anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Sonntag, 12. Juli 2026
Wie man beim Abschweifen ganze Yaks rasiert
Als ich neulich als Grundidee davon erzählen wollte, dass ich mich als Unterstützer für RIVVA an der Entwicklung einer Blogsupersuchmaschine beteilige, weil ich sehr gerne in Blogs lese und es deshalb natürlich super finde, wenn sich durch so eine Blogsuchmaschine mein persönlicher Blogkenntnishorizont erweitert und ich sehr gerne noch viele weitere, neue, andere, für mich interessante Blogs finden möchte, wo ich lesen kann, als ich das also erzählen wollte, holte mein innerer Erzähler ganz weit aus und machte nicht nur einen langen Schlenker über Zeit haben und Lesen, sondern auch über Schreiben und Schreiben können und Leute, die schreiben, denn die braucht es ja, damit andere etwas lesen können.

Das passiert mir häufig, also dass ich grundsätzlich etwas über A berichten möchte, dafür muss man aber die Hintergründe von B kennen, das man wiederum nur versteht, wenn man weiß, wie C funktioniert, das eng verbunden ist mit D und wenn man schon mal dabei ist, kann man das auch gleich so erzählen, dass der Zusammenhang sichtbar wird, das macht die Geschichte runder und E und F sind in dem Zusammenhang auch wichtig und erst fünf Seiten weiter bin ich dann soweit, dass ich endlich die Sache mit A erzählen kann, die aber eben diesen Vorlauf braucht, damit der Punkt, auf den es mir ankommt, auch so verstanden wird, wie ich es mir vorstelle.

So führt das eine zum andern und das wiederum zum nächsten, die Softwareentwickler haben dafür einen speziellen Begriff geprägt, Yak Shaving, und ich finde das Bild super.
Gefunden habe ich den Begriff bei Frank Westphal, der darüber gebloggt hat und ich habe mich spontan in diesen Ausdruck verliebt, weil er auf so unendlich viele Lebenssituationen passt.

Aber ich schweife ab, ich wollte ja eigentlich, ähem,

Schon klar, Yak Shaving ist grundsätzlich nicht als Abschweifen gedacht, sondern es beschreibt den Bau einer Unterkonstruktion, die nötig ist, damit der kleine Wimpel, den man ja eigentlich nur oben vom Dach wehen lassen wollte, damit der auch wirklich stabil und sicher befestigt ist und nicht beim ersten Pusten schon wieder wegfliegt.

Dass man aber beim Bauen der Unterkonstruktion mitunter stabiler und ausführlicher baut als es nur für den Wimpel da oben nötig wäre, das liegt daran, dass man eben auch am Bauen als solches Spaß hat, dass man Dinge gerne ordentlich macht und dass man es generell als nützlich empfindet, wenn man eine stabile Unterkonstruktion hat, weil es sicherlich noch viele andere Situationen geben wird, wo man die gebrauchen kann und dann froh ist, es gleich ordentlich gemacht zu haben.

Wenn man die Idee des Yak Shaving ein ganz klein wenig erweitert, wird es zu einer schon fast universell anwendbaren Metapher, ich habe diesen Begriff also kurzerhand für meine Welt gekapert und beschlossen, dass es nicht nur bei Softwareentwicklern so ist, sondern eben an vielen Stellen im Leben. Mein Westfalenmann hat das auch sofort aufgegriffen und als er heute in der Küche mein nur halb geschmiertes Butterbrot alleine vorfand, während ich im Wohnzimmer in irgendeiner Ecke Kaffeepads sortierte, ging er sofort davon aus, dass ich grade mit einer Yak Rasur beschäftigt war.

Beim Butterbrotschmieren hatte ich bemerkt, dass wir keine hart gekochten Eier mehr haben, also wollte ich sofort neue kochen, im Eierhalter im Kühlschrank waren aber nur vier, das ist schlecht, denn in den Eierkocher passen sechs, also holte ich aus einem anderen Kühlschrank einen neuen, vollen Eierkarton, dann konnte ich den Eierkocher anwerfen und die restlichen Eier in den Kühlschrank räumen. Anschließend hatte ich einen leeren Eierkarton, den wir immer benutzen, um die feuchten Kaffeepads darauf zu trocknen, die wir sammeln, denn getrocknete Kaffeepads in einem Eierkarton sind ganz hervorragendes Brandmaterial für den Kaminofen.
In dem alten Eierkarton in der Küche waren schon viel zu viele Kaffeepads, ich pflückte also die ganz frischen raus und legte sie zum Trocknen in den neuen Eierkarton, dann ging ich mit dem alten Karton und den restlichen Pads ins Wohnzimmer hinter den Flügel, denn dort sammeln wir die Eierkartons mit den getrockneten Kaffeepads, bis wir sie mit nach Borkum nehmen. Hier sortierte ich die restlichen Kaffeepads auch noch mal neu, denn wenn die Pads nicht komplett trocken sind und man schließt den Eierkarton zu früh, dann schimmeln sie innendrin und das ist ja blöd. Genau damit war ich also beschäftigt als K mein halb geschmiertes Butterbrot in der Küche fand und rief: "Was ist mit deinem Butterbrot? Rasierst Du nur ein Yak oder hast du es vergessen?"

So, den Begriff habe ich jetzt also schon mal erfolgreich verbloggt, zwar wollte ich ursprünglich auf etwas ganz anderes hinaus, aber egal, wenn ich jetzt einmal damit beschäftigt bin, Begriffe zu verbloggen, die ich neu gelernt habe, dann kann ich auch gleich noch einen Link, den ich mir ebenfalls gemarkert habe, hier abladen.
Es handelt sich um einen Auszug aus dem Buch Deadline von Constantin Seibt und gelernt habe ich den Begriff Salgarismus.
Salgarismus ist eine Plage, der auch ich mich kaum entziehen kann, im Zweifel wahrscheinlich deshalb, weil ich denjenigen, die hier lesen, nicht zutraue, sich all den Müll, den ich hier tagtäglich abkippe, auch soweit zu merken, dass sie Bezüge herstellen können, wenn sich Dinge wiederholen.

Einige andere seiner Hinweise sollte ich mir auch endlich mal tunlichst merken, ich bekenne mich eindeutig schuldig und wünsche mir sehr, dass ich diese lästigen Angewohnheiten irgendwann mal soweit realisiere, dass ich sie ablege bzw. verbessere, bevor ich den Veröffentlichen-Knopf drück.

Andererseits: Es kommt von Constantin Seibt und der spielt wirklich in der höchsten Liga, was Schreibkunst angeht.

Einer meiner LIeblingstexte von ihm ist bis heute der inzwischen vier Jahre alte Text: "Russisches Kriegsschiff, fick dich". Ich weiß nicht wie oft ich diesen Text schon gelesen habe und jedesmal erschauere ich leicht vor Ehrfurcht. Einmal so schreiben können…. (Und die drei Punkte als Andeutungsausklang verurteilt er auch scharf, ich weiß.)

Aber im Grunde ist das jetzt auch endlich die Überleitung zu dem, auf das ich von Anfang an hinauswollte: Selbstverständlich können nicht alle so schreiben wie Constantin Seibt und wenn ich von meiner Cousine erzähle, die so schrecklich gerne schreibt, es aber leider überhaupt nicht kann, dann heißt das nicht, dass ich finde, sie sollte gar nicht schreiben, es heißt nur, dass ich ihr wenig Hoffnung machen kann, dass sie von irgendjemandem Geld für ihr Geschreibsel bekommt. Und dass ich das auch nicht bedauere.

Wenn ich mich über Journalisten aufrege, die sich ihre Texte auf dem Niveau meiner Cousine zusammenbuchstabieren, dann ärgere ich mich vor allem darüber, dass sie dafür auch noch Geld bekommen.

Um es klarzustellen: Jeder kann schreiben wie er will, das Internet ist groß genug für alle, ich habe keinerlei Absicht, hier irgendjemanden für einen schlechten Schreibstil zu kritisieren. Diejenigen, deren Stil (oder deren Inhalte) mir nicht gefallen, deren Texte muss ich ja nicht lesen. So kurz, so einfach.
Und selbstverständlich ist weder Constantin Seibt noch Stefan Niggemeier oder Gabriel Yoran (auch eine meiner Schreibikonen) ein Maßstab, an dem sich normal Sterbliche messen sollten Diese Edelfedern sind wirklich schon so weit weg von allen irdischen Schreibern, dass ich es müßig finde, sie auch nur in Ansätzen als Maßstab heranzuziehen.

Alles, was ich sagen wollte, in meinem Text über Leute, die nicht schreiben können, ist, dass es eben Leute gibt, die nicht schreiben können und es nicht bemerken. Lustigerweise fühlen sich von so einer Aussage vor allem die angesprochen, die durchaus schreiben können, aber eben vielleicht einen Tick weniger gut als Constantin Seibt oder Stefan Niggemeier.
Nun, genau die meinte ich nicht!

Das wollte ich eigentlich von Anfang an überhaupt endlich mal dazu gesagt haben und jetzt habe ich nicht nur ein ganzes Yak rasiert, sondern auch meine Ursprungsintention erfolgreich abgearbeitet. Das nenne ich erfolgreich
.

26 x anjeklickt (...bisher hat noch niemand was dazu gesagt)   ... ¿selber was sagen?