anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Samstag, 30. März 2024
Was stört mich eigentlich so an meinem Job?
Nachdem ich den Tag gestern fast ausschließlich mit Schlafen verbracht habe, bin ich heute ausgeruht genug, um darüber nachzudenken, was für Dinge ich gerne tue, was mich antreibt und was ich schrecklich finde.

Wenn ich über Antrieb im Rahmen meiner Erwerbsarbeit nachdenke, dann fällt mir regelmäßig der offensichtliche starke Zusammenhang zwischen "Erwerb" und "Arbeit" auf, denn nur, wenn ich es als Tätigkeit zum Zwecke des "Gelderwerbs" empfinde, steigt gleichzeitig dieser starke Widerwillen gegen diesen Job in mir auf.
Wenn ich die gleiche Arbeit aber freiwillig tue, wenn es also keine Regelungen oder Vorschriften gibt, die mich zwingen, diese Arbeit zu erledigen, weil ich einen Vertrag eingegangen bin, den ich erfüllen muss, wenn ich also zB offiziell Urlaub habe oder krankgeschrieben bin und deshalb niemand von mir erwarten kann, dass ich arbeite, dann macht es mir sofort wieder Spaß - oder, naja, zumindest empfinde ich es dann nicht mehr als Last.

Ich habe also ein Problem damit, Dinge zu tun, zu denen ich vertraglich verpflichtet bin.
Während ich diesen Satz sacken lasse und mich frage, ob eine Therapie nicht vielleicht hilfreich sein könnte, ploppt ein weiteres Gefühl in mir auf.
Es ist eine Abneigung gegen Kollegen, die man neusprachlich wohl als "Low-Performer" bezeichnen würde.
Es ärgert mich maßlos, dass es Kollegen gibt, die sich einen feuchten Kehrricht darum kümmern, ob sie eine gute, eine fehlerfreie, eine sinnvolle, eine passende oder eine in irgendeiner anderen Art produktive Arbeitsleistung abliefern.
Stattdessen wurschteln sie fröhlich und sinnentleert vor sich hin, geben ihr Hirn morgens beim Einloggen in die Zeiterfassung ab und bilden sich auch noch ein, sie wären ein wertvolles Teammitglied, weil sie fehlerfrei gendern und regelmäßig Kuchen mitbringen. Dass dafür andere Kollegen ihre Fehler ausbessern, ihre unerledigten Fälle übernehmen, konzentriert, mit Überlegung, effektiv und engagiert arbeiten, ohne dass sie dafür mehr Geld bekommen und auch ohne, dass die gesamte schief verteilte Arbeitslast überhaupt großartig thematisiert würde, denn das wäre ja sofort Mobbing, das alles finde ich im höchsten Maß ungerecht.

Dabei unterstelle ich den Kollegen noch nicht mal, dass sie es mit Absicht machen, nein, im Grunde ist es viel schlimmer, denn ich bin sicher, dass die meisten gar nicht merken, wie viel Blödsinn sie sich da regelmäßig leisten. Sie folgen einfach nur gedankenlos irgendwelchen falsch verstandenen Anweisungen oder inneren Überzeugungen (weiß der Teufel, wo sie die herhaben) und meinen, sie wären nicht nur sehr folgsam, sondern auch sehr fleißig. Wenn sie etwas anders machen sollten, könnte man es ihnen ja jederzeit sagen, was aber leider daran scheitert, dass sie die meisten Anweisungen falsch verstehen (wenn ich besonders schlecht drauf bin, behaupte ich: "falsch verstehen wollen") und alles geht von vorne los.

Der Umgang mit diesen Kollegen ist einfach nur anstrengend und ich glaube, ich habe einen Zustand der psychischen Materialermüdung erreicht, der bei mir dieses akute "ich-will-nicht-mehr-Gefühl" samt insgesamt Widerwillen gegen den Job auslöst.
Es ärgert mich sehr, dass ich keine Idee habe, wie man das ändern könnte, aber in der Zusammenfassung wird es wohl daran liegen, dass ich als Führungskraft einfach nicht tauge, weil ich es ätzend finde, anderen Leuten zu sagen, was sie tun sollen. Ich finde immer, das ist doch alles logisch und selbsterklärend und wundere mich dann, wie dumm sich manche Leute anstellen. Es ist mein Fehler, ich weiß das, aber ich habe weder Lust, diese Fähigkeit jetzt noch zu lernen, noch, mich mehr als unbedingt nötig überhaupt mit Personalführung zu befassen, für mich ist das ein Teil meines Jobs, den ich nur lästig finde - und den ich natürlich wunderbar ignorieren kann, wenn ich offiziell nicht im Job bin und rein freiwillig arbeite. - Das ist damit endlich eine nachvollziehbare Erklärung, warum ich "freiwilliges Arbeiten" so viel angenehmer und überhaupt nicht schlimm finde.

Arbeitsrechtlich sind diese Schmalspurkollegen übrigens alle auf der sicheren Seite, der Arbeitgeber hat grundsätzlich nur einen Anspruch auf eine durchschnittliche Arbeitsleistung und eine mittlere Begabung - und wenn man weiß, dass so ein Satz in einem Arbeitszeugnis schon nicht statthaft, weil herabwürdigend ist, kann man sich schnell vorstellen, dass es für jeden Arbeitnehmer eine große Bandbreite gibt, wie viel Leistung jemand für sein Geld abliefert.

Im letzten Jahr wurde einem Mitarbeiter gekündigt, weil er ziemlich viel Mist gebaut hat und sein Verhalten einen hohen sechsstelligen Schaden verursachte. Im anschließenden Arbeitsprozess einigte man sich auf einen Vergleich, der Mitarbeiter bekommt eine (hohe) Abfindung, dafür verlässt er die Firma. Obgleich ich seit Jahren mit den Regeln des Arbeitsrechts vertraut bin, empfinde ich es als zutiefst ungerecht, dass solche offensichtlichen Fehl- und Minderleistungen immer noch als "durchschnittliches Leistungsniveau" und damit als völlig legitim und ausreichend definiert werden, aber das nennt man wohl Sozialstaat.

Was ich im Übrigen auch als zutiefst ungerecht empfinde, ist die Selbstverständlichkeit der Besitzstandswahrung. Wenn jemand erstmal etwas hat, dann gibt es ein großes Geschrei, wenn man es ihm wieder wegnehmen will, weil, das geht ja gar nicht. Es ihm von Anfang an zu verweigern, das ist möglich, man darf halt nur nie den Fehler machen, einmal zu freundlich oder zu optimistisch gewesen zu sein.
Ich weiß nicht, wie oft ich mich schon über den tiefbegabten Assistenten der Geschäftsführung aufgeregt habe, denn als persönlicher Referent bringt er wirklich so gut wie keinen positiven Output für die Firma - das einzige, was er gut macht, ist die Vertretung im Sekretariat. Er wird aber nicht wie Sekretariat bezahlt, sondern wie knapp unter Geschäftsführung und das ist einfach ungerecht. Bekäme er ein Sekretariatsgehalt, käme ich wahrscheinlich gar nicht auf die Idee, mich aufzuregen, denn dann würde ich von ihm ja auch eine andere Art Leistung erwarten und dann passt alles wieder, es ist aber leider unmöglich, ihn auf ein leistungsgerechtes Sekretariatsgehalt runterzustufen, Besitzstandswahrung, er ist schließlich der persönliche Referent und die werden deutlich anders bezahlt. - Ich finde es ungerecht.

Zusammengefasst sind es also die eklatanten Ungerechtigkeiten, die (wahrscheinlich in jeder) Firma existieren, die mir persönlich aber den Spaß an meiner Arbeit mittlerweile gründlich vermiesen, weil ich mich einerseits dafür verantwortlich fühle, sie andererseits aber nicht abstellen kann.
Und deshalb zähle ich die Tage, noch 174
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Freitag, 29. März 2024
Hobbytag
Was erzählt man abends um 20h von einem Tag, den man bis zu diesem Zeitpunkt zu 80% schlafend verbracht hat und sich schon wieder so müde fühlt, dass man am liebsten so schnell wie geht ins Bett verschwinden möchte, um sich endlich mal auszuschlafen? Ich glaube, am besten treffe ich es in der Zusammenfassung, wenn ich sage: Was für ein wunderbarer Tag.

Ich bezeichne Schlafen ja schon seit immer als mein Hobby. Früher, als man so Freundschaftsfragebögen ausfüllte, schrieb ich unter Hobbys stets: "Reiten, lesen, schlafen", hatte zu meinem Kummer aber selten Gelegenheit, diesem Hobby so ausgiebig zu frönen, dass mir dabei langweilig wurde.

Heute ergab es sich aber endlich mal wieder und es bleibt das intensive Gefühl von Glück, schlafen ist wirklich etwas Feines.

Das vorgesehene Schweinefilet für heute haben wir gegen Carpaccio getauscht, erstens ging das schneller und zweitens fand K, dass es besser zu Carfreitag passt, eine Schreibweise, die so in meinem online Kalender steht, der sich die Feiertage selber einträgt
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Donnerstag, 28. März 2024
Partytag
Das Abarbeiten der privaten to-do-Liste für die aufgelaufenen Schreibtischarbeiten schreitet voran.
Nachdem ich am Montag ja schon höchst erfolgreich drei von CWs Altgesellschaften auf den allerneuesten Stand gebracht habe, habe ich heute eine Gesellschaft von K final abgewickelt.

Diese hemmungslose Gesellschaftengründerei ist eine Pest in fachkundigen Kreisen. Weil man weiß wie es geht und man keine Kosten für die Verwaltung kalkuliert (die eigene Arbeit zählt ja nicht), werden ohne Bedenken immerzu neue Gesellschaften gegründet, die zunächst einer guten Idee entspringen, die sich dann aber schnell tot läuft oder insgesamt scheitert und so bleibt nachher nur eine Gesellschaft ohne Mehrwert übrig, die verwaltet und irgendwann eben auch beerdigt werden muss.
Die Beerdigung von sinnlos gewordenen Gesellschaften heißt Liquidation und muss nach streng bürokratischen Regeln nicht nur beim Finanzamt, sondern auch im Unternehmensregister und im Handelsregister angezeigt, erklärt, veröffentlicht und abgewickelt werden.

Heute habe ich also eine Gesellschaft von K endgültig beerdigt und es war mir ein Fest. Nach getaner Arbeit fuhren wir einkaufen, schließlich gab es einen Leichenschmaus vorzubereiten.
Wir kauften ein ganzes Huhn, eine Packung Gambas, ein Pfund Schweinefilet und frisches Baguette.

Zurück zuhause hatten wir akuten Feierbedarf und am schnellsten ließ sich die Feier mit dem Baguette umsetzen, einfach ein bisschen Frischkäse dazu und ein Glas Prosecco - zack, Superparty!

Das Huhn wanderte in den Backofen und wurde zu einem köstlichen Abendmahl,


die Gambas gibt es morgen als Vorspeise und anschließend das Schweinefilet - als demonstrative Kulturverweigerung.

Am Nachmittag war uns nach Film gucken und ich wählte aus dem großen Stapel an ungeguckten Film-DVDs ausgerechnet den Film "The Wheather Man", weil sich die Beschreibung spannend anhörte und ich dachte Nicholas Cage ist immer gut. Hmmm, wahrscheinlich ist Nicholas Cage auch gut - nur ich bin nicht intellektuell genug, um die Schönheit dieses Films zu sehen oder gar zu verstehen. Filme mit so verdrehten, latent psychoneurotischen Hintergründen sind einfach nix für mich, ich bin für so Zeug schlicht zu schlicht.
Immerhin weiß ich jetzt, dass ich bei diesem Film nix verpasse, wenn ich nicht gucke
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Mittwoch, 27. März 2024
Dafür heute kein Urlaub
Meine einzige Draußenzeit bestand heute darin, die geleerten Mülltonnen wieder reinzuholen, erst die gelbe, dann die schwarze, denn die freitägliche Leerung wurde wegen Jesus auf heute vorverlegt.
Eine schwarze Tonne gibt es eigentlich auf Borkum nicht, nur schwarze Plastikmüllsäcke, die man im 10erPack im Supermarkt kaufen kann.
Von Möwen und Rabenkrähen leicht zerstörbare Plastikmüllsäcke als Müllabfuhrsystem für eine Insel auszuwählen, ist meiner Meinung nach eine eher suboptimale Idee, denn es gibt hier natürlich Mengen an gut trainierten Vögeln, die genau wissen, dass in den schwarzen Säcken häufig leckere Delikatessen stecken und deshalb jeden unverhüllt draußen stehenden Sack sofort aufpicken, zerfetzen, auf Essensreste untersuchen und dabei den nicht essbaren Inhalt großzügig in der Gegend verteilen, eine ziemliche Schweinerei.

Deshalb muss man den schwarzen Sack entweder mit einer festen Plane sehr gut abdecken - oder in eine Tonne stecken.
Als ich bei meinem Vater in der Garage vor einiger Zeit mal etwas aufräumte, entdeckte ich dort eine schwarze Plastikmülltonne, noch mit dem Original Aufkleber der Meerbuscher Müllabfuhr, die er hat also 1992, als er zurück auf die Insel ging, mit umgezogen und seitdem in der Garage aufbewahrt, nun steht sie bei mir im Müllhäuschen und wenn ich nur einen kleinen schwarzen Sack voll Müll habe, passt der da haargenau rein und die Müllmänner sammeln sich den Sack auch da raus, das ist damit alles viel praktischer als die blöde Plane, die die Viecher nämlich auch oft genug schon weggezupft haben, um an die Säcke dadrunter zu kommen. Mülltonnen öffnen können sie zum Glück noch nicht.

Heute wurde also der gelbe und der schwarze Müll abgeholt, so etwas freut mich immer, wenn das ohne Schwierigkeiten funktioniert. Oft genug passiert es, dass eine Tonne nicht geleert oder einzelne Säcke nicht mitgenommen werden, meist weiß man nicht, weshalb, hat aber dann die Lauferei, den Müll alternativ loszuwerden.

Damit ist der aufregende Teil des Tages auch schon erzählt, sehr viel mehr ist nicht passiert, ich saß die restliche Zeit fast durchgängig am PC und habe Mails beantwortet, Dinge recherchiert, Unterlagen zusammengesucht, telefoniert und mich geärgert, weil das eigentlich nicht die Art von Beschäftigung ist, die ich mir für einen Urlaub vorgestellt hatte. Aber irgendwie wusste ich auch nicht, wie ich es sinnvoll hätte verhindern können.
Zum Glück war mieses Wetter, bei ständig Regen an und aus habe ich wenig Neigung, mich nassregnen zu lassen. Kalt war es auch, insofern war ich zufrieden, dass ich gemütlich drinnen bleiben konnte.

Kochen musste ich heute auch nicht, nur die Reste des Essens von gestern noch mal warm machen, so gehen komplette Urlaubstage dahin, ohne dass man sie als Urlaub wahrnimmt
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Dienstag, 26. März 2024
Kein Feierabend
Als Ausgleich zu dem reinen PC-Tag gestern saß ich heute nur am Morgen zwei Stunden vor dem Rechner, las ein paar E-Mails, räumte etwas auf und versuchte dann eine Stunde lang, die Junk-Mail-Optionen bei meinem Windows-Konto einzustellen. Es gelang schließlich, aber meine Güte, was für ein umständlicher Kram.

Dann setzten wir uns auf unsere Räder und fuhren in der Gegend rum. K machte einen Friseurtermin, den man nur durch persönliches Vorsprechen im Salon abmachen kann, telefonisch ist das aussichtslos und ich kaufte ein wenig Knoblauch, weil ich gestern Abend erschrocken feststellen durfte, dass meine Knoblauchvorräte alle nur noch zum Wegwerfen taugten und ich deshalb notfalltechnisch mit getrocknetem Knoblauch arbeiten musste, nicht meine bevorzugte Variante.

Wir besuchten den Onkel, erledigten ein-zwei Dinge für ihn, fuhren zu Lidl, weil ich Zutaten für ein bestimmtes Gericht haben wollte, das ich beim Kochbuchlesen entdeckt hatte, kauften dort alles mögliche nur nicht die gesuchten Zutaten, die gab es nämlich nicht, also fuhren wir noch in einen anderen Einkaufsladen, dort gab es endlich alles, was ich brauchte, fuhren nach Hause und ich kochte ein Gericht einigermaßen streng nach Kochbuch.

Ich liebe Kochbücher und ich könnte unentwegt welche kaufen, es fällt mir nur sehr schwer, mich beim Kochen an Rezeptvorgaben zu halten.
Es geht ja schon damit los, dass ich Mengenangaben stets nur als Empfehlungswerte verstehe, ungern Dinge abwiege und viel lieber frei Schnauze improvisiere.
So kann es passieren, dass ich ein Rezept für Szegediner Gulasch nachkochen möchte und am Ende gibt es dann Gemüsesuppe oder Backofengemüse - irgendwann beim Kochen biege ich in eine andere Richtung ab und habe dann viel mehr Lust auf etwas selbst Erdachtes.

Diesmal habe ich mich einigermaßen dran gehalten und es war okay, hörte sich beim Lesen aber deutlich schmackhafter an, ich muss da wahrscheinlich noch etwas nacharbeiten an dem Rezept, wenn ich (so etwas ähnliches) noch mal machen möchte.

Außerdem habe ich den Fahrradschuppen ausgeräumt und ausgefegt, es ist unglaublich, welch eine Menge Sand sich da nach wenigen Wochen schon wieder angesammelt hat.

Ein Manko eines Lebens ohne (fremde) Büroarbeit: Man hat keinen Feierabend mehr.
Irgendwas ist ja immer
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Montag, 25. März 2024
Erledigt
Das war ein ungemein produktiver Tag heute, ich bin sehr zufrieden, denn ich habe endlich die Abschlüsse für die letzten beiden Gesellschaften fertiggestellt, die ich seit Monaten vor mir herschiebe.
Und das sogar sechs Tage vor der Frist.
Am 31.3. müssen alle 2022er Bilanzen veröffentlicht sein, ich hätte also noch die gesamte Woche Zeit gehabt, ich weiß gar nicht, was ich die nächsten Tage jetzt tun soll.

Die 2023er habe ich natürlich gleich miterledigt, mir ist ein bisschen vor mir selber unheimlich, es ist aber auch ein echt gutes Gefühl.

Mehr ist heute sonst nicht passiert, ab morgen beschäftige ich mich dann verstärkt mit Urlaub machen
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Sonntag, 24. März 2024
Boomerquatsch
In meiner persönlichen Wahrnehmung ploppt grade das Thema "Boomer und die Hintergründe" in allen möglichen Informationskanälen, die ich so benutze, auf und als ich heute mal etwas ausführlicher hinterherrecherchiert habe, wer und was da zu dem Thema so eifrig referiert, habe ich bemerkt, dass wohl das meiste auf Heinz Bude zurückgeht, emeritierter Soziologieprofessor aus Kassel (Geburtsort Wuppertal und das hört man seiner Aussprache immer noch an ;-)* , der da grade ein Buch drüber geschrieben hat und das muss natürlich promotet werden. Bei manchen Sauen, die durchs Dorf laufen, ist es beruhigend zu wissen, aus welchem Stall sie rausgeschubst wurden.
*fällt so eine Bemerkung schon unter body shaming und ist pfui?

Das Thema ist also nicht plötzlich neu und es gibt auch keine neuen Erkenntnisse, sondern nur ein 70jähriger Ex-Professor, der sich noch mal profilieren will und deshalb meint, nur weil er mal Soziologieprofessor war, sind seine Boomererkenntnisse automatisch wissenschaftlich.
Das mag auch durchaus so sein, ich bin kein Wissenschaftler und hatte auch nie vor, einer sein zu wollen, was der gute Herr Bude da allerdings so von sich gibt, hört sich in meinen Ohren viel mehr nach einer subjektiven Darstellung aus der Akademikerperspektive eines Soziologen an als nach der Auswertung empirisch korrekt erfasster Daten.

Was er so erzählt, wer und was die Boomer geprägt hat, unterscheidet sich deutlich von meiner persönlichen Einschätzung. Meiner Meinung nach hat mich von all dem, was er da so als prägende Einflüsse anführt, nur sehr wenig geprägt. Herr Bude zählt eine Reihe historische Ereignisse aus den 70er und 80er Jahren auf, die nach seiner These das typische Wesen der Boomer entscheidend beeinflusst haben, an denen ich aber entweder nicht teilgenommen habe, weil ich noch zu jung war oder die mich nicht interessierten, weil sie zu weit weg waren, wir auf dem Land lebten und auch meine Eltern diese Themen nicht so beschäftigten, dass ich auch nur in Ansätzen das Gefühl hätte haben können, da wäre irgendetwas dabei, was mich und meine Zukunft betrifft oder betreffen könnte.

Vor drei Wochen war er im Vorabendprogramm des NDR bei DAS! und hier im TAZ-Talk
Bei der FAZ war er natürlich auch und bei Uni-Vorträgen wurde ebenfalls mitgeschnitten, das Kerlchen ist rührig und seine Thesen werden überall geteilt.

Grundsätzlich beginnen die (wissenschaftlichen) Probleme ja schon damit, dass es unterschiedliche Zeitabschnitte gibt, die als "Boomer-Generation" gelten. Wahlweise von 1958-1968, aber auch von 1954-1964, im Zweifel kann also jeder zwischen 1954-1968 geborene Mensch als Boomer bezeichnet werden.
Dass ich persönlich dazu gehöre, steht außer Frage, 62er Jahrgänge sind in jeder Definition dabei.

Herr Bude (Jahrgang 1954) hält sich selber auch für einen Boomer und das ist wahrscheinlich der Grund, weshalb ich mit seiner persönlichen Wahrnehmungs- und Erinnerungsperspektive so wenig anfangen kann. Für mich hört sich vieles vielmehr an wie die Erinnerungen eines späten 68ers, denn die Wahl von Willi Brandt zum Bundeskanzler, die er als prägendes Ereignis für die Boomerjahrgänge erwähnt, geschah 1969, und sorry, aber mit 7 habe ich die radikalen politischen Umwürfe in unserem Land noch nicht als wirklich prägend empfunden.

Auch die autofreien Sonntage und die Anti-AKW-Bewegung sowie die RAF samt Deutschem Herbst im Jahr 1977 - alles Geschehnisse aus den 70ern, die ich zwar wahrgenommen, aber genauso schulterzuckend akzeptiert habe, wie das Problem Aids ab Mitte bis Ende der 80er.

Meine Güte, ich war ein Teenager mitten in der Pubertät, ich hatte wichtigere Themen als die Weltpolitik oder die möglichen Gefahren durch Atomkraft- oder -bombe.
Ich war damit beschäftigt, wie ich an das nötige Kleingeld für eine echte Wrangler oder Levy's komme, um den untragbaren Jinglerjeans zu entgehen, deren Peinlichkeit mein Leben viel mehr bedrohte als alles andere. Bedroht gefühlt habe ich mich von keinem dieser "Politik"-Themen, und dass von Aids auch langweilige Durchschnittsmenschen betroffen sein könnten, wurde frühestens ab den 90ern thematisiert, da war ich aber längst Mutter und führte, auch sexuell, ein geregeltes Familienleben. Dass ich vor Corona also schon mal eine Pandemie erlebt hätte, die mich zu einer Verhaltensveränderung gezwungen hätte, kann ich für mich nicht bestätigen, wird von Herrn Bude aber als prägendes Ereignis genannt.

Ich habe übrigens auch den Reaktorunfall in Tschernobyl im Jahr 1986, als ich erwachsen genug war, um zu begreifen, was da passiert war, mehr oder minder fatalistisch hingenommen, denn wenn da wirklich was nach Deutschland rüberweht, tja nu, dann ist das eben so, davon sind dann aber alle betroffen und ich sah keinen Mehrwert darin, mich selber damit mehr als nur als reine Kenntnisnahme zu diesem Thema zu beschäftigen. Es wird sich schon jemand an geeigneter Stelle darum kümmern. Genau diese Einstellung teilten übrigens alle meine Freunde in meiner näheren und weiteren Umgebung. Eine Kommilitonin gab es, die drehte total durch und wollte nach Italien auswandern und so Zeug, die benahm sich aber grundsätzlich wie ein aufgescheuchtes Huhn, die konnte man bei nix ernst nehmen, sondern grundsätzlich nur belächeln.
In Erinnerungen geblieben ist mir vor allem, dass genau zu der Zeit die Leipziger Tante (als Rentnerin mit Reiseerlaubnis) meines damaligen Freundes bei ihrer jüngeren Schwester zu Besuch im Westen war und sich höchst erstaunt darüber zeigte, dass bei uns im Westen grade kaum Gemüse in den Läden verkauft wurde. Sie sagte, in Leipzig gäbe es grade mehr als je zuvor, vor allem Pilze, die sonst immer so schlecht zu kriegen gewesen seien.

Nun sind meine Interpretationen der Auswirkungen der historischen Rahmenbedingungen und Geschehnisse auf meine eigene Persönlichkeit genauso individuell wie die von Herrn Professor Bude, ich versuche nur gar nicht erst den Eindruck zu erwecken, dass meine Einschätzungen in irgendeinem Kontext zu wissenschaftlichen Nachweisen stehen könnten.

Was mich an den Ausführungen von Herrn Bude außerdem noch stört, ist die Intellektualisierungsvermutung, die er der gesamten Boomergeneration zukommen lässt. Die Boomer-Generation aus der DDR erlebte den Mauerfall quasi zum Abitur - sagt Herr Bude (im NDR) und ich wundere mich nicht nur darüber, dass gleich eine gesamte Generation Abitur gemacht hat, sondern auch in welchem Alter.
Dass es auch Boomer mit einem Schulabschluss nach der 9. oder 10. Klasse gibt und dass die eventuell eine komplett andere Grundeinstellung zum Leben haben könnten als die studierten Akademiker, dazu fehlt mir in seinen Ausführungen jede Anmerkung.

Insgesamt finde ich es sowieso ziemlichen Unsinn, Menschen in irgendeiner Form nach Jahrgangs-Kohorten zusammengefasst charakterisieren oder beschreiben zu wollen, das einzige, was die Boomer-Generation eindeutig von der Gen Z unterscheidet ist die Tatsache, dass sie alle älter sind und DAS wiederum ist ein wichtiger Unterschied, denn 60jährige benehmen sich im Durchschnitt auch empirisch nachweisbar anders als 20jährige.
Der (auch heute noch aktive) Soziologieprofessor Martin Schröder hat das schon 2018 wissenschaftlich korrekt nachgewiesen, aber vielleicht war der gute Herr Bude da schon aus dem Dienst ausgeschieden und widmet sich seitdem lieber populär-wissenschaftlichen Privatforschungen
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