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Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Sonntag, 13. Juni 2021
Luxus
In der Welt stand ein Artikel mit dem Titel "Der neue Luxus" (hinter der Paywall), in dem in allerlei Statistiken gezeigt wurde, was die Deutschen sich aktuell so gönnen und was für sie Luxus ist.
Mich hat die Frage auch interessiert und ich habe erst selber darüber nachgedacht, was für mich Luxus ist und wofür ich mehr Geld ausgebe als sein müsste und dann habe ich auch J noch danach gefragt.
Leider hatten wir nicht genug Zeit, das Thema ausführlich zu besprechen, weil ich am Nachmittag erst noch dringend einen Text fürs Büro schreiben musste und dann musste ich unbedingt noch die Spargelsuppe fertig kochen, für die ich ja gestern schon das Kochwasser vom Spargel und von den Spargelschalen extra beiseite gestellt hatte und dann musste J zum Zug und die Gesprächschance war vertan, aber seine erste Antwort fand ich schon spannend, denn sie lautete: "Nicht denken müssen."

Aber ich schlage noch mal einen Bogen zurück, ich hatte ja als erstes den Artikel mit den Statistiken gelesen und in der ersten Statistik wurde danach gefragt, für welche Luxusartikel die Leute in der letzten Zeit Geld ausgegeben hätten und hier stehen Smartphone, Schuhe und Kleidung auf den obersten drei Plätzen. Jeweils etwas mehr als ein Drittel aller Befragten hat also für Smartphone, Schuhe und Kleidung mehr Geld als notwendig ausgegeben, denn das ist ja wohl die einfachste Definition von Luxus, die man hier ansetzen kann.
Auf Platz 4 folgt mit 26% "TV und Hi-Fi", dann "Taschen & Accessoires" sowie "Kosmetik & Körperpflege" mit jeweils 20% auf den Plätzen 5 und 6.
Für "Essen & Getränke" wird nur von 16% aller Befragten so viel Geld ausgegeben, dass sie es als Luxus bezeichnen.
Da die Befragung in der Zeit von Februar 2020 bis März 2021 stattfand, war auswärts essen ja die meiste Zeit nicht möglich, Urlaub und Reisen kam deshalb gar nicht erst vor.
Auf Platz 8 findet sich "Möbel & Haushalt" mit 11% und schließlich "Schreibwaren & Hobby" sowie "Spielzeuge und Babyprodukte" auf den Plätzen 9 und 10 mit 7 bzw. 6%.

Dass Schuhe und Kleidung soweit oben stehen, hat mich erstaunt, denn gefühlt hätte ich gedacht, dass die Leute solche Dinge deutlich weniger kaufen, weil sie ja schließlich nirgendwo mehr hingehen können, um den Kram vor- und auszuführen, aber auch Handtaschen und Kosmetik waren nach wie vor sehr beliebt, es sieht also nicht so aus als ob die oder der Durchschnittsdeutsche gerne zu Hause auf dem Sofa verlottert, auch nicht in der Pandemie.

Dass Smartphones ganz oben auf der Liste stehen, kann ich sofort verstehen und dass Leute grade in der Pandemie, wo das Smartphone für viele zum Hauptkommunikationstool zum Rest der Welt geworden ist, hier auch auf hohe Qualität und Funktionalität achten, ist nachvollziehbar, schließlich hat man ja sonst nichts.

Ich selber hätte mal wieder Probleme gehabt, die Frage überhaupt sinnvoll zu beantworten, weil es mir aus grundsätzlichen Überlegungen widerstrebt, für Dinge mehr Geld als notwendig auszugeben und ich deshalb bei fast nichts, was ich so kaufe, das Gefühl habe, das sei Luxus. Es mag zwar sein, dass ich mir letzte Woche tatsächlich das vierte Paar dieser Merino Sneakers gekauft habe, weil ich schließlich noch keines in weiß hatte, aber erstens war es gründlich reduziert und zweites ist ein weiteres Paar Schuhe nie Luxus, sondern immer echte Notwendigkeit. Wo käme ich da hin, wenn ich so etwas anders definierte.

Weil ich also diese Frage für mich selber gar nicht gut beantworten konnte, habe ich mich lieber mit der Frage zur zweiten Statistik beschäftigt: "Was verstehen Sie unter Luxus?"
J findet hier, dass "nicht denken müssen" Luxus ist und je mehr ich darüber nachdenke (anders geht es nicht), umso mehr stimme ich ihm zu.
Es geht nämlich nicht um das Denken als solches, sondern um das "müssen". Es gibt mittlerweile so viele Situationen im Leben, die man nur mit viel Konzentration und intensivem Denken lösen kann, dass es einfach nur nervig ist.
Es geht schon mit den einfachsten Alltagssituationen los: J wollte sich vorhin ein Zugticket online buchen, einen Vorgang, den er schon x-mal auf dem Handy gemacht hat, wo er seit Jahren trainiert und geübt ist, der aber immer wieder neue Überraschungen parat hält, weil es natürlich nie sicher ist, ob alles auch so funktioniert, wie es sollte. Das heutige Zugticket war besonders widerspenstig, nachdem er es gebucht und gekauft hatte, wurde es in der App nicht angezeigt, dafür war das Geld aber schon abgebucht. Nach dem Neustart der App wurde das Ticket zwar angezeigt, es hatte aber noch den Status "weiter zur Zahlung", der sich auch nur durch eine zweite Bezahlung desselben Ticket lösen ließ. Im Endergebnis hatte J mit viel hin und her zwar sein Ticket, aber auch eine doppelte Belastung auf der Kreditkarte und im nächsten Schritt muss er jetzt darüber nachdenken, wie er das am besten wieder grade biegt.
Dass er also denken muss, wenn er nicht unnötig viel Geld ausgeben will, ist ärgerlich - oder anders ausgedrückt: Nicht denken zu müssen ist Luxus.
Wer hat sich noch nicht einen persönlichen Butler gewünscht, der einem all die kleinen Lästigkeiten des Alltags abnimmt? Tausenderlei Kleinigkeiten, die einen zwingen zu denken, weil man es sich schlicht nicht leisten kann, sich davon übern Tisch ziehen zu lassen, aber Lust hat man doch eigentlich nie dazu, oder?

Ich stimme J also komplett zu, "nicht denken zu müssen", das ist echter Luxus.

Dieser Luxus kam allerdings auf der Liste der Umfrageergebnisse gar nicht vor. Ich glaube, das liegt daran, dass es wahrscheinlich eine vorgegebene Liste zum Ankreuzen war und die Umfrageersteller diese Antwort gar nicht auf dem Plan hatten, deshalb bin ich bei den Ergebnissen solcher Umfragen ja eh immer sehr skeptisch. Dass aber ausgerechnet "Gesundheit" mit 82% an oberster Stelle steht, finde ich dann gleichzeitig doch auch sehr trivial. - Und nein, das liegt nicht an der Pandemie, denn diese Umfrage ist bereits 2018 gemacht worden, allein an der Tatsache, dass die Welt hier völlig veraltete Statistiken als "neue Erkenntnisse" verkaufen will, zeigt sich mal wieder die Qualität der Springerpresse - aber ich schweife ab.

Natürlich ist Gesundheit ein Luxus, weil ohne Gesundheit ist alles nichts, aber welche Zusatzerkenntnis bringt es mir, wenn das 82% aller Befragten auch so sehen?
Gleich auf Platz 2 und 3 mit jeweils 80% folgt dann aber auch schon "Zeit für Freunde und Familie" und "Zeit für mich", danach wird "Selbstoptimierung" von 75% und "Well-Being" von 67% aller Befragten als Luxus bezeichnet.
Auf Platz 1-5 also keine käuflich erwerbbaren Güter, sondern eher so allgemeine Oberbegriffe aus irgendeinem Weltverbessererratgeberhandbuch, wobei ich zugebe, dass ich keine Ahnung habe, was man sich unter "Well-Being" vorstellen soll und weshalb Selbstoptimierung ein Luxus sein soll, entzieht sich erst recht meiner Vorstellung. Ich zumindest habe ganz ausdrücklich keinerlei Bedarf daran, mich selber zu optimieren, was soll denn der Quatsch? Wozu und für wen? Ich finde es viel sinnvoller, wenn man lernt sich selber mit all seinen Fehlern zu mögen, dann ist man nämlich mit sich zufrieden und Zufriedenheit wäre für mich ein ähnlich wichtiges Luxusgut wie "nicht denken müssen", kam aber wahrscheinlich wieder nicht vor in der Abfrageliste.

Ab Platz 6 kamen dann aber auch auf dieser Liste endlich die käuflichen Luxusgüter, angeführt von "Hochwertige Technik" (66%), gefolgt von den ganz allgemein gehaltenen "Luxusgütern" (64%) und spätestens da wird die Laienhaftigkeit dieser Umfrage endgültig deutlich.
Frage: Was ist für Sie Luxus?
Antwort: Luxusgüter.
Ach was, fällt mir da nur ein.

Bevor es auf den weiteren Plätzen dann mit den bekannten Klassikern wie "große, eigene Immobilie" , "ausgefallene Reisen" und "exklusiver Konsum" (alle drei jeweils 62%) weitergeht, wird mit 63% noch einmal ein allgemeiner Oberbegriff genannt, nämlich die mittlerweile begrifflich schon etwas abgenudelte "Work-Life-Balance".

Platz 12 = Gourmetrestaurants (59%), dann "5-Sterne-Hotels" und "Exklusiver Zugang" mit jeweils 58%.
Ein "sportliches, dynamisches Leben" betrachten 57% als Luxus, noch vor "Spa und Wellness" mit 56%.

Ein Auto wird überhaupt erst auf den letzten beiden veröffentlichten Rängen genannt, und zwar rangiert ein "fortschrittliches Auto" mit 50% sogar noch einen Prozentpunkt vor dem "schnellen, großen Auto". (49%)

Als interessante Feststellung kann man also mitnehmen, dass hochwertige Technik heute von immer mehr Leuten als Luxus und damit wahrscheinlich als erstrebenswert angesehen wird, wohingegen das Auto deutlich an Bedeutung verliert. Ist ja auch keine zu schlechte Entwicklung.

In einer dritten Statistik wurden dann noch die Gründe für den Kauf von Luxusprodukten genannt, aber das fand ich dann endgültig eine überflüssige Statistik, weil sich die Menschen üblicherweise hier selber was in die Tasche lügen. Natürlich steht als oberster Grund "Qualität und Langlebigkeit", tatsächlich ist das bei vielen Luxusartikeln aber nur ein Wunschdenken, wirtschaftlich lässt sich das sehr häufig absolut nicht rechtfertigen. Aber für die Hersteller von Luxusartikeln ist das natürlich sehr wichtig, sie müssen ganz dringend so tun, als hätten ihre Produkte eine besonders hohe Qualität mit besonderer Langlebigkeit. In der Volkswirtschaft nennt man das "Abschöpfen der Konsumentenrente" und ist ein sehr gewinnbringender Zweig der Preisfindung.

Wenn ich abschließend zusammenfasse, was für mich Luxus ist, dann würde ich es definieren als: "Keine Dinge tun zu müssen, die ich nicht tun will."
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Samstag, 15. Mai 2021
Noch mehr Gedanken zum Gendern
Dass ich persönlich meine Sprache nicht mehr aktiv auf Gendern umstellen werde, habe ich schon häufiger erklärt. Zum einen sehe ich persönlich tatsächlich keinen praktischen Vorteil für die Interessen der Frauen, weil ich der Meinung bin, dass es der Förderung der weiblichen Gleichberechtigung eher schadet, wenn man durch sprachliche Markierungen auf Geschlechtsunterschiede hinweist, auf die es ja eben grade gar nicht ankommen sollte, bei der Vorstellung und Beurteilung bestimmter Tätigkeiten, Funktionen oder Definitionen. Und zum anderen bin ich ansonsten einfach der Meinung, dass die aktuell kursierenden Varianten der Gendersprache von mir nicht altersgerecht benutzt werden können. So wie ich es albern finde, wenn sich 60jährige Zöpfchen flechten, so käme ich mir einfach lächerlich anbiedernd vor, spränge ich jetzt auf den aktuellen Modesprachzug auf und wechselte mein Sprachalter. Das habe ich hier schon einmal sehr ausführlich beschrieben, das kann ich auch nur immer wieder wiederholen.

Nun ist es allerdings so, dass ich im beruflichen Kontext mittlerweile tatsächlich durch offizielle Vorgaben von oben gezwungen bin, geschlechtsneutrale Sprache zu verwenden und nach Ansicht derer von oben ist das generische Maskulinum formal nicht geschlechtsneutral, egal ob ich es als kleinsten gemeinsamen Nenner betrachte und damit als ausreichend geschlechtsübergreifend empfinde. Mein Empfinden gildet nicht, weil das ja auch eine viel zu einfache Lösung wäre, wenn man versuchte, Frauen in ihrem ureigenen Selbstverständnis zu stärken und zu fördern. Nachher fühlen die sich den Männern noch wirklich überlegen, das muss natürlich dringlich verhindert werden. Das verstehe ich, die Jungs von oben sind ja nicht alle blöd.

Ich muss also gendern, egal ob ich das will oder nicht.
Auf Zwang und Vorschriften habe ich nun jedoch mein ganzes Leben schon mit spontaner Verweigerung und Gegenbewegung reagiert, ein Triggerpunkt, der bei mir sehr zuverlässig funktioniert. Wenn man möchte, dass ich etwas Bestimmtes tue, muss man es mir nur verbieten und zack, kann ich mich nicht mehr dagegen wehren, mein innerer Freiheitskämpfer springt automatisch an und treibt mich zu den absurdesten Handlungen. Auch zu Dingen, die ich normalerweise, also ohne ausgelösten Triggerknopf, wirklich ganz schrecklich furchtbar finde.*

Harald Martenstein ist ein von mir ungemein geschätzter Autor und Kolumnist in der Zeit, viele seiner Texte würde ich unverändert exakt so als meine Meinung übernehmen, uns unterscheidet nur, dass er diese (unsere) Meinung unvergleichlich viel besser formulieren kann.
In seiner aktuellen Kolumne (hinter der Paywall) macht er sich Gedanken zum Thema Gendern und dem zunehmend wachsenden gesellschaftlichen Zwang, die Sprache zu diesem Zweck zu ändern.
Wo wir gerade beim Thema Sprache sind – ich werde niemals Gendersternchen verwenden, außer man droht mir Folter an, Knast reicht als Drohung nicht. Dabei habe ich gar nichts gegen Gendern. Ich habe auch nichts gegen Jazz, solange ich ihn nicht dauernd hören muss. Wer möchte, soll das ruhig tun, es stört mich nicht, ich verstehe auch die Idee dahinter, Gerechtigkeit, eine super Sache im Grunde. Ich möchte mich nur nicht zwingen lassen, ich bin freedom fighter, in Frankreich sagen sie combattant de la liberté.
Auch diesen Text kann ich mal wieder nur 1:1 für mich übernehmen, erklärt er doch auf das Trefflichste, weshalb ich in der letzten Zeit immer ablehnender auf die vorgeschriebene Genderei reagiere, nämlich nur weil ich es immer mehr als Zwang empfinde.

*In diesem Zusammenhang erwähne ich gerne, dass ich einigem Unglück nur durch Zufall entgangen bin, weil die von oben schlicht übersehen haben, dass sie noch an viel mehr Stellen als eh schon mit Vorschriften oder Verboten hätten arbeiten können.
Meinem Vater z.B. bin ich bis heute zutiefst dankbar, dass er einfach vergessen hat, mir zu verbieten, mich tätowieren zu lassen. Nicht, dass ich das je gewollt hätte, im Gegenteil, ich fand und finde bis heute Tätowierungen in höchstem Maße entbehrlich, aber hätte mein Vater es mir offiziell verboten, wäre ich heute mit hoher Sicherheit gründlich und großflächig mit dauerhaften Körperbemalungen übersät, weil ich dann gar keine andere Möglichkeit gehabt hätte, als mich ganz selbstverständlich diesem Verbot zu widersetzen.



Im beruflichen Kontext löse ich das Problem durch ein aktives Überbefolgen der Vorschrift. Ich gebe mir also sehr viel Mühe, Texte so zu formulieren, dass maximal viele zu gendernde Wörter und Pronomen vorkommen, vor allem Pronomen und deklinierte Adjektive zu gendern ist sehr effektiv und versinnbildlicht die positive Wirkung von Gendern auf das Feinste. Wenn die von oben wollen, dass ich gendere, dann gendere ich jetzt eben und Wörter, die sich sperrig zeigen, werden durch radikale Regelbefolgung in die Knie gezwungen, so machen das Mitgliederinnen des Hardcoregenderclans.

Bisher bin ich durch Vorschrift von oben nur gezwungen, schriftlich zu gendern, aber selbstverständlich gibt es auch Kollegen, die das komplett in ihre Alltagssprache übernommen haben. Im Mutterhaus gibt es eine Kollegin ü50, die hat ganz doll Genderitis, in meinen Augen hat die Dame vor allem ein persönliches Altersproblem, was sie durch ihr Äußeres ebenfalls betont, aber mit dieser Kollegin habe ich mich neulich ausführlich über die Verrohung der Welt unterhalten, die voll ist mit VerbrecherInnen, KinderschänderInnen, BetrügerInnen, MörderInnen, ChaotInnen und skrupellosen FinanzhaiInnen. Bei Finanzhai wusste ich nicht genau, wie ich die korrekte Form bilde, sie hat meiner Variante aber nicht widersprochen. Dumm nur, dass sie mich jetzt ganz toll findet, weil ich ja ebenfalls so begeistert gendere, für den Moment habe ich zunächst mal ihre Telefonnummer geblockt und im Sekretariat Bescheid gegeben, dass ich grundsätzlich immer in einer Besprechung bin, wenn die Dame anruft.
Meine Mutter würde das kommentieren mit ‘kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort’...

Aber was soll man auch tun, chacun à son goût
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Dienstag, 20. April 2021
Mal eben nennen
Ein Kollege aus dem Mutterhaus rief an und wollte für die Planung des Gesamtkonzerns die wahrscheinliche Steuerbelastung für 2022 aus der Beteiligung an einer Untergesellschaft.
Weil Steuern draufsteht, griff er reflexartig zum Telefonhörer.
Es dauerte eine Zeitlang bis ich überhaupt begriff, was er wollte, weil er sich etwas umständlich ausdrückte. Als es mir dämmerte, teilte ich ihm mit, dass er sich die Zahl doch bitte schön selber ausrechnen kann, dafür nimmt er einfach das Ergebnis aus dem Wirtschaftsplan 2022 für die Unterbeteiligung und multipliziert das mit dem Steuersatz des Konzerns. Seine Antwort:
"Können Sie mir die Zahl eben nennen, dann muss ich die nicht raussuchen?"

Es mag ja sehr schmeichelhaft sein, wenn der Kollege meint, ich hätte grundsätzlich alle Zahlen auswendig im Kopf (ausgerechnet ich, die sich wirklich überhaupt gar keine einzige Zahl sinnvoll merken kann), so spontan befragt, hielt ich diese Bitte aber einfach nur für unverschämt. Ich habe ihm deshalb gesagt, dass ich ihm die Zahl sehr gerne nennen würde, doch leider habe ich ausgerechnet den Wirtschaftsplan dieser Gesellschaft vergessen auswendigzulernen
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Dienstag, 6. April 2021
Über die Widrigkeiten des Alterns mit Technik
"Genießen Sie unser letztes Update" sagt mir die App, die mir per Signal anzeigte, dass sie mir etwas zu sagen hat. Das finde ich eine erfreuliche Nachricht, wenn es denn stimmt, dass es wirklich das letzte Update ist. Ich fürchte aber, die App spricht mit gespaltener Zunge und wird mir auch in Zukunft weitere Updates immer als das letzte Update verkaufen.

Diese beständige Updaterei aller möglichen Apps, Programme und technischen Hilfsmittel geht mir in der letzten Zeit zunehmend auf die Nerven. Ständig wird an allem rumgebastelt, nix bleibt so wie es war, unentwegt muss ich mich an eine neue Bedienung, eine neue Oberfläche oder veränderte Knöpfe gewöhnen, ich habe es einfach nur noch satt. Ich möchte nicht mehr dauernd etwas Neues lernen, ich will einfach nur das behalten, was ich bisher hatte, ich verzichte auf Verbesserungen, ich bin auch mit den alten Möglichkeiten vollauf zufrieden.

Aber geht ja nicht, ich kann das Alte nicht behalten, weil es einfach abgeschaltet wird, getötet von den Updatejüngern, die permanent nach besser, schneller, weiter gieren und alles alte, schwache und weniger nützliche eliminieren. Ich finde, hier könnten sich die Gutmenschen mal engagieren, das ist doch eine zutiefst unethische Grundhaltung, die die Technikmenschen da zeigen.

Ich bemerke eine auffällige Änderung in meiner Grundhaltung. War ich früher sehr von und an allem Neuen, Innovativen und Disruptivem fasziniert und interessiert, so hat sich diese Faszination in eine Gleichgültigkeit und das Interesse gar oft in eine Ablehnung gewandelt. Ich bin nicht mehr scharf auf erste Male, ich sammele jetzt letzte Male, ohne dass ich deshalb gleich von allem ausgeschlossen oder abgeschaltet sein möchte, was mein bisheriges Leben ausmachte, ich fürchte aber, genau so wird es kommen, weshalb ich mich verstärkt darauf vorbereite, auch das zu akzeptieren.

Die Technik um mich herum wird zunehmend "touch". Nicht nur alle Anwendungen auf dem Smartphone und dem Tablet werden über Wisch- und Berührungsgesten gesteuert, sondern immer mehr auch andere Haushaltsgeräte wie Kochplatten, Wasch- und Spülmaschinen und jede Art der sonstigen Haussteuerung, also Heizung, Licht, Klima, Türen bzw. Zugangsberechtigungen usw. Wenn man sich mal bewusst umschaut, findet man kaum noch ein Gerät, was mit analogen "Druckknöpfen" oder manuellen Schaltern bedient wird.
Ich finde diese allumfassende Touch-Bedienung anstrengend, weil es mir regelmäßig passiert, dass ein Gerät auf meinen Touch nicht so reagiert wie ich es mir vorstelle. Das funktioniert bei mir sogar als Vorführeffekt: Ich tippe auf das Display und es passiert: Nix. Oder etwas Erratisches.
Meine Tochter tippt auf exakt der gleichen Stelle auf das Display und das Gerät/das Programm macht genau das, was es soll. C steht grinsend neben mir und meint "deine alten Frauenfinger, die leiten nicht mehr genug Energie weiter". Ich betrachte meine alten Frauenfinger etwas ratlos und denke, sie wird recht haben, nur, was soll ich dagegen tun? Der Herd reagiert mit willkürlichen Temperatursprüngen, die Spülmaschine startet statt des Töpfeprogramms den Schnelldurchlauf für Gläser und der Scanner simuliert den Unberührbaren und verweigert die Zusammenarbeit.
Als wir die neue Haustür ausgesucht haben, wollten wir beide einen "schlüssellosen Zugang" haben, denn natürlich ist das Leben deutlich komfortabler, wenn man keinen Schlüssel mehr mit sich rumschleppen muss, sondern sich einfach mit seinem Fingerabdruck Eintritt verschaffen kann. Zum Glück empfahl uns der Verkäufer vorher, dass wir unsere Finger auf "Touchfähigkeit" überprüfen sollten, dazu gab es extra eine Demotür, bei der wir unsere Finger registrieren konnten und dann passierte das, was mir bei vielen anderen Touchgeräten auch passiert: Die Demotür reagierte nicht auf meinen Finger. Das sparte uns nicht nur rund 2.000 Euro, weil wir natürlich auf die einfache Tür mit manueller Schließanlage umschwenkten, sondern auch viel Frust, wenn mich meine eigene Haustür nicht mehr reinlässt, weil sie meine alten Frauenfinger nicht erkennt.

Mein neues Handy hat jetzt eine Gesichtserkennung. Die funktioniert angenehm problemlos, ganz unbestritten besser als jede Toucherkennung und ich muss gar nichts mehr tun, um das Handy anzuwerfen, sehr angenehm. Da ich jetzt aber meine Pin nicht mehr ständig eingeben muss, mache ich mir natürlich Sorgen, wie lange es dauert, bis ich die Pin vergessen habe und wann der Moment erreicht ist, in dem das Handy mein altes Frauengesicht auch nicht mehr erkennt, weil zu faltig und zu ausgetrocknet, so wie meine Finger. Die Technik wird sich ganz bestimmt neue Wege ausdenken, mich zu triezen, da bin ich sehr sicher
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Freitag, 26. März 2021
Letzte Male
Wir planen ja ein neues Haus zu bauen. Unabhängig davon, dass ich persönlich noch nie ein neues Haus gebaut habe, unterscheiden sich die Überlegungen, Erwartungen und Ansprüche an dieses Haus aber in einem Punkt ganz grundsätzlich von allen Plänen für jedes andere Haus, das ich in meinem bisherigen Leben ausgesucht und bewohnt habe: Über allem schwebt das Wissen um die Letztmaligkeit.
Es wird das erste Haus sein, bei dem ich vorher schon davon ausgehe, dass danach nichts mehr kommt.
Es wird aber auch das erste Haus sein, bei dem ich mit einem guten Gefühl davon überzeugt bin, meine eigenen Bedürfnisse bis ans Ende meiner Tage wenigstens grob verlässlich und vor allem sehr zufrieden jetzt schon vorherzusehen. Ich möchte gar nicht mehr, dass sich da noch mal was ändert, ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich von hieraus sehen kann, mir gefällt das alles so gut, dass ich das erste Mal in meinem Leben das Gefühl habe, ich bin angekommen.

Es ist damit auch das erste Mal, dass ich in ein Haus einziehen werde, bei dem ich nicht vorher schon sage: Für die nächsten Jahre ist es perfekt, was später wird, sehen wir dann.
Am Horizont meiner Lebensperspektive ist plötzlich eine Zielmarke aufgetaucht. Ich habe Schloß Anderswo gefunden.

Das ist komplett neu, denn wenn ich in meinem Leben bisher eines bestmöglich vermieden habe, dann war es, mich selber schon im Vorhinein unnötig festzulegen und ein endgültiges Festlegen bis ans Ende meiner Tage schien gradezu ausgeschlossen, denn wie sollte ich als junger Mensch wissen, wie ich in 20,30 oder noch mehr Jahren leben möchte? Niemand weiß doch, was das Leben noch alles an Entwicklungen, Chancen oder Pleiten, glücklichen Fügungen oder Katastrophen bringen wird.
Deshalb war ich weder mit 30, aber auch nicht mit 40 und auch noch nicht mit 50 bereit, die Rahmenbedingungen für mein eigenes Leben so festzuzurren, dass eine Planänderung in der Zukunft nur mit großem Aufwand oder gegen große Widerstände möglich gewesen wäre.

Mein Lebensmotto war schon mit 15: "Es muss noch mehr als alles geben."




Die Geschichte von Jenny hatte mich derart tief beeindruckt, dass ich immer dann, wenn ich scheinbar alles hatte, meine Sachen packte und loszog, noch mehr zu finden. Ich lernte schnell, was das mehr ist, was ich suchte: Erfahrung.
Also machte ich mich gezielt auf die Suche nach ersten Malen, denn daraus entstehen Erfahrungen.
Unterwegs traf ich sie alle, wilde Löwen, störrische Babys, Milchmänner und Stubenmädchen, der Weg war bunt, wild und voll mit ersten Malen.

Es war ein guter Weg und er endet auf Schloss Anderswo. Inzwischen habe ich genug Erfahrungen, um Hauptdarstellerin in Frau Hules Welttheater zu sein.
Ich bin angekommen.
Und ich bin zufrieden.

Ab jetzt beginnen die letzten Male, und ganz ehrlich? Ich freu mich drauf
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Dienstag, 16. März 2021
Respekt und Abstand zu Ideologien
Ich habe ja ein eher grundsätzliches Ideologienproblem.
Ich verweigere jede Sorte Denken, Diskutieren, Meinung, Haltung, Lebensform und was sonst noch Folge einer ideologisch geprägten Grundhaltung ist, wenn es außer dem hartnäckigen Festklammern an eben jener Ideologie keine weiteren rationalen Gründe gibt.
Ich ignoriere deshalb jede Art von Religion genauso wie ich alternative Weltanschauungen schulterzuckend beiseite schiebe. Menschen, die irgendeine Sorte Gott brauchen, um ihre eigene Existenz selber zu rechtfertigen und ihrem eigenen Leben dadurch erst einen Sinn geben (oder auch nur durch die aus dem formalen Glauben resultierende Zugehörigkeit zu der wärmenden Gemeinschaft anderer Gläubiger), können ihr Leben gerne so führen, ich persönlich kann nur einfach gar nichts damit anfangen.
Deshalb kann ich auch nichts mit einem Vegetarier oder Veganer anfangen, weil es mir grundsätzlich egal ist, welcher Art von Ideologie jemand anhängt. Wer "grundsätzlich" keine Tiere und/oder keine tierischen Produkte isst, lebt in meinen Augen eben auch nur eine Art von Religion und ob er außer kein Schweinefleisch auch kein anderes Fleisch isst, macht nur einen marginalen Unterschied aus meiner Sicht.

Ich respektiere jede Art von "Glauben" durchaus, aber eben in der Form, wie sich bei mir Respekt meistens ausdrückt: mit Akzeptanz und Abstand.
Übrigens eine Definition von Respekt, die mir am passendsten erscheint.
Respekt bedeutet für mich, dass ich den anderen so akzeptiere wie er ist und zwar auch mit allen Aspekten seiner Persönlichkeit, die ich für mich selber als negativ empfinden würde oder ablehne. Respekt bedeutet, ich lasse den anderen sein wie er ist und gebe mir Mühe, ihn in seinem Leben und seinem Lebensumfeld nicht zu beschränken. Das bedeutet aber nicht, dass ich mich verpflichtet fühle, das in irgendeiner Art und Weise aktiv zu unterstützen. Die einzige Unterstützung, die ich bereit bin aus Respekt zu gewähren, ist, dass ich den anderen nicht behindere oder gar bekämpfe - wenn ich ihn respektiere.
Es gilt aber gleichzeitig auch der Kant'sche Freiheitsgrundsatz: "Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt." Wenn also jemand seine eigene, mir selber nicht zusagende Persönlichkeit nur in der Form ausleben kann, dass er mir dabei ständig auf die Füße tritt, nun, dann ist das mit meinem hehren Respektvorsatz und der Idee "ich lasse den anderen tun, was er will" auch schnell vorbei und ich wehre mich.

Auf Ideologien übertragen bedeutet das, dass ich mich mit Menschen üblicherweise nicht über ihre Ideologien unterhalte. Ich teile sie nicht, ich möchte aber auch auf keinen Fall überzeugt werden. Wenn also umgekehrt jemand versucht, mir ein Gespräch oder gar ein Verhalten aufzunötigen, was ich nicht führen und schon gar nicht leben will, dann kann ich schnell schon mal arg biestig werden.

Vegetarier oder Veganer aus Überzeugung sortiere ich in meiner Einteilung der Menschen also in die Gruppe der Ideologen, ich respektiere, dass sie sich anders ernähren als ich, ich möchte mich aber nicht mit ihnen darüber unterhalten, weil ich den Grund, warum sie das tun, rational nicht teilen kann und es fällt mir enorm schwer, sie auf Basis dieser Begründung mit ihrer gewählten Lebensform wirklich ernst zu nehmen. Weil Respekt für mich aber auch bedeutet, den anderen nicht zu verspotten, ist es für mich oft am einfachsten, ich gehe diesen Menschen einfach aus dem Weg.

Trotzdem finde ich es ausgesprochen sinnvoll, sich aktiv um seine Ernährung Gedanken zu machen und außer nur nach "was schmeckt mir" und "was kann ich bequem erreichen" auszuwählen, gibt es viele weitere Aspekte, die ich sehr sinnvoll finde, wenn man sie bei der Wahl der eigenen Ernährung berücksichtigt.

Im Handelsblatt stand gestern eine Kolumne von Zukunftsforscher Eike Wenzel zu diesem Thema und alles, was er zu diesem Thema als Empfehlung gibt, findet zu 100% meine Zustimmung.

Für einen vollkommenen Verzicht auf Fleisch und tierische Produkte fehlt mir aufgrund meiner fehlenden Religiosität resp. Ideologiegläubigkeit die rationale Grundlage, insbesondere wenn die Alternative dann Fleischersatzproddukte sind, denen man ihre biologische Unnatürlichkeit schon von weitem ansieht. Vegane Schnitzel als Spitzenprodukte aus dem Lebensmittelchemielabor finde ich ehrlich gesagt schon arg eklig, wenn ich auch nur eine Minute zu lange darüber nachdenke, wie die wohl entstanden sind und was da alles drin ist. Ist aber vielleicht auch nur wieder eine Frage des geschickten Marketings. Neulich sah ich, wie ein Unternehmen "vegane Wolle" zu höchst gehobenen Preisen anbot. 100% Polyacryl ist natürlich auch 100% vegan, man muss es nur richtig verkaufen.

Ich kann absolut problemlos nachvollziehen, wenn jemand kein Fleisch mag. Dinge nicht zu mögen, finde ich normal und alltäglich, jeder mag irgendwelche Dinge nicht. Aber wenn ich kein Fleisch mag, dann mag ich auch kein veganes Nachmachfleisch, hier bleibt die Ablehnung dann sinnvoll und konsequent.
Ich zB habe im Laufe der Jahre immer mehr meinen Geschmack für Fleisch verloren, ich esse also tatsächlich inzwischen sehr wenig Fleisch, einfach weil ich keinen Appetit mehr darauf habe. Dass ich damit durch Zufall genau im Trend der sich wandelnden Ernährungsphilosophie der westlichen Welt liege, freut mich, ich kann mir aber auch vorstellen, dass ich die von Eike Wenzel vorgeschlagenen Grundlagen für ein neues Ernährungssystem übernehmen würde, selbst wenn ich immer noch lustvoller Carnivore wäre. Denn im Unterschied zu der ideologischen Ersatzreligion "ich esse keine Tiere", finde ich die Überlegungen, dass man überwiegend Produkte aus der Region essen sollte, dass man keine künstlich produzierten Industrieprodukte braucht und dass für Lebensmittel insgesamt der "richtige Preis" bezahlt werden sollte, rundum nur richtig, nachvollziehbar und anstrebenswert. Mehr braucht es gar nicht, um sich "ausgewogen zu ernähren", denn ich sehe kein Unrecht darin, Tiere zu essen, ich finde es nur unfair, sie zwecks Kostenoptimierung widerlich zu quälen, weil Massentierhaltung billiger ist und es eine seltsame Lobby gibt, die es versteht, die Interessen ihrer Unternehmer höchst geschickt zu verkaufen.

Vielleicht kommt meine Meinung aber auch nur daher, dass ich außer Kartoffeln, Möhren, Erbsen, Gurken, Tomaten, Pilzen, Zwiebeln, Knoblauch, Kräutern, Äpfeln, Birnen und Brot sowieso kaum etwas anderes brauche, um mir all meine Lieblingsgerichte zuzubereiten. Weil das aber schon immer so war, fand ich Veganer als Jünger eines Modetrends auch immer schon seltsam. Wieso muss man daraus so ein Bohei machen
?

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Mittwoch, 10. März 2021
Die Erleichterung, das bisherige Leben erledigt zu haben
Ich habe heute mit einer Kollegin aus dem Mutterhaus telefoniert und statt solide und seriös dienstliche Dinge zu besprechen, haben wir fast anderthalb Stunden über Gott und die Welt, Kinder, Küche, Kirche und das sonstige Leben geredet und ich stellte fest, dass ich mich schon lange nicht mehr so gut und so gerne und so erholsam mit einem anderen Menschen unterhalten habe (mein Westfalenmann jetzt mal ausgenommen, der gildet nicht, mit dem kann ich mich immer gut unterhalten).
Zusammenfassend kann ich nur sagen, dass ich ungemein heilfroh bin, dass ich in der heutigen Zeit keine kleinen Kinder und auch keine schulpflichtigen Kinder mehr zu verantworten habe, auch wenn sich in den letzten 25 Jahren gesellschaftlich vieles verbessert hat, so ist es doch immer noch weit entfernt von gut und ihr Bericht über das Leben einer Mutter von heute hat bei mir einen richtigen Erleichterungsbooster gezündet: Was'n Glück, dass ich das alles hinter mir habe
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Montag, 15. Februar 2021
Teppich
Ich sammle mal wieder angefangene, unvollendete Blogbeiträge.
Ich habe mich in letzter Zeit mehrfach darüber geärgert, dass mir während des Tages immer wieder Dinge auffallen, zu denen ich spontan eine Anmerkung hätte, die ich aber während des Tages situationsbedingt besser für mich behalte und am Abend, wenn ich Zeit habe, das Ganze schriftlich festzuhalten, krieg ich die Buchstaben nicht mehr so sortiert, dass es einen verständlichen Zusammenhang gibt. Um das Thema nicht komplett zu vergessen, schreibe ich also Satzfragmente, Wortschnipsel und manchmal auch Kauderwelsch auf, in der festen Überzeugung, aus dem Buchstabengulasch in Kürze einen vernünftigen Text zu modellieren.
Aktuelles Zwischenfazit: Es werden immer mehr Geschichtsfetzen, manche habe ich sogar versuchsweise wie eine Patchworkarbeit zusammengelegt, aber für ein vorzeigbares Ergebnis reicht es eigentlich noch nicht.

Ist mir aber jetzt egal, ich nehme mir jetzt eine halbfertige Geschichte und füge sie mit copy&paste hier ein, weil es eine Teppichgeschichte ist und wenn sie noch länger rumliegt, bekommt sie bestimmt Motten.

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Teppich


Ich erinnere mich nur noch ungenau, wie der Boden in der Elternwohnung ausgelegt war.
Im Flur hatten wir grüne Nadelfilzplatten als Teppichboden, die meine Eltern schrecklich praktisch fanden, weil sie einzelne Platten mit Flecken an andere Stellen verschieben konnten. Über diesem dunkelgrünen, teppichbodenartigen Untergrund lag ein langer roter Läufer mit *****muster (nachgucken, wie man das Muster nennt, Stichwort persische Teppiche) unter dem wahrscheinlich viele grüne Nadelfilzquadrate mit Flecken versteckt waren.
Im Wohnzimmer war auch Teppichboden, ich weiß aber nicht mehr, wie er aussah. Es gab aber auf alle Fälle auch einen großen Teppich über dem Teppichboden, der Teppich gehörte den Eltern, der Teppichboden dem Vermieter. Auf dem großen Teppich standen das Sofa und die Sessel, dazwischen ein Couchtisch.

Ich glaube, es gab auch einen Teppich unterm Esstisch.

Warum man unter den Esstisch einen Teppich legt, habe ich noch nie verstanden, vielleicht um den Teppichboden des Vermieters zu schonen?
Viele Leute haben Teppiche unterm Esstisch, sogar Leute, die Parkett oder Fliesen als Untergrund haben. In solchen Fällen finde ich Esstischteppiche ganz besonders seltsam. Ich kann verstehen, dass man sich einen Teppich in die Wohnung legt, weil es schön aussieht und gemütlich ist, wenn man darauf rumläuft, aber unter einen Esstisch würde ich immer irgendetwas Abwischbares platzieren. Wenn irgendwo in der Wohnung gekleckert wird, dann doch wohl am ehesten hier. Und außerdem kann man auch gar nicht drauf rumlaufen, weil ja ein Tisch draufsteht, Teppiche unter Esstischen finde ich sehr überflüssig.

An den Boden in meinem Kinderzimmer kann ich mich nicht mehr erinnern, auch nicht an den Boden im Schlafzimmer der Eltern. Ich glaube aber, es wird auch ein Teppichboden gewesen sein, denn es war ja eine Wohnung und kein Haus.
In Häusern hatte man einen anderen Fußboden - zumindest in den Häusern, in denen ich in meiner Kindheit zu Besuch war. Bei den Großeltern zB, da gab es Fliesen und Linoleum. Hier brauchte man einen Teppich, damit es nicht so fußkalt ist, deshalb gab es kleine Teppichläufer vorm Bett.
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Als ich eine eigene Wohnung hatte, habe ich mir auch einen Teppich gekauft. Aber keinen Perserteppich, der war mir zu altmodisch, sondern einen dicken, kuscheligen wollweißen Berberteppich. Mit diesem Teppich bin ich bestimmt achtmal umgezogen. Zum Schluss lag er in Mönchengladbach im Kinderzimmer. Da war er aber schon nicht mehr wollweiß, sondern eher gräulich-pipigelb, bleibt nicht aus bei drei kleinen Kindern sowie Katzen und Hunden, die diesen Teppich alle sehr kuschelig fanden. Als ich nach Greven zog, war ich froh, dass ich ihn einfach hinterlassen konnte.

Letztes Jahr habe ich mir einen neuen Berberteppich gekauft. Genau wie den alten, der neue ist wieder wollweiß und die Kinder sind inzwischen stubenrein. Er liegt auf Borkum vor dem Kaminofen und ist fast so gemütlich wie ein Eisbärfell.
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Golfteppich: Der Schwiegervater hatte einen Teppichhändler als Mandanten, der nie seine Rechnungen bezahlte, dafür aber eines Tages mit einem riesigen, handgeknüpften echten Perserteppich ankam und diesen Teppich gegen alle offenen Rechnungen tauschte. Der Teppich hieß in der Familie "Golfteppich", weil man sich für die Summe der offenen Rechnungen auch einen VW Golf hätte kaufen können.
N hat den Golfteppich übernommen, genau wie den Schreibtisch des Schwiegervaters. N wird langsam zu meinem Schwiegervater.
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Hier in Greven liegt auf den Fliesen im Wohnzimmer der fliegende Tigerteppich vorm Sofa. Der Teppich ist aus dicker blauer Wolle (sehr kuschelig) und in der Mitte ist ein Tiger schon halb im Urwaldgrün verschwunden und nur noch von hinten zu sehen. Wir nennen ihn den fliegenden Teppich, weil wir den Teppich mit dem Flugzeug in Frankfurt abgeholt haben. Ich hatte ihn bei ebay ersteigert und K hat dann mit dem Verkäufer ausgehandelt, dass der uns den Teppich bis zum Flugplatz bringt. Wir sind also in Frankfurt gelandet, einmal durch das Gate nach draußen gegangen, bekamen den Teppich übergeben und sind dann wieder mit dem Teppich über den Schultern zurück durch die Sicherheitszonen und übers Flugfeld bis zu unserem Flieger gegangen, wo der Teppich grade so eben reinpasste.
Ich mag diesen Teppich sehr, weil er so eine hübsche Geschichte hat, weil er weich und kuschelig ist und weil er kein Perserteppichmuster hat. Perserteppiche scheinen bei mir ein Kindheitstraum verursacht zu haben.

Der jeweils eigene Einrichtungsstil bewegt sich in Generationssprüngen. Ich mag Möbel aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts, finde aber Möbel aus den 50er Jahren schrecklich. Meine Kinder mögen die 50er Jahre Möbel, wahrscheinlich werden ihre Kinder die 80er Jahre Möbel ganz klasse finden. (wie gruselig).

Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir auf, dass ich nur sehr selten in Zimmern mit Teppichboden gewohnt habe.
Ich habe viel und lange in Wohnungen mit Parkett gewohnt, dann eine Zeitlang in einem Haus mit Fliesen (und Fußbodenheizung), dann wieder eine alte Villa mit Parkett, dann in der Fabrik mit Fliesen bzw. Vinyl/PVC als Auslegware auf OSB-Platten verklebt (wegen fußkalt und Zementboden) und aktuell wieder in einem Haus mit Fliesen und Fußbodenheizung (Greven) bzw. Linoleum und Vinyl (Borkum), nur in den Schlafzimmern, da war immer Teppichboden.

Wenn ich die Techniker richtig verstanden habe, dann gibt es inzwischen auch Holzfußboden mit Fußbodenheizung, ich weiß also, was ich in unserem neuen Haus haben möchte.

Und einen neuen Teppich muss ich mir dann auch noch aussuchen
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Freitag, 5. Februar 2021
Über das falsch aussprechen von Namen
Mir ist heute aufgefallen, dass ich ein Problem damit habe, wenn Leute Namen falsch aussprechen.
Mich macht das interessanterweise sehr wütend, auch wenn ich gar nicht betroffen bin, oder vielleicht sogar präziser: Nur, wenn ich nicht betroffen bin.
Wenn jemand meinen Namen falsch ausspricht, was oft genug passiert, kann ich da meist sehr gelassen drüber hinweglächeln, ich berichtige den Menschen dann und erkläre, dass ich wirklich einfach Anje heiße, ohne Tee und ohne Kakao, also weder Antje noch Anke und die Diskussionen, die sich dann ergeben, wiederholen sich oft mit fast identischen Sätzen, der andere Mensch sagt, dass er so einen Namen ja noch nie gehört hat und ich gucke erstaunt und sage, dass ich mir das gar nicht vorstellen könne, ich höre den Namen täglich. An der Stelle trennt sich dann immer schon die gescheite Spreu vom Durchschnittsweizen, wer jetzt grinst, macht wenigstens auf der letzten Strecke noch Punkte gut.

Üblicherweise sind damit die Namensthemen dann aber auch auf Dauer geklärt, die Leute haben begriffen, wie ich heiße und sprechen meinen Namen korrekt aus. Englischsprachige Menschen haben ab und zu mit der Aussprache Probleme, denen erkläre ich dann, ich heiße wie Lasagne und sie sollten einfach das Las weglassen, dann geht es auch meist.

Was mich aber nachhaltig böse macht, sind Menschen, die trotz Korrektur und Hinweis die Namen anderer Menschen konsequent falsch aussprechen.

Heute war ein Mensch in dem Videocall, der einen Kollegen, der Bonnet mit Nachnamen heißt, wiederholt mit "Bonnett" adressierte.
Herr Bonnett wird das weiter ausführen...
Alle anderen Menschen sprachen den Namen korrekt französisch mit ohne "t" hinten aus, nur der eine, der übrigens der Chef der Truppe war, kümmerte sich einen feuchten Kehricht darum.
Ich war kurz davor, mich einzuschalten und den Chef ganz direkt zu fragen: Sagen Sie mal, Ihr Mitarbeiter für die IT, heißt der Bonnett oder Bonnet?
Ließ es dann aber bleiben und ärgerte mich nur leise vor mich hin.
Damit ich dem Chef nicht ungerechterweise eine für mich unverzeihliche Respektlosigkeit unterstelle, habe ich Herrn Bonnet vorsichtshalber noch selber gefragt, wie sein Name ausgesprochen wird und er bestätigte mir, dass es wirklich ein normaler französischer Name ist, bei dem das t hinten lautlos ist.
Damit war das geklärt und ich konnte mich in voller Berechtigung über diesen Chef aufregen.

Ich finde so ein Verhalten ganz ungemein respektlos, arrogant und in höchster Weise verachtenswert, grade weil der Chef es sicherlich nicht mit Absicht gemacht hat. Hätte er es mit Absicht gemacht, dann wäre es komplett anders zu beurteilen, dann wäre es Ausdruck einer Privatfehde zwischen den beiden und es ginge mich nichts an, jeder kämpft mit den Waffen, die ihm genehm sind, dann kann ich so etwas durchaus sportlich sehen und mich komplett raushalten.

Aber weil ich absolut sicher bin, dass der Chef es nicht mit Absicht gemacht hat, zeigt er durch dieses Verhalten nur seinen eigenen, schlechten Charakter.
Die Würde und die Persönlichkeit seiner Mitarbeiter sind ihm vollkommen egal, er behandelt sie wie abstrakte Dinge, Ministerium für Familie und Gedöns, abwertender kann man es kaum ausdrücken.

Der Name eines Menschen ist für mich etwas höchst individuelles und würdevolles, der Mensch wird durch seinen Namen repräsentiert, ohne Namen ist ein Mensch nichts. Dabei ist es zunächst mal egal, ob der Mensch Einfluss auf seinen Namen nehmen konnte oder nicht, der Name steht für den Menschen und umgekehrt. Wenn ich den Namen nicht wertschätze, dann schätze ich auch den Menschen dazu nicht.
Sich selber das Recht herauszunehmen, andererleuts Namen zu verunstalten, empfinde ich als ungemein übergriffig.
Die Entschuldigung "der macht das nicht mit Absicht, der bemerkt das gar nicht", ist aus meiner Sicht nur ein ausdrückliches Armutszeugnis für denjenigen, der sich so verhält.

'Ich bin so trampelig, dass ich ständig Leuten auf die Nase haue, mache das aber nicht mit Absicht, sondern merke das nicht' - ja sach mal, geht's noch? Wenn jemand das nicht merkt, dann hat er einen ganz akuten Mangel an Sozialverhalten - dann kann man ihn vielleicht in einer Schlägertruppe als Hiwi gebrauchen, aber nicht als Chef einer großen Firma.
Und ja, Sozialkompetenz ist eine wichtige Führungskompetenz, wer hier derart eklatante Mängel hat, der taugt eben nicht als Chef.

Jetzt ist es so, dass es durchaus eine Menge Menschen gibt, deren Namen spreche ich auch gerne falsch aus oder mache mich ausführlich über ihre Namen lustig. Frauen mit Doppelnamen sind für mich ein Dauerlästerthema und bei Menschen, die ich nicht leiden kann, finde ich es sehr lustig, ihren Namen zu verballhornen oder so zu tun, als könne ich mir den Namen nicht merken. Aber das mache ich alles in vollem Bewusstsein, grade weil ich Namensverschandelung als Werkzeug gegen diese Menschen verwenden will.

Jemand, der das aber nicht mit Absicht macht, sondern weil es ihm nicht die Mühe wert ist, sich selber besser zu kontrollieren, nun, der fällt bei mir eben einfach nur in die Kategorie "echtes Arschloch" und ich habe exakt Null Lust mit so jemandem wertschätzend zusammenzuarbeiten
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Donnerstag, 21. Januar 2021
Ich würde sagen
Ich höre ja regelmäßig den NDR Podcast "Corona Virus Update" und heute ist mir plötzlich aufgefallen, was mich an Frau Cisek stört bzw. umgekehrt, was ich an Herrn Drosten so toll finde, was aber Frau Cisek nicht liefert: Klare Aussagen.
Frau Cisek benutzt ständig den Konjunktiv oder schränkt ihre Aussagen durch ein kleines Hintertürchen ein.
"Man geht davon aus, dass die Viren diese Eigenschaft haben könnten", "Ich würde empfehlen", "das ist sehr unwahrscheinlich" usw.

Dieselben Sätze lauteten bei Herrn Drosten: "Und wenn man sich die Ergebnisse ansieht, dann liegt es auf der Hand, dass man als Zusammenfassung daraus folgern kann, dass die Viren die Eigenschaften haben.", "Ich rate deshalb", "das ist doch gar nicht vorstellbar"

Im Grunde sagt er genau das gleiche, seine Aussagen klingen aber wesentlich vertrauensfördernder und für mich klingen sie deshalb auch kompetenter, weil souveräner. Ich höre diesen Podcast, weil er mir das Gefühl gibt, dass ich dadurch gut informiert bin. Angst entsteht durch einen Mangel an Information, nur leider ist genau dass das Gefühl, was Frau Cisek bei mir fördert.

Sie hinterlässt bei mir nachhaltig den Eindruck, als ob sie zwar viel weiß, sich selber aber eben doch nicht absolut sicher ist, weil, es könnte ja auch sein, dass..... und jemand, der so vorsichtig und ängstlich ist, dem folge ich ungern in blindem Vertrauen nach, wenn ich selber den Weg nicht beurteilen kann, und der andere ganz offen sagt, dass es eben doch noch Ausnahmen und Besonderheiten gibt, die zwar selten sind, aber es gibt sie halt. Das fördert ja auch nur die Argumente der Querdenker, die sich genau auf diese Einschränkungen stürzen und dann laut propagieren: 90jährige Frau nach Corona-Impfung verstorben. Frau Cisek sagt dazu, dass es nicht geklärt ist, woran die Frau gestorben ist und ob es Zusammenhänge zur Impfung gibt - Herr Drosten kommentiert solche Schlagzeilen dagegen mit: "Das ist doch vollkommener Blödsinn."

Und im übrigen habe ich eine tiefsitzende Abneigung gegen Menschen, die "ich würde sagen" sagen. Unter welchen Umständen würden sie es denn dann eventuell doch nicht sagen?
Ne, bleib mir weg, Menschen die noch nicht mal für ihre eigene Meinung die Verantwortung übernehmen wollen, die sind mir als Ratgeber definitiv zu wackelig.
Sie mag ja eine extrem hohe fachliche Kompetenz besitzen, das kann ich weder beurteilen, noch will ich es anzweifeln, aber ich halte sie für diesen Podcast einfach fehlbesetzt. Sie ist nicht die Frau neben Herrn Drosten, sie ist einfach nur irgendeine x-beliebige, universitär hochrangige Wissenschaftlerin, von deren Sorte es trotz des hohen Elitestatusses viele gibt, die sich im übrigen aber teilweise auch wirr widersprechen. Ihre Hauptqualifikation besteht meiner Meinung nach darin, dass Herr Drosten sie fachlich zu schätzen scheint und das ist sicherlich eine Menge wert und bestimmt eine sehr gute Empfehlung, aber ihre 14tägigen Podcastfolgen finde ich trotzdem um Längen schlechter als die mit Herrn Drosten
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