anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Mittwoch, 5. August 2026
Taco und Nacho
In der Welt der Finanzmenschen sind Akronyme ungemein beliebt, alle möglichen Trends oder Strategien werden mit lustigen Namen belegt, vielleicht ist die Hoffnung dahinter, auf diese Art nicht ganz so abgefuckt und spaßbefreit rüberzukommen, wie es bei Finanzleuten ja leider sehr häufig der Fall ist.

Wie auch immer, zwei der neueren Begriffe finde ich grade sehr lustig, es gibt nämlich eine Investstrategie, die auf "Taco" setzt und eine andere heißt jetzt "Nacho".

Taco steht für "Trumps always chickens out" und meint soviel, dass Trump seine wilden Drohungen eh nie ernsthaft durchsetzt, so dass man immer dann kaufen soll, wenn die Märkte grade mal wieder einbrechen, weil Trump irgendwelche bekloppten Zölle oder was weiß ich welche Sanktionen gegen irgendwen ankündigt. Weil Trump ja sowieso wieder einen Rückzieher macht werden, die Märkte auch wieder steigen. Taco markiert also die perfekten Kaufgelegenheiten und bisher konnte man mit Taco ziemlich zuverlässig Geld gewinnen.

Nacho dagegen steht für "Not a chance Hormus opens" und das bedeutet, dass man besser nicht auf fallende Rohstoffpreise und alles, was damit in Verbindung steht und gut für die Wirtschaft samt ihrer Börsenpreise ist, setzen sollte, eben weil es extrem unwahrscheinlich ist, dass die Straße von Hormus (jemals?) wieder frei passierbar sein wird.

Aktuell steigen die Börsen grade wie bekloppt, weil alle glauben, dass die Amis sich mit den Iranern auf irgendwas einigen werden, ich bin da eher Team Nacho, weil ich mir überhaupt nicht vorstellen kann, dass die Iranis ihren einzigen Trumpf aufgeben, gleichzeitig bin ich aber auch nicht mutig genug, alles zu verkaufen und auf einen Taco-Einstieg zu warten, so dass ich mich für die psychologisch sicherste Lösung entschieden habe: Ich guck nicht hin.

Obwohl, so ganz stimmt das nicht, ich schaue schon hin, es ist allerdings eher so ein durch die Finger linsen und dabei ungläubig auf die aktuelle Depotentwicklung starren, eigentlich kann das alles nicht gutgehen, denn es fehlt jede Substanz dahinter. Aber es ist gleichzeitig auch ein Gefühl wie Achterbahnfahren, während man den steilen Berg hochjagt, wartet man schon auf die irre Schussfahrt ins Tal danach.

Zur Finanzierung des Neubaus habe ich schon früh begonnen, Positionen aus meinem Depot zu verkaufen, um die Liquidität dann als verzinstes Festgeld zu parken, weil nichts ärgerlicher ist, als Aktien zu einem ungünstigen Zeitpunkt verkaufen zu müssen, nur weil man grade Liquidität braucht.

Alle Verkäufe habe ich in eine Watchlist mit dem Titel "verkaufte Aktien" eingetragen. Diese Watchlist ist zum einen das beruhigende Gegengewicht, wenn es wieder bergab geht, denn je weiter diese Liste ins Minus rutscht, umso mehr kann ich mich selber darüber freuen, dass ich diese Verluste alle nicht mehr mitnehme. Sie ist aber auch meine persönliche Selbstbestätigungsmaschine, wenn ich ein bisschen Aufmunterung brauche, denn sie ist wirklich auch bei den aktuellen Börsenständen immer noch mit einem angenehm hohen, fünfstelligen Betrag im Minus, und dann freue ich mich darüber, dass ich per Saldo wirklich alles richtig gemacht habe.

Klar habe ich auch Gewinne liegengelassen. Dieser Fonds mit der künstlichen Intelligenz, den ich im Februar diesen Jahres verkauft habe, weil ich Angst vor der KI-Blase hatte (und habe), der ist natürlich im letzten halben Jahr noch mal um fast 20% gestiegen, diese Gewinne habe ich also nicht mehr mitgenommen, weil ich kalte Füße bekommen habe.

Das ist aber auch der einzige, der seit dem Verkauf noch nennenswert gestiegen ist. Alle anderen sind entweder sogar gefallen oder nur so gering gestiegen, dass sie noch nicht mal den Zinsertrag, den ich in der Zwischenzeit aus dem angelegten Festgeld verdient habe, kompensieren. Hier freue ich mich also jedesmal darüber, dass ich die Dinger los bin.

Mein persönlicher Lieblingswert ist allerdings unverändert Rheinmetall.
Ich habe kurz nach Ausbruch der Corona Pandemie für 5000€ Rheinmetall-Aktien gekauft, weil ich mir damals dachte, dass so eine Pandemie ganz schön gefährlich für den globalen Frieden sein kann. Aufstände, Bürgerkriege, ich hielt das durchaus für wahrscheinlich und die Rheinmetall-Aktie war (so wie alle Aktien kurz nach Ausbruch der Pandemie) auch noch gefallen, ich nutzte also den guten Einstiegszeitpunkt und habe mich dann nicht weiter darum gekümmert.
Knapp zwei Jahre später war die Aktie dann von 60€ auf 90€ gestiegen, ich hatte also schon 50% Plus und freute mich.

Naja, und dann kam der Ukrainekrieg und die Aktie ging komplett durch die Decke.
Man kann also sagen, ich bin ein echter Kriegsgewinnler.
Verkauft habe ich meine komplette Position vor ungefähr einem Jahr, für knapp das 30fache dessen, was ich fünf Jahre vorher dafür bezahlt hatte, weil ich auch hier Sorge hatte, dass dieser abgedreht hohe Kurs auf Dauer nicht zu halten ist.
Danach ist die Aktie zunächst noch weiter gestiegen, aber die letzten 10% gönnt man immer seinem Nachfolger und seit Februar diesen Jahres ging es nur noch bergab. Vor rund einem Monat war sie sogar mal fast 50% unter ihrem Höchststand von letztem Jahr. Ich schaue mir die Werte immer in meiner Watchlist der verkauften Aktien an und freue mich, dass ich wirklich den fast perfekten Ausstiegszeitpunkt gefunden habe.

Dadurch, dass ich ungefähr die Hälfte meines Depots verkauft habe, um die Liquidität gegen ein Wohnhaus in Rheda zu tauschen, habe ich für mich persönlich die perfekte Balance gefunden, um mich über jede Entwicklung der Börsenkurse freuen zu können: Geht es nach oben, freue ich mich, weil ich ja immer noch dabei bin, geht es nach unten, freue ich mich, weil ich immerhin die Hälfte rechtzeitig in Sicherheit gebracht habe.

Und weil ich außerdem mein Depot inzwischen mit einem starken Schwerpunkt auf Dividendenaktien strukturiert habe, können mir die Börsenschwankungen sowieso fast egal sein, da substanzstarke Dividendenwerte auch ausschütten, wenn der Kurs eingebrochen ist.

Meine aktiven Zeiten am Finanzmarkt sind also ganz sicher vorbei, ich bin im Grunde nur noch ein relativ gut abgesicherter Beobachter und auch wenn ich Taco und Nacho echt witzig finde, so bin ich doch sehr froh, dass ich das alles komplett meinungslos an mir vorbeiziehen lassen kann
.

292 x anjeklickt (...bisher hat noch niemand was dazu gesagt)   ... ¿selber was sagen?


Samstag, 18. Juli 2026
Jens Spahn und Rente
Um das, was mir grade aus aktuellem Anlass vor die Füße gefallen ist und heute intensiv durch alle Medien geistert, um das auch gleich als erstes zu kommentieren:
Jens Spahn ist für mich der Inbegriff eines Politikers, den man wirklich nicht gebrauchen kann, wenn man von der Politik eine offene, grade und transparente Kommunikation erwartet. Und zwar deshalb nicht, weil er selber davon überzeugt ist, dass Wasser predigen und Wein saufen keine Verfehlung ist, wenn es nicht illegal ist.
Der Typ hat tatsächlich keinerlei Unrechtsbewusstsein, weil er aus seiner Sicht nichts Verbotenes getan hat.

Er war gestern bei Paul Ronzheimer im Podcast und hat ausführlich dargelegt, dass er überhaupt nichts Illegales getan hat, weil blablablubb und dass für sein Privatleben andere Regeln gelten als für ihn als Mitglied einer Partei, wo er schließlich dem Fraktionszwang folgen müsse.

Ich meine, wenn die gewählten Abgeordneten eh nicht ihre persönliche Meinung vertreten dürfen, noch nicht mal öffentlich sagen dürfen, dass sie das privat anders sehen, ja warum besetzen wir die Posten dann nicht alle mit irgendwelchen KI-Chatbots, kommt dann doch aufs Gleiche raus und ist billiger.

Ich habe sehr selten politische Meinungen, weil es mir schwerfällt, mich in Positionen einheitlich festzulegen, wenn es sowohl für die eine als auch für andere Seite sehr gute Gründe gibt und ich beides nachvollziehen kann.

In diesem Fall habe ich deshalb sehr neugierig diesen Podcast angeklickt (war in einem Kommentar der Zeit verlinkt), weil ich unbedingt wissen wollte, wie Herr Spahn seine Sicht der Dinge darstellt und wieso sein Verhalten aus seiner Sicht kein Problem sein könnte.

Nach den 30 Minuten Podcast habe ich allerdings nur leicht fassungslos den Kopf geschüttelt und mich gewundert, wie sich so ein Mensch so lange so weit oben in der Politik halten konnte und was das für die Politik als System bedeutet.

Unabhängig davon, dass ich es niemals in Ordnung finde, ein Kind als Instrument zu benutzen, um sein persönliches Lebensglück zu finden, weil ich das extrem egoistisch und in gewisser Weise auch menschenverachtend finde, denn wie das Kind das findet (finden wird), derartig vereinnahmt zu werden, scheint allen Beteiligten ja völlig egal zu sein, schließlich wird es ab sofort mit Liebe überhäuft und was kann es sonst noch wollen.

Dass es später mit der Last leben muss: "Ich habe meine Karriere für dich geopfert." finde ich auch nicht unwichtig, genausowenig wie die Tatsache, dass es zwei ziemlich alte Elternteile hat (beide Mitte vierzig, wenn es Frauen wären, würde man sagen "äußerst spätgebärend" und wenn das Kind in die Pubertät kommt, sind seine Eltern beide fast 60, tja.) und es insgesamt schon vom ersten Tag seines Lebens durch die Umstände seiner sich selbst und ihr Lebensglück verwirklichen wollenden Eltern zu einem extrem exponierten, "anderen" Leben gezwungen wird, all das sind Gründe, die will ich nicht werten, denn das geht mich nichts an und wird irgendwann sowieso zwischen dem Kind und seinen Eltern diskutiert werden, not my cup of tea, aber dass einer unserer führenden Politiker ein derart bigottes Verhalten offensichtlich komplett in Ordnung findet, weil es ja nicht illegal ist, wenn man sich mit Kohle im Ausland etwas kauft, was im Inland nicht produziert werden darf, weil er es als Politiker selber verboten hat, nun, das schockiert mich schon.

In diesem Fall ist es also der Mensch Jens Spahn als solches und die Partei, die so einem Menschen eine so exponierte, politische Verantwortung zugeschustert hat, die mich betroffen macht.

Ansonsten fühle ich mich von vielen politischen Themen oft nur eingeschränkt betroffen, weil ich sehr oft weiß, dass ich es eh nicht verhindern kann und meine Energie dann lieber in Lösungen stecke, wie ich für mich und meine Umgebung einen Weg finde, damit umzugehen, statt mich zu dem Thema selber zu positionieren.

Grundsätzlich gehe ich Themen auch lieber rational an und finde die oft emotional geprägte Auseinandersetzung damit nur anstrengend. Ja, ich weiß, viele Leute reagieren hier anders und in der Politik ist das offensichtlich auch kein üblicher Ansatz. Vielleicht entsetzt mich das Benehmen von Herrn Spahn deshalb auch so, er hätte es doch wissen müssen, verdammt!

Wirtschaftspolitik z.B. ist etwas, bei dem ich die volkswirtschaftlichen Aspekte und Folgen meist sehr gut überschauen und verstehen kann, aber überhaupt kein Interesse daran habe, mir zu überlegen, wie man unbeliebte, aber rational notwendige Beschlüsse politisch sinnvoll verkauft.

Sozialpolitik wird sehr häufig mit Wirtschaftspolitik verknüpft, in den meisten Fällen verdrehe ich die Augen, weil ich die Lösungen bzw. die notwendigen Folgen entweder komplett anders sehe oder komplett anders begründen würde.

Rente z.B. ist so ein Thema, wo ich wirklich nur noch die Augen verdrehen kann, weil ich die Kommunikation, die dazu stattfindet, hinten und vorne nicht begreife.
Dabei lässt sich die aktuelle Rentenformel doch wirklich mit einem Satz zusammenfassen:
Die Leute bekommen alle mehr raus als sie selber eingezahlt haben.

Da habe ich grundsätzlich gar nichts gegen, aber den allermeisten Rentnern ist nicht klar, dass ihre Rente zu einem Großteil auch nur eine Sozialleistung des Staates ist, die sie sich beileibe nicht selber verdient haben.
Wer also stolz darauf ist, nie dem Staat auf der Tasche gelegen zu haben, sollte sich spätestens als Rentner klar machen, dass er jetzt eben doch zu einem Gutteil vom Staat lebt.

Als ich Mitte der 80er BWL studierte und dabei unter anderem auch das Fach "Rentenberechnung" belegt hatte, wurde mir vor 40 Jahren schon klar, dass es vollkommen ausgeschlossen ist, dass das Konzept der damaligen (und bis heute immer noch aktuellen!) Rentenformel auf Dauer funktionieren kann. Es ist einfach mathematisch nicht möglich.
Aus genau diesem Grund habe ich mir von Anfang an maximal viel Mühe gegeben, so wenig wie möglich in die Rentenkasse einzuzahlen und mich stattdessen lieber um eine privat organisierte Altersvorsorge gekümmert. (Und nein, ich meine nicht mein Versorgungswerk, davon habe ich mich auch freistellen lassen.)

Ich würde das heute meinem damaligen Ich exakt genauso immer noch raten, auch wenn ich ehrlich gesagt schon ein wenig erstaunt bin, dass das Rentensystem immer noch so weiterläuft wie vor 40 Jahren, ich hätte schon viel eher damit gerechnet, dass es hier massive Änderungen gibt und sei es eben auch nur, dass die Renten auf ein entsprechendes Niveau gesenkt werden und jeder, der mehr haben will, dann eben Sozialhilfe/Aufstockung beantragt, oder von mir aus auch einfach nur zwei Bescheide bekommt: Einen Rentenbescheid mit dem Betrag, den er sich selber verdient hat und einen Sozialbescheid, in dem steht, wie viel ihm der Staat aus Steuermitteln dazugibt.

Es ärgert mich nämlich, wenn viele dieser gutbezahlten Rentner meinen, sie haben es sich selber verdient.
Ne, haben sie halt nicht.

Nach dem Krieg funktionierte das System der Rente allerdings noch bestens, da gab es kaum Rentner, dafür viele aktive Arbeitnehmer und so wurde kurzerhand der sogenannte "Generationenvertrag" erfunden, der besagt, dass aus den Beiträgen der aktiven Arbeitnehmer die laufenden Rentenzahlungen bezahlt werden. (Also das bis heute gültige Umlagesystem, weil ein Kapitaldeckungssystem aufgrund fehlender Einzahlungen vor dem Start damals bedeutet hätte, dass der Staat die fehlenden Beträge zuschießt, die er damals nicht hatte.)

Dass so ein Generationenvertrag nur funktioniert, wenn es deutlich mehr Arbeitnehmer als Rentner gibt, kann sich jeder sofort ausrechnen, wenn man weiß, dass das Rentenniveau grade eben noch mit 48% festgeschrieben wurde. Vereinfacht ausgedrückt bedeutet das, dass ein durchschnittlicher Rentner knapp die Hälfte (48%) seines bisherigen Lohns als Rente bekommt. Da die Beiträge zur Rentenversicherung aber weniger als 20% betragen (18,6% zur Zeit), braucht es mehr als zweieinhalb aktive Arbeitnehmer, um einen Rentner zu bezahlen. Bei einer umgedrehten Alterspyramide und Rentnern, die eine immer längere Lebenserwartung haben, kann das nicht gutgehen.

Wenn man dazu noch bedenkt, dass wir große Mengen an Menschen haben, die nie oder nur wenig in die Rentenkasse eingezahlt haben, aber natürlich gleichberechtigt mit verrentet werden, wird das Minus in der Rentenkasse noch größer.

Es reicht ja, wenn man nur überschlägig mit gerundeten Zahlen rechnet, damit man eine Vorstellung davon bekommt, wie sich das mit der Rente und der Gegenfinanzierung durch Einzahlung errechnet, damit jeder nachvollziehen kann, dass heutige Rentner mehr Rente ausgezahlt bekommen als sie selber je eingezahlt haben.

Sagen wir also die Beiträge zur Rentenversicherung betragen 20% und die Rente beträgt nachher 50% des Arbeitslohnes, dann muss jeder Arbeitnehmer zweieinhalb mal länger arbeiten als er Rente bekommt, wenn die Rente aus seinen eigenen Einzahlungen bezahlen werden soll. (20% x 2,5Jahre = 50%).

Um 10 Jahre Rente zu beziehen, muss man also schon 25 Jahre in die Rente eingezahlt haben.
Wenn man sagt, dass ein Rentner vielleicht durchschnittlich 20 Jahre Rente bezieht, dann muss er 50 Jahre Rentenbeiträge eingezahlt haben, um seine eigene Rente eingezahlt zu haben. Zinseszinseffekte nivellieren sich mit Lohn- und Rentenerhöhungen, das habe ich zur Vereinfachung unterstellt.

Und tja nun, aber 50 Jahre ist wohl eher kein typischer Einzahlungszeitraum und wenn man bedenkt, dass "besonders langjährig Versicherte" nach 45 Jahren Einzahlung schon mit 63 in Rente gehen (konnten?), heißt das, dass hier an beiden Seiten gekürzt wurde: Die Leute arbeiten kürzer und beziehen länger Rente - das kann nur funktionieren, wenn der Staat aus Steuermitteln aufstockt.

Für Akademiker, die teilweise erst mit 30 beginnen, in die Rente einzuzahlen, kann es überhaupt nicht mehr funktionieren und sonstige Rentenzahlungen für Nichteinzahler oder Nichteinzahlungszeiten (Ausbildung, Kindererziehung, Mütterrente) müssen logischerweise auch vollständig aus einem anderen Budget finanziert werden.

Um es noch mal klarzustellen: Es geht mir überhaupt nicht um die Höhe der Rente an sich, das ist mir ziemlich egal, ich finde es nur nicht okay, dass nicht ganz klar gesagt wird, dass der normale deutsche Rentner sich seine Rente nicht durch seine eigene Arbeit verdient hat, sondern dass ein Großteil aus ganz normalen Steuergeldern finanziert wird.
Genauso wie das Bürgergeld.

Aber wahrscheinlich habe ich nur völlig verdrehte Vorstellungen von dem, wie Politik kommuniziert und funktioniert. Ein bisschen beruhigt mich allerdings, dass sich auch Jens Spahn diesmal vertan hat
.

568 x anjeklickt (...bisher hat noch niemand was dazu gesagt)   ... ¿selber was sagen?


Mittwoch, 24. Juni 2026
Neuer Lesestoff und neue Blogs
In letzter Zeit kommt es immer wieder mal vor, dass ich "freie Zeit" habe, also Zeit, die sich nicht automatisch mit Beschäftigungen füllt, auf die ich entweder grade Lust habe oder die nun mal dringend getan werden mussten.

Das liegt zum einen daran, dass es zwar noch eine Liste mit wichtigen to-dos gibt, aber die aktuellen Todeslinien (Detleins las ich neulich bei Herrn Carsten und freute mich sehr über dieses wunderschöne Wort) also diese Termine der Dringlichkeit liegen zur Zeit in einer überschaubaren Zukunft d.h. ich kann sie schieben, ohne dass sofort die Welt untergeht. Und selbstverständlich wird dann geschoben.

Zum anderen liegt es aber auch daran, dass ich es tatsächlich geschafft habe, bei meiner absoluten Lieblingsbeschäftigung, nämlich dem Nichtstun, eine gewisse Sättigung erreicht zu haben, ein Umstand mit dem ich so schnell (nur eindreiviertel Jahre nach dem Büro-Ende) nicht gerechnet hätte.

Aber, was soll ich sagen, meine aktiven und meine passiven Zeiten haben sich inzwischen ganz gut eingependelt und wenn nicht grade besondere Aktivitäten mit schlafentziehender Terminierung anstehen, fühle ich mich nach durchschnittlich 8-10 Stunden Schlaf pro Tag in der Regel einigermaßen ausgeschlafen.

Im Umkehrschluss heißt das, dass da ca. 14-16 Stunden pro Tag übrig sind, in denen ich wenigstens so weit wach bin, dass ich es als angenehm empfinde, mich mit irgendwas zu beschäftigen.

Okay, bestimmt 2-4 Stunden davon gehen immer noch locker für Nichtstun drauf, d.h. ich beschäftige auch meinen Kopf nicht, sondern ich sitze oder liege nur irgendwo rum und genieße es, einfach nur so sitzen oder liegen zu können, ohne dass mich jemand oder etwas drängt, etwas zu tun. Der Mensch aus dem berühmten Loriot-Sketch wäre sicherlich sehr neidisch auf mich, aber mein Westfalenmann taugt nicht zur nervigen Ehefrau und seitdem es sich als normal eingebürgert hat, dass er die Hundespaziergänge erledigt, weil ich Spazierengehen hasse, ist auch das Thema vom Tisch.

So im Durchschnitt bleiben dann aber immer noch rund 12 Stunden, die ich in irgendeiner Form mit aktiver Tätigkeit verbringe und da gibt es halt immer mal wieder den einen oder anderen Tag, wo ich tatsächlich überlege, was ich denn jetzt wohl als nächstes tun könnte.

Nicht, dass mir langweilig wäre, davon bin ich wirklich noch sehr weit entfernt, aber ich merke zwischendurch, dass mein intensiver Drang vor allem Nichtstun als Hauptbeschäftigung zu favorisieren, abnimmt.

Meine zweite, absolut immer funktionierende Lieblingsbeschäftigung ist Lesen.
Früher, als es hauptsächlich Bücher als Lesestoff gab, las ich natürlich Bücher, meist vier oder fünf gleichzeitig, die überall deponiert waren, wo ich mich üblicherweise länger als zwei Minuten aufhielt und damit eine Möglichkeit zum Lesen hatte.

Was für die meisten heute das Smartphone ist, waren für mich schon immer Bücher. Ich hatte eigentlich immer eines griffbereit in der Nähe und las oft verdeckt, weil Lesen nur geduldet wurde, wenn sonst keine andere aufmerksamkeitsfordernde Tätigkeit offiziell getan wurde. (Auch hier kein Unterschied zur Smartphonenutzung heutzutage).
In der Schule las ich mein eigenes Buch unterm Tisch, beim Essen halb unter der Serviette, in der Kirche versteckt im Gesangbuch, zum Glück gab es die kleinen gelben Reclambüchlein, die hatten die perfekte Größe, und natürlich auf dem Klo, da konnte ich zwar unversteckt lesen, wurde aber regelmäßig weggescheucht, weil jemand anderes auchdort lesen wollte diese Einrichtung benutzen wollte.
Und natürlich las ich auch früher schon beim Fernsehen parallel immer noch ein Buch, man kann doch nicht nur auf den Bildschirm starren, wo die Geschwindigkeit der Handlung fest vorgegeben ist, wie langweilig ist das denn.
Ich glaube, ich setzte mich vor allem deshalb mit vor den Fernseher, weil mir zum fernsehschauen das längere Aufbleiben offiziell gestattet war und dort konnte ich deutlich bequemer lesen als im Bett mit der Taschenlampe unter der Bettdecke, was sonst meine abendliche, übliche Lesehaltung war.

Was ich nur sehr wenig las, waren Zeitungen (sozusagen nie, die Texte war immer so langweilig geschrieben und interessierten mich nicht) und Zeitschriften, die kaufte bei uns niemand, die waren nämlich zu teuer.
Beim Kieferorthopäden, wo ich regelmäßig im Wartezimmer Zeit verbrachte, lagen Micky Maus-Hefte aus, die fand ich interessant. Ich hatte sonst keinen Zugriff auf Comics (zu teuer, ich sagte es) und in der Bücherei gab es die nicht.

Im Sommer las ich in meiner Jugend dann allerdings doch ausführlich Zeitschriften, vor allem so etwas wie das Goldene Blatt und ähnliche, denn wenn ich der Oma in der Pension beim Saubermachen der Zimmer half, rettete ich immer die weggeworfenen Zeitschriften der Gäste aus den Papierkörben, so kam ich früh an wichtige Informationen über alle Königshäuser und was man da sonst so daraus lernen konnte.

Meine Mutter kaufte sich ab und zu die Brigitte, die las ich dann auch, aber als ich selber dafür hätte Geld ausgeben müssen, war es mir das meistens nicht wert.

Überhaupt fand ich das Preis-Leistung-Verhältnis von der Menge an Text im Vergleich zum Preis der Zeitschriften schon immer sehr schlecht. Den meisten Platz in Zeitschriften nehmen immer irgendwelche Bilder ein, aber so ein Bild hat man doch mit einmal angucken wegkonsumiert, wieso soll man dafür soviel Geld bezahlen?
Zudem war der Text sehr häufig überraschend schlecht geschrieben.

Dieser Umstand, dass es also stilmäßig oft einen großen Unterschied macht, ob ein Text mit oder ohne Bilder daher kommt, hat mich schon früh fasziniert und ich habe noch nie verstanden, wieso jemand unbedingt Texte schreiben muss, der doch eigentlich gar nicht schreiben kann.
Aber wahrscheinlich ist genau das der Unterschied zwischen einem Journalisten und einem Schriftsteller. Journalisten setzen andere Schwerpunkte, sie wollen im Zweifel vor allem Aufmerksamkeit verkaufen und dafür braucht es keinen guten Schreibstil.

Die Gründe, weshalb Menschen Journalist geworden sind, sind sicherlich vielfältig, im Zweifel habe ich da wahrscheinlich verkehrte Vorstellungen, dass aber Journalisten zur Berufsausübung gut schreiben können müssen, ist ganz bestimmt keine notwendige Voraussetzung. Das Thema hatte ich neulich schon mal, weil ich mich immer freue, wenn ich dann doch mal Journalisten finde, die richtig gut schreiben können.

Dass es zwischen dem Drang einzelner Menschen, gerne selber unbedingt etwas schreiben zu wollen und der Fähigkeit, etwas zu schreiben, was andere dann auch gerne lesen wollen, dass es zwischen diesen beiden Polen oft keine oder nur eine sehr kleine Schnittmenge gibt, das habe ich schon oft bestaunt.

Ich habe eine Cousine, die träumt davon, Schriftstellerin zu sein. Einen großen Teil ihrer Freizeit verbringt sie mit schreiben und schickt ihre Manuskripte dann an Verlage, die sie allerdings systematisch immer wieder ablehnen. Irgendwann schickte sie mir auch einmal eines ihrer Buchmanusskripte, weil ich beruflich sehr viel mit einem Verlag zu tun hatte und hoffte, dass ich dort für sie ein gutes Wort einlegen könnte.

Ich las ihr Buch und grübelte dann tagelang an einer Formulierung, wie ich ihr so schonend wie möglich, aber auch so klar wie nötig beibringen könnte, dass ich wenig Hoffnung für sie und eine Schriftstellerkarriere sehe, weil sie halt einfach nicht schreiben kann. Das, was sie da als Text fabriziert hatte, war auf dem Niveau einer Fünftklässlerin, der der Lehrer dann eine gut gemeinte 3 für ihren Aufsatz gibt.

Wahrscheinlich ist es mit dem Drang, unbedingt schreiben zu wollen, sich also schriftlich zu verwirklichen, so ähnlich wie mit dem Drang vieler anderer Hobbykünstler, Maler oder Musiker zu sein.
Können und Kunst haben das große K gemeinsam und schon Karl Valentin sagte, Kunst kommt von Können, sonst hieße es Wunst, aber es ist halt immer so eine Sache mit dem Beurteilen der eigenen Fähigkeiten.

Neben dem Impostor-Syndrom gibt es auch den Dunning-Kruger-Effekt und nun ja, für Außenstehende ist es einfacher, jemanden darin zu bestärken, dass er wirklich gut genug ist als ihm zu erklären, dass es bei ihm leider nicht reicht.


Wie bin ich da überhaupt drauf gekommen? Ach so, ich habe in letzter Zeit öfter mal Zeit, in der ich gerne etwas lesen möchte und suche deshalb aktiv nach weiterem Lesestoff.

Richtige Bücher liegen noch in großer Menge auf meinem SuB (Stapel ungelesener Bücher), oft will ich aber nur so ein kleines Teil Text lesen, nicht gleich 300 oder mehr zusammenhängende Seiten Text, deshalb lese ich sehr gerne Blogs.
Und in letzter Zeit habe ich öfter mal in neue Blogs reingeschaut, einfach weil ich in letzter Zeit genau dafür gefühlt mehr Zeit habe als früher.

Auf der Suche nach neuen Blogs habe ich Rivva (wieder)entdeckt, dort klicke ich mich immer mal wieder durch die aktuellen Blogs und habe so in den letzten Monaten viele andere Blogs gefunden, in denen ich neugierig gestöbert habe.

Natürlich bewegen sich viele Blogs entweder inhaltlich, einige aber auch stilmäßig in Sphären, die mit meinen Leseerwartungen wenig Berührungspunkte habe, das stellt man aber schnell fest, wenn man sich ein wenig auf dem jeweiligen Blog umschaut und irgendwann überscrollt man diese Blogs dann einfach, egal wie oft sie im aktuellen Feed auftauchen.

Frank Westphal, der Vater von Rivva, ist grade dabei, eine neue Blogsupersuchmaschine zu entwickeln, just heute startete er die Plattform für die interessierten Unterstützer, wo Ideen und Anregungen ausgetauscht werden sollen.

Und auch wenn ich überhaupt keinerlei technisches Verständnis habe, wie so etwas programmiert oder gehostet wird, bin ich doch sehr gerne einfach nur als künftiger Nutzer dabei und freue mich, wenn ich ein so sinnvolles Projekt vielleicht ein ganz klein wenig unterstützen kann
.

699 x anjeklickt (...bisher hat noch niemand was dazu gesagt)   ... ¿selber was sagen?


Mittwoch, 20. Mai 2026
Good attitude
Felix hat den Text zu seiner Session auf der republica online gestellt und er gefällt mir erwartungsgemäß sehr, denn ich hatte mir ja bereits schon vorher nur aus der Überschrift seines Beitrages: "Die Welt ist scheiße - und das ist auch gut so" zusammengereimt, dass seine Kernthese sein wird, dass man sich doch einfach nicht so darüber aufregen solle, wie schlimm alles grade ist, weil es dadurch ganz sicher nicht weggeht.

Da der Titel zwangsläufig Assoziationen zu dem bekannten Spruch von Klaus Wowereit hervorruft, ist die Ableitung, dass Felix ein starkes Plädoyer für mehr Gelassenheit vortragen wird, sehr naheliegend, denn was bringt es, sich über etwas aufzuregen, was man eh nicht ändern kann und ist es nicht viel konstruktiver, nach den positiven Aspekten der Situation zu schauen und daraus dann das Beste zu machen?

Genau das führt Felix dann auch sehr anschaulich und vor allem unterhaltsam aus, ich finde seinen Text und seinen Vortrag (also den inhaltlichen und den "optischen" Teil) super, weil es natürlich auch exakt meiner Lebensphilosophie entspricht.

Mein Lebensmotto ist seit fast 50* Jahren
Love it, leave it or change it.

* Unfassbar, aber so lange ist es schon her, dass ich damals diesen Spruch auf einem T-Shirt in London sah, der seitdem nachhaltig mein Leben prägte

"Leave it" beinhaltet auch "ignore it", was die beste Voraussetzung ist, sich nicht aufzuregen, denn: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.

Ich bin genau wie Felix der Meinung, dass die Welt zur Zeit auch nicht scheißiger ist als sie immer schon mal war und fokussiere mich deshalb lieber auf das, was heute viel besser ist als früher, bin aber gleichzeitig auch froh, schon so alt zu sein wie ich bin.

Wenn die Welt in den 80ern schon so gewesen wäre wie sie heute ist, hätte ich andere Prioritäten in meinem Leben setzen müssen und da ich alles in allem mit meinem Leben, so wie es bisher verlaufen ist, sehr zufrieden bin, habe ich kein Interesse daran, dass es anders hätte sein müssen.

Andererseits: Wenn die Welt schon in meiner Jugend so gewesen wäre, oder, anders ausgedrückt, wenn ich heute in meinen Zwanziger wäre, dann würde ich eben heute versuchen, aus der aktuellen Situation das Beste zu machen und ich bin fest davon überzeugt, dass das gelingen kann.
Ich denke, es kommt vor allem auf die richtige Einstellung an und nicht so sehr auf die Begleitumstände.

Klar fährt es sich mit Rückenwind bequemer, wenn der Wind aber nun mal von vorne kommt, dann lebe ich halt damit und suche mir die passenden Vorteile, die es mir erlauben, zufrieden zu sein.
Denn auch Gegenwind hat Vorteile, man trainiert seine Ausdauer und sein Lungenvolumen und spart sich so die lästige Cardio-Fitness im Studio. Nur als Beispiel.

Ich mag es, glücklich zu sein und weil ich Team "Glück ist eine Entscheidung" bin, freue ich mich regelmäßig nicht nur darüber, wie gut es mir geht, sondern vor allem auch darüber, was als theoretisch schlimme Möglichkeit bisher alles nicht passiert ist und dass es mir mit jeder Minute, die vergeht, eine Minute länger gut geht und alleine das ist doch so grandios, dass man es gar nicht oft genug feiern kann.

Und je älter ich werde, umso länger halte ich die Bälle schon fehlerfrei in der Luft und das ist doch wirklich phantastisch.

Felix nutzt das Bild des halbvollen Glases, das den Vorteil hat, dass da noch was reinpasst. Da ist noch Platz für Verbesserungen, das ist doch super.
Das kann ich sehr gut nachvollziehen, denn ich ärgere mich regelmäßig darüber, wenn mein Glas ganz voll ist und nichts mehr reinpasst, dabei macht doch grade das Nachfüllen besonders viel Spaß. Wenn ich also auf dem Flohmarkt stehe und es tolle Sache für sozusagen kein Geld zu kaufen gibt, ich aber einfach nichts mehr brauche, weil ich wirklich schon alles habe. Wie gemein kann das sein.

Wenn man dagegen nur ein halbleeres Glas sieht und sich ärgert, dass die Hälfte fehlt, steht man sich selber gnadenlos im Weg. Das ist nicht nur dumm, sondern raubt einem auch die Energie, sich um Verbesserungen zu bemühen, weil Ärger entsetzlich viel Energie kostet und überhaupt keinen sonstigen Vorteil hat.

Ich teile also Felix Einstellung absolut, die Zeiten könnten noch viel, viel schlimmer sein, lass uns das Beste aus dem machen, was grade möglich ist. Und das Beste erreicht man nur, wenn man eine "good attitude" hat (einer dieser englischen Begriffe, für den ich noch nie das perfekte deutsche Äquivalent gefunden habe.)

Aber "good attitude" meint so ziemlich exakt das, was Felix auch versucht zu beschreiben: sich nicht ständig über Dinge aufregen, die man eh nicht ändern kann, sondern stattdessen lieber mit Energie die Dinge in Angriff nehmen, bei denen man mit einer guten Wahrscheinlichkeit eine Chance hat, sie zu verbessern
.

609 x anjeklickt (2 mal hat hier schon jemand geantwortet)   ... ¿selber was sagen?


Mittwoch, 13. Mai 2026
Erben
Auch heute habe ich den Tag sehr langsam angehen lassen und bin erst gegen Mittag aufgestanden, aber statt irgendwas zu lesen, habe ich heute Mediathek geschaut.

Wenn ich alleine im Bett liege und etwas aus der Mediathek sehen will, reicht mir mein iPad als Bildschirm völlig, es hat vor allem den Vorteil, dass die Mediathek auf dem iPad viel bequemer zu starten und zu steuern ist und ich kann es mir so dicht vor die Nase halten, dass ich problemlos alles erkennen kann.

Es gibt in der ZDF-Mediathek die Serie "Die Wahrheit über" und hier habe ich mir die allererste Folge "Die Wahrheit übers Erben" noch einmal angeschaut. Ich hatte die Doku 2021 schon gesehen, mir war aber danach, es noch mal anzuschauen.

"Die geheime Welt der Superreichen" und "Die geheime Welt des Adels" sind auch aus dieser Staffel und beide gleichermaßen beeindruckend, denn sie zeigen eine Welt, die man sich sonst eigentlich gar nicht vorstellen kann.

In der "Erben-Folge" kommen keine Superreichen vor, nur "Hochvermögende", das ist die Reichtumsklasse unter Superreich, also alle Leute mit mehr als 100 Millionen Vermögen, Superreich ist man erst ab mindestens 1 Milliarde Vermögen.

Die Hochvermögenden halten sich nicht für besonders reich, denn sie sehen ja die Superreichen, die alle noch deutlich viel reicher sind als sie, so dass sie alle das Gefühl haben, sie sind doch ganz normale Leute.

Ein Satz gleich zu Anfang hat mir gefallen, als der Reporter (Louis Klamroth) von einem Treffen mit einem erwachsenen Sohn aus so einer hochvermögenden Familie erzählte, der meinte, er führe ein ganz normales Leben, und Louis Klamroth das kommentierte mit: Sein Normal ist nicht mein Normal.

Interessant fand ich auch eine Szene, in der er mit drei Erben aus hochvermögenden Familien sprach und sie fragte, ob es etwas gäbe, was sie sich nicht leisten könnten und alle drei völlig spontan und überzeugt sofort "Ja selbstverständlich. Ständig. Unentwegt" antworteten, aber keiner etwas Konkretes nannte, sondern nur sehr fest davon überzeugt waren, dass es ganz viele Dinge gibt, die sie sich nicht leisten können.

Klamroth bohrte dann mehrfach nach und fragte nach Beispielen, alle drei wichen immer wieder aus und versuchten mit "Es gibt ganz vieles, was ich mir nicht leisten kann" eine exakte Antwort zu vermeiden.
Es endete damit, dass schließlich einer sagte:"Na, es gibt doch immer etwas Neues, das bessere Auto, ein größeres Schiff, ein Flugzeug, eine tollere Reise. Ich mache Instagram auf und dann will ich das sofort alles haben."

An der Stelle wurde mir klar, wieso ich mich, mit einem Vermögen, das auch von hochvermögend noch 100 Millionen Euro weit entfernt ist, wieso ich mich trotzdem richtig reich fühle, denn ich will das alles gar nicht haben.

Ich habe sozusagen keinen Ausgabebedarf, ich will ja noch nicht mal bei Rewe einkaufen, weil ich mich bei Lidl wohler fühler.
Ich möchte bitte nicht in Urlaub fahren müssen, essen gehen reizt mich auch nicht sehr, Anziehsachen machen mir eigentlich nur Spaß, wenn ich sie auf dem Flohmarkt kaufen kann und mein Auto werde ich fahren, bis es tot unter mir zusammenbricht, denn das gibt es nicht mehr in neu und ein anderes will ich nicht.

Das einzige, wofür ich grade ziemlich viel Geld ausgebe, dass ist der Bau des Hauses - aber wenn es fertig ist, spare ich mir dafür eine Menge Miete und dann sinken meine monatlichen Ausgaben wahrscheinlich auf einen dreistelligen Betrag, weil es einfach nichts gibt, was ich sonst noch so kaufen wollen würde.

Ob man sich reich fühlt bzw. wie reich man sich fühlt, hängt wohl vor allem davon ab, mit wem man sich vergleicht und woran man sich orientiert.

Ich kann mir auf alle Fälle alles kaufen, was ich haben möchte und das ist doch schon fast mehr als superreich, oder?

Das Thema "Erben" sehe ich vor allem seitdem ich die Folge mit dem Adel geschaut habe, noch viel kritischer als eh schon immer.
Diese Adelsfritzen meinen doch ernsthaft, es gäbe so etwas wie ein "Geburtsrecht" und sorry, aber das finde ich derart abstrus, dass ich mich nur schaudernd abwenden kann
.

288 x anjeklickt (...bisher hat noch niemand was dazu gesagt)   ... ¿selber was sagen?


Montag, 6. April 2026
Heimatgefühle und Verlustängste
Der Ginster beginnt zu blühen

Der Ginster beginnt zu blühen

und plötzlich habe ich einen Ohrwurm

Wa de Nordseewellen
trecken an de Strand,
wa de geele Ginster
bleuht in Dünensand,
wa de Möwen skrien
hell int Störmgebrus,
da is miene Heimat,
da bin ick tau Hus.

Ich suche online nach diesem Lied und lerne, dass es im Original wohl die Ostseewellen waren, die besungen wurden, was mich fasziniert, denn ich habe früher sogar lange gedacht, dass es extra für Borkum geschrieben wurde, schließlich sang/singt der Borkumer Männerchor es bei jeder Gelegenheit
Dann hörte ich irgendwann die Version von Lale Andersen, die ein ganz seltsames Platt singt (Festland.....) und ich begriff, dass es wohl doch nicht speziell für Borkum geschrieben wurde.

Und jetzt also sogar eigentlich für die Ostsee, na sowas, geklautes Heimatlied, Sachen gibt's.
Trotzdem läuft mir das Lied nach, seit dem ich den Ginster gesehen habe.

Sonst so:
Gestern habe ich noch gesagt, ich möchte einen Artikel aus dem Spiegel lesen - heute ist er schon in meinem E-Mail-Postfach, was für ein wundervoller Bloggerservice, vielen herzlichen Dank.

Am Vormittag habe ich lange mit meiner Tochter telefoniert und unter anderem sprachen wir über das Thema "Verlustangst". Sie sagt, sie möchte lieber nicht so viele oder so tolle Dinge haben, weil dann ja die Gefahr besteht, dass sie die nicht auf Dauer behalten kann bzw. sich eine Ersatzbeschaffung nicht leisten kann und dann wäre sie unzufrieden, weil sie dann ja wüsste, was ihr fehlt. Um diese Unzufriedenheit nicht zu riskieren, möchte sie sich lieber gar nicht erst an besonders gute Dinge gewöhnen.

Ihr Beispiel waren Falke-Socken. Bevor sie Falke-Socken kennenlernte, war sie auch mit den einfachen Socken vom Discounter zufrieden, weil sie ja nichts anderes kannte. Aber dann schenkte ich ihr FalkeSocken und jetzt findet sie die billigen Socken nicht mehr gut und muss für immer die teuren FalkeSocken kaufen, weil die FalkeSocken ihren Geschmack nach oben verdorben haben.

Mich fasziniert diese Einstellung, weil ich komplett anders ticke. Ich möchte immer genau wissen, was es für besonders edle und hochwertige Dinge gibt, damit ich weiß, wonach ich auf dem Flohmarkt gezielt Ausschau halten muss. Wenn ich die besonders gute Markenkleidung gar nicht kenne, kann ich sie auch nicht erkennen und irgendwie geht dann viel vom Sinn des Flohmarktes für mich verloren.
Ich kaufe meine Kleidung ja nicht auf dem Flohmarkt, weil ich dringend etwas zum Anziehen brauche, sondern weil ich eben den Genuss, richtig hochwertige Kleidung zu tragen, sehr schätze, aber nicht bereit bin, dafür den regulären Preis zu bezahlen.

So ähnlich geht es mir auch mit Weinen, das erzählte ich neulich schon mal, denn ich kann die richtig guten Weine beim Discounter ja nur dann erkennen und finden, wenn ich überhaupt weiß, wie ein richtig guter Wein schmecken kann.

Ein weiterer, sehr großer Unterschied ist, dass ich keinerlei Verlustängste habe. Im Gegenteil, ich stelle mir zwischendurch immer mal wieder vor, dass der Luxus und der Reichtum, in dem ich lebe, ja durchaus auch mal wieder verschwinden kann. Drei schwarze Schwäne auf einmal, Black Friday und kein Ende - es kann durchaus sein, dass plötzlich alles weg ist.

Für solche Gedanken habe ich dann mein worst case scenario, wo ich mir ausmale, was im schlimmsten Fall alles passieren kann und dann beruhige ich mich damit, dass ich mich im schlimmsten Fall halt hier auf meiner Insel einigel, den Garten zu einem Nutzgarten umbaue, das gleiche mache ich auch mit dem Garten beim Vaterhaus und dann lebe ich eben vor allem von Kartoffeln und Möhren - und so schlimm finde ich das auch nicht.
Immer, wenn ich mir so etwas vorstelle, überkommt mich gleichzeitig aber auch eine große Dankbarkeit, dass ich jetzt schon seit so langer Zeit in meinem bisherigen Luxus leben konnte, das hat sich doch alles schon gewaltig gelohnt. Wie schade wäre es gewesen, wenn ich mich aus Sorge, den Luxus nicht halten zu können, immer nur beschieden hätte? Was für ein vergeudetes Leben.

Ich finde, das Leben ist wie ein Mensch-ärger-dich-nicht-Spiel, es kann immer mal passieren, dass man rausgeworfen wird, kein Grund, sich aufzuregen. Aber bloß, um das Risiko, rausgeworfen zu werden, zu minimieren, laufe ich doch nicht freiwillig lieber hinter den anderen her, weil mir da weniger passieren kann.

Genau zu dem Bild meinte meine Tochter, doch, sie wäre lieber immer nur bei den Verfolgern, dann müsste sie sich nur kurz vor Schluss einmal anstrengen und könnte dann ja noch überholen, hätte aber vorher deutlich weniger Stress.
Wenn sie Erster wäre, würde sie das enorm stressen, weil sie dann ja von allen gejagt würde und deshalb auch viel eher rausgeworfen werden könnte.

Mich fasziniert das sehr, denn diese Grundeinstellung kann sie weder von ihrem Vater noch von mir geerbt haben und beigebracht haben wir ihr das auch alle beide ganz sicher nicht. Die Mendelsche Erblehre geht manchmal seltsame Wege
.

785 x anjeklickt (5 mal hat hier schon jemand geantwortet)   ... ¿selber was sagen?


Donnerstag, 2. April 2026
Für mich reicht das
In den letzten Tagen passte das tatsächliche Wetter überraschend gut zum vorhergesagten Wetter, was mich vor allem deshalb freut, weil gestern wirklich der beste Tag zum draußen Wäsche trocknen war und es sich gelohnt hat, dass ich gestern extra deshalb etwas früher aufgestanden bin.

Heute war es schon wieder deutlich kälter und dass bei Temperaturen knapp über 0°C Wäsche nur sehr schlecht trocknet, habe ich im Januar und Februar zur Genüge ausprobieren können, das muss ich nicht noch mal testen.

Für heute gab es damit keine zeitgebundenen, konkreten Aufgaben, weshalb ich auch keinen Grund sah, mich mit dem Aufstehen zu beeilen. Wenn ich vor dem Abendessen geduscht und angezogen bin, ist das immer noch früh genug.

Hier auf der Insel klappt das mit dem Verlottern noch viel besser als auf dem Festland, vor allem deshalb, weil es hier noch weniger zu tun gibt und wenn noch nicht mal das Wetter Grund zum Aufstehen bietet, was soll ich mich dann sinnlos disziplinieren?

Während ich also heute Vormittag höchst zufrieden im Bett rumlungerte, habe ich bemerkt, dass genau das, also das bewusste sich nicht Disziplinieren müssen, echte Glückgefühle auslöst. D.h. die Glücksgefühle wurden dadurch ausgelöst, dass mir klarwurde, wie gut es mir geht, dass ich nichts mehr muss.

Dass ich nicht mehr gegen Bezahlung aktiv arbeiten muss, ist dabei nur ein "nicht mehr müssen", ich habe in den letzten Monaten aber auch viele andere Zwänge abgelegt, nämlich dadurch, dass ich mich gefragt habe: Für wen sollte ich das tun? Wenn sich da keine sinnvolle Antwort findet, fällt es plötzlich leicht, es einfach nicht mehr zu tun.

In unserer Familie gibt es einen geflügelten Satz, der lautet: "Für Borkum reicht das."
Anziehsachen, die fürs Festland nicht mehr schön genug waren, kamen mit nach Borkum, denn für Borkum reichten auch die aussortierten Klamotten.

Überhaupt alles, was den Festlandsansprüchen nicht mehr genügte: Für Borkum reicht das.

Auf Borkum war das Leben leichter, die Ansprüche, die man an sich selber und sein durchgetaktetes Leben stellte, die konnte man auf der Insel einfach mal abstreifen und beiseite legen.
Hier konnte man ungeschminkt und in bequemen Freizeitklamotten den Tag verbringen, ohne Sorge zu haben, schief angesehen zu werden.

Aber knapp war man wieder zurück im Arbeitsleben, waren sie auch alle wieder da, die sonstigen Themen wie: Wie sehe ich aus?
Was denken die anderen von mir?
Was ziehe ich an?
Muss ich zum Friseur?
usw. usw.

Ich trug unbequeme Kleidung (es gibt keine bequemen Highheels!), weil ich meinte, einem bestimmten Rollenklischee genügen zu müssen
Ich schminkte mich und investierte Zeit und Geld in Stylings, um dem eigenen Rollenklischee zu genügen.

Ich besuchte langweilige Veranstaltungen, weil es dazugehört
Ich war nett und höflich zu schrecklichen Menschen, weil es dazugehört.
Überhaupt tat ich ungemein viele Dinge, zu denen ich keine Lust hatte, einfach weil es dazu gehört.

Und all das tue ich jetzt nicht mehr, weil ich nicht mehr dazu gehöre.
Weil ich nicht mehr dazugehören muss.
Weil ich gar nichts mehr muss, außer mit mir selber zufrieden zu sein.
Und für mich selber reicht das
.

611 x anjeklickt (...bisher hat noch niemand was dazu gesagt)   ... ¿selber was sagen?


Sonntag, 15. März 2026
Bauen im Alter
Wenn wir anderen Leuten erzählen, dass wir gerade dabei sind, ein neues Haus zu bauen, ist die Reaktion uns gegenüber zwar stets sehr höflich und interessiert, aber je älter die Menschen, mit denen wir grade sprechen, selber sind, umso ablehnender ist ihre Reaktion auf die Vorstellung, sie müssten selber auch noch mal bauen.

Eine Nachbarin auf Borkum sagte es sehr deutlich: Für sie käme das auf GAR KEINEN Fall in Frage, sie möchte in ihrem Leben nichts mehr bauen und sich um keine Baustelle mehr kümmern müssen, das wäre ihr ganz klar alles zu viel. Was wir mit unserem (alten) Haus auf Borkum noch so vorhaben (neue Bäder z. B. und eben die kompletten Außenanlagen) wäre ihr persönlich schon viel zu anstrengend und sie sagte, sie wäre froh, dass ihr Haus einigermaßen funktioniere, mehr brauche sie nicht.

Auf dem Flohmarkt habe ich schon vor einigen Jahren mal ein Gespräch zwischen zwei Verkäuferinnen mitbekommen, die sich über gemeinsame Bekannte in ihrem Alter (damals ungefähr Anfang 60) unterhielten, die zu dem Zeitpunkt auch gerade dabei waren, ein neues Haus zu bauen und die einhellige Feststellung war: "Also das verstehe ich nicht, was wollen die in dem Alter noch mit einem neuen Haus? Mir wäre das ja alles viel zu viel Arbeit."

Mich hat das damals schon sehr fasziniert, heute fasziniert es mich noch mehr, weil ich nun auch selber unbestreitbar in einem fortgeschrittenen Alter angekommen bin, aber immer noch nicht verstanden habe, weshalb man es sich im Alter nicht noch mal besonders schön machen sollte und was liegt da näher, als dass eigene Wohnen zu verbessern?

Ich würde sogar sagen, grade im Alter ist die perfekte Zeit zum Bauen, denn alles, was man dafür braucht, ist dann endlich vorhanden:
1. Man hatte sein ganzes Leben Zeit, sich die finanziellen Mittel dafür anzusparen und wenn man es sich überhaupt leisten kann, dann doch wohl jetzt. Schließlich muss man im Alter nicht mehr fürs Alter sparen.
2. Man hat die nötige Zeit, sich ausführlich und persönlich um so einen Bau zu kümmern
3. Man weiß sehr genau, was man braucht und kann auch die Nutzenanpassungen in der Zukunft viel besser überschauen, einfach weil 60jährige genau 30 Jahre weniger Zukunft berücksichtigen müssen als 30jährige
4. Man kann das Haus passend für "Wohnen im Alter" ausstatten, was eindeutig ein Gewinn an Lebensqualität ist
5. Man bekommt grade im Alter noch mal ein Haus und eine Einrichtung auf dem aktuellsten Stand der Technik und muss sich mit Glück bis an sein Lebensende nicht mehr mit Instandhaltung und Erneuerung beschäftigen
6. Man weiß nicht nur, was man braucht, sondern auch, was man alles nicht mehr braucht (ich verzichte z. B. das erste Mal bewusst auf ein eigenes Zimmer)
7. Man hat noch ein Ziel mit einer interessanten Beschäftigung nur für einen selber und nicht für andere Leute
8. Es ist wie Spielen in der Wirklichkeit. K sagt, es ist wie beim Legobauen - das Bauen macht am meisten Spaß und außerdem hält es geistig frisch


Zu den finanziellen Mitteln: Natürlich wird es eine große Menge an Menschen geben, die sich ein eigenes Haus auch im Alter nicht leisten können, man bekommt es ja auch überall präsentiert: Altersarmut, immer mehr Rentner müssen aufstocken, Flaschensammeln, Arbeiten mit 75 usw.
Und ja, ich finde das auch schrecklich. Und betrüblich. Und ungerecht.

Trotzdem ist die Realität wie sie ist und außer den Rentnern mit Altersarmut gibt es halt auch sehr viele, die haben durchaus ausreichende Mittel, um sich einen angenehmen Lebensabend zu gestalten, aber gerade die finden es völlig abstrus, sich im Alter noch mal mit einem "Neubau zu belasten". Die benutzen ihre Kohle lieber, um ständig in der Weltgeschichte rumzureisen, was wiederum eine Beschäftigung ist, die mich sehr schreckt.

Ich bin in meinem Leben so viel rumgereist, dass ich denke, es reicht. Ich habe alles gesehen, was ich sehen wollte, fremde Länder reizen mich also überhaupt nicht mehr.
Meer, Sonne und Strand habe ich im Sommer vor der Haustür, Schnee und Berge dagegen fand ich schon immer schrecklich, im Winter bleibe ich also sehr gerne einfach nur drinnen - und dann hätte ich es dort gerne maximal bequem und gemütlich.

Dass ein Hausbau viel Arbeit bedeutet: Hmm, ja mag sein, wenn man es als Arbeit betrachtet, dass man sich selber darum kümmert, dass alles so läuft, wie man das will, aber mit so einer Definition ist auch Legobauen Arbeit, denn das muss man schließlich auch selber machen. Im Unterschied zum Hausbau muss ich die Legosteine sogar noch selber übereinandersetzen, ich will damit sagen: Das Kümmern um den Bau ist keine körperliche Arbeit und weil ich es nicht für andere, sondern nur für mich mache, ist es aus meiner Sicht viel mehr Spaß und Hobby als Arbeit.

Und dass man am Ende umziehen muss, ja, auch das ist sicherlich Arbeit, aber Kofferpacken für eine Reise ist auch Arbeit und überhaupt, ist es nicht schon anstrengend, jeden Morgen aufzustehen und sich anzuziehen?

Ich finde das Argument, dass ein Hausbau so viel Arbeit sei, deshalb nur sehr eingeschränkt richtig, denn wenn ich sonst keine weiteren Verpflichtungen mehr habe, ja hey, dann gilt für mich Punkt 7 von der obigen Liste: Ich mache es für mich und freue mich darauf, dass es nachher schön ist.
Wenn ich solche Tätigkeiten als Arbeit bezeichne, sollte ich meine eigene Definition von Arbeit noch mal überdenken.


Zum Bauen selber:
Ich habe vorher noch nie ein Haus gebaut, ich hatte also genauso wenig Erfahrung wie Ahnung von dem, was mich da erwartet, bin aber vertrauensvoll neben K hergelaufen, der mit seiner unerschütterlichen westfälischen Gelassenheit einfach einen Schritt nach dem nächsten macht und findet: "Ach, das ist doch alles ganz einfach, das wird schon."

Inzwischen habe ich irre viel gelernt und eine Sache, die ich beim nächsten Haus ganz sicher anders machen würde, wäre der Terminplan.
Nicht, dass ich zwingend darauf drängen würde, dass es alles viel schneller und zackiger ablaufen muss, sondern im Gegenteil wäre es mir wichtig, dass ich mich von Anfang an darauf einrichte, dass es eben nicht so schnell und zackig ablaufen wird, wie immer alle meinen.

Deshalb würde ich mir eine Übersicht machen, in der wirkliche ALLE Tätigkeiten aufgelistet sind, die im Rahmen so eines Baus anfallen, sortiert in der Reihenfolge ihrer Notwendigkeit/Zeitpunkt des Arbeitsbeginns und voraussichtliche Dauer der Ausführung, jeweils mit einem passenden Zeitpuffer dazu, damit sie früh genug angestoßen werden und ergänzt um Zuständigkeiten für das Anstoßen.

Gleichzeitig mit dem ersten Spatenstich braucht man z.B. Strom auf der Baustelle, denn Handwerker von heute haben Maschinen zur Unterstützung und die brauchen Strom.
Die Maurer, die den Rohbau erstellen, sind aber nicht für den Strom zuständig, die brauchen den nur, machen jedoch selber keine Elektroarbeiten.
Die Elektrofirma wiederum, die planmäßig erst sehr viel später ihre Arbeiten auf der Baustelle aufnehmen soll, kann den Baustromanschluss nur legen, wenn vorher überhaupt ein Antrag auf Strom gestellt worden ist und ein von den Stadtwerken beauftragtes Unternehmen eine Leitung von der Straße bis zum Grundstück gelegt hat. Diese Subunternehmer der Stadtwerke arbeiten aber nicht auf Zuruf, sondern habe laaaange Wartelisten, wann sie sich mal bequemen, ein Grundstück anzuschließen.

Die Rohbaufirma mit den Maurern ist sicherlich die erste, die ihre Arbeiten erledigt haben muss, bevor die Folgegewerke zum Einsatz kommen, trotzdem muss das mit dem Strom noch deutlich vor dem Arbeitsbeginn der Maurer angestoßen und beauftragt sein.

Außerdem muss man immer im Blick haben, dass viele Firmen im Sommer nur mit halber Kraft oder gar nicht im Einsatz sind, weil sie Betriebsferien machen oder zumindest die Hälfte der Belegschaft im Urlaub ist.

Weil wir das alles nicht bedacht haben, wurde hier gleich zu Beginn der Bauarbeiten schon mal locker über ein Vierteljahr vertrödelt, weil niemand daran gedacht hatte, rechtzeitig den Antrag für Strom zu stellen.

Und so zieht es sich durch, denn statt wie vorgesehen vor dem Winter fertig zu werden, mussten die Rohbauarbeiten durch den verspäteten Start den gesamten Winter über erfolgen, was wiederum witterungsbedingte Verzögerungen mit sich brachte.

Was man auch immer mit einplanen sollte, sind Arbeiten, die vergessen oder auch mal falsch erledigt werden, außerdem sollte man damit rechnen, dass Handwerker krank werden oder in Urlaub fahren oder auf anderen Baustellen im Notfalleinsatz sind, was heißt, dass ich meinen Terminplan auch bei sehr guter Planung ständig anpassen muss. Es ist unvermeidbar. Wenn ich aber weiß, wer wann dran ist und welche Umstände zu dem Zeitpunkt die Dauer der Arbeiten beeinflussen, kann ich halt deutlich präziser planen und anpassen und bei dem jeweiligen Handwerksunternehmen zielgerichtet Druck machen.

Außerdem würde ich die Stellen gelb markieren, wo sich zwei Gewerke überschneiden und jeweils voneinander abhängig sind. Hier muss man besonders genau aufpassen, sonst schieben sich zwei Firmen gegenseitig den schwarzen Peter zu und nichts geht mehr voran. Die Fensterbauer z. B. fertigen die Fenster nicht nach Architektenplan, sondern kontrollieren vor der Fertigung die Planmaße durch ein eigenes Aufmaß. Dafür muss der Rohbauer aber schon so weit fertig sein, dass die Fensterlöcher überhaupt gemessen werden können. Nach dem Aufmaß werden die Fenster angefertigt, d.h. um den Zeitpunkt, wann die Fenster eingebaut werden, in einem Terminplan festzulegen, muss man wissen, welche Fertigungszeiten der Fensterbauer zwischen Aufmaß und Einbau benötigt und kann dann gleichzeitig planen, was in dieser Zeit noch an sonstigen Gewerken ausgeführt werden kann, die nicht zwingend ein zues Haus verlangen.

Jetzt könnte man sagen, dass all diese Planungs,- Überwachungs- und Koordinationsaufgaben doch Aufgaben des Architekten sind und grundsätzlich stimmt das. Doch erfahrungsgemäß betreuen Architekten mehrere Baustellen gleichzeitig und haben andere Prioritäten als die Bauherren und außerdem bekommen sie ihr Honorar sowieso, egal wie gut oder schlecht die Baustelle läuft.

Ich habe also gelernt, dass es sehr klug ist, wenn wir die Koordination der Gewerke auch selber noch ständig mit überwachen - und das geht natürlich leichter, wenn man weiß, in welcher Reihenfolge was passiert und wer von wem und von was abhängig ist.

Das einzige, was mich bei unserem Neubau wirklich nervt, ist die Tatsache, dass ich keinen verlässlichen Terminplan habe und, weil es mein erster Bau ist, ich auch längst nicht genug Wissen über die Abläufe am Bau hatte, um diesen Terminplan selber erstellen und fortschreiben zu können. Dies könnte ich bei einem zweiten Bau sicher schon deutlich besser organisieren.

Dass die Bauherrenrolle aber insgesamt so ungeheuer anstrengend und belastend ist, das habe ich noch an keiner Stelle gespürt, man braucht halt einen gesunden Fatalismus, um sich nicht ständig über Dinge aufzuregen, die sich nicht ändern lassen, das ist aber eine Eigenschaft, die ist in vielen Situationen des Lebens sehr nützlich.

Um den Gedanken insgesamt abzuschließen: Ich habe wirklich noch kein vernünftiges, nachvollziehbares Argument gefunden, weshalb man sich als Rentner nicht noch mal ein neues Haus bauen sollte.
Im Gegenteil:
Man gibt das bisherige Wohnhaus an eine Familie mit Kindern weiter, denn ein Familienheim braucht man im Alter nicht mehr. Für junge Familien dagegen sind gebrauchte Häuser viel praktischer, weil es dann nicht so schlimm ist, wenn die Kinder mal etwas andengeln und per Saldo wohnen dann alle Generationen altersgerecht
.

588 x anjeklickt (...bisher hat noch niemand was dazu gesagt)   ... ¿selber was sagen?


Samstag, 7. März 2026
#relevant: Wie gefällt dir dein Vorname
In diesem Monat ist das Thema der #relevant Blogparade:
Wie gefällt dir dein Vorname?

Weil ich seit neuestem regelmäßig bei Rivva schaue, was es Neues bei deutschen Blogs gibt, habe ich das Thema nicht nur bereits am Anfang des Monats entdeckt, sondern fühle mich diesmal persönlich sehr angesprochen, weil in der ergänzenden Erläuterung auch noch gefragt wird:

Falls du Kinder hast, welche Gedanken hast du dir bei deren Vornamen gemacht? Sind sie zufrieden damit?

Namen sind ein Thema, das mich schon mein gesamtes Leben lang begleitet, weil ja schon mein (erster) Vorname nicht wirklich alltäglich ist.

Ich nenne meinen Namen und die Reaktion kommt prompt: " WIE heißt Du? Das ist ja ungewöhnlich, das habe ich noch nie gehört." Auch Fragen wie "Bist du sicher? Wirklich ohne t und mit e hinten?" kommen regelmäßig vor, offensichtlich erscheint es wahrscheinlicher, dass ich mich bisher mein Leben lang vertan habe, als dass jemand wirklich so seltsam heißt. Als häufigste Variante werde ich aber oft konsequent und nachhaltig Antje genannt, ist schließlich auch irgendwie nordisch und ich nehme es längst achselzuckend hin.

Als Kind war mir die Ungewöhnlichkeit meines Namens oft unangenehm und ich habe mir gewünscht, ich hätte einen normaleren Namen, Anja oder eben wenigstens Antje oder Anke.
Ich fand, ich war durch meine Größe und meine burschikose und eher (vor)laute Art schon auffällig genug, da musste ich nicht auch noch extra durch meinen Namen auffallen.

In meiner Klasse gab es drei Anjas, eine davon war das ziemlich genaue Gegenteil von mir: Mittelgroß, sehr niedlich mit IMMER sauber geflochtenen Zöpfen (meine waren schon zehn Minuten nach dem Frisieren wieder struppig), einer wunderschönen Handschrift und überhaupt einer bewundernswerten Ordnung und Sorgfalt und natürlich immer ruhig und nie vorlaut.
Diese Anja verkörperte mein großes Sehnsuchtsbild, so wäre ich gerne gewesen.

Ich erinnere mich, dass ich eines Mittags auf dem Heimweg von der Schule beschloss, künftig nur noch ganz leise und zurückhaltend zu sprechen. Es gelang mir bis zum Mittagessen, wo ich mal wieder mit meinem Vater in Streit darüber geriet, wie viel bzw. ob ich überhaupt etwas essen müsse. Das war unser Dauerstreit, weil ich außer Kartoffeln und ungekochtem Obst und Gemüse eigentlich nichts gerne aß und deshalb ständig Probleme mit der Vorgabe meines Vaters hatte, der rigoros verlangte: Was auf den Tisch kommt, wird gegessen.
Meine Mutter rettete die Situation, in dem sie ihm sagte, ich sei wohl krank, ich wäre schon seit der Rückkehr aus der Schule ungewöhnlich schweigsam.

Nur noch leise, lieb und brav zu sein, scheiterte also an meinem Vater, der verlangte, dass ich gekochten Blumenkohl essen müsse, einer Zumutung, der ich mich selbstverständlich energisch entgegenstellen musste. Roher Blumenkohl ist ja okay, aber doch nicht gekocht, wie fies ist das denn?

An einer schönen Handschrift, sauberen Linien und überhaupt einer wunderbaren optischen Ordnung scheiterte ich mangels Können ebenfalls, bis heute übrigens, nur heute stört es mich nicht mehr. Heute ist mein Leitsatz: Wer nicht grade kann, macht extra krumm, dann ist es Kunst.

Aber in der Grundschule wäre ich schon sehr gerne noch anders gewesen.
Damit man sich die Unterschiede vorstellen kann, habe ich extra mein altes Poesiealbum herausgesucht, was ich in der zweiten Klasse bekommen habe:

Eintrag in mein Poesiealbum von Anja

Ist so etwas nicht einfach nur bewundernswert? Anja war damals grade erst acht Jahre alt.

Im Vergleich dazu mein Eintrag auf dem Deckblatt vorne, noch nicht mal da gelang es mir grade und ordentlich

Mein Eintrag in mein Poesiealbum

Warum ich ganz oben meinen Namen noch mal zusätzlich mit grünem Filzstift hinschreiben musste, ist auch nicht zu verstehen.

Allerdings gab es zum Glück auch andere, die ähnliche Probleme mit Name, Größe und Schludrigkeit hatten, meine Freundin Hannelore war auch nicht besser dran.

Hannelores Eintrag in meinen Poesiealbum

Hannelore war die Tochter des Pastors, genauso groß wie ich und eben auch nicht wirklich mit Ordnung und Sorgfalt gesegnet.
Lehrers Kinder, Pastors Vieh, gedeihen selten oder nie - den Spruch haben wir sehr oft zu hören bekommen.
Und bei der Frage nach dem Namen, war mir Anje dann doch noch lieber als Hannelore.

Meine Doppelnamenabneigung erstreckt sich auch auf Vornamen und begann schon sehr früh, wie ich in der Erinnerung grade feststelle.
Hannelore gehört in die gleiche Kategorie wie Lieselotte, ein Name, den mein Großvater regelmäßig kommentierte mit: Heißt wie zwei Kühe.

Mein Vater erzählte gerne, dass er beim ersten Vorsprechen im Standesamt, als er die Geburt seiner Tochter anzeigen wollte, wieder umgeschickt wurde, weil der Standesbeamte den Namen Anje nicht akzeptierte, den gäbe es nicht.
Er fuhr also nach Hause, holte die alte Familienbibel, wo der Stammbaum seiner Familie eingetragen war und wies so nach, dass es den Namen Anje sehr wohl gibt, meine Ururoma hieß so und ich sage bis heute gern, dass auf Borkum die Friedhöfe voll sind mit Anjes.

Neben meinem Rufnamen bekam ich noch zwei weitere Namen, nämlich die meiner beiden Patentanten, Anita und Erika.
Beide Namen fand ich stets schrecklich und kann sie auch bis heute nicht leiden. Eigentlich habe ich immer dafür gesorgt, dass sie niemand erfährt, aber sie stehen natürlich ausgeschrieben in meinem Personalausweis und weil die Banken es ganz genau nehmen, läuft mein Bankkonto auf alle drei Vornamen und seitdem es jetzt diesen Namensabgleich bei der Kontonummer gibt, wird jedem, der bei Überweisungen nur meinen einfachen Vor- und Nachnamen als Empfänger angibt, angezeigt, wie der vollständige, richtige Name lautet. Ich finde es entsetzlich, kann es aber nicht verhindern.

Je älter ich wurde, umso mehr überzeugten mich die Vorteile eines seltenen Vornamens. Weil es nicht so viele Anjes gibt wie Anjas, Antjes oder Ankes, konnte ich meinen Nachnamen einfach weglassen, es gab in meinem Umfeld nur eine Anje und damit war ich überall eindeutig zu identifizieren.

So wurde mein Name quasi zu meinem USP und ich bin heute sehr zufrieden, dass ich wirklich so heiße, einfach Anje, ohne Tee oder Kakao, wie ich vielen Leuten immer wieder bestätige, wenn sie fragen, ob mein Name wirklich so geschrieben wird.
Englischsprachigen Menschen, die gerne schon mal so etwas wie "onion" daraus machen, erkläre ich dagegen, dass sich der Name wie "Lasagne" ausspricht, nur ohne Las.
Und als Basis für einen Blognamen ist er natürlich ebenfalls wunderbar.

Weil ich meinen Namen als etwas Besonderes empfinde, wollte ich auch für meine Kinder einen besonderen Namen finden, der aber, genau wie mein eigener Name, nichts Ausländisches sein sollte und sich nicht nur durch eine extravagante Schreibweise* auszeichnet, die gesprochen niemand hört. Birrgitt z. B. finde ich genauso anstrengend wie Wincent oder Detleff.

*Michaela gibt es in 135 verschiedenen Schreibweisen


Einen Mädchennamen wusste ich schon immer, den hatte ich nämlich von meinem Großvater übernommen und sofort seine Vorliebe für diesen Namen geteilt.
Mein Großvater hieß Karl und als er eines Tages sagte, er fände seinen Namen nicht so schön, er wäre viel lieber ein Mädchen geworden, weil er dann den schöneren Namen bekommen hätte, hat meine Großmutter ihn erstaunt angesehen und gefragt: "Dann hättest du Karla geheißen, das gefällt Dir besser?", antwortete er: "Nein, dann hätte ich Carlina geheißen und das finde ich viel schöner als Karl."

Da ich sowieso immer nur, wenn überhaupt, dann ein Mädchen als Kind haben wollte, habe ich über Jungsnamen nie nachgedacht. In meiner Vorstellung waren Jungs wie mein Vater oder mein Bruder, also Feiglinge mit einer großen Klappe, davon habe ich mich nur genervt abgewendet, denn ein braves Weichei als Kind wollte ich ganz bestimmt nicht und so einen Nichtskönner-Minimacho erst recht nicht. Ich wollte lieber ein draufgängerisches, wildes Mädchen, gegen mich selbst als Kind hätte ich nichts einzuwenden gehabt, aber mein Bruder als Kind wäre mir eindeutig zu langweilig gewesen*.

*auch wenn meine Mutter immer sagte, dass sie ganz froh war, nicht noch so ein Kind wie mich bekommen zu haben, sondern meinen Bruder als Kind sehr erholsam fand.

Nun war meine erste Schwangerschaft ein ungeplanter Zufallstreffer, ich also entsprechend überhaupt nicht vorbereitet und bis zum siebten Monat hatte der Arzt auch gesagt, es würde ein Mädchen, aber dann machte er noch mal einen ausführlichen Ultraschall und sagte, ne, das wäre wohl doch nicht der Daumen gewesen und nun ja, aber er sei sich jetzt sicher, dass es ein Junge wird.
Ich war total geschockt und hatte keine Lust mehr, ein Kind zu bekommen, wenn es am Ende doch bloß ein Junge wird, was soll ich denn damit?

In der Folge verweigerte ich jede weitere Planung oder Überlegung, wie es nach der Geburt weitergeht, wird ja eh bloß ein Junge, was soll ich mich da groß anstrengen?

Als das Kind auf der Welt war und ich gefragt wurde, wie es heißen soll, hatte ich nicht nur keine Idee, sondern auch keine Lust, mich brav in mein Schicksal als Jungsmutter zu fügen und überlegte ernsthaft, was wohl passiert, wenn ich mich als (unverheiratete) Mutter weigere, dem Kind einen Namen zu geben. Wird es dann vom Amt zwangsbenamt? Dagegen kann man doch bestimmt Einspruch einlegen, das wird ein Spaß, da schauen wir mal, wie das ausgeht.
Intern hatte das Baby einen Arbeitstitel, ich nannte es F1 und war sicher, dass es so einem Minibaby wirklich völlig schnurz ist, ob es schon einen offiziellen Namen hat oder noch nicht.

Aber dann sagte der Arzt, wenn das Kind keinen Namen hätte, könnte es auch keinen Impfausweis bekommen und ohne Impfausweis könne er das Baby nicht impfen und da knickte ich ein. Das arme Kind hatte schon genug darunter zu leiden, dass es nur ein Junge geworden war, da sollte es nicht auch noch zusätzlich irgendwelchen weiteren Krankheitsgefahren ausgesetzt werden.

Ich suchte also nach einem Namen und, fair wie ich war, durfte auch der Vater mitreden.
Der Vater (CW) meinte, sein erster Sohn aus erster Ehe hätte drei Vornamen, die mit A, B und C anfingen, er fände es super, wenn dieses Kind jetzt drei Vornamen bekäme, die mit D, E, und F weitergingen.

Da ich prinzipiell nur sehr ungern Nummer zwei bin und mich schon gar nicht freiwillig hinter jemandem, den ich aus vielerlei Gründen nur sehr verachtete, einsortiere, wurde die weitere alphabetische Durchnummerierung natürlich sofort abgelehnt. Auf keinen Fall.

Mag ja sein, dass es sein zweites Kind war, aber für mich war es das erste und es sollte selbstverständlich auch sonst überall Nummer 1 sein. Akzeptiert habe ich aber den Vorschlag des Vaters, dem Kind mehrere Namen zu geben, dann könne es später immer den am besten passenden auswählen.
CW meinte, jedes Kind bräuchte dringend einen Namen, wenn es Notar werden wolle und einen, wenn es ins Showbusiness wolle. Und ein normaler Name für den normalen Alltag wäre natürlich auch ganz praktisch. Außerdem fände er es gut, wenn jedes Kind auch einen österreichischen Namen bekommt, denn immerhin wäre das ja auch Teil der Herkunft.

Ich wollte dazu noch einen genderneutralen Namen, denn man kann ja nie wissen, vielleicht möchte der arme Junge ja später doch lieber ein Mädchen sein, dann hätte er immerhin schon mal einen passenden Namen.

Und so kam es, dass ich als ersten Namen "Cai" wählte, dann einen ostfriesischen Alltagsnamen (Klaas), den ich mit einem "Ni" davor etwas modernisierte, ohne zu bemerken, dass ich so durch Zufall einen Modenamen erwischt hatte, Pech, außerdem August für die Notarlaufbahn und Ferdinand für den Wiener Teil.

Als ich danach wieder schwanger wurde und diesmal endlich wirklich ein Mädchen unterwegs war, war der Alltagsname schon klar, es fehlten nur die Namen drumherum.

Da sie nicht im heimischen Bett, sondern in Belize auf Caye Caulker gezeugt worden war, kamen wir auf die Idee, sie auch "Cai" zu nennen, allerdings in der Schreibweise "Caye", schließlich ist sie ein Mädchen und da darf sie ruhig ein extra e als Unterscheidung bekommen.
Mit "Theresa" wurde die Wienerkomponente genauso bedient wie die eventuelle Notarlaufbahn und fürs Showbizz gab ich ihr noch eine "Filine" dazu. Problematisch wurde es, weil diesmal der Standesbeamte in Düsseldorf den Eintrag verweigerte, Caye wäre kein Name.

Mangels Familienbibel mussten wir die Namensberechtigung also irgendwie anders nachweisen und so kam CW auf die Idee, sich vom belizianischen Justice of Peace per Fax bescheinigen zu lassen, dass Caye ein ganz normaler belizianischer Mädchenname ist.

Da er geschäftliche Kontakte nach Belize hatte (deshalb waren wir damals ja auch dort zu Besuch), hatte er Schreiben aus den Ministerien, die er als Kopiervorlage für Absender, Briefkopf und Unterschrift nutzte. Weil er das Siegel vom Landwirtschaftsministerium besonders überzeugend und eindrucksvoll fand, (und natürlich auch aus einer Vorlage kopieren konnte) fügte er das auch noch ein, dann schrieb er den passenden Text, klebte die einzelnen Stücke anschließend mit Prittstift auf ein Stück Papier, kopierte alles, um es zum Schluss als Fax an das Düsseldorfer Standesamt "weiterzuleiten".

Das Originalpapier habe ich selbstverständlich zur Erinnerung aufgehoben und wenn C je ihre Memoiren schreibt, müssen die mit dem Satz beginnen: Meine Eltern waren Fälscher.

Die Bestätigung für das Düsseldorfer Standesamt

Als ich dann mit dem dritten Kind schwanger war, war längst klar, dass der erste Name auch wieder "Kai" sein wird, vorsichtshalber legten wir eine Liste an, welche verschiedenen Schreibweisen noch möglich sind (Quai z. B. ginge zur Not ja auch, oder Key), um zu planen, wie viele Kinder wir noch bekommen können, wenn jedes eine eigene Kai-Schreibweise bekommen soll.

Das dritte Kind wurde wieder ein Junge. Nach dem der erste Junge überhaupt nicht auf seinen Opa oder Onkel mütterlicherseits kam, sondern viel eher auf seinen Wiener Onkel, der vor allem für seine Durchgeknalltheit bekannt war oder auch auf Michel aus Lönneberga, was die Menge an Unsinn anging, den er beständig anstellte, hatte ich meine Jungsabneigung abgelegt und keinerlei konkrete Geschlechtswünsche mehr für das Baby.
Dass es ein Junge wurde, war früh bekannt, weil ich mit 35 als "Risikoschwangere" galt und über eine Fruchtwasseruntersuchung die Gesundheit und das Geschlecht des Kindes bestimmt wurde.

Wir hatten also reichlich Zeit, uns Namen zu überlegen und ich stellte fest, dass ich Jungsnamen schwieriger finde als Mädchennamen. Als Mädchen hätte ich Kaj Jona Carlotta Marie sehr schön gefunden, da waren alle wichtigen Komponenten drin und insgesamt haben die Namen hintereinander gesprochen einen schönen, schwingenden Klang.

Aber wir brauchten ja einen Jungsnamen.
Und es sollte etwa Österreichisches dabei sein. Ich schlug "Wiener Würstchen" vor, sah aber ein, dass das eher unpassend ist als Name. Dann schlug ich Felix Austria vor und verliebte mich immer mehr in diesen Vorschlag.
CW hatte allerdings die Sorge, dass der Standesbeamte hier wieder rumzicken würde und hing vorsichtshalber noch einen Leopold hinten dran, weil er davon ausging, dass der Austria als Streichergebnis wegfallen wird und Felix allein ja nicht wienerisch genug ist.

Überraschenderweise hat der Standesbeamte diesmal aber noch nicht mal gezuckt, sondern völlig kommentarlos die von uns angegebenen Namen in die Geburtsurkunde übertragen und so kommt es, dass das dritte Kind nun sogar fünf Namen hat und tatsächlich unter anderem Felix Austria heißt.
Okay, man kann jetzt sagen, dass das mindestens so schlimm ist wie Jimi Blue, aber immerhin ist das nicht sein Alltagsrufname, als Name für Showbizz dagegen perfekt. Und wenn er Notar werden möchte, nun, er hat ja noch den Leopold in Reserve.

Wie die Kinder selber ihre Namen finden weiß ich natürlich nicht genau, ich denke aber, mit ihren Alltagsnamen sind sie soweit zufrieden, C findet es nur schade, dass sie keine richtige "Mittelinitiale" hat, weil sie normalerweise immer ihren zweiten Namen benutzt und der ist ja selber schon irgendwie in der Mitte.

Ich dagegen finde es immer wieder schön, wenn ich sagen kann:
Meine Kinder heißen alle Kai, nur jeweils anders geschrieben
.

1091 x anjeklickt (4 mal hat hier schon jemand geantwortet)   ... ¿selber was sagen?


Sonntag, 22. Februar 2026
Über das Faulsein
Seit 10 Tagen bin ich wieder auf Borkum und im Grunde habe ich in den letzten 10 Tagen hauptsächlich nichts getan. Meine Hauptbeschäftigung bestand darin, zu existieren und währenddessen immer wieder darüber nachzudenken, wie angenehm ich es finde, das Leben derart verlangsamt zu haben.

Ich war schon immer gerne faul, die meiste Energie habe ich stets vor allem dafür aufgebracht, mir strategischen Freiraum für eine maximale Faulheit zu schaffen.

Es gibt dieses Zitat, das wahlweise Bill Gates oder Henry Ford zugeschrieben wird, dass sie für eine schwierige Aufgabe am liebsten faule Menschen engagieren würden, weil die üblicherweise die einfachste Lösung dafür fänden und ich fühlte mich von diesem Zitat immer sehr bestätigt.

Deshalb stecke ich viel Zeit in den Aufbau einer effizienten Ordnungsstruktur (sowohl in der Küche als auch auf dem Computer oder bei allen beruflichen Aufgaben), weil ich mir dadurch sehr viel Suchen und doppelte Arbeit erspare. Wichtig sind mir dabei kurze, einfache und schnelle Erreichbarkeiten sowie Skalierbarkeit für Mengenveränderungen. Relativ unwichtig ist mir dagegen das optische Erscheinungsbild, niemals wäre ich bereit, nur aus optischen Gründen Zusatzarbeit oder extra Umständlichkeiten zu akzeptieren.

Zierleisten an Küchenfronten finde ich genauso überflüssig, wie fehlende Griffe oder gar, aus rein optischen Gründe, innenliegende Auszüge, weil ich eine Schublade definitiv öfter öffne als putze. Ich pfeife auch auf die Symmetrie, wenn ich konkrete Gründe habe, weshalb ich unterschiedliche Höhen, Breiten oder Aufteilungen in meinen Küchenschränken brauche. Mein Küchenbauer zuckt nur noch ergeben die Achseln.

Ich war schon immer gerne und absichtlich faul und habe gleichzeitig früh gelernt, dass es klug ist, das nicht zu öffentlich zu zeigen, denn diese protestantische Arbeitsethik, die vor allem der Nachkriegsgeneration eingebläut worden war, prangert Faulheit ja gerne als etwas Unethisches an.

Böll schrieb seine "Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral" bereits im Jahr 1963 und ich habe bis heute nicht begriffen, weshalb sie nicht für absolut jeden, der immer noch dieser seltsamen Strebsamkeitsehtik anhängt, der ultimative Augenöffner ist.



Weshalb, um alles in der Welt, sollte man beständig arbeiten und immer mehr und mehr wollen?
Klar, wenn man von Null kommt, muss man sich erst mal anstrengen, um sich ein Grundgerüst aufzubauen, auch der Fischer musste sein Boot ja irgendwoher bekommen haben. Für die Nachkriegsgeneration, die eine Welt in Schutt und Asche vorfand, ist es also ganz natürlich, dass sie sich erst etwas aufbauen mussten, um es dann in Ruhe genießen zu können, aber warum ist Herr Merz heute noch der Meinung, dass Lifestyle-Teilzeit etwas Negatives ist?

Ich begreife seine Absicht nicht, wenn er sagt, dass wir uns anstrengen müssen, wenn wir unseren Wohlstand erhalten wollen, denn grade DASS wir es uns heute leisten können, nicht mehr so viel zu arbeiten, ist doch ein wunderbarer Luxus. Und den will Herr Merz dadurch retten, das er das verbieten will? Merkste selber, nicht wahr?

Lifestyle-Teilzeit ist exakt mein Lebensstil. Ich finde ihn erstrebenswert und positiv. Warum soll ich mehr arbeiten als notwendig?*
Und notwendig ist Arbeit nur solange, bis ich das, was ich damit erreichen möchte, auch erreicht habe.

*Genau genommen verbringe ich die letzten 15 Jahre meines Arbeitslebens in Lifestyle-Freizeit, denn ich habe in meiner aktiven Zeit zwar Fulltime gearbeitet, ließ mich aber nur für Teilzeit (2/3 Stelle) bezahlen. So sammelte ich zehn Jahre lang jedes Jahr 1/3 meiner Arbeitszeit als Überstunden an, die ich jetzt, in den fünf Jahren bevor die offizielle Rente greift, "abfeiere".


Jetzt mag jeder unterschiedliche Ziele haben, was er erreichen möchte, aber mein Ziel war es immer zu arbeiten, um damit Geld zu verdienen, das ich brauche, um mir ein schönes Leben leisten zu können und zu einem schönen Leben gehört nach meiner Überzeugung, dass man eben nicht ständig arbeitet.

An dieser Stelle mache ich jetzt einen harten Schnitt, denn ich habe im ersten Überschwang des Schreibens auch noch sehr ausführlich dargestellt, was genau ich mir unter einem schönen Leben vorstellen und wie ich für mich den Zielkonflikt "Geldverdienen versus Leben genießen" gelöst habe, aber das ist ein komplett anderes Thema und den bereits getippten Text habe ich jetzt einfach in ein neues Dokument kopiert, wo ich ihn bei Gelegenheit mal weiter überdenken kann, denn eigentlich ist mein Ausgangspunkt "Faulheit" und auf dieses Thema bin ich gekommen, weil ich heute gleich zwei Texte dazu bei den Krautreportern gelesen habe.

Der erste Text heißt
Was für eine blöde Idee: Stress als Statussymbol
und stammt ursprünglich aus dem Jahr 2021.

Weil das Thema offensichtlich immer wieder aufs Neue aktuell ist, wurde er am 12.2.2026 aktualisiert und schwamm damit wieder nach oben, sonst hätte ich ihn gar nicht mehr wahrgenommen.
Außerdem passt er natürlich wunderbar zu dem zweiten Text, dessen Überschrift lautet:
So wirst du Friedrich Merz’ größter Feind
Eine Anleitung zum Faulsein in vier Schritten.

Weil ich ein KrautreporterAbo habe, konnte ich beide Links ohne Bezahlschranke freischalten, um sie hier zu teilen, eine Möglichkeit, die mir bei den Krautreportern sehr gefällt.

Ich mag den ersten Text besonders, weil er so unschlagbar überzeugend erklärt, warum Faulheit eine wirklich gute Sache ist und obwohl das Wort "faul" so negativ besetzt ist, wird es hier aktiv genutzt:
Ich möchte aber trotzdem bei dem Wort Faulheit bleiben. Aus einem einfachen Grund: Weil alle anderen Begriffe dem Nichtstun einen Zweck geben. „Muße“ ist ein philosophischer Rückzug, auch genüssliches Nichtstun und Entspannung können Ziele sein, an denen man sich aufreibt. Hier ist also meine Definition von Faulheit: Das Recht zu existieren, ohne zu produzieren, noch nicht einmal schöne Gedanken. Und ohne schlechtes Gewissen.
Genau auf diese Art bin ich auch sehr gerne faul.

Theresa Bäuerlein, die den ersten Text geschrieben hat, hat als Vorbereitung auf das Thema eine Umfrage gestartet und darin unter anderem gefragt, wie faul man sich jeweils selber einschätze.
Eine Frage, die ich gestellt habe, war: „Wie faul schätzt du dich ein?“ Die Antwort lag im Durchschnitt bei 6, also ein bisschen mehr als mittelfaul. Wir müssen davon ausgehen, dass die wirklich Faulen an dieser Umfrage nicht teilgenommen haben.
Manche Antworten stechen heraus. Weil sie von Teilnehmer:innen kommen, die ihren Frieden mit dem Nichtstun gefunden haben. Es sind wenige, wie Angela. „Ständig wird davon geredet, man solle aus seiner Komfortzone heraus. Ich bin heilfroh, nach vielen Jahren jetzt endlich mal hereinzufinden. Zu tun, was ich möchte, auch wenn es ‚nichts‘ ist, empfinde ich als totalen Luxus. Ich bin kein Geldmillionär, sondern ein Zeitmillionär“, schreibt sie.


Mir geht es exakt genau so. Ich finde es zwar wichtig, dass ich die finanzielle Seite erst vernünftig geregelt hatte, bevor ich mich in dieses ausführliche Nichtstun stürzte , was ich inzwischen seit fast anderthalb Jahren genieße, aber als wahren Reichtum sehe ich auch die unendliche Menge an Zeit pro Tag an, die ich frei nach eigenem Gusto verbringen kann. Gleichzeitig ist das für mich auch die Definition von Freiheit, denn Freiheit besteht für mich nicht unbedingt daraus, dass ich tun kann, was ich will, sondern dass ich nichts tun muss, was ich nicht will.

Die meisten anderen Teilnehmer:innen der Umfrage reden davon, dass sie gerne fauler wären, aber es nicht können. „Faulheit ist nie entspannend, weil immer ein schlechtes Gefühl da ist, dass ich etwas nicht tue, was ich erledigen sollte“, sagt Michaela. Ein:e anonym:e Leser:in hat im vergangenen Jahr aus gesundheitlichen Gründen weder arbeiten, noch einen Job suchen können. „Ich hätte also viel Zeit zum Faulsein gehabt, war aber trotzdem gestresst wegen schlechtem Gewissen.“
Damit hatte ich zum Glück in meinem ganzen Leben noch nie ein Problem, ich habe auch heute noch eine Liste mit Dingen, die ich erledigen muss (das liegt daran, dass die Admin-Dinge des Lebens auch im Alter nicht aufhören) und manche davon können echt böse enden, wenn man sie zu lange vor sich herschiebt, aber einer meiner Wahlsprüche, der mich schon mein gesamtes Leben begleitet, lautet:
Zum Glück gibt es ja immer noch die letzte Minute, sonst würde nie etwas getan
.

699 x anjeklickt (immerhin schon ein Kommentar)   ... ¿selber was sagen?