anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Dienstag, 14. Juli 2026
Wenn man was anderes als normal will
Noch so ein Tag mit viel Rumfahrerei, und morgen auch noch mal und übermorgen auch, aber dann ist erst mal Ruhe. Juchu!

Morgen sind noch mal Bautermine in Rheda, aber übermorgen fahre ich mit dem Auto nach Borkum, und zwar ganz alleine, K kommt mit Hund und Flieger nach und dann haben wir wieder die gleiche Konstellation wie letztes Jahr: Wir haben auf beiden Seiten ein Auto stehen und pendeln mit dem Flieger, was den Vorteil hat, dass wir niemanden bitten müssen, uns vom Flugplatz abzuholen oder hinzubringen, diese "alles-alleine-können" Variante gefällt mir sehr.

Im Moment pendeln wir dafür täglich zwischen Greven und Rheda und versuchen auf der Baustelle so viel zu klären wie nur geht. Der Bau kommt jetzt langsam in die heiße Phase, alle sind jetzt bemüht, dass es fertig wird und dabei tauchen natürlich ständig noch Fragen auf, die man bisher gar nicht auf dem Schirm hatte.

Als ich neulich mit der Mutter durch das Haus gegangen bin, um ihr zu zeigen, wie weit wir schon sind, habe ich natürlich gleichzeitig auch sofort erklärt, was noch zu machen ist und wie es dann nachher endgültig werden wird. Irgendwann meinte sie, dass das ja ganz schön viel wäre, was an Details schon zu sehen ist, dass es aber fast noch mehr sei, was noch zu machen sei und wie wir das geschafft hätten, uns das alles im Vorhinein auszudenken und zu überlegen.

Darüber habe ich dann nachgedacht und festgestellt, dass sie recht hat. Ja, es ist wirklich enorm viel, was man im Vorfeld bei der Planung schon alles wissen und berücksichtigen muss und wie viele Entscheidungen man schon treffen muss, bevor irgendetwas auch nur zu sehen ist, damit es nachher dann so wird, wie man das gerne möchte.

Ich habe bei diesem Bau ganz enorm viel gelernt und eigentlich müsste ich jetzt sofort noch ein Haus bauen, um all die Fehler vermeiden zu können, die ich bei diesem noch aus reiner Unwissenheit gemacht habe.

Da der gesamte Bau aber fast zwei Jahre länger dauert als wir ursprünglich dachten, haben wir immerhin den Vorteil, dass dadurch eine baubegleitende Planung möglich war, ohne dass dadurch noch mal extra Kosten entstanden sind.
D.h. die Extrakosten sind natürlich entstanden, denn so eine Bauzeitverzögerung ist richtig teuer, die Bauzeitverzögerung ist aber nicht dadurch entstanden, das wir uns nicht entscheiden konnten oder mittendrin ständig umplanten und deshalb fertige Teile wieder geändert werden mussten - wir waren das also nicht schuld, aber der Vorteil dieser enormen Langsamkeit des Baufortschritts war natürlich, dass wir wirklich nicht alle Details schon vor dem ersten Spatenstich entscheiden mussten, sondern Zeit hatten, uns in aller Ruhe mit Details und Lösungen zu beschäftigen, die nach und nach auftauchten.

Im Ergebnis werden wir nachher ein Haus haben, was unseren Vorstellungen in sehr, sehr vielen Punkten sehr genau entspricht, was wir aber auch erst jetzt wissen, denn zu Beginn der ganzen Bauerei hatte ich eigentlich gar keine Vorstellung, was ich konkret will. Ich wusste nur, was ich alles nicht wollte, das war dafür eine Menge und im Grunde das, was man sonst so überall sieht.

Aber nicht nur der Architekt, sondern auch alle beteiligten Handerker haben sich große Mühe gegeben mitzudenken und haben für ihre Gewerke immer wieder neue, unkonventionelle Möglichkeiten als technische Lösungen vorgeschlagen, von denen ich mir dann die rauspicken konnte, die mir wirklich richtig gut gefielen.

So bin ich z.B. jedesmal, wenn ich das Haus betrete, aufs Neue von diesem phantastische Fliesenmuster begeistert, was mir der Fliesenleger vorgeschlagen hat, weil ich selber nie auf diese Idee gekommen wäre, aber jetzt erkenne, dass es genau mein Geschmack ist.
Vielleicht liegt es auch ein bisschen daran, weil es wirklich ganz anders ist als alles, was man in der klassischen Architektur kennt und lehrt.

Der Architekt hat sein Möglichstes getan, es mir auszureden, weil er meinte, es wäre nachher alles aus der Flucht und das Auge wäre sehr irritiert, wenn es keine Linien hat, die passen. Genau so ist es auch und ich habe einen Höllenspaß daran.

Wie so eine optische Täuschung wirken einige Räume jetzt ganz schief. Der Küchenbauer, der letzte Woche die Küche ausgemessen hat, hat in seiner Verzweiflung sogar die Ecke kontrolliert, weil er nicht glauben konnte, dass es wirklich ein rechter Winkel ist. Ist es natürlich, nur durch das Fliesenmuster glaubt man es nicht und ich finde das prima.
Ein schiefes Haus, das trotzdem grade ist, wie wunderbar ist das denn.

Oder der Zimmermann, der mir die gefleckten Eichenbretter als Deckenverschalung vorgeschlagen hat, was für eine wundervolle Lösung, die ich mir in der Form auch nicht selber hätte ausdenken können.

Der Putzer, der mir gezeigt hat, dass man die Fliesen-Sockelleisten bündig mit dem Oberputz abschließen kann und der mir für den Dielenboden eine Schattenfuge statt einer Sockelleiste vorgeschlagen hat, war auch ein Glücksgriff.

Genau wie die Trockenbauer, die grade dabei sind, eine "schwebende" Holzvertäfelung ohne Randabschluss zu produzieren.

Es sind all diese kleinen Details, die diesen Bau so individuell machen und die mir vor allem deshalb Spaß machen, weil es dadurch eben wirklich "mein" Haus wird und nicht irgendeines von der Stange, was ein Bauträger nach Vorgaben aus dem Architektenhandbuch 8. Semester zusammenschustert.

Aber genau deswegen müssen wir uns natürlich auch so intensiv um den Bau kümmern. Es gibt quasi keine Entscheidung, die man treffen kann, weil man das immer so macht. Eigentlich genau umgekehrt - so wie man es immer macht, soll es ganz bestimmt nicht werden, wenn das bisher der einzige Lösungsvorschlag ist, muss man noch mal neu nachdenken.

Vielleicht ist es deshalb auch wirklich perfekt gelaufen, dass es alles so viel länger dauert als geplant - als wir beide noch Vollzeit im Büro beschäftigt waren, wäre gar nicht daran zu denken gewesen, dass wir uns so intensiv um den Bau kümmern.

Im Grunde bin ich also sehr zufrieden, wie es sich so entwickelt, es ist aber gleichzeitig auch recht anstrengend und ich bin froh, wenn diese Zeit vorbei ist
.
(Abgelegt in anjebaut und bisher 21 x anjeklickt)

... ¿hierzu was sagen?