anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Mittwoch, 21. August 2024
Wofür lebt man eigentlich?
Ich habe mich neulich mit K über Frugalisten unterhalten und habe ihm erklärt, dass die ursprünglich Idee dahinter im Rahmen der Finanzkrise, also ca. 2008 aus der sogenannten FIRE-Bewegung stammt. FIRE steht für Financial Independence, Retire Early, also finanzielle Unabhängigkeit und möglichst frühzeitiger Ruhestand.

Frugalismus ist eine Lebensphilosophie, die auf einem sehr bewussten und sparsamen Umgang mit Geld basiert.
Der typische Frugalist gehört zu den Besserverdienern, die einen Großteil ihres Einkommens sparen, ihr Kapital bewusst anlegen und verwalten und immer genau wissen, wie viel und wofür sie ihr Geld jeden Monat ausgeben.

Wenn man alle seine monatlichen Einnahmen und Ausgaben in einer detaillierten Buchhaltung erfasst, bekommt man schnell ein gutes Gefühl dafür, wie viel Geld man so durchschnittlich im Monat benötigt und wird auch gleichzeitig auf die typischen kleinen Geldfresser aufmerksam, die nur Geld kosten ohne einen zusätzlichen Nutzen zu bringen.

Im Ergebnis gibt man sein Geld also sehr viel bewusster aus, in dem man zB gezielt auf Sonderangebote achtet, Spontankäufe vermeidet und sich bei teuren Investment aktiv nach Alternativen oder Substitutionsprodukten umschaut, man optimiert also sein Ausgabeverhalten.

Frugalismus hat nichts mit Minimalismus zu tun, Minimalisten möchten so wenig Dinge besitzen wie möglich, weil sie sich von Dingen belastet fühlen. Solche Gefühle haben Frugalisten nicht, im Gegenteil, sie sind oft echte Jäger und Sammler.
Das Ziel eines Frugalisten ist die finanzielle Unabhängigkeit, die, wenn man sie vollständig erreicht hat, bedeutet, dass man nur noch macht, was einem Spaß macht.

Ich finde diese Lebensphilosophie durchaus sympathisch und glaube, dass ich mein Leben und meinen Umgang mit Geld intuitiv schon immer so gestaltet habe. Ein früher Ruhestand ist nicht das Hauptziel des Frugalismus, es ist aber sozusagen ein Abfallprodukt, denn wenn sich durch das regelmäßige Sparen irgendwann so viel Vermögen angesammelt hat, dass man sich ausrechnen kann, dass man damit bis an sein Lebensende auskommt, ohne durch aktive Erwerbsarbeit gezwungen zu sein, noch immer weiteres Einkommen dazu zu verdienen, dann geht man immer dann in den Ruhestand, wenn man seine Arbeit bisher eben hauptsächlich aus Erwerbsgründen erledigt hat. Wenn man finanziell unabhängig ist, muss man halt nicht mehr arbeiten.

Ich habe auch mein Leben lang ein hohes Verlangen nach finanzieller Unabhängigkeit gehabt und die erreicht man nicht nur dadurch, dass man irre viel Vermögen anhäuft, sondern genauso gut auch dadurch, dass man gar nicht so viel braucht - und genau das war meine Grundausrichtung. Ich kaufe die allermeisten Dinge nur gebraucht auf dem Flohmarkt oder bei ebay, achte sehr stark auf Sonderangebote und meine Hobbys sind schlafen und lesen - ich gerate also nur sehr selten in Versuchung, viel Geld auszugeben und komme deshalb mit einem relativ kleinen Monatsbudget wunderbar aus.

Ich habe nie bewusst auf irgendetwas verzichtet, ich hatte von ganz alleine gar kein Bedürfnis nach vielen Dingen, für die andere Mensch sehr viel Geld ausgeben und so passierte es von ganz alleine, dass ich fast immer deutlich mehr verdient habe als ausgegeben und irgendwann wurde mir klar, dass ich das, was sich da im Laufe der letzten 40 Jahren so angesammelt hat, gar nicht mehr ausgegeben bekomme, wenn ich so weiter lebe.
Aus dem Grund höre ich mit der für mich inzwischen nur noch lästigen Erwerbsarbeit ja auch fünf Jahre eher auf als das per Altersrentenbeginn vorgesehen wäre. Ich muss kein Geld mehr verdienen, ich kann das, was da ist, einfach nur noch ausgeben, das langt mehr als dicke.

Im Grunde bin ich also ein echter Frugalist, auch wenn ich nicht mit 40 aufhöre zu arbeiten, sondern erst mit 62, aber immerhin.

Was mich an Ks Antwort dann allerdings sehr faszinierte, war seine gesellschaftspolitische Kritik an dieser Lebensphilosophie, er sagte nämlich: "Wenn das alle so machten, dann wäre die Gesellschaft sehr schnell am Ende. Wenn alle nur noch faul rumliegen wollen und keiner mehr bereit ist zu arbeiten, das kann doch nicht funktionieren."

Darüber habe ich jetzt ausführlich nachgedacht und bin am Ende bei der großen Frage nach dem Sinn des Lebens gelandet. Leben wir wirklich vor allem deshalb, um im Leben "etwas zu erreichen", um "voranzukommen", "Leistung zu bringen" und dafür zu sorgen, dass es uns "immer besser geht"?

Ich glaube, genau hier liegt der Fehler im System, denn ich bin fest davon überzeugt, dass das nicht der Sinn des Lebens ist. Dass wir uns quälen und schuften und immer weiter machen, auch ohne dass wir daran Spaß haben.
Ich glaube, der Sinn des Lebens ist einfach nur die Existenz. Dass wir einfach nur da sind - mehr Sinn gibt es nicht. Alles andere haben uns Leute eingeredet, die selber davon profitieren, wenn sich andere abrackern. Allerdings ist das System, in dem wir leben, inzwischen so fest darauf ausgerichtet, dass es für den einzelnen gar nicht mehr so leicht ist, einfach nur zu existieren, es bedarf viel Überlegung, Planung, Vorsorge und genaues Taktieren. Wenn man aber alles richtig macht (und Glück gehört natürlich auch dazu), dann darf man meiner Meinung nach auch sehr gerne sehr früh in den Ruhestand gehen, wenn man das möchte
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Montag, 19. August 2024
Schlechtschmeckergedanken
Dieser Tag ging heute ausgesprochen schnell um und dabei habe ich mich gar nicht im ausführlichen Nichtstun geübt, sondern allerlei Dinge erledigt, viel telefoniert, eine Zeitlang am Computer gesessen und den E-Mail-Eingang aufgeräumt, K zum Flugplatz gebracht, auf dem Rückweg eingekauft und Pfandflaschen weggebracht, das dauerte alles seine Zeit.
Als ich wieder zu Hause war und nachsah, wo K inzwischen ist, war er schon gelandet. Er hat heute mit 88 Minuten für Haustür-Haustür einen neuen Rekord aufgestellt, davon 44 Minuten Flugzeit, die anderen 44 Minuten sind die Fahrten zum und vom Flugplatz sowie die Flugvor- bzw. nachbereitungen. So ein Flieger verlangt etwas mehr Aufmerksamkeit als ein Auto, da kann man nicht einsteigen und losfliegen, sondern muss immer erst diverse Dinge prüfen und die Abstellsicherungen entfernen bzw. wieder anbringen.

Am Nachmittag habe ich mich dann damit beschäftigt, das Haus aufzuräumen und sauber zu machen und weil am Abend alles so schön ordentlich war und ich mich wie ein erwachsener Mensch mit Disziplin und Ernsthaftigkeit fühlte, habe ich dann noch angefangen, mir selber ein richtiges Essen zuzubereiten. Wenn ich ganz alleine bin, mache ich so etwas normalerweise nie, sondern ergebe mich sofort der fortgeschrittenen Verlotterung und lebe von Butterbroten und Chipsen.

Heute war hier aber auf allen Ebenen Ordnung angesagt und so habe ich nicht nur einen Liter Erdbeerlimonadensirup hergestellt, sondern auch eine Schüssel Obstsalat zusammengeschnibbelt (die Melone musste weg) und einen großen gemischten Salat mit gerösteten Pinienkernen und selbstgemachten Croutons, Melone, Feta und Tomaten hergestellt und dazu frische Ravioli mit Käsefüllung produziert. Von allem ist jetzt noch reichlich da, deshalb finde ich Kochen für eine Person immer blöde, aber heute war mir danach.

Während ich so versonnen in der Küche vor mich hinschnibbelte, habe ich mir überlegt, dass ich ganz klar kein Feinschmecker bin. Alles, was in so schicken Feinschmeckerlokalen auf der Karte steht, ist üblicherweise nicht so meins, einer der Gründe, warum ich so ungern auswärts essen gehe - ich mag das allermeiste nicht.

Und wenn ich es doch mag, dann ist es mir meist zu teuer. Als wir das letzte Mal beim Griechen essen waren, hat es 80 € für zwei Personen gekostet - und wenn ich mir überlege, was ich für 80 € sonst so alles kaufen kann, dann finde ich Essen gehen eben einfach nur ungemein teuer und im Vergleich zu dem, was ich als Essen selber mache, finde ich das Essen im Restaurant halt auch nicht mehr als zehnmal so toll.

Außerdem ist auswärts essen unbequemer als zuhause, da sind fremde Leute, die einem ins Essen quatschen und Krach machen, oft riecht es nach irgendwas, die Stühle sind unbequemer als die eigenen und man kann/will nicht in den bequemen Schlumperklamotten ausgehen, sondern muss sich erst umständlich fertig machen. Dann muss man Wege zurücklegen, auf die Bedienung warten und wenn man Wein oder Bier zum Essen trinkt, ist das mit der Rückreise meist hart an der Grenze des Erlaubten. Aus all diesen Gründen gehe ich nicht gerne auswärts essen, der Hauptgrund ist allerdings wirklich, dass ich so ungemein viele Dinge nicht mag.

Ich habe ganz klar keine Feinschmeckerzunge, so Süppchen mit geraspeltem Trüffel oder ähnlichem Chichi sind einfach nur verschwendet an mich, dafür habe ich aber eine ausgesprochen gut funktionierende Schlechtschmeckerzunge - ich kann sofort sagen, was mir alles nicht schmeckt
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Sonntag, 4. August 2024
Verantwortung
Ich habe ja neulich schon festgestellt, dass das Beste an meiner neuen bürolosen Freiheit die Abwesenheit der Verantwortung ist.
Verantwortung bedeutet für mich, dass ich dafür zuständig bin, dass es anderen gutgeht und/oder dass ein gemeinsames Projekt so erfolgreich verläuft wie möglich. Diese Aufgabe erfordert strategisches Denken und eine vorausschauende Planung, um bestmöglich abzuschätzen, welche Handlung welche Folgen haben wird unter gleichzeitig Beachtung von Effizienz und Ressourcenschonung.

Verantwortung zeichnet sich auch dadurch aus, dass man für das Treffen von Entscheidungen zuständig ist.
Um einigermaßen sinnvolle Entscheidungen treffen zu können, braucht man Informationen.
Und genau an dieser Stelle sitzt für mich der lästige Punkt von Verantwortung, denn die Informationen, die man braucht, die fliegen einem ja nicht einfach so zu, sondern die muss man sich besorgen.

Ich muss mich also kümmern, d.h. ich muss ständig aufpassen, ob mir alle notwendigen Informationen berichtet werden und da das fast nie vollständig der Fall ist, muss ich regelmäßig hinter irgendwelchen Informationen hinterrennen. Gefühlt habe ich meine Antennen 24/7 auf Empfang und lasse gleichzeitig nebenbei ein Prüfprogramm laufen, das den eingehenden Informationsfluss scannt, um zu bemerken, was noch fehlt, was inkonsistent ist, was unlogisch ist oder welche Informationen offensichtlich fehlerhaft sind.

Verantwortung zu haben ist eine höchst anstrengende Tätigkeit, denn man muss sich ja permanent für alles interessieren und sich aktiv bemühen, immer noch mehr Informationen zu bekommen, die dann alle mühsam verarbeitet werden müssen.

CW nannte das mal die Hütehundgene, die einen Menschen dazu bringen, freiwillig Verantwortung zu übernehmen, um dann permanent wachsam die Herde zu umkreisen und aufzupassen, dass alles in Ordnung ist.

Eigentlich habe ich aber gar keine Hütehundgene und eigentlich habe ich auch überhaupt keinen Spaß daran, mich um andere Menschen und ihr Wohlergehen zu kümmern, trotzdem bin ich immer wieder in solche Verantwortungspositionen reingerutscht.
Grundsätzlich arbeite ich am allerliebsten in Ruhe und alleine vor mich hin, ich kann es dabei aber auf den Tod nicht leiden, Anweisungen von jemandem zu bekommen, der offensichtlich zu blöd ist, das Gesamtproblem in einer übergeordneten Komplexität zu erfassen und deshalb Vorgaben macht, die einfach dumm und kontraproduktiv sind. Solchen Unsinnsanweisungen folge ich grundsätzlich nicht, was mich zu einer komplizierten Mitarbeiterin für Vorgesetzte macht.
Derart renitente Mitarbeiter werden in einer Organisation entweder gefeuert oder befördert und tragen dann selber Verantwortung. Ich hatte also nie eine Wahl, außer einem Job mit Verantwortung gab es für mich keine Position in keinem Unternehmen.

Aber genau deshalb bin ich jetzt auch so froh, den Job mit allem drum und dran nun loszuwerden - wenn man nämlich keine Hütehundgene hat, dann macht man das Ganze ja nicht aus innerem Antrieb, sondern nur, weil es halt nichts anderes gibt, was man sonst tun könnte.
Außer Nichtstun - und exakt das werde ich jetzt perfektionieren
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Sonntag, 28. Juli 2024
Wenn man frei ist
Das Wetter war heute wunderbar, nicht zu heiß, aber trotzdem angenehm warm, etwas Wind, aber nicht lästig, wenn jeder Tag so wäre, könnte man es vor lauter Wetterwonne kaum noch aushalten. (Oder man gewöhnt sich ruckzuck als Selbstverständlichkeit daran und empfindet dann schon etwas weniger gutes Wetter als Zumutung, wahrscheinlich letzteres.)

Wir waren am Nachmittag eine Stunde am Strand und sind durchs Wasser gelaufen.
K ist auch ein wenig geschwommen, aber ich stehe ja nicht so auf richtiges Schwimmen und behaupte seit einiger Zeit konsequent, dass ich nicht mehr Schwimmen kann.
Ich stehe dafür sehr gerne im Wasser rum, selbst da, wo ich mit den Füßen den Boden nicht mehr berühren kann, stehe ich problemlos im Wasser, keine Ahnung, weshalb ich nicht untergehe, passiert aber nicht. Ich kann im Wasser stehen, liegen, sitzen, mehr oder minder bewegungslos treibe ich in jeder Position so vor mich hin. Schwimmen, mit Arm- und Beinbewegungen um sich im Wasser von A nach B zu bewegen, lehne ich ab, das macht mir keinen Spaß und ich bekomme davon Rückenschmerzen. Außerdem besteht dabei die Gefahr, dass meine Haare nass werden und das geht auf gar keinen Fall.

Während K also eifrig zwischen den Buhnen hin- und herschwimmt, stehe ich ein wenig im Wasser rum und genieße das Nichtstun. Das ist schon ein extrem hoher Grad an Wunderbarkeit, den ich an so einem Nachmittag empfinde.

Nach dem Baden haben wir uns auf das Waldsofa gelegt, ich habe ein Buch gelesen, ein bisschen geschlafen und das Leben noch intensiver wunderbar gefunden, K hat Podcast gehört und auch geschlafen und wir waren beide sehr zufrieden mit der Welt.

Zu Essen muss ich heute Abend nichts mehr machen, wir sind alle noch von Js Geburtstagsfrühstück (Baked Beans mit Ham`n Eggs natürlich) mit anschließender Schwarwälderkirschtortenschlacht noch so satt, dass keiner Bedarf an noch mehr Essen hat.

Ich dachte, jetzt, wo ich nicht 80% des Tages durch Büroalltag blockiert bin, komme ich endlich mal dazu, mch um meine angefangenen Texte zu kümmern, ich habe sie grade gezählt, es sind mehr als 100, aber ich habe dabei übersehen, dass ich dazu ja den Computer anwerfen müsste und bis ich dazu rein aus privatem Abwechslungsinteresse ohne berufliche oder allgemeine Lebensverwaltungsgründe bereit bin, das wird wohl noch etwas dauern.
Aktuell genieße ich ganze Tage ohne Computerbenutzung noch sehr intensiv.

Frau Kaltmamsell schrieb neulich, dass sie sich gar nicht vorstellen könne, was sie in einem Leben ohne Hamsterrad täte - ich weiß das zum Glück sehr genau: Einfach nur das, wonach mir grade ist.
Keine Verantwortung mehr zu haben, einfach frei zu sein von allen Zwängen, was für ein wunderbares Leben. Ich kann mich ja um Dinge kümmern, wenn mir danach ist, aber ich muss halt nicht und das finde ich wirklich unsäglich toll.
Ich glaube aber auch, dafür muss man erst ein etwas höheres Alter erreicht haben, denn keine Verantwortung bedeutet ja auch, dass man im Grunde auch keine Verantwortung mehr für sich selber hat und bei jüngeren Menschen ist das keine gesunde Grundhaltung.

Jüngere Menschen haben einfach noch so ein langes Stück Leben vor sich, dass es extrem unklug ist, sich in jüngeren Jahren durch fehlende Selbstverantwortung gepaart mit der Verweigerung jedes strategischen Denkens die Weichen für die Zukunft so schlecht zu stellen, dass das spätere Leben dadurch nur unnötig mühsam wird. Ich wundere mich immer, wie viele jüngere Menschen tatsächlich so leben, aber zum Glück ist das nicht meine Baustelle.

Ich habe mich in der Vergangenheit immer auch um die Zukunft gekümmert und ich habe mich sorgfältig und erfolgreich gekümmert. Die Früchte ernte ich jetzt und natürlich finde ich es super, wenn ein Plan gelingt. Okay, es war auch ganz enorm viel Glück dabei, aber jetzt ist das Meiste abgewickelt und rückwärts betrachtet ist das Meiste eben auch richtig gut ausgegangen.

Alle drei Kinder sind gesund, haben eine abgeschlossene, gute Ausbildung und benötigen keine weitere finanzielle Unterstützung mehr. (Also zumindest nicht zwingend, ich muss dafür also keine Vorsorge mehr treffen.)
Meine eigene finanzielle Zukunft ist stabil und sicher, auch hier muss ich nur noch den Bestand verwalten, aber keine weitere Vorsorge mehr für später aufbauen.

Ich muss in meinem Beruf nichts mehr erreichen, ich muss niemandem mehr irgendetwas beweisen, ich muss niemanden mehr beeindrucken, ich bin niemandem etwas schuldig - ich bin einfach frei.

Ich habe einen tollen Mann und keinerlei Bedarf, irgendetwas an meinem Beziehungsstatus zu ändern. Besser als so, wie es ist, kann es gar nicht mehr werden und das allerbeste ist, dass er das genauso sieht.

Und genau das haben wir vor in der Zukunft gemeinsam zu genießen
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Samstag, 22. Juni 2024
Klingeltöne
In einer "42-Fun-Facts-über-mich-Liste", die ich vor 20 Jahren mal aufgestellt habe, stand, dass ich noch nie einen Klingelton gekauft habe.
Ich habe nachgesehen, die Liste ist von 2004, und gefühlt war das grade erst vorgestern, also 2004 meine ich, das ist doch noch gar nicht so lange her. 2004 sprach man zwar noch von den "neuen Bundesländer", (sagt heute auch keiner mehr, stelle ich grade selber mit Erstaunen fest), aber immerhin steckten die neuen Bundesländer schon in der Pubertät und waren gar nicht mehr so neu. Außerdem gab es 2004 bereits den Euro und das Millenium war auch schon seit 4 Jahren vorbei.

Andererseits, 20 Jahre, meine Güte, was für eine Zahl, was für eine lange Zeit in der Vergangenheit. Innerhalb von 20 Jahren wird ein Kind geboren und erwachsen. Junge Erwachsene von heute können deshalb überhaupt nichts mehr damit anfangen, dass es jemand als bemerkenswert und individuell besonders speziell empfand, dass er noch nie einen Klingelton gekauft hatte, denn häh?, wieso sollte man Klingeltöne kaufen?
Überhaupt, was sind Klingeltöne? Das Wort ist so sehr in Vergessenheit geraten, dass ich noch nicht mal einen Vorschlag von meiner Autokorrektur bekomme, wenn ich lingeltöne tippe.

Dabei ist es erst 20 Jahre her, dass es wirklich ein erwähnenswerter Fun-Fact war, wenn man als damals 42jähriger Mensch noch nie einen Klingelton gekauft hatte, weil Klingeltöne kaufen eine ganze Zeitlang so selbstverständlich, normal und verbreitet war wie der Kauf von Panini-Bildern. Die gibt es übrigens auch nicht mehr und auch die habe ich nie gekauft, das stand natürlich ebenfalls auf der Liste.
Dass ich noch nie ein Panini-Bild gekauft habe, ist aber nicht weiter verwunderlich, wenn man mein ausgeprägtes Fußball-Desinteresse kennt.
Ich habe dafür Glanzbilder besessen, die wurden in einem Schulheft, in dem jede Seite einmal längs nach innen gefaltet war, aufbewahrt, bewundert und getauscht. Aber das ist schon mehr als 50 Jahre her und fühlt sich selbst für mich inzwischen ziemlich nostalgisch weit entfernt an.

Das mit den Klingeltönen ist mir aber heute wieder eingefallen, weil plötzlich das Lied "You" von Ten Sharp lief und ich nervös begann nach meinem Handy zu suchen. Ich habe nämlich genau dieses Lied seit vielen Jahren als Klingelton auf meinem Handy, allerdings nicht gekauft, sondern selber zurecht gebastelt, weil ich irgendwann herausgefunden hatte, wie man sich Klingeltöne selber machen kann.

Davor hatte ich viele Jahre die Titelmusik von Miss Marple als Klingelton auf meinem Handy, ebenfalls selber zurechtgebastelt, denn natürlich hatte ich stets ein großes Interesse an einem individualisierten Klingelton, damit ich mein eigenes Handygeklingel stets von allen anderen Handys unterscheiden konnte, ich war nur gleichzeitig auch immer viel zu geizig, dafür Geld auszugeben bzw. fand das, was man kaufen konnte, längst nicht individuell genug.

Als ich mitbekam, dass man sich Klingeltöne selber programmieren kann, war ich sofort begeistert, ein Freund von mir hatte sich das Lied "Kein Schwein ruft mich an" von Max Raabe als Klingelton zurechtgebogen, die Idee fand ich großartig, aber die war ja nun leider vergeben, ich musste mir etwas eigenes ausdenken.

So kam ich zunächst auf die Titelmusik von Miss Marple, denn sie erfüllte alle meine Ansprüche an einen Klingelton. Das Thema musste sofort einsetzen und sich nicht langsam und leise anschleichen, ich wollte unbedingt ein fröhliches Thema, das laut genug war, damit man es beim Klingeln auch hörte, gleichzeitig aber so neutral, dass nicht jeder sofort erschrocken zusammenzuckte, wenn mein Handy klingelte. Und es durfte natürlich nicht so inflationär verbreitet sein, dass es mehrere Leute als Klingelton hatten.

Seit 2005 besaß ich ein minikleines Klapphandy von Samsung, das sogar internetfähig war, was bedeutete, ich konnte mir Klingeltöne in Ruhe auf dem großen Computer zusammenprogrammieren und sie mir dann mit dem kleinen Handy runterladen. Ich war viele Jahre sehr zufrieden mit meinem Miss Marple Klingelton.
Ks Lieblingsgeschichte dazu ist, dass das Lied irgendwann durch Zufall im Autoradio lief, ich aber natürlich dachte, mein Handy klingelt und hektisch begann, überall im Auto rumzusuchen, weil ich mein klingelndes Handy nicht finden konnte. Das steckte derweil stumm und leise in meiner Hosentasche, wo ich es aber natürlich nicht vermutete, weil es dafür viel zu laut klingelte…

Als ich 2009 mein erstes iPhone bekam, musste ich mich erneut mit der Thematik der Klingeltonprogrammiererei befassen, die Datei mit dem Miss Marple Klingelton funktionierte nicht auf dem iPhone. Zum Glück fand ich schnell die passende App, mit der man aus jeder beliebigen Musikdatei einen iPhone-konformen Klingelton machen konnte, so benutzte ich zunächst erneut das Miss Marple Thema, fand das dann aber irgendwann langweilig und entdeckte nach einiger Rumprobiererei das Lied "You", was meiner Meinung nach ein absoluter perfekter Klingelton ist.

Seit 2010 spielen also alle meine Telefone den Anfang des Liedes "You", wenn jemand anruft.
Gestern ließ ich eine Playlist bei Spotify laufen, die irgendjemand empfohlen hatte und plötzlich klingelte mein Handy…. - auch dieses Lied macht mich jetzt sehr nervös, wenn es einfach nur so als Lied gespielt wird, das ist der Preis für einen individuellen Klingelton
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Donnerstag, 20. Juni 2024
Antrieb
Neulich in einem Interview (mit einem älteren Menschen) gehört:
Frage: Was treibt dich an?
Antwort: Das Gefühl, dass mir das Leben noch etwas schuldet, dass ich noch nicht alles erreicht habe, was für mich vorgesehen ist.

Mich haben sowohl Frage als auch Antwort fasziniert, denn ich stelle es mir sehr schrecklich vor, dauerhaft so unzufrieden durch sein Leben zu gehen, dass man ständig das Gefühl hat, vom Leben übervorteilt worden zu sein.
Oder heißt das untervorteilt - wenn man meint, dass man noch nicht genug bekommen hat? Egal, denn dieses Gefühl, dass ich mich anstrengen muss, um etwas zu erreichen, was mir "zusteht", das hatte ich in meinem ganzen Leben noch nie, weil ich finde, mir steht nichts zu. Niemandem steht etwas zu im Leben, was ist das für eine kranke Anspruchshaltung? Wie kommt man darauf, dass einem irgendetwas zusteht? Man sollte sich lieber freuen, dass man überhaupt etwas bekommen hat bisher. So ziemlich alles hätte schlimmer kommen können, da ist es doch schieres Glück, dass es nicht so schlimm gekommen ist, wie es hätte sein können.

Ich reagiere grundsätzlich enorm ablehnend auf Menschen, die meinen, ihnen stände einfach so irgendetwas zu. Nicht als Bezahlung für eine erbrachte Leistung, sondern einfach so. Weil ihr Nachbar im Lotto gewonnen hat, finden sie es ungerecht, wenn sie nicht auch gewinnen. Es gibt Menschen, die meinen ernsthaft, sie hätten einen Anspruch auf Glück und strampeln sich dann unglücklich nölend durch ihr Leben, weil sie nicht genug Glück bekommen.

In meinen Augen ist das gesamte Leben schon vom Moment der Zeugung an ungerecht. Wer in der Gen-Lotterie eine Niete zieht, der hat es doch gleich vom Start an schon viel schwerer als jemand, bei dem alles passt. Die richtigen Eltern mit Geld und Bildung im richtigen Land der Welt, keine angeborene Krankheit, dafür ausreichend mitgelieferte "IQs" - das ist ein Sechser im Lotto, aber grade solche Glückskinder bilden sich im späteren Leben oft ein, sie hätten noch nicht genug bekommen.

Ich bin ja der Meinung, dass Glück eine Entscheidung ist, weshalb ich mich schon früh dafür entschieden habe.
Ich habe eigentlich immer alles, was mir geglückt ist, als das empfunden, was das Wort sagt: Glück. Ich hatte schlicht Glück in meinem Leben, sogar sehr viel Glück, weil mir wirklich sehr viele Dinge geglückt sind, auf die ich (nach meiner Meinung) keinen Anspruch hatte, die ich aber wenigstens ausprobieren wollte.
Wenn man im Lotto gewinnen will, sollte man sich vorher ein Los kaufen.
Wenn man in der Glückslotterie des Lebens gewinnen will, muss man bereit sein, Risiken einzugehen. Das ist nämlich der Preis für die Lose, das Risiko, dass es auch eine Niete sein könnte.

Ich bin in meinem Leben nach formalen Kriterien betrachtet sehr bewusst und mehrfach verschiedenste Risiken eingegangen, die von mir persönlich vielleicht nicht als Risiko bewertet wurden, die aber in unserer Gesellschaft mehrheitlich so gesehen werden, wobei ich dann halt das Glück hatte, dass ich die allermeisten Situationen richtig beurteilt hatte und sich das "Risiko" deshalb positiv für mich auszahlte. Ich hatte aber keinen Anspruch darauf, es war einfach nur Zufall und Glück.

Wenn sich also jemand davon antreiben lässt, dass er noch nicht genug Glück im Leben hatte, dann ist er in meinen Augen halt ein Glücksritter.

Außer der Antwort hat mich aber auch die Frage selber fasziniert, denn als ich darüber nachdachte, was mich antreibt, stellte ich fest, dass meine Antwort auf diese Frage "nichts!" ist.
Warum sollte ich mich von irgendetwas oder irgendjemandem antreiben lassen? - In 92 Tage kann ich offiziell mit meinem Alltagsjob abschließen, ich habe also ganz sicher keinerlei Karriereambitionen mehr. Meine finanzielle Sicherheit ist auch erledigt, genaugenommen kann mir das allermeiste ganz herrlich egal sein - und genau deshalb gibt es auch nichts, was mich wirklich und vor allem zuverlässig antreibt.
Ich muss nichts mehr erreichen, nichts mehr erledigen, nichts mehr in Sicherheit bringen, nichts mehr sammeln, nichts mehr bewahren - mir kann grundsätzlich eigentlich alles ganz herzlich egal sind - und ich finde, das ist das tollste Gefühl überhaupt.

Mich treibt also nichts an, dafür lasse ich mich gerne treiben und ich bin gespannt, wo das Leben mich noch so hin treibt, nach vorne aber mit großer Wahrscheinlich eher nicht
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Montag, 10. Juni 2024
Menschheitsbeweis und Händedruck
Ich habe mich heute im Internet zu einer Online-Fach-Veranstaltung angemeldet und alle angefragten Sternchen-Informationen wie Name, Anschrift, Geburtsdatum, Telefon, E-Mail, besondere Vorlieben und Lieblingskuscheltier brav ausgefüllt, allerdings alle Cookies abgelehnt und die im Voraus gesetzten Häkchen zur Einwilligung aller weiteren werblichen Ansprachen, Abonnement des Newsletter und sonstiger Vollmüllung des Spamfilters, diese Häkchen habe ich aktiv wieder entfernt und dann blitzschnell auf Absenden gedrückt, um zu verhindern, dass sich die abgewählten Optionen wieder selbstständig einwählen. In dem Moment wo ich auf Absenden drückte sah ich, dass ich das unterste Feld nicht bearbeitet hatte, denn dort hätte ich natürlich noch nachweisen müssen, dass ich ein Mensch bin, in dem ich alle Felder mit schlafenden Fledermäusen oder geblümten Gelenkbussen anklicke, aber weil ich so eilig war mit dem Abschicken, hatte ich das übersehen - und zu meiner großen Überraschung war das völlig okay. D.h. das System nahm die Anmeldung an, ich bekam eine Bestätigung per E-Mail und keiner hakte nach, ob ich nicht vielleicht doch kein Mensch, sondern eine schlafende Fledermaus bin.

Das macht mich jetzt sehr nachdenklich, habe ich mich eventuell all die Jahre umsonst gemüht, diese teils sehr seltsamen Bilderrätsel zur Menschheitsbestätigung zu lösen? Hätte ich das schon immer ignorieren können? Das wäre ja ausgesprochen ärgerlich.

+++++

Vor einem Vorstellungsgespräch gibt mir eine Bewerberin die Hand und ich habe das Gefühl, ich halte einen toten Fisch in der Hand. Menschen mit so einem schlappen Händedruck machen mir innerlich richtig Gänsehaut.
Als die Dame gegangen war, merkt eine Kollegin an, dass die Bewerberin fachlich vielleicht gar nicht so ungeeignet sei, aber sie sei dagegen, jemanden einzustellen, der so einen matschigen Händedruck hat.
Sofort sind sich alle einig, dass genau dieser latscherte Händedruck jedem unangenehm aufgefallen ist und ich frage mich mal wieder, weshalb Menschen das nicht als allererstes an sich ändern.

Kann das sein, dass Menschen vierzig Jahre alt werden und in ihrem ganzen Leben noch nie auf jemanden getroffen sind, der ihnen gesagt hat, dass so tote-Fisch-Händedrücke etwas ganz Schreckliches sind? Noch schrecklicher als Stinkefüße - weil man die üblicherweise in Bewerbungsgespächen nicht offen präsentiert.

Ich meine, ich muss ja nicht gleich schraubstockartig zupacken, wenn ich jemandem die Hand gebe, aber eine gewisse Festigkeit im Griff muss sich doch lernen lassen, wenn man es nicht von alleine als Selbstverständlichkeit empfindet.

Was mich dann aber auch interessiert ist die Frage, wie Menschen, mit so einem schlapen Händedruck auf andere Menschen mit einem schlappen Händedruck reagieren? Wie funktioniert das überhaupt, wenn keiner zupackt? Ist das dann so was wie ein Luftdruck - analog zum Luftkuss?
Und finden die sich dann gegenseitig blöd oder gut?
Eigentlich schade, dass die Bewerberin durchgefallen ist, jetzt sehe ich sie nicht mehr wieder und kann sie all diese Dinge nicht mehr fragen
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Dienstag, 21. Mai 2024
Transfertag
Die Fähre ging um 14.40h, vorher war aber noch allerlei zu erledigen, K hatte um 9h einen Friseurtermin, ich musste ins Rathaus, zur Apotheke und zur Kleinbahn, deshalb stand ich mit ihm auf und wir fuhren gemeinsam ins Dorf.

Ich hatte die Wahlbenachrichtigungen für den Vater, N und mich ausgefüllt und wollte sie im Rathaus abgeben, um Briefwahl zu beantragen. Da ich nicht wusste, wo genau die Dinger abgegeben werden mussten, ging ich als erstes zum Bürgerbüro. Wenn ich dort falsch bin, kann mir der Mitarbeiter bestimmt sagen, welches Büro das richtige ist.

Im Bürgerbüro wurde grade ein Kunde bedient, Ausweisverlängerung oder so etwas ähnliches, das dauert immer.
Vor dem Bürgerbüro wartete ein weiterer Mann mit einer dicken Mappe Unterlagen in der Hand. Das sah auch nicht danach aus, als ob sein Anliegen zügig abgewickelt werden könnte.
Ich fragte ihn also, ob ich, wenn der andere Mensch fertig ist, nur ganz kurz dazwischen könne, um meine Karten entweder abzugeben oder mir das richtige Büro ansagen zu lassen.
Das lehnte er aber kategorisch ab, er hätte draußen ein Kind, er könne niemanden vorlassen.
Ich versuchte erneut ihm klarzumachen, dass mein Anliegen nur wenige Sekunden Zeit in Anspruch nehmen würde, er sagte, das wäre ihm egal, er wäre vor mir dran, er müsse mich nicht vorlassen, das wäre sein gutes Recht.
Ich gebe zu, ich war ziemlich baff. So eine ausufernde Freundlichkeit ist ja wirklich bemerkenswert, der Typ muss schon länger auf Borkum wohnen.

Weil ich mich über ihn ärgerte, fand ich es nur fair, dass er sich auch über mich ärgern darf, ich sagte ihm also, dann würde ich mal rausgehen und sein Kind fotografieren. Mein Instinkt trügte mich nicht, diese Ansage brachte ihn sofort auf 180. Das würde er mir verbieten, ich dürfe sein Kind nicht fotografieren. Ich zuckte nur die Achseln, ging vor die Tür, wo ein Fahrradanhänger mit einem schlafenden Kleinkind drin stand und holte mein Handy raus. Er wurde immer mehr zu einem wütenden Ganterich, der sich zischend und fauchend schützend vor sein Kind warf, ich fragte ihn, ob er vorhabe mich zu schlagen, das brachte ihn noch mehr in Rage, ich tippte auf meinem Handy rum, schaltete die Frontkamera an und machte mit lautem Klick ein Selfie. Jetzt war es mit seiner Fassung vorbei, er verlangte die sofortige Löschung des Fotos, ich hatte aber längst sehr viel Spaß an der Situation und machte mit Klick noch ein Selfie, während ich die Kamera genau auf sein Kind richtete und ihm erklärte, dass ich meine Fotos nicht löschen werde, schließlich könnte ich so viel rumfotografieren wie es mir passt. Daraufhin sagte er, er werde die Polizei rufen, was ich eine gute Idee fand, denn während er (immer noch draußen vor der Tür des Bürgerbüros) mit der Polizei telefonierte, sah ich, dass der Mensch, der eben drinnen noch bedient worden war, herauskam, d.h. das Bürgerbüro war frei und drinnen stand niemand mehr Schlange, den letzten hatte ich ja erfolgreich vor die Tür gelockt.

Während dieser Mensch also jetzt draußen aufgebracht mit der Polizei telefonierte, huschte ich an ihm vorbei ins Bürgerbüro, erfragte die korrekte Stelle zur Abgabe meiner Briefwahlanträge (Ordnungsamt), ging wieder raus, ignorierte den fuchtelnden Mann und ging ins Nachbargebäude, wo das Ordnungsamt untergebracht ist, gab meine Anträge ab und ging wieder auf die Straße. Dort war inzwischen die Polizei eingetroffen, die mir erklärte, dass es strafbar sei, Kinder zu fotografieren, worauf ich nur antwortete, dass ich doch gar keine Kinder fotografiert, sondern nur zwei Selfies gemacht hätte, was ich problemlos durch Vorzeigen meines Fotostreams beweisen konnte.
Die Polizisten wollten dann natürlich wissen, was hier vor sich ginge und ich sagte, ich hätte nach einem Vorwand gesucht, den Mann auf die Straße zu locken, weil er mich im Bürgerbüro für eine 2sekündige Auskunft nicht vorlassen wolle und damit wäre ich ja sichtbar erfolgreich gewesen. Ich hätte auf alle Fälle alle meine Dinge im Rathaus erledigt, dazu zwei hübsche Selfies und eine schöne Geschichte, die ich jetzt überall rumerzählen könne. Die Polizisten meinten dann noch, dass es schließlich sein gutes Recht gewesen wäre, wenn er mich nicht hätte vorlassen wollen und ich sagte, dass es mein gutes Recht ist, Leuten, die sich so unsozial benehmen auch passend unsoziale Sachen zu erzählen und wenn er sich darüber aufregt, nun denn, ich habe mich schließlich auch über ihn geärgert.

Der Rest des Tages verlief störungsfrei, das Haus ist sauber und aufgeräumt verlassen worden, wir haben die Fähre pünktlich erreicht und sind anschließend zum Vater nach Leer gefahren. Dem geht es unverändert, damit eine beruhigende Nachricht.

Die beste Nachricht des Tages aber kam per WhatApp von unserem Bauunternehmer:

Es geht los

Es geht los!
!!!

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Samstag, 30. März 2024
Was stört mich eigentlich so an meinem Job?
Nachdem ich den Tag gestern fast ausschließlich mit Schlafen verbracht habe, bin ich heute ausgeruht genug, um darüber nachzudenken, was für Dinge ich gerne tue, was mich antreibt und was ich schrecklich finde.

Wenn ich über Antrieb im Rahmen meiner Erwerbsarbeit nachdenke, dann fällt mir regelmäßig der offensichtliche starke Zusammenhang zwischen "Erwerb" und "Arbeit" auf, denn nur, wenn ich es als Tätigkeit zum Zwecke des "Gelderwerbs" empfinde, steigt gleichzeitig dieser starke Widerwillen gegen diesen Job in mir auf.
Wenn ich die gleiche Arbeit aber freiwillig tue, wenn es also keine Regelungen oder Vorschriften gibt, die mich zwingen, diese Arbeit zu erledigen, weil ich einen Vertrag eingegangen bin, den ich erfüllen muss, wenn ich also zB offiziell Urlaub habe oder krankgeschrieben bin und deshalb niemand von mir erwarten kann, dass ich arbeite, dann macht es mir sofort wieder Spaß - oder, naja, zumindest empfinde ich es dann nicht mehr als Last.

Ich habe also ein Problem damit, Dinge zu tun, zu denen ich vertraglich verpflichtet bin.
Während ich diesen Satz sacken lasse und mich frage, ob eine Therapie nicht vielleicht hilfreich sein könnte, ploppt ein weiteres Gefühl in mir auf.
Es ist eine Abneigung gegen Kollegen, die man neusprachlich wohl als "Low-Performer" bezeichnen würde.
Es ärgert mich maßlos, dass es Kollegen gibt, die sich einen feuchten Kehrricht darum kümmern, ob sie eine gute, eine fehlerfreie, eine sinnvolle, eine passende oder eine in irgendeiner anderen Art produktive Arbeitsleistung abliefern.
Stattdessen wurschteln sie fröhlich und sinnentleert vor sich hin, geben ihr Hirn morgens beim Einloggen in die Zeiterfassung ab und bilden sich auch noch ein, sie wären ein wertvolles Teammitglied, weil sie fehlerfrei gendern und regelmäßig Kuchen mitbringen. Dass dafür andere Kollegen ihre Fehler ausbessern, ihre unerledigten Fälle übernehmen, konzentriert, mit Überlegung, effektiv und engagiert arbeiten, ohne dass sie dafür mehr Geld bekommen und auch ohne, dass die gesamte schief verteilte Arbeitslast überhaupt großartig thematisiert würde, denn das wäre ja sofort Mobbing, das alles finde ich im höchsten Maß ungerecht.

Dabei unterstelle ich den Kollegen noch nicht mal, dass sie es mit Absicht machen, nein, im Grunde ist es viel schlimmer, denn ich bin sicher, dass die meisten gar nicht merken, wie viel Blödsinn sie sich da regelmäßig leisten. Sie folgen einfach nur gedankenlos irgendwelchen falsch verstandenen Anweisungen oder inneren Überzeugungen (weiß der Teufel, wo sie die herhaben) und meinen, sie wären nicht nur sehr folgsam, sondern auch sehr fleißig. Wenn sie etwas anders machen sollten, könnte man es ihnen ja jederzeit sagen, was aber leider daran scheitert, dass sie die meisten Anweisungen falsch verstehen (wenn ich besonders schlecht drauf bin, behaupte ich: "falsch verstehen wollen") und alles geht von vorne los.

Der Umgang mit diesen Kollegen ist einfach nur anstrengend und ich glaube, ich habe einen Zustand der psychischen Materialermüdung erreicht, der bei mir dieses akute "ich-will-nicht-mehr-Gefühl" samt insgesamt Widerwillen gegen den Job auslöst.
Es ärgert mich sehr, dass ich keine Idee habe, wie man das ändern könnte, aber in der Zusammenfassung wird es wohl daran liegen, dass ich als Führungskraft einfach nicht tauge, weil ich es ätzend finde, anderen Leuten zu sagen, was sie tun sollen. Ich finde immer, das ist doch alles logisch und selbsterklärend und wundere mich dann, wie dumm sich manche Leute anstellen. Es ist mein Fehler, ich weiß das, aber ich habe weder Lust, diese Fähigkeit jetzt noch zu lernen, noch, mich mehr als unbedingt nötig überhaupt mit Personalführung zu befassen, für mich ist das ein Teil meines Jobs, den ich nur lästig finde - und den ich natürlich wunderbar ignorieren kann, wenn ich offiziell nicht im Job bin und rein freiwillig arbeite. - Das ist damit endlich eine nachvollziehbare Erklärung, warum ich "freiwilliges Arbeiten" so viel angenehmer und überhaupt nicht schlimm finde.

Arbeitsrechtlich sind diese Schmalspurkollegen übrigens alle auf der sicheren Seite, der Arbeitgeber hat grundsätzlich nur einen Anspruch auf eine durchschnittliche Arbeitsleistung und eine mittlere Begabung - und wenn man weiß, dass so ein Satz in einem Arbeitszeugnis schon nicht statthaft, weil herabwürdigend ist, kann man sich schnell vorstellen, dass es für jeden Arbeitnehmer eine große Bandbreite gibt, wie viel Leistung jemand für sein Geld abliefert.

Im letzten Jahr wurde einem Mitarbeiter gekündigt, weil er ziemlich viel Mist gebaut hat und sein Verhalten einen hohen sechsstelligen Schaden verursachte. Im anschließenden Arbeitsprozess einigte man sich auf einen Vergleich, der Mitarbeiter bekommt eine (hohe) Abfindung, dafür verlässt er die Firma. Obgleich ich seit Jahren mit den Regeln des Arbeitsrechts vertraut bin, empfinde ich es als zutiefst ungerecht, dass solche offensichtlichen Fehl- und Minderleistungen immer noch als "durchschnittliches Leistungsniveau" und damit als völlig legitim und ausreichend definiert werden, aber das nennt man wohl Sozialstaat.

Was ich im Übrigen auch als zutiefst ungerecht empfinde, ist die Selbstverständlichkeit der Besitzstandswahrung. Wenn jemand erstmal etwas hat, dann gibt es ein großes Geschrei, wenn man es ihm wieder wegnehmen will, weil, das geht ja gar nicht. Es ihm von Anfang an zu verweigern, das ist möglich, man darf halt nur nie den Fehler machen, einmal zu freundlich oder zu optimistisch gewesen zu sein.
Ich weiß nicht, wie oft ich mich schon über den tiefbegabten Assistenten der Geschäftsführung aufgeregt habe, denn als persönlicher Referent bringt er wirklich so gut wie keinen positiven Output für die Firma - das einzige, was er gut macht, ist die Vertretung im Sekretariat. Er wird aber nicht wie Sekretariat bezahlt, sondern wie knapp unter Geschäftsführung und das ist einfach ungerecht. Bekäme er ein Sekretariatsgehalt, käme ich wahrscheinlich gar nicht auf die Idee, mich aufzuregen, denn dann würde ich von ihm ja auch eine andere Art Leistung erwarten und dann passt alles wieder, es ist aber leider unmöglich, ihn auf ein leistungsgerechtes Sekretariatsgehalt runterzustufen, Besitzstandswahrung, er ist schließlich der persönliche Referent und die werden deutlich anders bezahlt. - Ich finde es ungerecht.

Zusammengefasst sind es also die eklatanten Ungerechtigkeiten, die (wahrscheinlich in jeder) Firma existieren, die mir persönlich aber den Spaß an meiner Arbeit mittlerweile gründlich vermiesen, weil ich mich einerseits dafür verantwortlich fühle, sie andererseits aber nicht abstellen kann.
Und deshalb zähle ich die Tage, noch 174
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Samstag, 23. März 2024
Glück
Mit K habe ich mich darüber unterhalten, ob Glück eine Entscheidung ist oder eine Erinnerung.
Ich habe mich dafür entschieden, dass Glück eine Entscheidung ist, dann nehme ich es nämlich im Zeitpunkt der Entscheidung aktiv wahr und kann es in vollen Zügen genießen.

Wenn man immer nur rückwärts weiß, was die wahren Glücksmomente im Leben waren, das ist doch traurig, denn dann verjubelt man die besten Zeiten ohne sich in den wirklich glücklichen Momenten darüber klar zu sein, welchen Schatz man da grade in Händen hält.

Nein, ich finde Glück ist eine Entscheidung und ich wiederum habe mich dafür entschieden, so viele Momente wie möglich als Basta-Glücks-Momente intensiv zu genießen. Das funktioniert nämlich, kann jeder selber ausprobieren, man muss nur ab und zu innehalten und sich selber fragen, ob es grade irgendetwas gibt, was schrecklich ist, wenn nicht - na, voilà, dann ist es Glück.
Glück ist die Abwesenheit von Unglück - das reicht schon.
Man muss seine Erwartungen gar nicht so hoch hängen, hat man nämlich nichts von, Glück ist nicht inflationär und verliert an Wert, wenn man viel davon hat, oder besser ausgedrückt: Wenn man sich entscheidet, viel davon haben zu wollen.

Ich zum Beispiel spüre jedesmal tiefes Glück, wenn ich wieder hier zu Hause bin, frei von allen Zwängen und Verpflichtungen, einfach dort zu sein, wo ich hingehöre. Ich brauche nicht mehr, um glücklich zu sein - und genau das ist die Entscheidung
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