anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Mittwoch, 7. Oktober 2015
Geschenke
Am Sonntag hatte ich Geburtstag und zunächst standen die Zeichen auf Sturm.
Als Problem hatte ich das Thema „Geschenke“ identifiziert und war deshalb schon im Vorfeld ausdrücklich auf Widerstand gebürstet.
Ich mag Geschenke und zwar in beide Richtungen. Ich mache gerne Geschenke und natürlich bekomme ich auch gerne welche, was ich aber entsetzlich überflüssig finde, sind Geschenke, die in Wahrheit nur ein Tauschobjekt sind. Statt dem anderen einfach einen 10/20/50 Euro Schein zu geben, tauscht man das Geld vorher in irgendeinen Gegenstand, den sich der Beschenkte dann nicht selber kaufen muss, den er im Idealfall aber vorher genau bezeichnet hat, denn man will ja nichts Unerwünschtes schenken.
Richtig abstrus wird das dann zu Weihnachten, wenn jeder Schenker auch selber beschenkt wird, wehe dem, dem die halbwegs brauchbaren Notwendigkeiten Wünsche für sich selber ausgehen.
Zu Geburtstagen wird zwar immer nur das Geburtstagskind beschenkt, aber jeder Schenker versucht mit seinem Geschenk natürlich ein Niveau zu halten, entweder für das zu einem früheren Zeitpunkt bereits erhaltene Gegengeschenk oder für ein selbst gefühltes Mindestlevel, um nicht als knickerig zu gelten.
So wird also der Wert des Geschenkes gemessen, bewertet und zurückgeschenkt, und schwupps entsteht genau der Teufelskreis, den ich schon vor Jahren durch aktive Geschenkverweigerung versucht habe zu unterbrechen.
Deshalb gibt es nicht mehr sehr viele Menschen, mit denen ich überhaupt noch Geschenke austausche, denn durch meinen motzigen Geschenkewiderstand bin ich auf vielen Listen einfach gestrichen worden.
Die Kernfamilie fühlt sich aber natürlich immer noch geschenkeverpflichtet, ich hatte in der letzten Zeit aber vermehrt das Gefühl, sie quälen sich.
Mein Westfalenmann schenkte mir letztes Jahr zu Weihnachten einen Gutschein für eine Städtereise nach Lissabon, als Termin legten wir die erste Oktoberwoche fest, am besten über meinen Geburtstag, so dass ich für diese Zeit schon im Februar Urlaub eingereicht habe. Aus meiner Sicht hatte ich damit genug getan für diesen gemeinsamen Urlaub, denn es war ja ein Geschenk, also bedeutet das für mich, ich muss mich nicht kümmern.
Ich schätze, er hat sich das anders vorgestellt, denn es kamen ab August immer mal wieder so Fragen wie „Wie machen wir das denn jetzt mit Lissabon?“ oder er schickte mir Mails mit einem Link (Gesamtinhalt der Mail war einfach nur der Link, wirklich wortreich sind Westfalen auch beim Schreiben nicht), und dieser Link führte dann zum Lissabonflugplan von Flüge-billiger.de ….
Mitte September bin ich dann resigniert eingeknickt und habe offiziell verkündet, ich möchte nicht nach Lissabon, mir wäre das zu stressig und schließlich hätten wir ja auch noch sehr viel zu tun, da könne man den Urlaub gut nutzen, aber ich würde die Woche Lissabon gerne gegen ein Wellnesswochenende in einem tollen Wellnesshotel tauschen, so von Freitag bis Sonntag und ob er da nicht einfach irgendetwas buchen könnte. Mir wär auch egal wo, Hauptsache viel Wellness.
Klappte aber auch nicht, denn die Aussage „Egal wo“ lässt sich als Buchung nicht umsetzen, da der Ort nicht bei HRS gelistet ist.
Als er mich letzte Woche dann fragte, was genau ich denn nun an meinem Geburtstag machen möchte und was ich mir denn so zum Geburtstag wünsche, da wurde es Zeit für ein ausgiebiges Beziehungsgespräch zum Thema Geschenke.
In eine ähnliche Richtung gerieten die SMS, die ich wenige Tage vor meinem Geburtstag von Tochter und Sohn1 bekam, die beide fast wortgleich wissen wollten, was ich mir denn eigentlich zum Geburtstag wünsche.
Beiden Kindern habe ich sehr deutlich versucht zu erklären, dass sie mit dieser Nachfrage ja wohl nur den Geburtstag nächstes Jahr meinen könnten, denn für den jetzt anstehenden sei es ja etwas knapp, noch ein passendes Geschenk zu finden und zu besorgen. Da ich schon seit Jahren über soweit ausreichende finanzielle Mittel verfüge, dass ich es mir erlauben kann, Kleinigkeiten, die mir gefallen, auch einfach zu kaufen, sind bei mir leider kurzfristig keine Wünsche in der Studenten-Preisklasse offen.
Meine Mutter fragte schon im Sommer nach meinen Geburtstagswünschen, der habe ich gesagt, ich wünsche mir eine Liste mit Geburtstagswünschen, da ich es als enorm stressig empfinde, mir da immer wieder etwas ausdenken zu müssen.
Der einzige, der dieses Jahr fein raus ist, ist der Jüngste, der sich mit seinem Jahr in Kanada einen offiziellen Geschenke-Dispens erbeten hat.

Insgesamt war ich also reichlich genervt und habe einmal grundsätzlich zusammengetragen, was ich von einem Geschenk erwarte, oder besser eben genau nicht erwarte.
So finde ich es äußerst lächerlich, etwas geschenkt zu bekommen, was ich mir ansonsten sowieso selber kaufen würde.
Wenn ich etwas geschenkt bekomme, was man einfach kaufen kann, sollte dieser Gegenstand noch irgendetwas „Besonderes“ haben. Das kann sein
- die Idee, so etwas überhaupt zu entdecken (das klassische Überraschungsgeschenk)
- die Umsetzung einer nur vage formulierten Wunschidee (die Leselampen am Bett sind mir nicht mehr hell genug, irgendwie müsste man Lampen finden, die richtig hell sind, aber sie dürfen auch nicht blenden)
- die Chance, so etwas überhaupt kaufen zu können (manche Dinge sind schwer zu bekommen, da ist es immer ein tolles Geschenk, wenn einem jemand anderes den Beschaffungsmarathon abgenommen hat, Lebkuchengewürz von Staesz gehört dazu oder Kola Tonic)
- ein extrem niedriger Preis eines ansonsten prohibitiv bepreisten Gegenstandes (ein echter XY-Füller als Schnapper auf dem Flohmarkt gefunden) oder
- ein so hoher Preis, dass man sich diesen Luxus üblicherweise nicht selber gönnt, als Geschenk freut man sich aber sehr darüber und nimmt es gerne.

Meine Wünsche sind daher meist mit „Zeit“ verbunden. Entweder kosten sie viel Zeit, weil man so lange danach suchen muss – oder es kostet Zeit, die Dinge herzustellen, die ich mir wünsche, denn auch (oder grade?) Selbstgemachtes steht auf meiner Wunschliste meist ganz oben.

Und deshalb dachte ich, das mit meinem Geburtstag und den Geschenken, das geht dieses Jahr voll in die Hose, da ich wirklich keinen einzigen problemlos kaufbaren Wunsch geäußert hatte.
Und dann präsentierte mein Westfalenmann ein echtes Überraschungsgeschenk, ich wusste gar nicht, dass es so etwas überhaupt (schon?) gibt und ich finde sein Geschenk einfach nur toll: Ich besitze jetzt eine Waage, die alle Ergebnisse direkt aufs Handy postet (und wenn man nicht aufpasst auch gleich bei Facebook, vor Schreck habe ich vorsichtshalber gleich mal meinen Facebook-Account gesperrt). Aber diese Waage erfüllt tatsächlich alle Kriterien, die ich mir überhaupt nur vorstellen kann, so dass ich jetzt absolut überhaupt keine Ausrede mehr habe, sie nicht zu benutzen.
- Ich muss die Ergebnisse nicht direkt auf der Waage ablesen (was ich ohne Brille eh nicht könnte, aber mit Brille wiegen ist blöd, ich schlepp doch kein extra Gewicht mit auf die Waage….)
- Die Ergebnisse werden gespeichert und ich bekomme sie im Zeitverlauf als Diagramm angezeigt
- Ich muss an der Waage (nach dem ersten Einrichten) überhaupt nichts mehr extra Einstellen oder Anklicken, sie erkennt mich einfach an meinem Fußabdruck und schickt mir deshalb auch nur meine Ergebnisse, egal wer sich sonst noch auf ihr wiegt.
- Und die Waage misst natürlich auch zig andere Werte, wie Fett- und Wasseranteil, Herzfrequenz und CO2-Gehalt, alles auch mit Zeitverlauf und Charts und ausführlichen Erläuterungen, wofür das gut ist.
- Das Wetter zeigt sie übrigens auch noch an, wobei ich hier noch nicht raushabe, nach welchen Kriterien sie das festlegt. Das Wetter, das sie mir anzeigt, ist immer etwas besser und wärmer als das Wetter, was sie dem Mann anzeigt. Aber wer weiß schon, in welcher Korrelation Barometer, Thermometer und Cronometer zueinander stehen. Ich bin mit dem Wetter, das sie mir anzeigt, zufrieden und das ist ja die Hauptsache.

Meine Mutter hatte gleich zwei Geschenke für mich, zum einen eine rote Kette in genau der Art wie ich sie seit über einem Jahr suche und selber bisher noch nirgends gefunden habe (zumindest nicht unter 1.200€ und so viel wollte ich dann doch nicht ausgeben) und auch ein echtes Überraschungsgeschenk, nämlich ein Brillenetui mit Notenpapier bezogen, perfekt für meine Klavierbrille, für die ich schon lange etwas anderes als die langweilige Fielmanndose haben wollte.

Meine Schwester schickte auch Geschenke, damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet mich aber umso mehr gefreut, vor allem, weil sie mir auch noch richtig gut gefielen (Noten meines Lieblingssängers und einen richtig hübschen Schlüsselanhänger)

aber den Vogel schoss meine Tochter ab: Sie hat drei Tage durchgemalt (wahrscheinlich ganz verschreckt ob meiner etwas heftigen Reaktion auf ihre WunschabfrageSMS) und schenkte mir dann das hier:

drei mal gleich und doch so anders

Und jeder guckt so, wie er tatsächlich typischerweise guckt:
J. misanthrop räsonierend, C. schüchtern verloren und fragend und N. frech und fröhlich

So habe ich gleich alle drei Kinder zum Geburtstag bekommen und mich schon lange nicht mehr über Geburtstagsgeschenke so gefreut wie dieses Jahr.

:-)
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btw:
Die Leselampe fürs Bett, die richtig helles Licht macht, habe ich übrigens auch noch bekommen.

Endlich helles Leselicht

Jetzt gibt es endgültig keinen Grund mehr aufzustehen....

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