anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Montag, 22. Oktober 2018
22.10.2018
Eintausendsechshundert Tage sind es jetzt her, dass du es vorgezogen hast, dich endgültig aus der Welt der Bürokraten mit ihrer nie endenden Büroarbeit, ihrem Verwaltungswahn und ihren Vertragsvorschriften zu entlassen.
Eintausendsechshundert Tage sind umgerechnet rund 8.000 Bürostunden, die ich seitdem weiter in dieser Welt verbracht habe und ja, mein Verständnis für deinen Widerwillen, deine Interesselosigkeit und deine Verzweiflung ob dieser maßlosen Entropie des Schwachsinns, wie du es nanntest, ist seitdem um mindestens 8.000 Stunden gereift.

Aufgrund des Durcheinanders, das du hinterlassen hast, waren allerdings bisher mindestens noch 1.000 zusätzliche Bürostunden notwendig, um wenigstens die gröbsten Dinge zu regeln und gradezuziehen, aber so langsam lichtet sich das Gestrüpp und rein über Verjährung fallen im Laufe des nächsten Jahres (mit Glück) noch ein paar Baustellen weg. Drück mal die Daumen.

Sehr fasziniert war ich von dem Verhalten einiger deiner "Freunde" nach deinem Abgang, denn wie auch immer du diese Beziehungen gesehen hast, knapp warst du weg, sahen diese Freunde nur noch ihren eigenen Vorteil und versuchten mit sehr viel Energie und Hinterlist so viel wie möglich von dem scheinbaren Kuchen, den du hinterlassen hast, an sich zu raffen. Obwohl, im Grunde sind sie nur ihrem Charakter treu geblieben, sie hatten schon immer etwas blutsaugerhaftes, aber wahrscheinlich hat dich genau das an diesen Freundschaften gereizt, CW der Vampirbändiger, ich glaube, du hast dir in dieser Rolle sehr gefallen.

Dein Lieblingsfreund Peter M. zB hat gleich eine ganze Armada an Anwälten aufgefahren, weil er der festen Überzeugung war, du hättest ihm ein regenbogenpupsendes Einhorn als Erbteil versprochen, was er dann bei mir einklagen wollte.
Das war einerseits zwar sehr niedlich, andererseits aber auch sehr zeitintensiv und nervtötend, weil er immer neue Anwälte und neue Klageideen fand, mit denen ich mich jedesmal beschäftigen musste und auch, wenn er bisher mit jedem Versuch gescheitert ist, so weiß doch niemand, was ihm noch alles einfällt, und naja, preiswert ist so ein Unsinn auch nicht, du kannst es dir denken.

Dein Spezi Arnold B. hat dagegen nichts mehr von sich hören lassen. Gleich nach deinem Tod, noch vor der Beerdigung hat er versucht, sich den Schlüssel zu deiner Wohnung zu besorgen, weil er "seine" Sachen dort abholen wollte, das habe ich zum Glück rechtzeitig genug mitbekommen, so dass dieser Versuch ins Leere ging, aber geärgert hat es mich durchaus.

Das, was von deinem Nachlass hauptsächlich übrig geblieben ist, ist Ärger - und Müll.
Ich habe ja immer gesagt, dass ich dein Geld nicht will, aber nach dem ich einen groben Überblick über das von dir nicht verbrauchte oder verschenkte Vermögen hatte, bin ich mittlerweile zufrieden, dass es wenigstens für die Müllentsorgung reichte. Das Haus in Mönchengladbach ist jetzt leer, hat knapp 30 K gekostet, professionelle Entrümpeler sind teuer.
Es ist schrecklich, dass es so enden musste, aber was hätte ich sonst mit all dem Zeug anfangen sollen? Du hast immer gemeint, der Kram wäre wertvoll und man könnte zig Tausende bekommen, wenn man es verkauft. Mag sein, aber dann hätte man jemanden finden müssen, der es kauft und das ist mir vier Jahre lang nicht gelungen. Deshalb habe ich jetzt umgekehrt Geld dafür bezahlt, dass jemand einfach alles entsorgt.

Weißt du wie viel Arbeit das ist, Dinge zu verkaufen? Und weißt du, wie ätzend ich es finde, Dinge zu verkaufen?
Ich habe viele, viele Stunden damit verbracht, dein verlassenes Firmendurcheinander aufzuräumen, die meisten Firmen habe ich in die Insolvenz geschickt (auch das ist nicht mal eben so und ohne Aufwand möglich), zwei habe ich gerettet und hoffe, dass ich dort eine geordnete Liquidation abwickeln kann, aber auch das bedeutet ja wieder, dass Dinge verkauft werden müssen. Und nein, keine deiner Firmen hat nennenswertes Vermögen abgeworfen.
Ich finde es schrecklich, mit Leuten darum zu feilschen, was wie viel wert ist und wer wie viel wofür bezahlt. Verkäufer ist wirklich der letzte, der allerallerletzte Job für mich.

Ich habe für mich gelernt, dass ich beginnen muss, eine Übersicht, oder besser noch, ein Handbuch für die Kinder zu erstellen, in dem alles erklärt und vorgeschlagen wird, was zu tun ist, wenn ich nicht mehr da bin.
Und ich sollte jetzt schon mal mit Wegwerfen und Aussortieren beginnen. Denn ich habe festgestellt, dass auch die Kinder Verkaufen ätzend finden.

Bei der Vorbereitung des Nachlasses geht es gar nicht darum, irgendwelche Werte zu sichern oder irgendeinen Streit um den Nachlass zu vermeiden, es geht um die Entscheidung des Wegwerfens, denn für diejenigen, die zurückbleiben, ist das Wegwerfen der zurückgelassenen Dinge viel belastender als für denjenigen, der die Dinge selber für sich gekauft und zusammengetragen hat.

Ich bin im Sommer ein letztes Mal durch die Hallen in Mönchengladbach gelaufen und es war schrecklich. Es war einfach schrecklich anzusehen, in welchem Zustand sich die Dinge befanden, die du so gemocht und so eifrig gesammelt hast. In das Gebäude ist mehrfach eingebrochen worden, weil die Leute wahrscheinlich dachten, es gäbe was Tolles zu klauen - gab es aber nicht, denn es waren ja nur die Dinge da, die du hinterlassen hast und die auch nach deinem Tod niemand haben wollte. Weil sich die Einbrecher dann darüber geärgert haben, dass sie dort nur alte Bücher, ein paar Möbel, Klamotten, Geschirr und ohne Ende Flohmarktkrimskrams fanden, haben sie dort alles verwüstet, Schränke samt Inhalt kurz und klein geschlagen, alles auf dem Boden verteilt, die Wände aufgehackt und die Kupferrohre geklaut. Mit den Büchern haben sie dann immer wieder ein Feuerchen gemacht, wahrscheinlich weil sie es lustig fanden.
Irgendjemand hat das Klavier angezündet, das wird wenigstens richtig gut gebrannt haben, das Holz war immerhin gut 80 Jahre alt. Aber die Feuerwehr fand das verständlicherweise nicht lustig, jedes Mal mussten die Einsätze bezahlt werden, deshalb habe ich das Gebäude nun rigoros leerräumen lassen, jetzt gibt es nichts mehr zum Anzünden.

Als ich so durch die Räume wanderte, entdeckte ich überall noch einzelne Gegenstände, die in all dem Schutt, der den Boden bedeckte, noch zu erkennen waren und jedes Teil erzählte eine Geschichte. Eine Geschichte von dir, oft auch eine Geschichte von uns, die aber stets in verlassener Einsamkeit endete. Zurück blieben verlassene Gegenstände, die niemand mehr wollte.
Das alte Holz-Kinderbett war noch da, ich habe es vor über 26 Jahren bei meinen Großeltern auf dem Dachboden gefunden, die haben es nach dem Krieg wohl als Gästekinderbett benutzt und auch damals wird es nicht neu angeschafft worden sein. So viele Jahrzehnte hatte es überlebt, jetzt gab es endgültig niemanden, der es noch haben wollte.
Auch viele alte Bilder standen noch rum, die meisten mit zerbrochenen Glasscheiben, aber jedes hat eine eigene Geschichte und du wurdest nie müde, sie auch zu jedem Bild regelmäßig, meist mit eigenen, phantasievollen Ausschmückungen erweitert, mit Begeisterung zu erzählen.
Und ein Martiniglas habe ich gefunden. Ich weiß noch, wie wir uns darum gestritten haben, wer das Set mit den alten Martinigläsern auf dem Flohmarkt als erster gesehen hat und wer es deshalb kaufen durfte bzw. wem es gehört.
Als ich auszog habe ich dir die Martinigläser da gelassen, ich hatte ja schon genug schlechtes Gewissen, dass ich überhaupt auszog, da konnte ich nicht auch noch die Martinigläser mitnehmen. Jetzt sind sie alle kaputt, nur ein einzelnes lag noch unbeschädigt im Schutt, ich habe es nun nach Borkum gebracht.

1600 Tage, fast viereinhalb Jahre und doch gibt es Tage, da bist du so präsent, dass ich fast damit rechne, dass gleich die Tür aufgeht und du schimpfend den Raum betrittst, weil dich niemand vom Bahnhof abgeholt hat.
Und natürlich gibt es immer noch Tage, an denen ich dein Fehlen schmerzlich bemerke.
Du warst der beste Streitpartner, den ich je hatte und auch wenn das Leben mit K. leichter und deutlich weniger chaotisch ist, streiten kann ich mich mit ihm nicht vernünftig, und ja, ich nehme dir wirklich übel, dass du dich einfach so verdrückt hast und ich dir nicht mehr beweisen kann, mit wie vielen Vorhersagen ich absolut recht behalten habe.

Und es ist schade, dass du nicht mehr siehst, was aus deinen Kindern geworden ist. Verdammt, was wärst du stolz auf sie, alle drei, und ja, auch J, das Dramakind hat sich gemacht. Ausgerechnet J hat das beste Abitur von allen hingelegt, ich bin so neugierig, mit welchen Worten du diese Leistung als nichtige Kleinigkeit abgetan hättest, um innerlich vor Stolz zu platzen und überall mit ihm anzugeben.

Und dann habe ich noch diesen Satz gefunden, diesen einen Satz, der dich so perfekt beschreibt, obwohl ihn jemand anderes über jemand anderen geschrieben hat. Aber vielleicht meinte er ja doch dich, wer weiß? Er schrieb:
Mir erschien er wie ein trotzköpfiger Chaot, der sein Chaos schlitzohrig als Kunst tarnt.
Quelle


Du und deine Kunst, tatsächlich und in echt nur Chaos, es hat aber Spaß gemacht. Auf uns und auf die nächsten 1600 Tage.
Und danke für den Fisch
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Donnerstag, 22. März 2018
70
CW wäre heute 70 geworden.
Ich glaube, ihm ist das ganz recht, dass er da nicht mehr dabei sein muss, altwerden war etwas, was er kategorisch abgelehnt hat.
Mochte der Rest der Welt um ihn herum alt werden, er nicht, er verweigerte das einfach ab, denn er fand alte Leute schrecklich.
Als er zum „40 Jahre Abi“ Treffen seines Abschlussjahrgangs ging (das goldene Abitur hat er nicht mehr erlebt), kam er anschließend sehr frustriert und ziemlich angenervt nach Hause: „Da waren nur alte Männer, es war gräßlich.“

Es gibt diesen Spruch:
Mit 50 bemerkt man die ersten Aussetzer.
Mit 60 bemerken es auch die anderen.
Mit 70 bemerken es nur noch die anderen.

Ich bin aktuell in einem Alter, wo ich meine eigenen Aussetzer sehr wohl bemerke und immer hoffe, dass ich sie noch so gut vertuschen kann, dass die anderen es noch nicht merken, aber ich weiß, dass das nicht ewig gut gehen wird und die Vorstellung, irgendwann in gar nicht zu weiter Ferne zu den Menschen zu gehören, zu denen auch ich nie gehören wollte, macht mir durchaus Angst.
Und dann beneide ich CW ein wenig, denn das Problem hat er geschickt vermieden
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Mittwoch, 22. März 2017
Memorial dinner und Babys
Heute ist CWs Geburtstag und K. meinte, wir müssten irgendwie ein "CW memorial dinner" machen, das wären wir ihm schuldig. Als ich Carlina davon erzählte, war ihr Kommentar: "Was stellt der sich denn unter einem 'CW memorial dinner' vor? Gibt es da auch etwas zu essen oder nur zu trinken?"
Wir haben uns schließlich darauf geeinigt, dass wir Kartoffelbrei mit Bordelaisefisch und Gurkensalat machen - und einen großen Topf voll Piña Colada mixen, weil ich noch eine frische Ananas im Haus hatte und ausreichend Kokosmilch in Dosen, das muss ja schließlich auch mal weg. K. bekam drei große Gläser voll, er fand, es war ein gelungens Fest.

Bei Facebook gibt es natürlich immer noch die unverbesserlichen, pflichtgetreuen Geburtstagsgratulierer. Ich bin mal gespannt, wann es der letzte gemerkt hat, dass CW schon seit 2014 nicht mehr da ist.

***

C. schrieb auf ihrem Handy mit irgendjemandem und fragte mich plötzlich: "Sag mal, mit so ganz frischen Babys, was macht man mit denen? Ich meine, kann man die streicheln?"
Ihre Freundin kennt wohl eine Familie, wo demnächst ein Baby erwartet wird und freut sich schon darauf, dass sie es dann auch mal streicheln kann. C. war sich nicht ganz sicher, ob man Babys so streichelt wie junge Hunde, weshalb sie nachfragte.
Ich muss gestehen, dass ich es auch nicht weiß - ich habe in meinem ganzen Leben noch nie ein Baby angefasst, was nicht meines war - und meine habe ich rumgetragen, gedrückt, geknuddelt, geküsst, gepustet, gekitzelt, geschaukelt, gewickelt, gewaschen, gefüttert und an- und ausgezogen - aber gestreichelt? Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich sie gestreichelt habe, dafür waren sie dann vielleicht doch zu wenig Hund.
Ich habe ihr deshalb gesagt, dass man Babys nicht streichelt, sondern auf den Arm nimmt - das hat sie aber sofort energisch abgelehnt. Das käme auf keinen Fall in Frage, ein fremdes Baby kann man doch nicht auf den Arm nehmen, was wäre denn, wenn man das fallen lässt, also nein, auf den Arm nehmen auf keinen Fall, aber ein wenig das Köpfchen streicheln, das wäre doch bestimmt nett. Babys sind doch sicher ganz weich und flauschig.
Ich bin mal gespannt, wie die Geschichte weiter geht
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Montag, 9. Januar 2017
Läuft bei mir
Zumindest was "alles grottig" als Grundstimmung angeht.
Im Moment eskaliert hier mal wieder das Drama um CWs vermurkste Vertragshinterlassenschaften. Ich finde das alles so schrecklich, dass ich komplett dicht gemacht habe. Die sonstigen beteiligten Personen setzen aus meiner Sicht komplett falsche Prioritäten und sehen Risiken, die ich einfach nicht nachvollziehen kann, was nicht wirklich zur Stimmungsverbesserung beiträgt.
Sagte ich schon, dass ich Anwälte, die ständig nur Probleme und Risiken sehen, entsetzlich lästig finde?

Oh CW, nimm es mir nicht übel, aber ich glaube, ich habe nicht die Kraft, nachhaltig mit so vielen Leuten umzugehen, die die wesentlichen Fakten nicht begreifen und ständig Probleme lösen wollen, die völlig uninteressant sind. Es tut mir echt leid, aber ich fürchte, das fährt hier grade alles gegen die Wand und ich kneife nur noch fest die Augen zusammen und halte mir die Ohren zu, damit ich den großen Knall nicht mitbekomme
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Sonntag, 5. Juni 2016
Zwei Jahre
Ja, ich weiß CW, dass Du Dich immer darüber geärgert hast, dass ich mich nicht zwischendurch einfach nur mal so gemeldet habe, sondern dass immer Du derjenige warst, der ein "Hallo, wie geht es Dir, alles okay?" geschickt hat und so den Kontakt immer aktuell hielt, aber nur weil ich nicht regelmäßig Laut gebe, heißt das noch lange nicht, dass Du in Vergessenheit gerätst.
Und ja, natürlich hast Du recht, dass dieser Jahrestag im Grunde auch wieder ein Anschubser von Dir ist und ich mich zwischendurch lange nicht gemeldet habe, aber es ist tatsächlich so, dass ich froh darüber bin, dass ich es immer mehr als Normalität empfinde, dass Du nicht mehr da bist.
Denn weißt Du, die erste Zeit war echt richtig oberblöd. Ich bin durch die Gegend gelaufen und bin Dir jeden Tag siebzehnmal begegnet. So oft, wie ich in den ersten Wochen täglich in Gedanken darüber gestolpert bin, dass ich mit Dir reden wollte, Dir Dinge erzählen, zeigen oder schenken wollte, Dich Sachen fragen wollte, das Gefühl hatte, ohne Deinen Rat komme ich gar nicht weiter, so oft wie Du mir in den ersten Wochen täglich gefehlt hast, so oft habe ich in den Jahren zuvor noch nicht mal in einem Monat mit Dir Kontakt gehabt.
Es war so wie mit dem Rauchen aufzuhören. Bevor ich aufgehört habe zu rauchen, habe ich vielleicht noch drei-fünf Zigaretten täglich geraucht, als ich aufgehört habe, habe ich jeden Tag mindestens vierzig Zigaretten nicht geraucht. Inzwischen denke ich vielleicht nur noch einmal im Monat daran, wie es wäre eine Zigarette zu rauchen - aufhören wird das nie, aber so ist es einigermaßen erträglich.
Ich hätte nie, nie nie gedacht, dass Du mir so entsetzlich fehlen wirst, wie Du mir dann tatsächlich gefehlt hast. Du warst so sehr ein Teil meines Lebens, dass es mir sogar gefehlt hat, dass ich mich nicht mehr mit Dir streiten konnte.
Die ersten Wochen habe ich dann hauptsächlich versucht zu funktionieren. Vieles habe ich auf Krischan abgeschoben, der mir immer wieder das Gefühl gegeben hat, wir schaffen das schon irgendwie.
Und wir haben das ja auch geschafft bisher. Es ist immer noch lange nicht alles erledigt, aufgearbeitet und neu organisiert, aber so nach und nach flackert da immer häufiger ein Licht am Ende des Tunnels.
Das meiste ist wahrscheinlich nicht so geworden, wie Du Dir das vorgestellt hast - andererseits hattest Du aber auch ein paar Dinge in der Vergangenheit so verbockt und völlig verkehrt beurteilt, dass da wirklich nichts mehr zu retten war. Wenn ich mir die Dinge ansehe, die so völlig daneben gegangen sind, kannst Du echt froh sein, dass Du tot bist und Dich nicht mehr darüber ärgern musst. Ich glaube, sonst wärst Du spätestens an dem Schock gestorben, wenn Dir klar geworden wäre, was Du für grandiose Fehler gemacht hast.
Ich habe da echt nicht mit gerechnet. dass Du solche großen, unheilbaren Fehler machst, aber letzten Endes ist es dann auch wieder nur Geld und dann gönne es halt Herrn B. und Herrn G., die sich den größten Teil dadurch einstecken konnten, dass Du vergessen hast, die Satzungen rechtzeitig zu ändern.

Alles in allem komme ich aber inzwischen gut zurecht und freue mich über die Dinge, die gut klappen.

Den Kindern geht es auch gut, J. ist wohl derjenige, der im Moment am meisten damit hadert, dass Du nicht mehr da bist. Ihr hattet eine große Deutschlandrundreise geplant, wenn er 18 ist und Dich chauffieren kann? Er wird nächsten Monat 18 und ich kann Dich in diesem Punkt nicht ersetzen.
Er sagte, er stellte es sich so deutlich vor: "Wir fahren dann jeden Tag in eine neue Stadt, Papa sagt dort irgendwelche Papasachen, wir besichtigen Museen und Kirchen und Dinge, die mich alle nicht interessieren und es wäre einfach toll gewesen."

Aber immerhin siehst Du daran, dass Du natürlich permanent da bist. Quietschlebendig, nicht nur in meinen, sondern auch in den Gedanken Deiner Kinder - und ich denke, genau so hast Du Dir das auch vorgestellt , oder?

Deshalb reicht es, wenn ich Dir nur an dem von Dir verursachten Jahrestag eine Rückmeldung schicke, ansonsten streiten wir uns mit Dir in unserem Alltag genauso , wie wir es schon immer getan haben, warum sollte sich daran etwas ändern?
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Donnerstag, 12. Mai 2016
Verwüstet
Das war mal mein Stempelzimmer



CWs reizender Türke, den er sich als persönliche Leibwache ins Haus geholt hatte, weigert sich jetzt, aus der Wohnung auszuziehen, weil er selbstverständlich etwas vergleichbar Großes zu vergleichbaren Konditionen nirgendswo mehr bekommen wird. Nur leider ist er der letzte Bewohner in der Gesamtimmobilie, die ich abreißen lassen möchte, weil ich das Grundstück nur als Baugrund verkaufen kann und habe deshalb ausgesprochen wenig Neigung, die laufenden Kosten für diesen Riesenkasten weiterzubezahlen, die um ein Vielfaches höher sind als die Miete, die diese eine Familie zahlt. Wir streiten uns also vor Gericht und um seinen Aussagen ("Isch mache disch platt, wenn du hier weiter Ärger machst") gebührend Ausdruck zu verleihen, ist er in CWs (und meine) ehemalige Wohnung eingestiegen (die auch noch nicht ganz ausgeräumt war, eben weil ich ja noch nicht abreißen kann) und hat dort alles ausgiebig verwüstet.
Vor die Tür hat er außerdem demonstrativ eine tote, schwarze Katze gelegt, die dort nun langsam verwest und gewaltig stinkt.
Bei manchen Leuten fragt man sich echt, was in deren Köpfen so vorgeht
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Freitag, 23. Oktober 2015
Erinnerung
der große Führer

Am Sonntag waren es fünfhundert Tage.
Fünfhundert Tage sind eine ganz schön lange Zeit und natürlich haben wir mittlerweile alle unseren Alltag ohne dich eingerichtet.
Ich habe aufgehört, dich als selbstverständlichen Bestandteil meines Lebens zu betrachten und mich daran gewöhnt, mich nicht mehr ständig über dich zu ärgern.
Aber Fehlen tust du mir immer noch. An manchen Tagen mehr, an anderen weniger. Es gibt sogar ab und zu Tage, da bist du gar nicht da. Das sind dann meist die Tage, wo die Alltagsroutine einfach nur störungsfrei und ohne besondere Vorkommnisse abgelebt wird.
Ich habe begonnen, deine Hinterlassenschaften aufzuräumen. K. ist eine große Hilfe, ohne ihn wäre ich verzweifelt. Du hast das gewusst, oder? Und hast mir deshalb immer gesagt, ich solle ihn gut behandeln und auf keinen Fall verscheuchen.
Weißt du, was mir am meisten fehlt und was mich gleichzeitig auch am meisten daran ärgert, dass du nicht mehr da bist? Dass ich dich nicht mehr anschimpfen kann. Im Grunde hast du ganz schön Glück, dass du tot bist. Wenn ich dich heute zu fassen bekäme, dann würde ich dir aber sehr gründlich die Meinung sagen, da kannst du mal von ausgehen!
Wie kann man nur so schlurig sein und angefangene Dinge nie vernünftig zu Ende bringen?

Ich habe jetzt den Kram am Hals, von dem ich immer sagte, ich will es gar nicht haben, aber nun bleibt mir nichts anderes übrig, als es tatsächlich selber zu erledigen. Seitdem ich mich mit deinen Organisationsstrukturen zwangsbeschäftige, entdecke ich immer wieder neue Zusammenhänge und stelle immer wieder fest, was für ein Genie du warst. Du hast wirklich an alles gedacht – oder an fast alles. Es tut mir leid, dass ich dich dafür nicht genug bewundert habe.
Aber bis ich alle deine Passwörter rausgefunden hatte, das hat gedauert. Wenn du das nächste Mal stirbst, sollten wir unbedingt daran denken, vorher eine Liste anzulegen, auf der alle accounts und alle dazugehörenden Passwörter vermerkt sind. So war das sehr mühselig.
Die Grundstruktur deiner Hinterlassenschaft habe ich jetzt entwirrt und einige Gesellschaften komplett neu organisiert. Du warst unbestritten ein Genie, aber für die Alltagskleinigkeiten fehlte dir sichtbar das Interesse. Per Saldo kommt der Gewinn jedoch aus dem Alltag und nicht nur aus den a.o. Erträgen, das ist die Erklärung, warum es absolut dann doch nie so fluppte bei dir, wie du es erwartet hast.
Dir machte nur das Konzeptionieren Spaß. Das fertige Theoriegerüst anschließend umzusetzen und im Alltag zu begleiten, das hat dich so sehr gelangweilt, dass du es lieber gleich wieder kaputt gemacht hast.
Weißt du noch, wie du immer den alten Witz erzählt hast:
„Wir haben unsere Zuständigkeiten ganz genau aufgeteilt. Ich bin für die großen wichtigen Entscheidungen zuständig und meine Frau für den kleinen Alltagskram. Sie entscheidet, wo wir wohnen, wofür wir unser Geld ausgeben, wohin wir in Urlaub fahren und auf welche Schule die Kinder gehen. Ich kümmere mich in der Zeit um die wirklich wesentlichen Dinge: Soll die Türkei in die EU aufgenommen werden, wer wird neuer Präsident in den USA und ähnliches.“ – Im Grunde war das gar kein Witz, sondern hat genau unsere tatsächlichen Rollen beschrieben. Die Idee vom großen Ganzen. 42 war nicht ohne Grund deine Lieblingszahl.

Ich habe in den letzten 500 Tagen schon aus schierer Notwendigkeit Dinge getan, für die vorher immer du zuständig warst, aber plötzlich erwarteten alle, dass ich einfach da weitermache, wo du gegangen bist.
Es dauerte eine Zeit, bis ich überhaupt bereit war, diese Rolle anzunehmen. Heute klappt das ganz gut, denn ich habe irgendwann begriffen, dass du tatsächlich fort bist und zwar so fort, dass ich auch keine Rücksicht auf Deine Interessen mehr nehmen muss. Ich darf jetzt Dinge wegschmeißen.
Ich glaube, es ist besser, du hörst grad weg, aber ich habe so viele Dinge weggeschmissen, dass Du in deinem Grab vor lauter Rotieren nicht mehr zur Ruhe kämst, wenn du das tatsächlich mitbekommen würdest.

Oh CW, warum haben wir bloß nicht eher gemeinsam begonnen, diesen ganzen Kram aufzuräumen?

Ich habe außerdem ein neues Auto, eines, was ich tatsächlich genauso toll finde wie den Punto damals. Und du bist nicht mehr da, um das Auto mit mir gemeinsam toll zu finden. Du fehlst mir. Ich wüsste genau, was du zu diesem Auto sagen würdest: „So eines muss ich auch haben, unbedingt.“ Und würdest dann nicht locker lassen, bis du auch so ein Auto hast. Nicht, um damit zu fahren, sondern nur um es zu haben, so wie den Jaguar und den Chrysler und den Mercedes, den kleinen Citroen und den Punto, den ich ja nicht verkaufen durfte. Deine Autoflotte ist übrigens auch aufgelöst und der Beetle ist ebenfalls weg. Alles in 500 Tagen.

Das Haus hat ein neues Dach mit Veluxfenstern und einen Dachboden. Die Verkleidung vor der Schräge haben wir entfernt und damit die Grundfläche deutlich vergrößert. Außerdem haben wir einen Kaminofen gekauft und an dem zweiten Schornstein angeschlossen. Ich bin sicher, du würdest es lieben. Der Ofen ist drehbar, stell dir vor. Es ist so schade, dass du das alles nicht mehr siehst. Was hätten wir uns gestritten über den Umbau, obwohl es dann trotzdem genau so gekommen wäre, wie es jetzt ist.

Den Kindern geht es gut – aber du fehlst ihnen genau wie mir. Es sind die kleinen, eingeschobenen Zwischensätze, die das Fehlen aufblitzen lassen.
Ich hoffe, es geht dir gut, wo auch immer du bist, ach, und wenn du es irgendwie einrichten kannst, dann lass doch mal wieder was von dir hören, du wirst schon einen Weg finden, das zu organisieren, oder?

Der Retter

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Montag, 10. August 2015
Mehr anders als artig
Es hat seinen Preis, in allem ein Rätsel zu sehen. Wer einmal anfängt zu suchen, kann nie wieder damit aufhören. — Elementary


CW liebte John le Carré, weil ihn der Storyaufbau in seinen Romanen so faszinierte: Niemand ist der, der er vorgibt zu sein, nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint, sondern hinter jeder Figur und hinter jeder Geschichte steckt eine weitere Geschichte, die erklärt, warum mit dem vordergründig Sichtbaren etwas Anderes versteckt wird.
Ist die erste Ebene enttarnt, wird damit die zweite Ebene zur vordergründig sichtbaren und natürlich, man ahnt es, steckt auch dahinter wieder eine weitere Geschichte, die erklärt, warum doch alles noch ganz anders ist.
Dass hinter dieser Ebene dann natürlich noch eine Geschichte steht und dahinter noch eine und vielleicht, wer weiß?...., genau das machte es für CW so faszinierend und es war sein ständiges Bestreben, sein eigenes Leben ähnlich "abgesichert" zu präsentieren, mit der Folge, dass man bei seinen Geschichten nie sicher sein konnte, wann man wirklich die unterste Ebene erreicht hatte und ob hinter dieser Erklärung nicht noch eine Wahrheit schlummerte, die vielleicht nur so profan war, dass es ihm ganz einfach peinlich war, etwas so langweiliges als Realität in seinem Leben stehen zu lassen.

"Die wahren Abenteuer sind im Kopf" - dieses Lied von André Heller war sein Credo und es verband ihn mit André Heller nicht nur derselbe Geburtstag samt Wiener Herkunftsfamilie, sondern auch der feste Glaube, dass alles machbar ist, man muss es nur anders als alle anderen machen.

Ich habe in den Jahren mit ihm natürlich gelernt, grundsätzlich nach der zweiten, meist sogar nach der dritten Ebene hinter einfachen Aussagen oder Behauptungen zu suchen.
Es hat aber auch seinen Preis, in allem ein Rätsel zu sehen. Wer einmal anfängt zu suchen, kann nie wieder damit aufhören.

Manchmal wünschte ich, ich könnte andere Menschen einfach als das akzeptieren, was ich auf den ersten Blick sehe - aber immer wenn mir das mit einer Person gelingt, ist sie in meinem Kopf auch schon den Langeweiletod gestorben.

Und so suche ich weiter
- nach Sachverhalten, die mehr sind als sie scheinen
- nach Erklärungen für alles unscheinbare und
- nach Menschen, die genausoviel Spaß daran haben

denn wahre Abenteuer machen am meisten gemeinsam Spaß und CW hat sich ja einfach zu Staub gemacht
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