anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Freitag, 3. Juli 2020
Lebenserträglichkeit
Sie kennen das? Wenn die Gelderwerbsarbeit Sie so belastet, dass Ihnen eine potenziell lebensbedrohliche Erkrankung als verlockende Alternative erscheint?
(Nein, antworten Sie nicht: Ihnen fehlt sehr wahrscheinlich die Grundlage, ohnehin nicht gerne zu leben und auf Lebenserträglichkeit angewiesen zu sein.)


Die Kaltmamsell bringt in einem Nebensatz ein Dauerthema meines Lebens derart perfekt auf den Punkt, dass ich nur staunend davor stehe und sage: Ja natürlich, das ist es. Warum bin ich eigentlich Zeit meines Lebens immer davon ausgegangen, dass jeder Mensch von Natur aus und damit sozusagen gottgegeben selbstverständlich als Standardeinstellung das Gefühl "Ich lebe gerne" haben müsste?
Weil, wenn die Grundeinstellung bei der Auslieferung, also ab Geburt nicht auf "oh, wie ist das schön", sondern vielleicht nur auf "ja nun, muss ja" stand, dann fühlt sich das gesamte Leben deutlich anders an.

Und dann wird Lebenserträglichkeit zu einem Zauberwort.

Ich glaube oder bilde mir ein, dass ich mich so für den Hausgebrauch einigermaßen umfassend mit Depressionen auskenne und deshalb weiß, dass ich davon nicht betroffen bin, zumindest nicht in dem Maß, dass es klinisch behandelt werden müsste.
Andere Definitionen mag es geben, die auch kleinere seelische Zipperlein sofort als "nicht neurotypisch" diagnostizieren und natürlich hat jeder Mensch auch seine eigene, höchstindividuelle Leidensfähigkeit, so dass es sicherlich einen Ansatz gibt, auch schon das Fehlen einer positiven Grundeinstellung zum Leben insgesamt klinisch zu behandeln und als irgendeine ernstzunehmende Psychokrankheit zu bezeichnen, aber da ich diese Art der Psychokrankheiten in eine vergleichbare Schublade stecke wie Rheuma oder andere Autoimmunkrankheiten, gibt es darunter halt schwere Ausprägungen, die definitiv behandelt werden müssen und leichtere, mit denen man sich irgendwie arrangieren kann oder an denen man sehr gut auch mit allgemeinen Hausrezepten erfolgreich rumdoktorn kann, denn auch die Fachleute haben bei Autoimmunkrankheiten in aller Regel nur Symptomlinderungsmöglichkeiten - wirklich heilen kann man solche Krankheiten halt nicht, man kann (muss) aber lernen, damit zu leben.

In meinem familiären Umfeld gibt es reichlich Anschauungsmaterial für Depressionen in jeder Ausprägungsgüte, ein Grund, weshalb ich mich sehr intensiv, aus vielen verschiedenen Quellen und Kanälen und auch schon seit langer Zeit mit dem Thema "Depression - Arten, Auftreten und Hintergründe" beschäftigt habe.
Mein Opa hat sich nach mehreren erfolglosen Versuchen irgendwann erfolgreich umgebracht, mein Vater hat bisher nur einen erfolglosen Versuch hinter sich, andere Familienmitglieder sind seit Jahren immer mal wieder und dann auch für längere Zeit in stationärer Behandlung, eben immer dann, wenn es anders gar nicht mehr geht, ein Kind hat eine therapeutische Behandlung durchlaufen, weil es Schule, Kinderarzt und auch ich selber wenigstens für einen brauchbaren Versuch hielten und ein anderes wird eine durchlaufen, weil das die Voraussetzung für den Facharzt in diesem Gebiet ist. - Ich denke also, es mangelt mir nicht an ausreichender Erfahrung und Information über diese Krankheit.

Das Bild, dass Depressionen sowas wie eine Autoimmunerkrankung sind (und ja, ich weiß, dass es auch "degenerative Formen" gibt, wie bei Rheuma auch) habe ich mir selber zurechtgelegt, weil ich erstens finde, dass es ein passender Vergleich ist und weil damit außerdem die Frage nach dem "warum?" und gleichzeitig auch dem "wann bin ich geheilt?" nicht mehr beantwortet werden muss. Wenn man Pech hat, erwischt man halt eine Disposition dafür, shit happens, man muss dann eben lernen, damit umzugehen und wissen, wann ein Schub so stark ist, dass man professionelle Hilfe braucht.

Verglichen mit anderen Mitgliedern in meiner Familie habe ich deshalb nur eine auf "nun ja, hilft ja nix" zurückgedrehte Grundeinstellung zum Leben mitbekommen, damit kann ich normalerweise sehr gut leben, und um im Bild der Immunstörungen zu bleiben, ist das eher so etwas wie ein Heuschnupfen, aber sicher noch keine richtige Autoimmunkrankheit. Allerdings kann auch ein Heuschnupfen zwischendurch recht anstrengend sein und bei anderen Leuten den Eindruck erwecken, man wäre ernsthaft krank, weil man sich bei einer richtig üblen Heuschnupfenattacke ja auch selber schnell leid tut, weil es so ätzend ist.

Die meiste Zeit des Jahres kann ich mich mit meinem "Heuschnupfen" aber ganz gut arrangieren, an vielen Tagen merke ich noch nicht mal, dass es da vielleicht eine kleine Holprigkeit im allgemeinen Befinden geben könnte, ich kenne mein Leben schließlich auch nicht anders und da es mich grundsätzlich nicht am Leben selber hindert, lebe ich halt einfach so vor mich hin und denke nicht weiter darüber nach.
Erst wenn ich mit anderen Menschen zusammen bin oder wenn ich mit Erstaunen beobachte, wofür sich andere Menschen intensiv begeistern können, fällt mir auf, dass ich in vielen Dingen irgendwie anders ticke. "Das Leben ist toll." oder "Ich lebe gerne" sind so Sätze, die finde ich genauso kitschig, kindisch, aufgesetzt und übertrieben wie Schlager von Helene Fischer oder Jürgen Drews. Ist ja ganz nett, kann man auch sicher mal sagen, aber genauso gut kann man es auch bleiben lassen, denn es ist entweder trivial oder gelogen. Finde ich.

Das heißt übrigens nicht, dass es nicht ganz viele Dinge gibt, an denen ich wirklich Spaß habe, die ich gerne mache, über die ich mich freue, im Gegenteil, ich würde von mir sogar behaupten, dass ich absolut ein eher positiver Mensch bin, ich habe deutlich mehr gute als schlechte Laune und Trübsinn blasen ist etwas, das kommt bei mir so gut wie nie vor, weil ich grundsätzlich sehr energisch dagegen angehe. Wenn es Dinge gibt, die mir nicht passen, dann gebe ich mir viel Mühe, sie zu ändern - oder sie abzustellen. Change it, leave it oder love it - die Grundmelodie meines Lebens, wobei "love it" bei mir in der Regel dem eher fatalistisch akzeptierenden "hilft ja nix" entspricht.

"Duldsam" ist dagegen ein Attribut, das mal so gar nicht zu mir passt.
Genauso wenig wie "dankbar", im Gegenteil, "dankbar" macht mich fast automatisch aggressiv und funktioniert bei mir wunderbar als Triggerwort zum Aufregen, denn beides sind Ausdrücke gelebter Passivität und genau das ist etwas, was ich aktiv ablehne. Wenn ich nichts mehr aktiv tun kann, wenn ich nur noch dankbar und duldsam darauf warten kann, dass mein Leben an mir vorbeizieht, nun, dann fehlt mir persönlich endgültig der Grund, wofür dieses Leben dann überhaupt gut sein soll. Mag ja sein, dass es anderen viel schlechter geht, aber das ist doch kein Grund, für den eigenen, unveränderlichen Zustand dankbar zu sein. Wem auch? Und warum soll ich etwas erdulden, wenn es vielleicht auch eine Möglichkeit gibt, es zu ändern?
Wenn ich aber irgendwann feststelle, dass sich bestimmte, negative Lebensumstände wohl als Dauerzustand etabliert haben und ich keine Chance mehr sehe, sie zu verändern, dann ist bei mir der Weg zur Lebensunerträglichkeit nicht mehr weit, das ist mir absolut klar, das finde ich aber auch nicht schlimm.

Der Beitrag von Frau Kaltmamsell ist mittlerweile schon ein paar Tage her, ich musste erst mal gründlich darüber nachdenke, was mich an diesen zwei einfachen Sätzen so besonders fasziniert hat, aber ich denke, es ist vor allem die Beiläufigkeit, mit der Frau Kaltmamsell festhält, dass es eben keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist, gerne zu leben. Überhaupt zu leben, das ist sicherlich selbstverständlich, weil die Alternative eben nur "nicht am Leben zu sein" ist, und mit Menschen, die nicht mehr am Leben sind, muss ich solche Themen nicht besprechen. Dass man aber nur deshalb, weil man lebt, das auch automatisch gerne tun muss, das wird extrem selten hinterfragt bzw. von vielen Leuten als genau die falsche Selbstverständlichkeit unterstellt, die es eben nicht ist. Vielleicht sollte man diesen Menschen deshalb konsequent mit der umgedrehten Fragestellung begegnen: "Weshalb sollte man überhaupt gerne leben?"
Ich weiß da drauf nämlich keine Antwort, zumindest keine generelle, die das "gerne leben" als Selbstverständlichkeit begründen könnte. Ich kann viele Einzelsituationen benennen, in denen mir das Leben wirklich Spaß macht und natürlich lebe ich gerne für Dinge, die mir Spaß machen, ich kann aber auch viele Einzelsituationen benennen, in denen mir das Leben ausdrücklich keinen Spaß macht und die ich nur deshalb akzeptiere, weil ich jedes Mal die (berechtigte) Hoffnung habe, dass das nur ein vorübergehender Zustand ist und dass sich das wieder ändern wird, um wenigstens eine durchschnittliche Erträglichkeit zu erreichen.
Denn genau das ist es, was ich als Mindeststandard brauche, um überhaupt leben zu wollen.

Weil mir das aber auch schon immer bewusst war, achte ich aktiv darauf, dass ich mir diese Lebenserträglichkeit erhalte, womit sich viele Eigenarten, die ich im Laufe der Jahre entwickelt habe, erklären lassen. Dazu gehört z.B. das schon fast reflexhafte Rückwärtsgehen, wenn Menschen andere Vorstellungen haben als ich. Meine Standardreaktion ist "Dann eben nicht. Dann mach du wie du meinst - ich komm auch ohne dich klar." - Umstände zu akzeptieren, die das Leben für mich noch unerträglicher machen als es per default schon ist, lehne ich grundsätzlich ab, zu nah ist der Abgrund des endgültigen Abrutschens. Love it or leave it. Natürlich könnte ich es auch mit "change it" versuchen, aber wenn es um Meinungen und Einstellungen geht, respektiere ich grundsätzlich eine andere Grundhaltung und würde die deshalb nie verändern wollen, aber umgehen möchte ich auch nicht damit, deshalb gehe ich dann eben.
Kompromisse sind deshalb auch etwas, was ich in aller Regel zutiefst ablehne. Dann lieber gar nicht, denn meine Grundlinie ist die Lebenserträglichkeit. Da bleibt nicht viel Spielraum, wenn man nur knapp kalkuliert, denn weniger als mindestens ist halt unerträglich
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(Abgelegt in anjemerkt und bisher 95 x anjeklickt)

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Je länger ich darüber nachdenke, desto plausibler finde ich den Vergleich mit einer rheumatischen Autoimmun-Erkrankung. Tatsächlich habe ich Depressionen seit jeher auch als eine (Über-)Reaktion der mentalen Abwehrkräfte gegen Zustände gesehen, die als nicht wirklich hinnehmbar erlebt werden. Aber die Analogie zum rheumatischen Formenkreis war mir dabei entgangen.

Ich selber bin auch eher "Team muss-ja-irgendwie", kenne depressive Zustände besser als mir lieb ist, musste deswegen aber nie in Behandlung. Weiteres Anschauungsmaterial habe ich in meinem Umfeld auch schon immer reichlich gehabt, von meiner Mutter über meine frühere Lebensgefährtin (hing fünf Jahre lang mit unbehandelter Depression zuhause rum mit minimalem Kontakt zur Außenwelt) bis hin zu meinem langjährigen Seniorpartner und diversen Kolleginnen und Kollegen.

Nun kann ich zwar nicht behaupten, ungerne zu leben. Aber es gab mehrfach Phasen, in denen ich den Bettel am liebsten hingeschmissen hätte. Und das bleibt auch weiterhin eine Option - nicht zuletzt mit Blick auf mögliche äußerst unschöne finale Smptome, die meine Erkrankung evtl. parat haben könnte.

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