anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Donnerstag, 31. Dezember 2015
Vorbei
Es gibt nicht sehr viel, was ich noch sagen möchte,
das meiste, was mir heute so einfällt ist geprägt von Trauer.
Trauer um das Ende eines Traumes, eines Wunschtraumes, einer Vorstellung, eines Bildes.

Ich denke, viele Menschen haben irgendwelche Bilder, die sie in ihrem Inneren mitsichtragen.
Bilder, von denen sie sich leiten lassen, die ihr Verhalten beeinflussen, ihre Entscheidungen, ihren Weg und ihr Leben prägen.
Ich hatte auch einen Traum, eine Wunschvorstellung und ich habe so gerne daran geglaubt.
Natürlich habe ich gewusst, dass dieser Traum fragil ist. Wenn man ihn in die Realität zieht, zerplatzt er so, wie eben Träume zerplatzen, wenn man die Augen öffnet. Aber wenn ich nicht hingeschaut habe, wenn ich die Augen fest zugemacht habe, nicht reden und nicht denken, dann konnte ich mir immer noch ein ganz kleines bisschen einbilden, dass es vielleicht ja doch so ist, wie ich es mir vorstellte, wie ich mich mit kindlichem Verlangen danach gesehnt habe, wie es sein sollte.
Ich habe mir immer so sehr gewünscht eine Mutter zu haben. Eine Mutter, die so ist, wie ich mir eine Mutter vorstelle:
Groß und stark und klug - und vor allem immer voller Verständnis für ihre Kinder.

Aber dann habe ich einen Fehler gemacht.
Einen ganz großen Fehler.
Ich habe hingesehen, wie die Realität und meine Mutter aufeinandertrafen und jetzt liegt es nicht mehr in meiner Hand, das zu ändern.
Dieser Fehler ist mir noch nie passiert. Bisher ist es mir immer gelungen, mich schnell genug aus dem Staub zu machen, abzuhauen, mich in meine eigene Welt zu flüchten, wo ich einfach nur fest die Augen zukneifen muss, und wenn ich dann ganz lange die Luft anhalte und mein Denken einfriere - dann kann ich wieder daran glauben, dass ich eine Mutter habe, die auf der Seite ihrer Kinder steht, und nicht eine Mutter, die von ihren Kindern verlangt, dass sie auf ihrer Seite stehen.

Solange es nur mich und mein Leben betraf, lag es auch in meiner Hand, den Kontakt zu meiner Mutter einfach an- und abzustellen, so wie es mein Traum verlangte, um ihn nicht zu gefährden.
Zum ersten Mal mische ich mich aber jetzt in etwas ein, was mich eigentlich gar nichts angeht. Es ist nicht mein Leben, um das es da geht, sondern das meiner Schwester. Meine Schwester, die ihr Leben lang ein Leben geführt hat, das den Vorstellungen meiner Mutter entsprach, hat plötzlich beschlossen, lieber ein Leben zu führen, wie ich es führe. Ein Leben, in dem die eigenen Bedürfnisse und Wünsche gleichrangig neben den Erwartungen der Familie stehen, ein Leben nicht nur für andere, sondern auch für sich selbst. Ich nenne das ein zufriedenes Leben. Meine Mutter findet das jedoch egoistisch und rücksichtslos. So eine Tochter hat sie schon, davon braucht sie nicht noch eine. Denn dann gibt es ja niemanden mehr, der sich uneingeschränkt um sie kümmert.

Meine Mutter hat den Kontakt zu mir jetzt abgestellt. Sie möchte nicht mehr mit mir reden, da ich nicht ihrer Meinung bin.
Weil ich aber auch gar nicht ihrer Meinung sein kann. Denn in meinem Traum ist eine Mutter halt stark und klug und vor allem versucht sie immer, ihre Kinder zu verstehen.
In meinem Traum geht eine Mutter nicht hin und stiftet Unfrieden im Leben ihrer Kinder. Niemals! Auch nicht unter dem Vorwand, es wäre zum Wohle ihrer Enkel. Und ganz besonders versucht sie niemals, ihre Enkel gegen ihre Eltern aufzubringen.

Nur kann ich mich jetzt nicht mehr verkriechen, ich kann nicht verschwinden und einfach nur fest die Augen zu machen und hoffen, dass es vorbei geht, denn es ist ja nicht mein Leben, um das es da geht.

Ich selber hatte einen Vater, den haben die Eltern meiner Mutter zum Schluss ganz bestimmt sehr gehasst. Sie mussten zusehen, wie dieser Mann ihre Tochter und ihre Enkel quälte. Und trotzdem haben meine Großeltern mir gegenüber niemals etwas Gemeines über meinen Vater gesagt. Auch keine sarkastischen Bemerkungen à la: "Ach, hat dein Vater mal wieder…." oder andere Giftpfeile wie "Hast du gehört, was er gesagt hat?" kamen nicht vor.
Der Streit der Erwachsenen blieb auf der Ebene der Erwachsenen und es wurde nicht versucht, die Kinder zu instrumentalisieren.

Meine Tochter sagt mir, dass ihre Großmutter versucht hat, ihr mitzuteilen, womit sie nicht einverstanden ist. Was ihr an meiner Meinung nicht passt, wo sie sich von mir angegriffen oder falsch verstanden fühlt. Meine Tochter ist klug und hört einfach nicht hin. Sie will sich da nicht reinziehen lassen. Und ich bin dankbar für ihre Klugheit - und schäme mich für meine Mutter.

Und vielleicht bin ich jetzt ja auch endgültig groß genug, diesen alten Traum zu begraben. In meinem Alter braucht man keine Mutter mehr, die Verständnis für ihre Kinder hat. In meinem Alter ist man dankbar, wenn man selber Kinder hat, die so klug sind, dass sie wissen, wann sie sich selber zurückziehen und lieber die Ohren zumachen
.

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