*
Am Freitag war ich als Zeuge geladen in einem Zivilprozess, den meine Firma gegen einen ehemaligen Pächter einer unserer Gastronomie-/Hotelliegenschaften führt. Der Pächter hat über längere Zeit immer weniger bis schließlich gar keine Pacht mehr bezahlt, so dass er außerordentlich gekündigt wurde. Daraufhin hat er gebeten und gebettelt, dass er doch wenigstens noch das Weihnachtsgeschäft mitnehmen dürfe, schließlich sei er fast ausgebucht, was ihm in Absprache mit dem Folgepächter dann tatsächlich gestattet wurde. Selbstverständlich gingen wir davon aus, dass er die zusätzlichen Einnahmen aus dem Weihnachtgeschäft verwenden wird, um wenigstens einen Teil seiner Pachtrückstände zu begleichen - hat er aber nicht, im Gegenteil, er hat noch nicht mal die Nebenkosten bezahlt.
Was er mit der Kohle stattdessen gemacht hat, wissen wir natürlich nicht, es gibt aber naheliegende Vermutungen, denn sein Sohn hat sich auffällig schnell anschließend mit einem kapitalintensiven Startup selbständig gemacht, um ihm hier eine Veruntreuung nachzuweisen, müsste aber erst gründlich ermittelt werden.

Im ersten Schritt haben wir ihn deshalb zunächst mal nur auf Zahlung der ausstehenden, aufgelaufenen Pachtbeträge verklagt. Im ersten Verhandlungstermin, den ein Anwalt für unsere Firma alleine wahrgenommen hat, hat der Expächter dann sehr jammerig dargestellt, dass er quasi komplett pleite ist und sein Geld jetzt als LKW-Fahrer verdiene, um sich überhaupt ernähren zu können und angeboten, er würde über fünf Jahre gestreckt insgesamt 10% der offenen Pacht bezahlen, mehr wäre für ihn aber wirklich nicht drin.
Wir haben diesen Vergleich abgelehnt, weshalb es einen weiteren Verhandlungstermin gab und der war jetzt am Freitag.
In dem Vorbereitungsgespräch mit unserem Anwalt und dem Chef erster Ordnung habe ich mal wieder begriffen, wie viel friedlicher als ich die meisten Menschen veranlagt sind und dass sie einen Spatz in der Hand jederzeit der Taube auf dem Dach vorziehen, weil Rachegelüste nicht nur teuer sein können, sondern auch als "das muss doch nicht sein, das gibt nur noch mehr Ärger" aus reiner Friedlichkeitsgier abgelehnt werden. "Sie sind immer gleich so brutal" bescheinigte mir mein Oberchef und stimmte einem neuen Vergleich zu, bei dem der Expächter nun über acht Jahre insgesamt 15% der offenen Pacht bezahlen muss. Eigentlich wollten wir 20% fordern, aber der Anwalt dieses Expächters hat den Betrag runtergehandelt, indem er vortrug, dass sein Mandant dann ja 10 Jahre lang seine Schulden abbezahlen müsse und dann könne er ja besser Privatinsolvenz anmelden, denn dann wäre er schon nach sechs Jahren wieder schuldenfrei.
Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte der Typ ganz sicher Insolvenz anmelden müssen und im Rahmen der Insolvenz hätte ich noch eine Anzeige wegen Betrug und Unterschlagung gestartet, denn ich bin der festen Überzeugung, dass eine Privatinsolvenz nicht nur ein bequemer Schuldenschnitt ist, sondern auch durchaus eine gesellschaftliche Ächtung mit sich bringt, die diesem Ex Pächter ganz bestimmt sehr unangenehm gewesen wäre, so dass ich ihn hemmungslos mit der Androhung der Privatinsolvenz erpresst hätte.
Aber es waren sich mal wieder alle einig, dass das doch auch nichts bringt und so zahlt er wenigstens ein bisschen und überhaupt ist es doch immer sinnvoll, Streitigkeiten friedlich beizulegen.
Ich finde das üblicherweise nicht sinnvoll, Streitigkeiten friedlich beizulegen, weil ich in meinem Leben immer wieder festgestellt habe, dass grade die größten Ar…löcher am meisten davon profitieren, wenn Streitigkeiten friedlich beigelegt werden, weil sie mit den sagenhaftesten Unverschämtheiten durchkommen, da die netten Menschen viel eher bereit sind nachzugeben.
Ich kann mich über eine friedliche Streitbeilegung deshalb regelmäßig sehr gründlich aufregen.
Was ich aus diesem Grund auch gar nicht leiden kann, sind Sätze wie "nun streitet doch nicht", wenn sich Dritte beschwichtigend einmischen, weil sie es schrecklich finden, wenn sich andere Leute streiten. Solche Sätze finden sich aber mit 100%iger Zuverlässigkeit in jedem Forum/Facebook/Blog/Kommentarthread/ und ich frage mich dann immer, was sich die Menschen davon versprechen. Was ist an Streit so schlimm? Warum muss man das unbedingt vermeiden? Warum darf sich jemand benehmen wie eine offene Hose, ohne dass er deswegen Konsequenzen befürchten muss? Weil Streit noch schlimmer ist als Rücksichtslosigkeit, verblendete Arroganz und unkorrigierte Überheblichkeit?
Für wen gelten denn die Regeln, die sich die Gesellschaft durch Gesetze selber gegeben hat? Nur für die, die sich ohne Streit daran halten?

J sagte mir neulich voraus, dass ich noch zu einer dieser verbitterten alten Meckerrentnerinnen verkommen werde, die mit Gewalt und einem Regenschirm jeden Fahrradfahrer in der Fußgängerzone maßregeln. Ich finde nicht, dass man Unrecht mit Unrecht vergelten sollte, ich finde aber auch nicht, dass ich einem Fahrradfahrer in der Fußgängerzone Platz machen muss, schon gar nicht, wenn er klingelt. Und ja, ich kann mich sehr über Fahrradfahrer in der Fußgängerzone aufregen, weil ich es eben schlicht unverschämt, rücksichtslos und insgesamt einfach nur Kacke finde, wenn sich einzelne Personen derart unbekümmert über die Regeln hinwegsetzen, die sich die Gesellschaft doch nun mal selber und für alle gültig gegeben hat.
Und ja, ich halte mich auch nicht immer an alle Gesetze und klar fahre ich auch schon mal zu schnell oder in letzter Sekunde über eine dunkelgelbe Ampel oder ziehe keinen Parkschein. Ich bin auch schon durch eine Fußgängerzone Fahrrad gefahren. Aber wenn ich bei solchen Regelübertritten erwischt werde, dann backe ich üblicherweise ziemlich kleine Brötchen, entschuldige mich ausführlich und bezahle ohne Widerstand meine Strafe.
Es gibt aber eben auch die Ar…löcher, diejenigen, die überhaupt kein Unrechtsbewusstsein haben und Radarfallen als Abzocke beschimpfen oder ihr falsches Verhalten dadurch rechtfertigen wollen, dass sie erklären, die Vorschriften wären verkehrt. Ich finde ja, diese Leute sollten dann einfach dorthin auswandern, wo es keine Vorschriften gibt, das erscheint mir die mit Abstand einfachste Lösung.

*Gereschtichkeit ist ein Insider-Witz aus meinen Jahren im Rheinland: Auf irgendeiner Kinder-Adventsfeier in der Grundschule sang der Schulchor sehr deutlich von Frieden und Gereschtichkeit und seit dem Tag ist Gereschtichkeit ein geflügeltes Wort in unserer Familie
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Mittwoch, 5. September 2018
Volkswirtschaftliche Erkenntnisse
Heute Abend war ich auf einem „Gesprächsabend“, den ein großer Vermögensverwalter für seine Kunden in Münster organisiert hatte, bisher fanden solche Veranstaltungen immer in den großen „Finanzmetropolen“ wie Frankfurt, Hamburg oder Düsseldorf statt, aber es scheint jetzt genug interessante Kunden im westfälischen Raum zu geben und so fand sich ein recht illustrer Kreis in Münster zusammen.
Im Unterschied zu Veranstaltungen von Banken, die außer Vermögensverwaltung ja auch noch anderes Geschäft machen und damit auch andere Kunden ansprechen, was wiederum bedeutet, dass die offizielle Bankmeinung zu den Finanzmärkten meist sehr gefiltert und schwer reguliert wird, hat heute Abend der Chefstratege dieses Vermögensverwaltenden Fonds seine Meinung zu den Finanzmärkten recht ungeschminkt präsentiert und das war durchaus interessant. Gleichzeitig aber auch ein bisschen beängstigend, denn auf lange Sicht sieht es wohl tatsächlich nicht gut aus für Deutschland. Überraschend fand ich seine Meinung nicht, denn im Wesentlichen sehe ich es exakt genauso, beängstigend fand ich nur, dass ein ausgewiesener und echter Experte auf diesem Gebiet tatsächlich exakt meine eher pessimistische Meinung was die Zukunft von Deutschland betrifft, teilt.

Die gesellschaftlichen Entwicklungen, die sich in der letzten Woche zB in Chemnitz sehr deutlich gezeigt haben, tragen im Zweifel nur dazu bei, dass es hier noch schneller bergab geht - wenn man sich das alles mal ganz in Ruhe von außen ansieht, kann einen schon leicht die Verzweiflung packen, wie man aber diese Dummköpfe so ausbremst, dass sie nicht immer noch mehr Schaden anrichten, das weiß ich auch nicht.
Dass in vielen anderen Ländern ähnlich katstrophale Verhältnisse herrschen, tröstet dabei nicht wirklich, im Gegenteil, je genauer man sich mit diesen Themen beschäftigt, umso mehr Sorgen muss man sich machen.

Beruhigend war dafür die Erkenntnis, dass ich zumindest im privaten Bereich alles richtig gemacht habe, was die persönliche „Vermögensverwaltung“ betrifft - und wenn es hier wirklich irgendwann knallt und brennt, dann gehe ich einfach auf meine Insel und ziehe mir die Decke übern Kopf
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Montag, 3. September 2018
Freiwilligendienst am Montag
Obwohl heute Montag ist, habe ich nichts zu jammern. Liegt vielleicht auch daran, dass ich formal krankgeschrieben bin und deshalb vollständig freiwillig arbeite und im Büro erschienen bin, was tatsächlich ein viel besseres Gefühl ist als ein Montag mit regulärer Arbeitszeit. Allein die Tatsache, dass ich nicht muss sondern freiwillig will, ist ein enormer Stimmungsaufheller. Schon lustig, wie einem die eigene Psyche an normalen Montagmorgen ansonsten selber ein Bein stellt. Ich denke, ich muss noch mal mit mir selber ein ernstes Gespräch führen.

Mein eingegipster rechter Arm ist also einerseits sicherlich lästig, und zwischendurch habe ich immer wieder das Gefühl, jetzt ist es gut, jetzt kann man es einfach wieder abnehmen, ich habe keine Lust mehr auf diesen Umstand, aber andererseits beschert er mir halt auch fünf Wochen Freiheit durch die AU, die ich noch nicht mal erbetteln musste, sondern die mir der Unfallchirurg ganz selbstverständlich aufgedrängt hat.
Wenn ich diese unvermutete Freiheit dann mit der Lästigkeit eines Gipsarmes abgleiche, dann kompensiert sich da viel und ich denke, für einen Monat kann ich mich gut arrangieren.

Deshalb habe ich den Montag heute weder als Montag noch als lästig empfunden, insgesamt einfach nur ein guter Tag. Am Vormittag war ich zunächst beim Hausarzt, der die Fäden aus der Oberlippe gezogen hat, anschließend bröckelte der letzte Rest der Kruste ab, jetzt ist wirklich im Gesicht kaum noch etwas zu sehen, insgesamt ein großer Schritt nach vorne.
Weil ich am Nachmittag sowieso einen Termin in der Innenstadt von Münster hatte, habe ich die Gelegenheit genutzt und bin anschließend dort zu Augenundmehr gegangen, um meine Brille wieder gerade biegen zu lassen. Die war bei dem Sturz sehr in Mitleidenschaft gezogen worden, aber zum Glück nur verbogen, kein Glasbruch, das konnte deshalb problemlos wieder repariert werden.
Ansonsten war die Arbeit im Büro heute auch nicht anders als an anderen Tagen, aber allein die Tatsache, dass ich selber wusste, ich kann jederzeit gehen, wenn ich keine Lust mehr habe, hat alles enorm aufgewertet.
Mir ist es sogar gelungen, mich nicht weiter über den tiefbegabten Assistenten der Geschäftsführung aufzuregen, sondern habe dem Chef erster Ordnung nur lapidar erklärt: „Ihr Assistent. Machen Sie das Beste draus.“ Zwar war der Chef erster Ordnung darüber not amused, aber hey, es ist wirklich sein Assistent.

Morgen Abend bin ich zu einer Vermögensverwalterveranstaltung eingeladen, genau genommen sogar zu zwei gleichzeitig stattfindenden Veranstaltungen, so dass ich mich für die entschieden habe, die in dem besseren Restaurant stattfindet. Man muss schließlich Prioritäten setzen.

Heute Abend habe ich dafür selber gekocht, Hackfleisch mit Schmorgurken und Radieschen (auch geschmort), ich habe das gesamte Gericht spontan erfunden und war erstaunt, wie ausgesprochen lecker es war. In solchen Momenten finde ich es dann durchaus ärgerlich, dass ich solche spontanen Erfindungen nicht wiederholen kann, weil ich mir natürlich nicht gemerkt habe, was ich da alles zusammengerührt habe, aber das Grundprinzip, nämlich Rinderhack mit Zwiebeln und Schmorgurken in einer Sahnesauce, das lässt sich natürlich schon wiederholen
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Freitag, 31. August 2018
Wartezimmer
Heute hatte ich einen Termin beim Unfallchirurgen, der am Montag ja geschlossen hatte, weshalb ich in der Notfallambulanz im Krankenhaus notdürftig versorgt wurde, aber die Nachbehandlung des Gipsarms sollte auf alle Fälle der Unfallchirurg übernehmen, deshalb also heute dort Termin.
In der Praxis war es extrem voll, Wartezeit bis zu vier Stunden hieß es am Ticketcounter, was dort aber wohl Normalzustand ist, für Unfälle kann man schlecht Termine im Vorhinein machen.
Spannend, was für Leute da im Wartezimmer rumsitzen und spannend auch, wie sie warten.
Im Durchschnitt saßen ca. 20 Menschen auf den 30 Stühlen, die als Wartezimmerkreis an der Wand aufgereiht waren, alters- und herkunftsmäßig sehr gemischt, von allem was dabei.
Plötzlich singt ein Telefon eine Klingeltonmelodie vom Typ „Frühlingsklang“ in voller Lautstärke, eine ältere Dame, Kategorie Beigeling, zuckt zusammen und kramt hektisch in ihrer Handtasche, findet schließlich ihr Handy und versucht verzweifelt, den Anruf durch wildes Gewische anzunehmen. Sie wischt und wischt, die Frühlingsklänge füllen weiter das Wartezimmer bis es ihr schließlich gelingt, sich mit dem Telefon zu einigen. Jetzt quillt eine laut quäkende Stimme aus dem Gerät und erzählt irgendwas von Anneliese, die am Wochenende nicht mit zum Geburtstag bei Karl-Heinz kommen will. Die Frau scheint aus Versehen den Lautsprecherknopf bei ihrer wilden Wischerei erwischt zu haben, jetzt weiß sie nicht, wie sie das wieder abstellen soll, sie presst das Telefon ganz stark und verzweifelt an ihr Ohr, ändert aber nichts daran, dass der Lautsprecher das Wartezimmer beschallt und alle mitbekommen, dass Anneliese im Alter immer schwieriger wird. Ich finde das lustig, weil die Telefonfrau genau so aussieht, wie die Leute in meinem Schubladendenken, die sich über Leute, die in der Öffentlichkeit telefonieren, aufregen.
Die allermeisten Wartenden warten im übrigen taten- und bewegungslos, ganz faszinierend. Nur zwei Leute schauen in ihr Handy, interessanterweise beides ältere, die jüngeren lassen ihr Gerät unberührt in der Tasche stecken.
Auf dem Tisch liegen viele Zeitschriften, 90% Yellow Press, der Rest Autobild, die Zeitschrift mit dem intellektuellsten Niveau scheint mir die Für Sie zu sein, nur einer der Wartenden blättert in einer Zeitung, er hat ein Down-Syndrom und einen verbundenen Finger.
Im Wartezimmer ist es völlig still, die Telefonfrau hat es geschafft, ihr Telefonat zu beenden, jetzt hört man nichts mehr, kein Geräusch, niemand spricht, niemand hat Kopfhörer im Ohr.
Mir wird langweilig, ich krame meine Kopfhörer raus und entdecke Wartezimmerwarterei als perfekte Gelegenheit, um Podcasts zu hören, vier Stunden Wartezeit stören mich nicht mehr, ich bin aber schon nach zwei Stunden dran und habe jetzt immer noch ungehörte Podcast auf meiner Liste.
Außerdem habe ich einen neuen Gips bekommen, einen "Rundgips", der die Beweglichkeit des rechten Arms deutlich mehr einschränkt, als die halbe Gipsschiene, die ich bisher hatte. Jetzt ist alles viel komplizierter.
Am 27. September soll ich wieder kommen, dann kommt der Gips wieder ab.
Vier Wochen, jammer
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Dienstag, 28. August 2018
Kann man reich sehen? Von optischem und gefühltem Reichtum
Ich hatte ja neulich das Thema, dass man im Kopf so eine Art Schubladendenken hat, was einem suggeriert, das äußere Erscheinungsbild eines Menschen und sein Vermögen hätten etwas miteinander zu tun bzw. wären irgendwie proportional.

"Die Reichen und die Schönen" als Schlagwort fasst das ja recht präzise zusammen, wobei hier noch so Dinge mitschwingen wie "reicher Mann hält sich eine schöne Frau", aber zumindest verfügt die schöne Frau dann über eine kaufkräftige Kreditkarte, um sich optischer noch schöner zu präsentieren, also geht man auch hier davon aus, dass man es sehen kann, wenn jemand genug Geld hat, um sich schön zu machen.

Als J. neulich dieses Ehepaar kommentierte, was auf ihn rein optisch den Eindruck machte, dass das "reiche Leute" sein müssten, fiel mir ein anderes Erlebnis ein, was ich neulich auf dem Flugplatz hatte und wo ich sozusagen "umgekehrt" erstaunt war, denn dort stiegen Menschen in ein Flugzeug ein, die rein optisch für mich "völlig normal" aussahen, die aber tatsächlich sehr, sehr reich gewesen müssen, das konnte man sehr gut aus dem Flugzeug ableiten, mit dem sie unterwegs waren. Mir fiel das deswegen ein, grade weil ich mich da darüber gewundert hatte, wie wenig man diesen Leuten ansah, dass sie eine immense Kohle haben müssen.

Ich denke, ich habe sicherlich noch mal einen anderen Blick als J, wenn es darum geht, einzuschätzen, ob Menschen reich sind oder nicht und ich habe ganz sicher auch eine andere Vorstellung von "reich" als J, aber diese Familie, die dort auf Borkum in ihren Flieger stieg, war wirklich auffällig unauffällig. Kein Fitzel Markenkleidung, kein teurer Schmuck, kein besonderes Styling, kein gar nichts, insgesamt waren sie nicht nur komplett unauffällig gekleidet, sondern benahmen sich auch einfach "normal", so dass ich auf Lehrerin und Verwaltungsbeamter getippt hätte, denn auch die beiden Kinder passten genau wie der mitreisende Opa perfekt in dieses Schema.

Das Besondere war in diesem Fall das Flugzeug, nämlich eine funkelniegelnagelneue zweimotorige Maschine, die meinem Westfalenmann sofort ein irres Glitzern in die Augen zauberte und ihn magisch anzog. Ich finde seine Auto- genau wie seine Flugzeugbegeisterung ja immer niedlich, und wenn dieser Flieger ein Auto gewesen wäre, dann muss man es sich vorstellen wie die neue S-Klasse von Mercedes, eben einfach ganz gehobene Luxusklasse in der Flugzeugkategorie, für die K eine Lizenz besitzt.
Pilotenscheine sind ja noch viel weiter diversifiziert als Führerscheine, wo ja nur grob nach Auto, Motorrad oder LKW unterschieden wird. Um ein Flugzeug fliegen zu dürfen, braucht man quasi für jede "Flugzeuggröße" eine eigene Lizenz. Verständlicherweise reagiert K deshalb am meisten auf Flieger, die wenigstens theoretisch in seiner "Lizenzkategorie" für ihn möglich wären. Nun, die Maschine, die hier direkt vor seiner Nase grade abflugbereit gemacht wurde, war eben vor allem deshalb etwas Besonderes, weil sie wirklich so brandneu war, dass sie in den einschlägigen Fliegerportalen noch nicht mal registriert war. (K hat das natürlich sofort recherchiert). Ganz neue Flugzeuge gibt es nicht so viele, die weitaus größte Zahl aller Kleinflugzeuge, die hier so rumfliegen, hat schon ein durchaus beachtliches Alter auf dem Buckel, ein Flugzeug, was zB erst 10 Jahre alt ist, gilt deshalb eher noch als jung. Das liegt natürlich vor allem an den Preisen, die so ein Flugzeug kostet. Fliegen ist zwar grundsätzlich kein preiswertes Hobby, aber es ist eigentlich auch nicht sooo teuer, wie die meisten Menschen so aus dem Bauch heraus vermuten. Ein brauchbares, einmotoriges Flugzeug zB gibt es schon ab 50.000 Euro, dann ist es zwar schon etwas älter, aber eben immer noch flugtauglich und zugelassen. Außerdem werden die allermeisten Kleinflugzeuge entweder in Haltergemeinschaften oder von Vereinen gehalten, so dass auch nicht ein Mensch alleine den vollen Preis bezahlt. K hat neulich mal ausgerechnet, dass er im Jahr für seine Fliegerei ungefähr so viel ausgibt, wie ein schöner, dreiwöchiger Familienurlaub im Club Med kostet. Sind alles keine Beträge für Sozialhilfeempfänger, aber eben auch nicht so weit außerhalb der Normalität, dass es nicht doch eine Menge Leute gäbe, die sich das leisten könnten.
Aber diese Maschine, die da letzte Woche auf Borkum stand, die war halt werksneu und außerdem top ausgestattet, so dass K meinte, dass man die wohl nicht unter einer Mio bekommt. Das sind dann schon andere Welten und Menschen, die mit "Spielzeugen" in der Millionenkategorie unterwegs sind, die sind auch in meinen Augen "richtig reich" und genau deshalb hat es mich so fasziniert, dass es bei ihnen rein optisch keinerlei Hinweise auf diesen wirklich gehobenen Reichtum gab.

So aus meiner eigenen Sicht und unter Berücksichtigung meiner Vergangenheit (meine Eltern mussten früher immer sehr genau rechnen und wirklich an allem, was nicht dringend notwendig war, sparen, um überhaupt über die Runden zu kommen), behaupte ich mittlerweile ja gerne, dass ich reich bin.
Und ich finde auch wirklich, dass ich reich bin, denn ich muss mir mit hoher Wahrscheinlichkeit bis an mein Lebensende keine finanziellen Sorgen mehr machen und ich habe vor allem das Gefühl, dass ich mir alles, was ich gerne haben möchte, auch einfach kaufen kann, wenn ich das wirklich will. Um meine Rente muss ich mich auch nicht sorgen, da ich mich nicht nur auf die gesetzliche Rente verlassen muss, sondern durch private Vorsorge ausreichend abgesichert bin, um den Standard, den ich jetzt habe, auch ziemlich sicher weiter halten zu können und sowohl für die Ausbildung der Kinder als auch für mögliche Notfälle sind ausreichende Rücklagen vorhanden - mehr Vermögen brauche ich also gar nicht; das, was ich habe, reicht mir, deshalb fühle ich mich reich.
Aber selbstverständlich gibt es Leute, die sind reicher, ich nenne das dann "richtig reich".
Ich bin im Grunde vor allem gefühlt reich, denn in absoluten Zahlen ist mein Reichtum noch durchaus überschaubar und harmlos.
Jetzt kann man trefflich darüber philosophieren, was "reich" überhaupt bedeutet und wo (finanzieller) Reichtum beginnt, meine persönliche Definition ist deshalb einerseits dieses "gefühlt reich", was in dem Moment beginnt, wo man das Gefühl hat, man kann sich alles, was man gerne haben möchte, kaufen und muss sich auch ansonsten keine Sorgen mehr machen und daneben gibt es dann noch dieses "richtig reich", was ich nach rein statistischen Merkmalen definieren würde, früher habe ich immer gesagt: Wer weniger als 10.000 DM Vermögensteuer bezahlen muss, der ist nicht richtig reich. Wenn man mal DM=Euro setzt und die alten Bemessungsgrundlagen und Steuersätze übernimmt, dann braucht es deutlich mehr als 1 Mio (Bar)Vermögen, bevor man in dieser Steuerkategorie landet. (So Vermögenswerte wie das eigene Haus zB waren schon immer vermögensteuerfrei)

Richtig reich bin ich also ganz sicher nicht, und wenn ich so darüber nachdenke, würde ich fast sagen: Zum Glück nicht.
Selbstverständlich wäre so ein Flieger für 1 Mio. ganz schön und sicherlich viel bequemer und schneller und sicherer und was weiß ich noch alles besser als die alten Schätzchen, mit denen wir in der Regel unterwegs sind, gleichzeitig weiß ich aber auch, wie viel Arbeit mit richtigem Reichtum verbunden ist, wenn man sein Vermögen nicht bequemerweise einfach nur geerbt hat, sondern man dafür arbeiten muss, um es zu erhalten bzw. jeden Monat neu zu verdienen - und sorry, genau da bin ich raus, denn exakt hier greift meine ganz persönliche work-life-balance mit aller Macht durch.
Ich betrachte mein jetziges Leben als vollkommen ausreichend luxuriös und mein größter Luxus ist wahrscheinlich, dass ich die meisten "Luxusdinge" gar nicht attraktiv finde, was mein Alltagsleben ausgesprochen preiswert macht.
Natürlich profitiere ich davon, dass viele "Dinge" schon da sind und ich deshalb keinerlei Belastungen aus Krediten habe, Rücklagen muss ich auch keine mehr bilden, denn auch die sind schon da, ich habe aber eben auch keine Sehnsucht nach vielen Dingen, die für andere Leute völlig normal sind. Es geht schon damit los, dass ich nur sehr, sehr selten Neuware kaufe. Weder Klamotten, noch Einrichtung oder "Fortbewegungsmittel", wenn ich konkret etwas suche, mache ich als erstes ebay bzw. ebay Kleinanzeigen auf oder ich warte einfach so lange, bis ich es irgendwo auf dem Flohmarkt finde.
Ich finde Wohnen außerhalb der Stadt viel angenehmer, was bedeutet, dass ich hier ein ganzes Haus zu dem Preis mieten kann, den ich in Münster für eine 3-Zimmer-Wohnung bezahlen müsste, das Haus auf Borkum gehört zu den Dingen, die eben schon da sind, hier besteht der Luxus vor allem darin, dass ich es selber nutze und nicht vermiete, dafür spare ich mir jede Art von Urlaub. Meine Lebensmitteleinkäufe kommen vom Discounter (das ist vor allem reine Bequemlichkeit, ich habe aber auch tatsächlich kein Bedürfnis nach "teurem Essen") und mein Lieblingshobby ist Schlafen. Ich bin in keinem Verein, ich gehe nicht ins Kino und da ich beruflich ziemlich oft zu Veranstaltungen jeder Art eingeladen werde, gebe ich privat tatsächlich so gut wie kein Geld für "Freizeitgestaltung" aus. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich mir je einen "Coffee to go" gekauft habe und wenn ich irgendwo unterwegs bin und Durst bekomme, steuere ich den nächsten Lebensmittelmarkt an und kaufe mir eine Flasche Wasser, weil ich es viel zu lästig finden würde, mich deshalb in eine Kneipe zu setzen. Bei längeren Ausflügen habe ich üblicherweise Proviant dabei - ich mag selbstgemachtes Essen in aller Regel aber auch einfach lieber als gekauftes.
Außerdem habe ich keine Putzfrau, weil ich finde, es ist mehr Arbeit, sich um die Organisation und die Beaufsichtigung einer Putzfrau zu kümmern, als ab und zu einfach mal selber den Besen zu schwingen. Meine Reinlichkeitsansprüche sind nur so mittel, ich kann gut damit leben, wenn die Fenster nur alle 2-3 Jahre geputzt werden, nur bei Bad und Klo werde ich etwas pingeliger - aber hey, das ist grade noch so erträglich machbar. Ich hatte in meinem Leben mit CW immer eine Haushaltshilfe - ich habe wirklich aktiv und bewusst darauf verzichtet als ich den damaligen Haushalt verlassen habe und tatsächlich fehlt sie mir bis heute nicht.
Mein ganz normales Alltagsleben ist also tatsächlich relativ preiswert und gleichzeitig vermisse ich nichts.
Die Kinder sind im Grunde auch nichts anderes gewöhnt, J versucht grade, sich sein Leben in Berlin einzurichten und muss dabei noch ein bisschen ausbalancieren, was ihm wichtig ist und wodrauf er gut verzichten kann, C ist da schon deutlich weiter und behauptet von sich, dass sie genauso lebt wie ich , also dass sie für sich gefühlt auf überhaupt nichts verzichtet und sich alles kaufen kann bzw. tatsächlich kauft, was sie haben möchte, aber trotzdem braucht sie nur rund 500€ im Monat, wovon die Hälfte für Miete und Telefon draufgeht. Das ist weniger als der BaFöG-Satz (und btw: an der Tatsache, dass die Kinder BaFöG bekommen, kann man erkennen, dass mein Einkommen tatsächlich nicht so hoch ist, dass es zu einer BaFöG-Kürzung führen würde, was allerdings auch, ich gebe es zu, Teil meines Berufes ist, dass ich das vernünftig darstellen kann).
Insgesamt will ich damit nur sagen, dass ich mit meinem aktuellen Einkommens- und Vermögensstand mehr als zufrieden bin, am besten gefällt mir, dass ich mir auch langfristig keine Sorgen mehr machen muss, was aber nur funktioniert, wenn ich mit meinem jetzigen Standard auch weiterhin zufrieden bin. Wenn ich plötzlich ein Verlangen nach funkelnagelneuen, zweimotorigen Flugzeugen entwickeln würde - ich glaube, dann wäre das mit der Zufriedenheit ziemlich schnell hinüber. Genau deshalb will ich so viele Dinge gar nicht haben - sie machen nur unglücklich
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