anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Freitag, 10. Februar 2017
Steh auf
Ein ganz wichtiges Lied:



Normalerweise sind die Toten Hosen ja ganz weit weg von der Musik, die ich so höre, weil viel zu laut und viel zu krawallig.
Normalerweise finde ich Musik in laut ziemlich gräßlich, genauso gräßlich wie scharf gewürzte Speisen. Vor lauter Krach bleibt nichts mehr von der Musik, zu viel Schärfe tötet jeden Geschmack.
Normalerweise.

Aber dieses Lied ist anders. Ich habe es in einem ganz alten Schimanskitatort entdeckt und seit der Zeit habe ich es als Notfallset immer bei mir.
Es muss laut sein, es muss einen aufwecken, wachrütteln, durchschütteln. Es soll nicht schön sein, da gibt es nichts zu genießen und mitzuschwingen. Es ist auch im eigentlichen Sinn keine Musik - nicht für mich in meiner Definition, sondern es ist eher so etwas wie Medizin, wie ein Defibrillator.

Ich denke, jeder kennt diese Zeiten, wo man hintereinanderweg immer wieder ein paar auf die Zwölf bekommen hat, jeder einzelne Schlag hätte schon gereicht, andere Leute von den Beinen zu holen, aber man hat standgehalten. Man hat lange ausgehalten und eingesteckt. Sich gewehrt, verteigt, ausgewichen, selber angegriffen. Drei-, vier-, fünfmal. Aber irgendwann knickt man einfach ein. Klappt man zusammen und dann ist alles aus. Licht aus, dunkel. Man mag auch nicht mehr, man liegt ganz unten, das Leben trampelt über einen drüber. Kopf einziehen, Augen zu und warten, bis es vorbei ist. Man will nichts mehr wahrnehmen, der Widerstand ist gebrochen, die Kraft schon lange verloren.
Dann braucht man dieses Lied.
In laut. Ganz laut.
Als Defibrillator.

Dann steht man wieder auf und dann geht es auch wieder weiter.
Halt den Kopf in den Wind und geh los, denn nur wer aufgibt hat wirklich verloren.

Deshalb, Mesdames et Messieurs, faites vos jeux, es geht wieder weiter, allez, allez,
morgen wieder bunte Lichter und Lampions in diesem Theater
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Freitag, 13. Januar 2017
Egon der zahme
Nix Schnee hier. Kein Chaos, kein Drama, weder Action noch Katastrophe, nur ein trüber, grauer, nasser Januartag. Passend zu einem Freitag, dem 13., da ist ja üblicherweise auch meist deutlich weniger los als man vorher befürchtet hat.

Allerdings war nur ein paar Kilometer um die Ecke wohl richtig was los, heute morgen im Verkehrsfunk bekam ich mit, dass die Autobahn bei Ibbenbüren wohl komplett gesperrt war.
Ibbenbüren ist echt nicht weit weg von hier, da habe ich neulich den Fisch abgeholt. Aber so ist das manchmal, es gibt auch Dramen, die an mir knapp vorbeischrammen und andere treffen, ich persönlich finde das völlig okay.

Ansonsten habe ich mich heute das erste Mal seit längerem wieder mit der Dropbox auseinandergesetzt. Im Prinzip fand ich es immer eine gute Sache, wenn ich nicht jedesmal damit kämpfen würde, dass ich diverse Verständnislücken habe, was die intuitive Bedienung dieses Systems angeht. So wirklich verstanden bzw. bedienungstechnisch durchdrungen habe ich das Programm bis heute noch nicht und stehe immer wieder erstaunt vor neuen Seltsamkeiten.
Also, wenn ich König von Silikon Valley wär, dann würde ich vorschreiben, dass für jedes Programm eine Bedienungsanleitung existieren muss, die wie eine Wikipediadatei ständig fortgeschrieben wird und sich der vereinfachten Inklusionssprache bedienen muss.

Manche Skurrilitäten und Fragezeichen lösen sich allerdings durch die angewandte Realität auf. So gab es zB einen Familienordner, der war für alle Familienmitglieder freigegeben und als ich da heute reinschaute, stellt ich fest, dass K. verschwunden war. Ich konnte mir das gar nicht erklären, aber sein Name wurde noch nur noch in einem geisterhaft nebligem Hellgrau angezeigt und wenn man ihn anklickte, dann stand da "gelöscht". Aber wer um alles in der Welt löscht K. aus dem Familienordner? Die Kinder werden doch nicht jetzt aufs Alter anfangen, schwierig zu werden.
Interessanterweise konnte ich ihn aber auch nicht mehr neu hinzufügen, er war irgendwie aus den lebenden Kontaktlisten bei Dropbox verschwunden.
Heute Abend habe ich ihn dann nach Dropbox gefragt und er sagte, dass Dropbox ihn gelöscht hätte. Einfach so. Er hätte es nicht verwendet und dann hätte ihm Dropbox eines Tages mitgeteilt, er würde jetzt gelöscht.
Sachen gibt's
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Sonntag, 1. Januar 2017
Vorsätze
So ein neues, frisches Jahr ist wie ein neues frisches Schulheft. Am ersten Tag, beim Aufschlagen, freut man sich über die sauberen Seiten, keine Knicke, keine Kleckse, nix geschmiert und keine Fehler. Toll!
Wenn es doch immer so sein könnte.
Und so wie ich mir bei jedem neuen Schulheft und insbesondere am Schuljahresanfang, wenn es auf einen Schwung nicht nur viele neue Schulhefte, sondern auch neue, saubere Bücher ohne Risse und Eselsecken und einen aufgeräumten Tornister mit einem gereinigten, aufgefüllten und frisch gespitzten Stiftemäppchen gab, so wie ich als Kind bei jedem neuen Schuljahr immer mit den allerbesten Vorsätze gestartet bin, nämlich diesen unbestritten wunderbar ordentlichen Zustand einfach dauerhaft zu erhalten, so fühlt sich auch ein neues Jahr an und ich überlege, welche Vorsätze ich fassen könnte, um das Jahr so wenig wie möglich durcheinander zu bringen und ruckzuck mit meinem Alltagschaos zu füllen.

Ich neige leider extrem zur Schlurigkeit. Hefte nur in Schönschrift, ohne Kleckse, Fehler und Eselsohren zu füllen, klappte maximal bis zur zweiten Seite - aber wenn es man es sich nur ausdauernd genug vornimmt, vielleicht bleibt es dann ja irgendwann auch mal länger schön - nur wer aufgibt hat wirklich verloren.
Ich mag deshalb Vorsätze und bin sehr ausdauernd darin, mir immer wieder Dinge vorzunehmen, die ich diesmal aber wirklich ganz unbedingt auch einhalten und umsetzen will.
Manche Vorsätze brauchen etwas länger, mit dem Rauchen aufzuhören zB habe ich mir viele Jahre vergeblich vorgenommen, aber irgendwann war es dann soweit und es hat tatsächlich geklappt. Ich weiß gar nicht mehr, wie lange ich jetzt schon nicht mehr rauche, einige Jahre sind es auf alle Fälle schon, aber ich freue mich immer noch regelmäßig darüber, dass ich diesen Vorsatz irgendwann umgesetzt habe und heute nicht mehr rauchen muss. So gesehen war es sogar richtig gut, dass ich mal so ausgiebig geraucht habe, sonst hätte ich ja nie gewusst, wie gut es sich anfühlt, wenn man es nicht mehr tut.

Ein paar andere Vorsätze habe ich dagegen im Laufe der Jahre einfach der Realität geopfert. Ich finde zB ruhige, zurückhaltende Menschen, die sich nicht in den Vordergrund spielen, nicht dauernd sinnloses Zeug plappern und schwachsinnig rumalbern, sondern still und gelassen die Lage beherrschen, meist schwer bewundernswert. So wollte ich auch immer sein. Cool, souverän und allen überlegen. Ich weiß noch, dass ich mal irgendwann den Vorsatz fasste, nur noch ernst und überlegen gucken zu wollen und auf keinen Fall zu lachen. Wer lacht ist schließlich nicht gelassen souverän, sondern albern. - Habe ich noch nicht mal einen halben Tag geschafft.
Inzwischen bin ich immerhin klug genug, um mich selber soweit begriffen und akzeptiert zu haben, dass ich diesen Rollentraum auch besser aus meinem Leben streiche, dafür bin ich schlicht fehlbesetzt. In einem Hanni und Nanni Film wäre ich halt nie die Nanni…..

Das mit den ordentlichen Schulheften hat sich zum Glück einfach durch Zeitablauf bzw. durch den Abschluss meiner Ausbildungslaufbahn erledigt, ich fürchte ein bisschen, dass ich sonst auch in diesem Punkt ein Dauerscheitern akzeptieren müsste.

Aber meine Vorsätze für das neue Jahr sollen ja auch nur was im übertragenen Sinn mit "Ordnung" zu tun haben. Ich möchte einfach verhindern, dass ich mich auch in 2017 weiter überwiegend in täglichen Stand-Up Improvisationen durchs Leben hangele. Ich finde, ein ganz klein wenig geregelter oder zumindest geplanter könnte ich mein Leben schon ablaufen lassen.
Deshalb nehme ich mir für 2017 Folgendes vor:
• ich lasse mich nicht mehr hetzen. Wenn etwas jetzt sofort und auf der Stelle gemacht werden muss, weil sonst Drama, - na, dann eben Drama!
• Um das nicht eskalieren zu lassen, sollte ich mir aber auch vornehmen, Dinge nicht dauernd bis zur hinterletzten Minute (oder noch länger, weil ich Weltmeister im Ausreden erfinden und Frist verlängern bin) aufzuschieben. Ich nehme mir hiermit also offiziell und nachhaltig vor, an meiner Aufschieberitis zu arbeiten.
• Gleichzeitig nehme ich mir aber auch deutlich mehr Freizeit. Auch ein Vorsatz für 2017. Die Arbeit ist gut und macht mir auch Spaß, aber ich brauche trotzdem mehr Freizeit. (und nein, eine Stundenreduktion ist keine Option, es würde schon reichen, wenn ich mein Überstundenkonto einfach mal beginne abzubauen.)
• Und: Ich werde üben "Nein" zu sagen, ohne deshalb den Kontakt zu dem Menschen, der mich um etwas gebeten hat, was ich nicht möchte, sofort komplett abzubrechen. Das ist nämlich eine Erkenntnis des heutigen Tages: Wenn ich von jemandem um etwas gebeten werde, was mir nicht passt, dann fühle ich mich spontan in die Ecke gedrängt und ärgere mich sehr über den unverschämten Klotz, der sich kackfrech erdreistet, mich um Dinge zu bitten, die ich nicht teilen will oder mir Arbeit aufzudrängen, die ich nicht leisten will. In Summe ist das ein eigenes, sehr ausführliches Thema und ich muss da auch erst noch mal gründlich drüber nachdenken, weshalb ich da so empfindlich reagiere, aber ich denke, es hat was mit "Tanzabstand" zu tun und der Tatsache, dass ich sofort den Tanz komplett abbreche, wenn mir jemand auf die Zehen tritt, anstatt ihm einfach nur auszuweichen. Vorsatz für dieses Jahr also: Auch mit Trampeln tanzen üben
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Montag, 24. Oktober 2016
Nicht verbunden
Vor ca. anderthalb Jahren meldete sich ein Gerät namens "not connected" in meiner Fritzbox an. Da die Fritzbox gerne mit mir kommuniziert, schickte sie mir darüber sofort eine E-Mail und ich wunderte mich. Die Recherche ergab, dass es C.s iPhone war, dass sie einfach "not connected" genannt hatte, weil sie das wesentlich origineller fand als "C.s iPhone", was mit oder ohne Apostroph ein zugegeben viel langweiligerer Name wäre.

Ich fand die Idee jetzt so genial, dass ich sie spontan kopierte und damit man unsere iPhones unterscheiden kann, wählte ich die deutsche Variante. Mein iPhone heißt seitdem also "nicht verbunden".
Das führt dann zu ganz lustigen Anzeigen, bspw. wenn sich mein iPhone mit meinem Auto koppelt, was automatisch passiert, wenn sich das Telefon in Bluetoothreichweite des Autos befindet.
Das sieht dann so aus:


Als ich das Telefon grade frisch umbenannt hatte, habe ich mich mit meiner originellen Namensgebung dann selber ausgetrickst.
Ich wollte Bilder von meinem iPhone auf meinen PC überspielen - eigentlich eine pipieinfache Sache. Man stöpselt das iPhone per USB-Kabel an den Rechner an, es erscheint im Explorer, so dass man es nur noch anklicken muss, die Unterordner öffnen und kann dann die gewünschten Photos auf den Rechner kopieren. Fertig.
Ich stöpselte also mein iPhone an - aber es erschien nicht. Ich bekam immer nur die Ansage "iPhone nicht verbunden".
Ich habe sicher über eine Stunde rumgegoogelt, alle möglichen Tipps gefunden und ausprobiert, aber es blieb dabei, das iPhone war nicht verbunden.
Bis ich es irgendwann begriff und vor Lachen über meine eigene Blödheit fast untern Tisch fiel. Das hat man davon, wenn man so schrecklich originell sein will, wenn man Pech hat, trickst man sich gleich selber aus
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Donnerstag, 20. Oktober 2016
Seltsame Finanzamtsmenschen
Die feuchte Herbststimmung, die das Wetter draußen verbreitet, legt sich drinnen auf die mentale Stimmungslage und ich habe das Gefühl, die Menschen um mich herum sind entweder krank (aktuell haben wir einen Krankenstand von über 50% im Büro) oder nachhaltig schlecht drauf oder verwirrt.
Ich hatte die letzten Tage diverse Telefonate mit Finanzbeamten, wo ich regelmäßig überlegt habe, ob das Telefonat grade echt ist oder ob gleich einer "Hahaha, reingelegt, willkommen bei der versteckten Kamera" ruft. Das Verhalten, aber auch die Aussagen und Fragen dieser Menschen haben mich immer wieder aufs Neue fassungslos gemacht. Nur zur Erinnerung: Finanzbeamten beschäftigen sich beruflich NUR mit Steuerkram, ich bin deshalb bisher immer davon ausgegangen, dass sie wenigstens in groben Zügen über aktuelle Gesetzesänderungen, oder zumindest Gesetzesänderungen aus dem Jahr 2014, informiert sein müssten.
In einem Fall konnte ich einen Sachbearbeiter sogar mit einem BFH-Urteil aus dem Jahr 2009, durch das seitdem ein bestimmter Sachverhalt grundsätzlich und eindeutig definiert und geregelt ist, erstaunen. Ach nein, das hätte er noch nicht gewusst, dass das jetzt so ist. Früher wäre das aber anders gewesen.
Ja - früher, vor 2009.

Eine andere wollte wissen, weshalb ich Zahlungen für eine Immobilie, die angeblich in Greven liegt, immer nach "Nordhorn" überweise. Ich habe sie darauf hingewiesen, dass die Zahlungen an "Dipl. Ing. Nordhorn" gingen, und der wäre der Eigentümer der Immobilie - sie hatte Dipl. Ing. wohl für einen Stadtteil von Nordhorn gehalten.

Eine dritte schließlich weigerte sich stumpf, einen Satz, der eindeutig so im Gestz steht, als Satz aus dem Gesetz anzuerkennen. Bei ihr stehe was anderes.
Nun denn, dann lassen wir jetzt eben das Gericht entscheiden, wer von uns beiden den aktuelleren Gesetzestext hat.
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Dienstag, 18. Oktober 2016
Pragmatische Handwerker
In Vaters Haus gibt es seit einem halben Jahr Telefon als VoIP, weil die alte, analoge Leitung abgeschaltet worden wäre. Als Abfallprodukt gibt es dort deshalb jetzt auch Internet aus einer Fritzbox mit WLAN.
Leer-, also ausgeräumt wurde alles, was auf dem Fußboden steht, da ja nur der Fußboden erneuert wird. Die Fritzbox hängt an der Wand, die ist noch da.
Wir haben jetzt auch den Anrufbeantworter über die Fritzbox aktiviert, so dass Anrufe für meinen Vater bei mir als E-Mail Nachricht ankommen, immer noch besser, als würden alle Anrufe sonst komplett ins Leere laufen.
Die E-Mail, die mir die Fritzbox heute Vormittag schickte, enthielt aber keine Nachricht über einen Anruf, sondern die Mitteilung, dass sich um 10.56h und um 10.57h erst Tim's iPhone (mit Apostroph) und dann Android1711354276 mit der Fritzbox verbunden haben. Wenn man direkt an der Fritzbox den "Koppelungsknopf" drückt, braucht man kein Passwort.
Die Handwerker kennen sich wohl mit Fritzboxen aus
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Mittwoch, 12. Oktober 2016
Statistik
Ich liebe Listen.
Und ich liebe Statistiken.
Ich finde es einfach prima, Datenmaterial jeder Art zu sammeln und es anschließend nach allen möglichen Kriterien zusammenzustellen, zu sortieren und auszuwerten.
Das müssen gar nicht immer nur Zahlen sein, auch sonstige Informationen jeder Art stelle ich mit Begeisterung in Listen zusammen.
Biographien zum Beispiel finde ich spannend. Das ist eine Mischung aus Zahlen (für die Zeit) und Dingen, die in der Zeitabfolge passiert sind. Wie ein Lebenslauf, nur eben nicht nur wann man was gelernt und bei wem gearbeitet hat, sondern auch wann man wo gewohnt hat, wann man wohin in Urlaub gefahren ist, wann man mit wem befreundet war, wann man mit welchem Hobby begonnen hat und was es sonst noch für merkenswerte Eckpunkte im Leben gibt. Zum Beispiel wann man welche Telefonnummer hatte oder welches Telefon, welchen Computer, welche Musikanlage, welches Haustier - you name it.
Es gibt Unmengen an Daten, die man über sich selber hätte sammeln oder aufheben können. Meist fällt einem erst viel zu spät auf, dass man sich gar nicht mehr daran erinnern kann, in welchen Ländern man schon war, welche Krankheiten man schon hatte oder wie viele Jungs man geküsst hat.

Ich habe deshalb vor einigen Jahren begonnen, meine eigene Biographie der einzelnen Sachverhalte aufzuschreiben und deshalb viele Dinge mühsam rückwärts recherchiert. Ein Pass hilft, die frühere Weltenbummlerei etwas zu rekonstruieren, meinen Steuerbescheiden (ja, tatsächlich aufgehoben) kann ich nicht nur mein Einkommen, sondern auch meine jeweilige Meldeadresse entnehmen. Und in alten Fotoalben sind Gruppenfotos, auf denen ich gemeinsam mit anderen Menschen bin, die ich, ich schwöre!, noch nie in meinem Leben gesehen habe. Spannend wird es, wenn auf der Rückseite Namen stehen.
35 Jahre nach seinem plötzlichen Verschwinden fand ich auch mein altes Tagebuch im Bücherregal meines Vaters wieder. Ob er mit meinen kryptischen Abkürzungen je etwas anfangen konnte, wage ich schwer zu bezweifeln, aber mir fielen beim Lesen jede Menge Dinge wieder ein und ich hatte großen Spaß, die Kussliste zu vervollständigen.

Für mein Haus hier auf Borkum habe ich auch eine Biographie Liste der Ereignisse erstellt, oder sagen wir besser: Begonnen zu erstellen, denn obwohl ich das Haus erst seit 2005 besitze, habe ich schon jetzt jede Menge Dinge wieder vergessen, die ich heute gerne in meiner Chronologie ausweisen würde. So weiß ich zB nicht mehr, von wann bis wann ich das erste Mal hier Telefon im Haus hatte und welche Nummer dazugehörte. Ich weiß, dass es zunächst eine ISDN-Leitung der Telekom gab, über die auch das Internet lief, da das aber so langsam war, dass längere E-Mails mit Anhang über zwei Stunden brauchten, bis sie geladen waren, habe ich es schnell ausgetauscht gegen ein "tragbares Internet" , das ich über ein Handy mit meinem Laptop verbinden konnte, das aber wiederum nur ein begrenztes Datenvolumen hatte und deshalb ruckzuck alle war, wenn die Kinder es mitbenutzten und Youtube-Videos guckten. Krischan kaufte dann einen extra "Internetstick mit Datenvolumen" und einen dazu passenden Router, der für die Kinder ein WLAN verbreitete, aber auch hier war das Volumen begrenzt und nicht wirklich Youtube tauglich. Wir Erwachsenen hatten unser eigenes tragbares Internet, erst noch übers Handy, später dann eine Simkarte, die direkt im Rechner steckte und über das niemals Youtube geschaut wurde. Wenn man größere Datenmengen downloaden oder stundenlang Videos gucken wollte, dann ging man mit Rechner (und Netzstecker) in die Kulturinsel, dort gab es ein WLAN, für das K. sich irgendwann mal das Passwort erlauscht hatte und das deshalb auch auf jedem unserer Rechner fest gespeichert war.
Das alles ist wirklich noch nicht sehr lange her, denn ich kann anhand der Kontoauszüge rekonstruieren, dass wir erst seit Sommer 2013 hier "Festnetzinternet" von Kabel Deutschland haben, zu meinem frustrierten Erstaunen habe ich aber auch in dieser doch nur sehr kurzen Vergangenheit schon wieder jede Menge Details vergessen.

Ich kann nicht erklären, weshalb mich diese Listen, Übersichten und Statistiken so faszinieren, aber so gerne, wie ich sie selber zusammenstelle, so gerne lese ich auch allgemeine, öffentliche oder von anderen Stellen erstellte Statistiken.
Eine Seite, die ich ganz weit oben in meinen Lesezeichen verankert habe, ist die Website des Statistisches Bundesamtes. Hier schaue ich regelmäßig mal nach, was es für neue, spannende Statistiken gibt.
Eine Statistikseite, die ich heute neu entdeckt habe, ist vom Kraftfahrtbundesamt und sie bietet wunderbare Auswertungen.

Hier habe ich zB erfahren, dass es am 1.1.2016 rund 61,5 Mio. zugelassene Kraftfahrzeuge und Anhänger Deutschland gab, von denen 45,1 Millionen Pkws waren. Mehr als jeder Zweite hat also ein eigenes Auto. Rund 1/3 der Fahrzeuge ist auf eine Frau zugelassen und knapp 30% der Halter sind über 60 Jahre, wohingegen das durchschnittliche Kraftfahrzeug nur 9,2 Jahre alt ist.
Mag ja sein, dass das jetzt viele nicht so interessiert, aber ich finde es entschieden spannender, mir solche Fakten reinzuziehen als mich darüber zu informieren, wie die Trennung von Brangelina vorangeht.
Und eine Information, die ich in dieser Übersicht gefunden habe, lässt mich seit heute Vormittag über die Ursachen grübeln.
Jeder Dritte fällt durch die theoretische Führerscheinprüfung, aber die Top Five der Bundesländer mit Durchfallquoten von über 40% in der theoretischen Führerscheinprüfung sind ausschließlich die neuen Bundesländer.
J. meinte, das läge daran, dass die armen Ossis auch ganz böse diskriminiert werden vom Kraftfahrtbundesamt von den Wessis. Die gemeinen Wessis drängen den armen Ossis einfach die alte deutsche Führerscheinprüfung auf und bieten weder eine Übergangsprüfung noch eine ostdeutsche Sprachvariante an. Überall sonst werden sie doch ganz langsam und behutsam an das westdeutsche Niveau herangeführt, sei es bei den Löhnen, den Renten oder den Krankenkassenbeiträgen. Nur beim Führerschein, da sollen sie einfach so, zackpengbumm, von jetzt auf gleich altes Wessirecht können. Unfair ist das
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Donnerstag, 29. September 2016
Die Frau im Acker
Seit drei Tagen steht die Frau jeden Morgen dort auf dem Acker. Immer auf der fast gleichen Stelle und immer in dieser leicht hockenden, gebückten Haltung, die mich am ersten Tag, als ich sie dort sah, vermuten ließ, sie würde dort grade ihr Geschäft verrichten.
Mein Weg ins Büro führt mich jeden Tag durch die Rieselfelder in Münsters Norden. Es gibt dort eindeutig mehr Vögel als Menschen und Menschen, die in dieser seltsamen Körperhaltung mitten auf einem Acker kauern, sind zumindest auffällig.
Die Frau ist schon älter, auf die Entfernung ist es natürlich schwer, das Alter vernünftig zu schätzen, aber über 60 dürfte sie bestimmt sein. Sie trägt ein Kopftuch, eine Strickjacke und irgendwas untenrum, was ich nicht erkennen kann beim Vorbeifahren. Kann ein weiter Rock sein, aber auch eine heruntergelassene Hose. Am Feldrand steht ein Fahrrad. Sonst ist weit und breit nichts außer Natur zu sehen.
Als ich gestern morgen dort vorbeifuhr, hockte die Frau scheinbar unverändert immer noch an derselben Stelle wie am Vortag - nur ihr Fahrrad stand jetzt etwas weiter am Rand und nicht mehr so dicht an der Straße.
Da das Fahrrad woanders stand, war klar, dass die Frau schon wieder und nicht immer noch auf dem Acker stand. Als ich vorbeifuhr, schaute sie hoch und machte einen wie mir schien verschreckten Eindruck.
Die Frau auf dem Acker war auch eine der vielen Seltsamkeiten, von denen mir gestern ja so viele passiert sind, dass ich diese Geschichte gar nicht mehr erwähnt habe, aber als ich sie heute morgen zum dritten Mal an der gleichen Stelle und in der gleichen Haltung auf dem Acker stehen sah, wurde ich doch sehr neugierig.
Die letzten beiden Tage bin ich abends einen anderen Weg zurück gefahren, deshalb konnte ich natürlich nicht sagen, wie lange sie dort täglich auf dem Acker stand, und aufgrund der jeden Morgen erneut veränderten Fahrradparkposition ist davon auszugehen, dass sie ja irgendwann auch wieder wegfährt, aber vielmehr interessierte mich, was sie dort überhaupt treibt.
Deshalb bin ich heute Abend über die Rieselfelder zurückgefahren und habe an der Stelle angehalten und nachgeschaut. In dieser Geschichte ist sehr viel scheinbar, denn nichts ist wirklich wie es aussieht. Das Feld zum Beispiel ist auch nur scheinbar abgeerntet. In echt steckt da wohl noch sehr viel im Boden - und genau das hat die Frau wohl aufgesammelt:

Ein entschieden unromantischeres Ende als der Anfang vermuten ließ, aber nichts ist wirklich wie es aussieht.

Insgesamt war die Fahrt zurück durch die Rieselfelder aber ein echter Traum. Abends um halb acht zeigte das Thermometer noch über 20°C, so dass ich natürlich das Verdeck aufgeklappt habe, um den frischen Abendwind zu genießen.
Am Himmel waren die wunderbarsten Farbexplosionen zu sehen, ich hatte das Rätsel um die Frau im Acker gelöst und fragte mich grade, ob sich so Glück anfühlt, als ich an dem Tagetesfeld vorbeikam.
Morgens habe ich mir längst angewöhnt, das Verdeck kurz vor dem Tagetesfeld zu schließen und erst mit reichlich Abstand wieder zu öffnen, weil diese Blumen einfach so unverzeihlich gnadenlos und gruselig stinken, dass ich mit offenem Verdeck dort jedesmal einen Naseninfarkt bekomme, aber in meinem Glückstaumel heute Abend habe ich das vergessen und bin rumms - voll ins olfaktorische Messer gefahren.
Gleich neben diesem Feld ist ein Haus und ich habe mich schon oft gefragt, welchen Streit die Leute, die dort wohnen wohl mit dem Bauer haben, dem das Feld gehört. Dieses Jahr ist es Tagetes, letztes Jahr war es Lauch, auf diesem Feld wird grundsätzlich etwas angebaut, das stinkt wie die Hölle. Die Vorstellung, dort direkt nebenan zu wohnen, lässt einem ein Appartement in der Einflugschneise des Frankfurter Flughafens fast als begehrenswertes Ausweichquartier erscheinen.
Aber auch wenn Tagetes stinkt wie Kotze, hübsch sieht so ein Feld schon aus.

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Mittwoch, 31. August 2016
Zeitzerstäuber
Mir ist ein bisschen wehmütig.
Morgen ist schon September, der Sommer ist fast vorbei, die Tage werden schon spürbar kürzer, es geht alles plötzlich so schnell.
Auch das ist ein Altersfeature: ich kann die Zeit nicht mehr festhalten. Sie zerrinnt mir unter den Fingern und lässt kaum etwas zurück. Es gibt nichts mehr zu erinnern, der Großteil des Lebens verläuft in einer Wiederholungsschleife, fast alles, was den Tag so füllt, ist längst bekannt.
Gleichzeitig dämpft die eigene Müdigkeit aber auch die Experimentierfreude, Herausforderungen erscheinen mir oft mehr als lästige Anstrengung, denn als spannende Chance. Ich brauche ja auch nichts mehr, die größte Herausforderung besteht darin, Herausforderungen möglichst flach zu halten. Gibt nix mehr zu erreichen, gibt nix mehr zu kämpfen, mein Ziel ist längst die Statusabsicherung. Besser kann's gar nicht mehr werden, also Status halten, das ist wichtig. Katastrophen möglichst vermeiden, heißt aber auch Wagnisse vermeiden. Gibt nix zu gewinnen, nur viel zu verlieren.
So ist das, wenn man älter wird und längst mehr Ziele erreicht hat als man sich überhaupt gesteckt hatte.
Deshalb verfliegt die Zeit, weil sie keine Spuren hinterlässt, an denen man sie festhalten könnte.

Morgen ist schon September - und gestern war doch noch Mai
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Donnerstag, 18. August 2016
Egal
Heute war einer dieser Tage, die erst schlecht starten, sich dann aber auch nicht mehr aufrappeln.
7.45h: Viel zu spät aufgewacht und immer noch viel zu müde. Am allerschlimmsten: K. schläft auch noch, deshalb habe ich noch mal einen Kaffee.
7:55h K. mühevoll unauffällig wachgekuschelt und nebenbei erwähnt, dass ich jetzt auch gerne einen Kaffee hätte. K. kichert und freut sich:"ich wusste, dass du das jetzt sagst." - Blödmann! Ich hasse es, wenn er mich durchschaut!
Fünf Minuten später ist es plötzlich schon 9h, K. verlässt angezogen und fertig organisiert das Haus, ich habe noch nicht mal geduscht, dafür aber die Akte mit den alten Versicherungsunterlagen gefunden, immerhin habe ich jetzt alle Details, um übermorgen das neue Auto für Joscha zuzulassen.
10h, ich erscheine im Büro und ärgere mich, dass ich mich nicht traue, heute auf den Flohmarkt zu gehen, aber ich habe zwei ganz dringende Großprojekte zu erledigen, mit Flohmarkt würde ich das bestimmt nicht schaffen.
14h, Projekt a) ist erledigt und ich schnaube vor schlechter Laune. Ich habe den Geschäftsbericht, den unser sagenhaft fehl besetzter Assistent der Geschäftsleitung vorbereitet hat, gründlich korrigiert und dann freigegeben. Hätte ich ihn gleich selber gemacht, wäre ich schneller gewesen. Ärger, grummel, Drücken im Bauch wegen Unfairness.
18h Projekt b) ist fertig, Punktlandung!
19.30h sonstiger Bürokrimskrams ist erledigt, frustriert festgestellt, dass ich schon wieder seit 9,5h in m Büro bin. Irgendwie ist das oberöde.
20h Ankunft zu Hause und keine Lust mehr zu irgendwas, aber hungrig.
20.30h Essen fertig, auch K. erscheint, genau so platt wie ich.
22h und drei Glas Wein später: Besser ich gehe jetzt sofort zu Bett und nicht mehr über Los
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