anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Mittwoch, 5. August 2026
Taco und Nacho
In der Welt der Finanzmenschen sind Akronyme ungemein beliebt, alle möglichen Trends oder Strategien werden mit lustigen Namen belegt, vielleicht ist die Hoffnung dahinter, auf diese Art nicht ganz so abgefuckt und spaßbefreit rüberzukommen, wie es bei Finanzleuten ja leider sehr häufig der Fall ist.

Wie auch immer, zwei der neueren Begriffe finde ich grade sehr lustig, es gibt nämlich eine Investstrategie, die auf "Taco" setzt und eine andere heißt jetzt "Nacho".

Taco steht für "Trumps always chickens out" und meint soviel, dass Trump seine wilden Drohungen eh nie ernsthaft durchsetzt, so dass man immer dann kaufen soll, wenn die Märkte grade mal wieder einbrechen, weil Trump irgendwelche bekloppten Zölle oder was weiß ich welche Sanktionen gegen irgendwen ankündigt. Weil Trump ja sowieso wieder einen Rückzieher macht werden, die Märkte auch wieder steigen. Taco markiert also die perfekten Kaufgelegenheiten und bisher konnte man mit Taco ziemlich zuverlässig Geld gewinnen.

Nacho dagegen steht für "Not a chance Hormus opens" und das bedeutet, dass man besser nicht auf fallende Rohstoffpreise und alles, was damit in Verbindung steht und gut für die Wirtschaft samt ihrer Börsenpreise ist, setzen sollte, eben weil es extrem unwahrscheinlich ist, dass die Straße von Hormus (jemals?) wieder frei passierbar sein wird.

Aktuell steigen die Börsen grade wie bekloppt, weil alle glauben, dass die Amis sich mit den Iranern auf irgendwas einigen werden, ich bin da eher Team Nacho, weil ich mir überhaupt nicht vorstellen kann, dass die Iranis ihren einzigen Trumpf aufgeben, gleichzeitig bin ich aber auch nicht mutig genug, alles zu verkaufen und auf einen Taco-Einstieg zu warten, so dass ich mich für die psychologisch sicherste Lösung entschieden habe: Ich guck nicht hin.

Obwohl, so ganz stimmt das nicht, ich schaue schon hin, es ist allerdings eher so ein durch die Finger linsen und dabei ungläubig auf die aktuelle Depotentwicklung starren, eigentlich kann das alles nicht gutgehen, denn es fehlt jede Substanz dahinter. Aber es ist gleichzeitig auch ein Gefühl wie Achterbahnfahren, während man den steilen Berg hochjagt, wartet man schon auf die irre Schussfahrt ins Tal danach.

Zur Finanzierung des Neubaus habe ich schon früh begonnen, Positionen aus meinem Depot zu verkaufen, um die Liquidität dann als verzinstes Festgeld zu parken, weil nichts ärgerlicher ist, als Aktien zu einem ungünstigen Zeitpunkt verkaufen zu müssen, nur weil man grade Liquidität braucht.

Alle Verkäufe habe ich in eine Watchlist mit dem Titel "verkaufte Aktien" eingetragen. Diese Watchlist ist zum einen das beruhigende Gegengewicht, wenn es wieder bergab geht, denn je weiter diese Liste ins Minus rutscht, umso mehr kann ich mich selber darüber freuen, dass ich diese Verluste alle nicht mehr mitnehme. Sie ist aber auch meine persönliche Selbstbestätigungsmaschine, wenn ich ein bisschen Aufmunterung brauche, denn sie ist wirklich auch bei den aktuellen Börsenständen immer noch mit einem angenehm hohen, fünfstelligen Betrag im Minus, und dann freue ich mich darüber, dass ich per Saldo wirklich alles richtig gemacht habe.

Klar habe ich auch Gewinne liegengelassen. Dieser Fonds mit der künstlichen Intelligenz, den ich im Februar diesen Jahres verkauft habe, weil ich Angst vor der KI-Blase hatte (und habe), der ist natürlich im letzten halben Jahr noch mal um fast 20% gestiegen, diese Gewinne habe ich also nicht mehr mitgenommen, weil ich kalte Füße bekommen habe.

Das ist aber auch der einzige, der seit dem Verkauf noch nennenswert gestiegen ist. Alle anderen sind entweder sogar gefallen oder nur so gering gestiegen, dass sie noch nicht mal den Zinsertrag, den ich in der Zwischenzeit aus dem angelegten Festgeld verdient habe, kompensieren. Hier freue ich mich also jedesmal darüber, dass ich die Dinger los bin.

Mein persönlicher Lieblingswert ist allerdings unverändert Rheinmetall.
Ich habe kurz nach Ausbruch der Corona Pandemie für 5000€ Rheinmetall-Aktien gekauft, weil ich mir damals dachte, dass so eine Pandemie ganz schön gefährlich für den globalen Frieden sein kann. Aufstände, Bürgerkriege, ich hielt das durchaus für wahrscheinlich und die Rheinmetall-Aktie war (so wie alle Aktien kurz nach Ausbruch der Pandemie) auch noch gefallen, ich nutzte also den guten Einstiegszeitpunkt und habe mich dann nicht weiter darum gekümmert.
Knapp zwei Jahre später war die Aktie dann von 60€ auf 90€ gestiegen, ich hatte also schon 50% Plus und freute mich.

Naja, und dann kam der Ukrainekrieg und die Aktie ging komplett durch die Decke.
Man kann also sagen, ich bin ein echter Kriegsgewinnler.
Verkauft habe ich meine komplette Position vor ungefähr einem Jahr, für knapp das 30fache dessen, was ich fünf Jahre vorher dafür bezahlt hatte, weil ich auch hier Sorge hatte, dass dieser abgedreht hohe Kurs auf Dauer nicht zu halten ist.
Danach ist die Aktie zunächst noch weiter gestiegen, aber die letzten 10% gönnt man immer seinem Nachfolger und seit Februar diesen Jahres ging es nur noch bergab. Vor rund einem Monat war sie sogar mal fast 50% unter ihrem Höchststand von letztem Jahr. Ich schaue mir die Werte immer in meiner Watchlist der verkauften Aktien an und freue mich, dass ich wirklich den fast perfekten Ausstiegszeitpunkt gefunden habe.

Dadurch, dass ich ungefähr die Hälfte meines Depots verkauft habe, um die Liquidität gegen ein Wohnhaus in Rheda zu tauschen, habe ich für mich persönlich die perfekte Balance gefunden, um mich über jede Entwicklung der Börsenkurse freuen zu können: Geht es nach oben, freue ich mich, weil ich ja immer noch dabei bin, geht es nach unten, freue ich mich, weil ich immerhin die Hälfte rechtzeitig in Sicherheit gebracht habe.

Und weil ich außerdem mein Depot inzwischen mit einem starken Schwerpunkt auf Dividendenaktien strukturiert habe, können mir die Börsenschwankungen sowieso fast egal sein, da substanzstarke Dividendenwerte auch ausschütten, wenn der Kurs eingebrochen ist.

Meine aktiven Zeiten am Finanzmarkt sind also ganz sicher vorbei, ich bin im Grunde nur noch ein relativ gut abgesicherter Beobachter und auch wenn ich Taco und Nacho echt witzig finde, so bin ich doch sehr froh, dass ich das alles komplett meinungslos an mir vorbeiziehen lassen kann
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