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Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Mittwoch, 15. April 2026
Dinge, die meine Technik nicht für mich tun soll
Felix hat auf meinen Text und meine Fragen bei "Technikanwendungen" reagiert und sehr ausführlich erläutert, was er bei einer Smarthome-Steuerung wichtig findet.

Dieses Blog-Ping-Pong finde ich wunderbar und nutze seine Ausführungen und Hinweise, um auf dieser Grundlage noch einmal selber über meine eigenen Ansprüche und Erwartungen an meine künftige Haustechnik nachzudenken.

Vorab zu den Kosten:
Ja, KNX verlegen zu lassen ist deutlich teurer als einfach nur eine 2-Phasen-Stromleitung, das ist mir absolut bewusst. Dafür habe ich dann aber auch die Möglichkeit, sehr viele verschiedene Informationen über die "Stromleitungen" zu senden und entsprechend detailliert einzelne Abnehmer zu steuern.

Außerdem habe ich früher beruflich viel mit dem Bau von Immobilien für betreutes Wohnen zu tun gehabt und alle diese Häuser wurden grundsätzlich mit einem KNX-System ausgestattet, weil es nicht nur für die Bewohner, sondern vor allem auch für die Betreuer viele Vorteile hatte, die Vorgänge im Haus engmaschig überwachen und im Notfall auch von außen steuern zu können.
Insofern war für mich klar, dass ein KNX-System dazu gehört, wenn ich ein barrierefreies Haus bauen möchte, in dem ich auch dann noch leben kann, wenn die altersbedingten Einschränkungen mehr werden. Gleichzeitig war mir aber auch klar, dass barrierefreies Bauen immer deutlich teurer ist als "Normalstandard".

Wodrüber ich allerdings noch nie nachgedacht habe und was mir auch jetzt erst auffällt, sind die unterschiedlichen Erwartungen bzw. Ansprüche, die der einzelne mit dem Begriff "Smarthome" verknüpft.

Für mich sind die beiden wichtigsten, oder vielleicht sogar die beiden einzigen Ansprüche an eine "Smarthome-Steuerung" (oder GLT für Gebäudeleittechnik, wie es im gewerblichen Bereich genannt wird) die externe Kontrollmöglichkeit und persönlicher Komfortgewinn durch erleichterte Bedienung.
Und mit "komfortabler Bedienung" meine ich wirklich immer noch Bedienung und ganz ausdrücklich nicht Automation.
25 Lampen zentral an- oder auszuschalten finde ich komfortabel, wenn sich die Lampen aber verselbstständigen und von alleine angehen, wenn ich das Haus betrete, dann werde ich sofort nervös. Wenn sie dann auch noch meinen, meine Lichtstimmung vorausahnen zu können und mich tages- und jahreszeitabhängig mit unterschiedlichen Lichtszenarien begrüßen, ist bei mir der Punkt erreicht, die Technik vollständig zu verweigern.
Für mich ist es ein großer Unterschied, ob Technik für mich eine (mechanische) Arbeit erledigt, die ich sonst mühsam selber machen müsste oder ob sie mir Entscheidungen abnimmt.

Dass hier viele Leute ganz andere Ansprüche oder Vorlieben haben, ist mir nicht nur durch den Text von Felix, sondern auch durch ein Gespräch mit meinem Westfalenmann bewusst geworden. Der hätte gar nichts dagegen, in einer Umgebung zu leben, wo er über so triviale Dinge wie "welches Licht leuchtet jetzt grade" nicht nachdenken müsste, er findet es sehr angenehm, wenn ihm jemand Entscheidungen abnimmt, die er für unwesentlich hält. Sein Argument ist: Wenn mir das nicht gefällt, kann ich es ja immer noch anders machen.

Dass er damit wahrscheinlich zu der deutlich größeren Menge von Menschen gehört als so verdrehte Einzelindividuen wie ich, kann ich mir übrigens sehr gut vorstellen, denn sonst hätte es für die Industrie ja keinen Bedarf gegeben, Systeme zu entwickeln, die nach komplexen if-then-Mustern den Menschen (scheinbar?) personalisierte Individual-Lösungen vorschlagen.

Dass das für mich nichts ist, liegt daran, dass ich mich gerne entscheide und vor allem auch gerne mal anders entscheide. Ein Muster oder ein System in meinen Entscheidungen zu erkennen, finde ich selber fast unmöglich. Heute mag ich dies, morgen das, ich weiß es selber nicht vorher.

Mich in eine Situation zu fügen oder sie sogar als positiv zu empfinden, gelingt mir viel leichter, wenn ich mich selber aktiv dafür entschieden habe.
Vielleicht schwingt hier immer noch mein Kindheitstrauma mit, weil mein Vater der Überzeugung war, es wäre eine gute Tat, Menschen zu ihrem Glück im Zweifel auch zu zwingen, auf alle Fälle reagiere ich hochallergisch auf alle Entscheidungen, die andere für mich treffen wollen.

Ich kann es ja noch nicht mal leiden, wenn mir bei Tisch jemand anderer etwas auf den Teller füllt. "Nein danke, ich nehme mir lieber selber" ist meine absolute Standardreaktion, wenn jemand nett, höflich, zuvorkommend oder wie auch immer übergriffig meint, für mich entscheiden zu können, wie viele Kartoffeln ich jetzt doch sicherlich gerne auf meinem Teller haben möchte.

K dagegen findet das super. Er fände es auch okay, wenn ihm jemand jeden Morgen irgendwelche Kleidung rauslegt, die er nur noch anziehen muss, um gar nicht mehr darüber nachdenken zu müssen, was zusammenpasst und was der Situation bzw. den Tagesvorhaben angemessen ist. Er würde garantiert auch seinen Kalender mit so einer Smart-Assistenz koppeln, damit die erkennen kann, was für den Tag geplant ist.

Für mich: Die absolut reine Horrorvorstellung. Kommt überhaupt nicht in Frage. Nachher sucht die Smart-Assistenz noch genau das raus, was mir wirklich gefällt und dann kann ich es aus lauter Protest nicht anziehen. Ne, ne, soweit lasse ich es gar nicht erst kommen.

Ich habe ein ganz massives Problem mit Technik, die "alles alleine macht".
Deshalb kann ich die Tado-Heizungssteuerung nicht leiden, weil die meint, für mich entscheiden zu wollen, wann ich mich weit genug aus dem Haus entfernt habe, damit sie selbstständig die Heizung runter dreht.
Das macht mich irrsinnig nervös, ich will das nicht, niemals, ich kann verflixt noch mal selber entscheiden, wann ich welche Heizung auf wie viel Grad hoch- oder runterregeln will und mein Traumsystem macht genau das und nicht mehr.

Ich mag auch keine Bewegungsmelder, weil sie mir die Freiheit nehmen, jederzeit selber zu entscheiden, ob ich das Licht jetzt grade wirklich anschalten will oder nicht bzw. wie lange ich es brennen lassen will.
Ich sehe ein, dass ein Bewegungsmelder in dem dunklen Kellerflur oder im Schuppen praktisch ist, weil man dann nicht immer eine freie Hand braucht, um das Licht einzuschalten, wenn man dort vollbeladen etwas hinbringen will, aber schon bei der Außenbeleuchtung mit Bewegungsmelder bin ich zwiegespalten, weil ich natürlich auch jedes Mal aufschrecke, wenn draußen das Licht angeht und es überraschenderweise doch kein Besucher oder Einbrecher ist, der es ausgelöst hat…

Präsenzerkennung ist für mich also eher erschreckend als angenehm, insofern werde ich mich damit nicht weiter beschäftigen. Wenn es nach mir geht, muss mein Haus nicht wissen, dass ich da bin.

Trotzdem sehe ich sofort ein, dass es sehr sinnvoll ist, so viele Sensoren wie möglich in der Haustechnik zu verbauen und an vielen Stellen ist das auch schon vorgesehen.
Alle Fenster und alle Außentüren haben Sensoren, also nicht nur die, die ich elektrisch bedienen kann, sondern alle, damit ich jederzeit bei Bedarf kontrollieren kann, ob auch wirklich alle Fenster zu sind. Kontrolle, ich erwähnte es oben, finde ich vor allem deshalb wichtig, weil das Haus ja auch immer wieder mal nicht bewohnt ist, weil wir dann in dem anderen Haus sind.

Deshalb finde ich auch Kameras wichtig, die ich allerdings nur aktiviere, wenn ich das Haus für längere Zeit verlasse.
Und nein, ich möchte hier keinen Automatismus, ich finde es völlig okay, wenn ich das selber manuell (am Handy) steuere. Und nein, ich möchte auch keine aktivierten Kameras, wenn ich selber im Haus rumlaufe.

Die Raffstores können zwar zentral gesteuert, bedient und kontrolliert werden, aber auf einen Wind- und Regensensor habe ich bewusst verzichtet, weil ich eben nicht will, dass sich da irgendetwas selbstständig macht, nur weil der Wind weht oder es regnet.

Die Küchentechnik dagegen ist wieder komplett vernetzt, allerdings weiß ich jetzt schon, dass ich hier höchstpersönlich etwas umbauen/abklemmen muss, denn ansonsten muss ich immer zwingend ein Fenster öffnen, wenn ich die Dunstabzugshaube anwerfe, weil ich einen Kaminofen habe und das dann offiziell Vorschrift ist, egal ob der Kamin grade befeuert wird oder nicht. Mit Vorschriften kann ich auch immer nur schwer umgehen, wenn ich sie (teilweise) überflüssig finde. Ich entscheide lieber selber, wann ich ein Fenster aufmache. Dass das sinnvoll ist, wenn ein Feuer brennt und der Dunstabzug Luft aus dem Haus zieht, verstehe ich sofort, aber eben nicht, wenn kein Feuer brennt.

Die Heizungssteuerung wird selbstverständlich auch über eine App laufen, in der Photovoltaik, Wärmepumpe, Fußbodenheizung, Klimaanlagen und Wallboxen alle miteinander verbunden sind (weil alles von einem Hersteller) Im Unterschied zum Borkumhaus werde ich hier allerdings viel weniger an der Heizung hoch- und runterstellen müssen, weil das bei Wärmepumpen eher kontraproduktiv ist. Eine elektrische Lüftung haben wir nur im Keller, weil wir dafür komplett auf Fenster verzichtet haben, im Rest des Hauses wird über die klassische Fensteraufmethode gelüftet und ich gehe davon aus, dass ich da auch ohne extra Benachrichtigung regelmäßig dran denken werde, allerdings finde ich die Idee sehr charmant, das an einen CO2 Sensor zu koppeln, der sich meldet, wenn er frische Luft braucht. Ich werde den Elektriker mal danach befragen.

Meine aktuelle Routine besteht darin, dass ich jeden Morgen nach dem Aufstehen alle Fenster öffne und Durchzug mache. Damit ich im Winter nicht vergesse, die Fenster auch wieder zu schließen, wenn ich während des Lüftens das Zimmer verlasse, stelle ich mir dann immer einen Timer, das funktioniert prima.

Überhaupt Benachrichtigungen vom System. Grundsätzlich habe ich eine sorgfältig kuratierte Meldungsfreigabe für Benachrichtigungen auf dem Handy, weil ich vermeiden möchte, dass bei einer inflationären Meldungsflut eine Ignoranz einsetzt, die dann dazu führt, dass ich auch wichtige Meldungen nicht mehr wahrnehme. Geräusche dürfen nur ganz wenige Apps machen, weil ich bei Geräuschen besonders intensiv reagiere und eine Push-Meldung oder ein Banner nutzt halt nur was, wenn ich es auch wahrnehme. Das Haus selber macht dagegen viele Geräusche, was sich bei über 30 Wanduhren, die überall verteilt sind, nicht vermeiden lässt ;-) Als Ergebnis hat das dazu geführt, dass ich mich nur da zuhause fühle, wo es intensiv tickt.

Felix schreibt, dass sein System einen Tusch ertönen lässt, wenn er länger als fünf Minuten auf dem Klo sitzt, darüber musste ich sehr schmunzeln.
Bei der Auswahl der Sanitärausstattung haben wir natürlich auch die japanischen Toiletten kennengelernt, die jede für sich schon ein vollintegriertes Smart-Toilet-System ist. Ist sicherlich sehr lustig, traf aber nicht richtig unseren Bedarf.

Wir haben uns bewusst für ein sehr einfaches, preiswertes Modell entschieden (das Geld, was ich hier spare, gebe ich lieber für den Elektriker und eine umfassende Gebäudeverkabelung aus), obwohl K ein wirklich begeisterter Klogängersitzer ist. Genau deshalb wollte ich ja eigentlich zwei Klos nebeneinander, damit für mich auch jederzeit eines frei ist, aber sowohl K als auch der Architekt fanden das albern. Als Kompromiss haben wir jetzt neben dem WC ein Bidet und ich hoffe, für Notfälle lässt es sich auch zweckentfremden.
Was Felix und den Tusch angeht frage ich mich, woran sein System erkennt, dass er auf dem Klo sitzt (Kamera? ernsthaft? oder doch Japan-Klo?) und ob der Tusch ein Gratulationstusch oder ein Warntusch ist.

Wie, wo und welche Kameras wir einbauen werden, ist noch nicht entschieden, außer über der Klingel, da sieht das Haustürsystem automatisch eine Kamera vor.
Und natürlich wird es einen elektrischen Türöffner geben, das Klingelbild erscheint dann sowohl auf dem Handy als auch auf dem Monitor einer lokalen Türöffner-Station in der ersten Etage. Im Erdgeschoss brauche ich das nicht, da kann ich einfach aus dem Fenster schauen, wenn ich wissen will, wer vor der Tür steht.

Für die sonstige Haustechnik wird es genau eine fest installierte Bedienstation mit Display geben, weil ich nichts hässlicher finde als diese meterlangen Schalterbatterien, die man oft in Neubauten sieht, weil dort neben dem Licht auch die Jalousien und die Lüftung und die Heizung über einzelne Taster in dem jeweiligen Raum gesteuert werden.

Ich finde es völlig okay, all diesen Kram normalerweise vom Handy aus zu steuern, eine einzige, lokale Bedienstation reicht mir als Ergänzung völlig aus.
Wenn ich mein Handy mal verlegt habe, habe ich die Option, es entweder sofort zu suchen oder ich gehe eben zu dem im Eingang angebrachten Wandmonitor, wenn ich im Schlafzimmer den Raffstore runterfahren möchte. Immer noch besser, als im Schlafzimmer vier Schalter an der Wand zu haben.

Einen zentralen Lichtschalter wird es aber trotzdem in jedem Zimmer geben, denn das Licht einfach nur an- oder auszuschalten, muss man auch können, ohne erst das Handy rauszufummeln. Und weil ich nicht will, dass sich Licht von alleine einschaltet, gibt es in jedem Raum dafür genau einen Schalter.

Eine Frage, die für mich noch komplett offen ist: Brauche ich für die Gebäudesteuerung einen eigenen, zentralen Homeserver oder wo läuft das strategisch sinnvoll zusammen?
Wie sichere ich das System ab? (Hacker, Viren etc.) Und wie regele ich den externen Zugriff?
Ich hoffe, hier kann mir der Elektriker einen guten Spezialisten empfehlen
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