anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Donnerstag, 2. April 2026
Für mich reicht das
In den letzten Tagen passte das tatsächliche Wetter überraschend gut zum vorhergesagten Wetter, was mich vor allem deshalb freut, weil gestern wirklich der beste Tag zum draußen Wäsche trocknen war und es sich gelohnt hat, dass ich gestern extra deshalb etwas früher aufgestanden bin.

Heute war es schon wieder deutlich kälter und dass bei Temperaturen knapp über 0°C Wäsche nur sehr schlecht trocknet, habe ich im Januar und Februar zur Genüge ausprobieren können, das muss ich nicht noch mal testen.

Für heute gab es damit keine zeitgebundenen, konkreten Aufgaben, weshalb ich auch keinen Grund sah, mich mit dem Aufstehen zu beeilen. Wenn ich vor dem Abendessen geduscht und angezogen bin, ist das immer noch früh genug.

Hier auf der Insel klappt das mit dem Verlottern noch viel besser als auf dem Festland, vor allem deshalb, weil es hier noch weniger zu tun gibt und wenn noch nicht mal das Wetter Grund zum Aufstehen bietet, was soll ich mich dann sinnlos disziplinieren?

Während ich also heute Vormittag höchst zufrieden im Bett rumlungerte, habe ich bemerkt, dass genau das, also das bewusste sich nicht Disziplinieren müssen, echte Glückgefühle auslöst. D.h. die Glücksgefühle wurden dadurch ausgelöst, dass mir klarwurde, wie gut es mir geht, dass ich nichts mehr muss.

Dass ich nicht mehr gegen Bezahlung aktiv arbeiten muss, ist dabei nur ein "nicht mehr müssen", ich habe in den letzten Monaten aber auch viele andere Zwänge abgelegt, nämlich dadurch, dass ich mich gefragt habe: Für wen sollte ich das tun? Wenn sich da keine sinnvolle Antwort findet, fällt es plötzlich leicht, es einfach nicht mehr zu tun.

In unserer Familie gibt es einen geflügelten Satz, der lautet: "Für Borkum reicht das."
Anziehsachen, die fürs Festland nicht mehr schön genug waren, kamen mit nach Borkum, denn für Borkum reichten auch die aussortierten Klamotten.

Überhaupt alles, was den Festlandsansprüchen nicht mehr genügte: Für Borkum reicht das.

Auf Borkum war das Leben leichter, die Ansprüche, die man an sich selber und sein durchgetaktetes Leben stellte, die konnte man auf der Insel einfach mal abstreifen und beiseite legen.
Hier konnte man ungeschminkt und in bequemen Freizeitklamotten den Tag verbringen, ohne Sorge zu haben, schief angesehen zu werden.

Aber knapp war man wieder zurück im Arbeitsleben, waren sie auch alle wieder da, die sonstigen Themen wie: Wie sehe ich aus?
Was denken die anderen von mir?
Was ziehe ich an?
Muss ich zum Friseur?
usw. usw.

Ich trug unbequeme Kleidung (es gibt keine bequemen Highheels!), weil ich meinte, einem bestimmten Rollenklischee genügen zu müssen
Ich schminkte mich und investierte Zeit und Geld in Stylings, um dem eigenen Rollenklischee zu genügen.

Ich besuchte langweilige Veranstaltungen, weil es dazugehört
Ich war nett und höflich zu schrecklichen Menschen, weil es dazugehört.
Überhaupt tat ich ungemein viele Dinge, zu denen ich keine Lust hatte, einfach weil es dazu gehört.

Und all das tue ich jetzt nicht mehr, weil ich nicht mehr dazu gehöre.
Weil ich nicht mehr dazugehören muss.
Weil ich gar nichts mehr muss, außer mit mir selber zufrieden zu sein.
Und für mich selber reicht das
.

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Sonntag, 15. März 2026
Bauen im Alter
Wenn wir anderen Leuten erzählen, dass wir gerade dabei sind, ein neues Haus zu bauen, ist die Reaktion uns gegenüber zwar stets sehr höflich und interessiert, aber je älter die Menschen, mit denen wir grade sprechen, selber sind, umso ablehnender ist ihre Reaktion auf die Vorstellung, sie müssten selber auch noch mal bauen.

Eine Nachbarin auf Borkum sagte es sehr deutlich: Für sie käme das auf GAR KEINEN Fall in Frage, sie möchte in ihrem Leben nichts mehr bauen und sich um keine Baustelle mehr kümmern müssen, das wäre ihr ganz klar alles zu viel. Was wir mit unserem (alten) Haus auf Borkum noch so vorhaben (neue Bäder z. B. und eben die kompletten Außenanlagen) wäre ihr persönlich schon viel zu anstrengend und sie sagte, sie wäre froh, dass ihr Haus einigermaßen funktioniere, mehr brauche sie nicht.

Auf dem Flohmarkt habe ich schon vor einigen Jahren mal ein Gespräch zwischen zwei Verkäuferinnen mitbekommen, die sich über gemeinsame Bekannte in ihrem Alter (damals ungefähr Anfang 60) unterhielten, die zu dem Zeitpunkt auch gerade dabei waren, ein neues Haus zu bauen und die einhellige Feststellung war: "Also das verstehe ich nicht, was wollen die in dem Alter noch mit einem neuen Haus? Mir wäre das ja alles viel zu viel Arbeit."

Mich hat das damals schon sehr fasziniert, heute fasziniert es mich noch mehr, weil ich nun auch selber unbestreitbar in einem fortgeschrittenen Alter angekommen bin, aber immer noch nicht verstanden habe, weshalb man es sich im Alter nicht noch mal besonders schön machen sollte und was liegt da näher, als dass eigene Wohnen zu verbessern?

Ich würde sogar sagen, grade im Alter ist die perfekte Zeit zum Bauen, denn alles, was man dafür braucht, ist dann endlich vorhanden:
1. Man hatte sein ganzes Leben Zeit, sich die finanziellen Mittel dafür anzusparen und wenn man es sich überhaupt leisten kann, dann doch wohl jetzt. Schließlich muss man im Alter nicht mehr fürs Alter sparen.
2. Man hat die nötige Zeit, sich ausführlich und persönlich um so einen Bau zu kümmern
3. Man weiß sehr genau, was man braucht und kann auch die Nutzenanpassungen in der Zukunft viel besser überschauen, einfach weil 60jährige genau 30 Jahre weniger Zukunft berücksichtigen müssen als 30jährige
4. Man kann das Haus passend für "Wohnen im Alter" ausstatten, was eindeutig ein Gewinn an Lebensqualität ist
5. Man bekommt grade im Alter noch mal ein Haus und eine Einrichtung auf dem aktuellsten Stand der Technik und muss sich mit Glück bis an sein Lebensende nicht mehr mit Instandhaltung und Erneuerung beschäftigen
6. Man weiß nicht nur, was man braucht, sondern auch, was man alles nicht mehr braucht (ich verzichte z. B. das erste Mal bewusst auf ein eigenes Zimmer)
7. Man hat noch ein Ziel mit einer interessanten Beschäftigung nur für einen selber und nicht für andere Leute
8. Es ist wie Spielen in der Wirklichkeit. K sagt, es ist wie beim Legobauen - das Bauen macht am meisten Spaß und außerdem hält es geistig frisch


Zu den finanziellen Mitteln: Natürlich wird es eine große Menge an Menschen geben, die sich ein eigenes Haus auch im Alter nicht leisten können, man bekommt es ja auch überall präsentiert: Altersarmut, immer mehr Rentner müssen aufstocken, Flaschensammeln, Arbeiten mit 75 usw.
Und ja, ich finde das auch schrecklich. Und betrüblich. Und ungerecht.

Trotzdem ist die Realität wie sie ist und außer den Rentnern mit Altersarmut gibt es halt auch sehr viele, die haben durchaus ausreichende Mittel, um sich einen angenehmen Lebensabend zu gestalten, aber gerade die finden es völlig abstrus, sich im Alter noch mal mit einem "Neubau zu belasten". Die benutzen ihre Kohle lieber, um ständig in der Weltgeschichte rumzureisen, was wiederum eine Beschäftigung ist, die mich sehr schreckt.

Ich bin in meinem Leben so viel rumgereist, dass ich denke, es reicht. Ich habe alles gesehen, was ich sehen wollte, fremde Länder reizen mich also überhaupt nicht mehr.
Meer, Sonne und Strand habe ich im Sommer vor der Haustür, Schnee und Berge dagegen fand ich schon immer schrecklich, im Winter bleibe ich also sehr gerne einfach nur drinnen - und dann hätte ich es dort gerne maximal bequem und gemütlich.

Dass ein Hausbau viel Arbeit bedeutet: Hmm, ja mag sein, wenn man es als Arbeit betrachtet, dass man sich selber darum kümmert, dass alles so läuft, wie man das will, aber mit so einer Definition ist auch Legobauen Arbeit, denn das muss man schließlich auch selber machen. Im Unterschied zum Hausbau muss ich die Legosteine sogar noch selber übereinandersetzen, ich will damit sagen: Das Kümmern um den Bau ist keine körperliche Arbeit und weil ich es nicht für andere, sondern nur für mich mache, ist es aus meiner Sicht viel mehr Spaß und Hobby als Arbeit.

Und dass man am Ende umziehen muss, ja, auch das ist sicherlich Arbeit, aber Kofferpacken für eine Reise ist auch Arbeit und überhaupt, ist es nicht schon anstrengend, jeden Morgen aufzustehen und sich anzuziehen?

Ich finde das Argument, dass ein Hausbau so viel Arbeit sei, deshalb nur sehr eingeschränkt richtig, denn wenn ich sonst keine weiteren Verpflichtungen mehr habe, ja hey, dann gilt für mich Punkt 7 von der obigen Liste: Ich mache es für mich und freue mich darauf, dass es nachher schön ist.
Wenn ich solche Tätigkeiten als Arbeit bezeichne, sollte ich meine eigene Definition von Arbeit noch mal überdenken.


Zum Bauen selber:
Ich habe vorher noch nie ein Haus gebaut, ich hatte also genauso wenig Erfahrung wie Ahnung von dem, was mich da erwartet, bin aber vertrauensvoll neben K hergelaufen, der mit seiner unerschütterlichen westfälischen Gelassenheit einfach einen Schritt nach dem nächsten macht und findet: "Ach, das ist doch alles ganz einfach, das wird schon."

Inzwischen habe ich irre viel gelernt und eine Sache, die ich beim nächsten Haus ganz sicher anders machen würde, wäre der Terminplan.
Nicht, dass ich zwingend darauf drängen würde, dass es alles viel schneller und zackiger ablaufen muss, sondern im Gegenteil wäre es mir wichtig, dass ich mich von Anfang an darauf einrichte, dass es eben nicht so schnell und zackig ablaufen wird, wie immer alle meinen.

Deshalb würde ich mir eine Übersicht machen, in der wirkliche ALLE Tätigkeiten aufgelistet sind, die im Rahmen so eines Baus anfallen, sortiert in der Reihenfolge ihrer Notwendigkeit/Zeitpunkt des Arbeitsbeginns und voraussichtliche Dauer der Ausführung, jeweils mit einem passenden Zeitpuffer dazu, damit sie früh genug angestoßen werden und ergänzt um Zuständigkeiten für das Anstoßen.

Gleichzeitig mit dem ersten Spatenstich braucht man z.B. Strom auf der Baustelle, denn Handwerker von heute haben Maschinen zur Unterstützung und die brauchen Strom.
Die Maurer, die den Rohbau erstellen, sind aber nicht für den Strom zuständig, die brauchen den nur, machen jedoch selber keine Elektroarbeiten.
Die Elektrofirma wiederum, die planmäßig erst sehr viel später ihre Arbeiten auf der Baustelle aufnehmen soll, kann den Baustromanschluss nur legen, wenn vorher überhaupt ein Antrag auf Strom gestellt worden ist und ein von den Stadtwerken beauftragtes Unternehmen eine Leitung von der Straße bis zum Grundstück gelegt hat. Diese Subunternehmer der Stadtwerke arbeiten aber nicht auf Zuruf, sondern habe laaaange Wartelisten, wann sie sich mal bequemen, ein Grundstück anzuschließen.

Die Rohbaufirma mit den Maurern ist sicherlich die erste, die ihre Arbeiten erledigt haben muss, bevor die Folgegewerke zum Einsatz kommen, trotzdem muss das mit dem Strom noch deutlich vor dem Arbeitsbeginn der Maurer angestoßen und beauftragt sein.

Außerdem muss man immer im Blick haben, dass viele Firmen im Sommer nur mit halber Kraft oder gar nicht im Einsatz sind, weil sie Betriebsferien machen oder zumindest die Hälfte der Belegschaft im Urlaub ist.

Weil wir das alles nicht bedacht haben, wurde hier gleich zu Beginn der Bauarbeiten schon mal locker über ein Vierteljahr vertrödelt, weil niemand daran gedacht hatte, rechtzeitig den Antrag für Strom zu stellen.

Und so zieht es sich durch, denn statt wie vorgesehen vor dem Winter fertig zu werden, mussten die Rohbauarbeiten durch den verspäteten Start den gesamten Winter über erfolgen, was wiederum witterungsbedingte Verzögerungen mit sich brachte.

Was man auch immer mit einplanen sollte, sind Arbeiten, die vergessen oder auch mal falsch erledigt werden, außerdem sollte man damit rechnen, dass Handwerker krank werden oder in Urlaub fahren oder auf anderen Baustellen im Notfalleinsatz sind, was heißt, dass ich meinen Terminplan auch bei sehr guter Planung ständig anpassen muss. Es ist unvermeidbar. Wenn ich aber weiß, wer wann dran ist und welche Umstände zu dem Zeitpunkt die Dauer der Arbeiten beeinflussen, kann ich halt deutlich präziser planen und anpassen und bei dem jeweiligen Handwerksunternehmen zielgerichtet Druck machen.

Außerdem würde ich die Stellen gelb markieren, wo sich zwei Gewerke überschneiden und jeweils voneinander abhängig sind. Hier muss man besonders genau aufpassen, sonst schieben sich zwei Firmen gegenseitig den schwarzen Peter zu und nichts geht mehr voran. Die Fensterbauer z. B. fertigen die Fenster nicht nach Architektenplan, sondern kontrollieren vor der Fertigung die Planmaße durch ein eigenes Aufmaß. Dafür muss der Rohbauer aber schon so weit fertig sein, dass die Fensterlöcher überhaupt gemessen werden können. Nach dem Aufmaß werden die Fenster angefertigt, d.h. um den Zeitpunkt, wann die Fenster eingebaut werden, in einem Terminplan festzulegen, muss man wissen, welche Fertigungszeiten der Fensterbauer zwischen Aufmaß und Einbau benötigt und kann dann gleichzeitig planen, was in dieser Zeit noch an sonstigen Gewerken ausgeführt werden kann, die nicht zwingend ein zues Haus verlangen.

Jetzt könnte man sagen, dass all diese Planungs,- Überwachungs- und Koordinationsaufgaben doch Aufgaben des Architekten sind und grundsätzlich stimmt das. Doch erfahrungsgemäß betreuen Architekten mehrere Baustellen gleichzeitig und haben andere Prioritäten als die Bauherren und außerdem bekommen sie ihr Honorar sowieso, egal wie gut oder schlecht die Baustelle läuft.

Ich habe also gelernt, dass es sehr klug ist, wenn wir die Koordination der Gewerke auch selber noch ständig mit überwachen - und das geht natürlich leichter, wenn man weiß, in welcher Reihenfolge was passiert und wer von wem und von was abhängig ist.

Das einzige, was mich bei unserem Neubau wirklich nervt, ist die Tatsache, dass ich keinen verlässlichen Terminplan habe und, weil es mein erster Bau ist, ich auch längst nicht genug Wissen über die Abläufe am Bau hatte, um diesen Terminplan selber erstellen und fortschreiben zu können. Dies könnte ich bei einem zweiten Bau sicher schon deutlich besser organisieren.

Dass die Bauherrenrolle aber insgesamt so ungeheuer anstrengend und belastend ist, das habe ich noch an keiner Stelle gespürt, man braucht halt einen gesunden Fatalismus, um sich nicht ständig über Dinge aufzuregen, die sich nicht ändern lassen, das ist aber eine Eigenschaft, die ist in vielen Situationen des Lebens sehr nützlich.

Um den Gedanken insgesamt abzuschließen: Ich habe wirklich noch kein vernünftiges, nachvollziehbares Argument gefunden, weshalb man sich als Rentner nicht noch mal ein neues Haus bauen sollte.
Im Gegenteil:
Man gibt das bisherige Wohnhaus an eine Familie mit Kindern weiter, denn ein Familienheim braucht man im Alter nicht mehr. Für junge Familien dagegen sind gebrauchte Häuser viel praktischer, weil es dann nicht so schlimm ist, wenn die Kinder mal etwas andengeln und per Saldo wohnen dann alle Generationen altersgerecht
.

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Samstag, 7. März 2026
#relevant: Wie gefällt dir dein Vorname
In diesem Monat ist das Thema der #relevant Blogparade:
Wie gefällt dir dein Vorname?

Weil ich seit neuestem regelmäßig bei Rivva schaue, was es Neues bei deutschen Blogs gibt, habe ich das Thema nicht nur bereits am Anfang des Monats entdeckt, sondern fühle mich diesmal persönlich sehr angesprochen, weil in der ergänzenden Erläuterung auch noch gefragt wird:

Falls du Kinder hast, welche Gedanken hast du dir bei deren Vornamen gemacht? Sind sie zufrieden damit?

Namen sind ein Thema, das mich schon mein gesamtes Leben lang begleitet, weil ja schon mein (erster) Vorname nicht wirklich alltäglich ist.

Ich nenne meinen Namen und die Reaktion kommt prompt: " WIE heißt Du? Das ist ja ungewöhnlich, das habe ich noch nie gehört." Auch Fragen wie "Bist du sicher? Wirklich ohne t und mit e hinten?" kommen regelmäßig vor, offensichtlich erscheint es wahrscheinlicher, dass ich mich bisher mein Leben lang vertan habe, als dass jemand wirklich so seltsam heißt. Als häufigste Variante werde ich aber oft konsequent und nachhaltig Antje genannt, ist schließlich auch irgendwie nordisch und ich nehme es längst achselzuckend hin.

Als Kind war mir die Ungewöhnlichkeit meines Namens oft unangenehm und ich habe mir gewünscht, ich hätte einen normaleren Namen, Anja oder eben wenigstens Antje oder Anke.
Ich fand, ich war durch meine Größe und meine burschikose und eher (vor)laute Art schon auffällig genug, da musste ich nicht auch noch extra durch meinen Namen auffallen.

In meiner Klasse gab es drei Anjas, eine davon war das ziemlich genaue Gegenteil von mir: Mittelgroß, sehr niedlich mit IMMER sauber geflochtenen Zöpfen (meine waren schon zehn Minuten nach dem Frisieren wieder struppig), einer wunderschönen Handschrift und überhaupt einer bewundernswerten Ordnung und Sorgfalt und natürlich immer ruhig und nie vorlaut.
Diese Anja verkörperte mein großes Sehnsuchtsbild, so wäre ich gerne gewesen.

Ich erinnere mich, dass ich eines Mittags auf dem Heimweg von der Schule beschloss, künftig nur noch ganz leise und zurückhaltend zu sprechen. Es gelang mir bis zum Mittagessen, wo ich mal wieder mit meinem Vater in Streit darüber geriet, wie viel bzw. ob ich überhaupt etwas essen müsse. Das war unser Dauerstreit, weil ich außer Kartoffeln und ungekochtem Obst und Gemüse eigentlich nichts gerne aß und deshalb ständig Probleme mit der Vorgabe meines Vaters hatte, der rigoros verlangte: Was auf den Tisch kommt, wird gegessen.
Meine Mutter rettete die Situation, in dem sie ihm sagte, ich sei wohl krank, ich wäre schon seit der Rückkehr aus der Schule ungewöhnlich schweigsam.

Nur noch leise, lieb und brav zu sein, scheiterte also an meinem Vater, der verlangte, dass ich gekochten Blumenkohl essen müsse, einer Zumutung, der ich mich selbstverständlich energisch entgegenstellen musste. Roher Blumenkohl ist ja okay, aber doch nicht gekocht, wie fies ist das denn?

An einer schönen Handschrift, sauberen Linien und überhaupt einer wunderbaren optischen Ordnung scheiterte ich mangels Können ebenfalls, bis heute übrigens, nur heute stört es mich nicht mehr. Heute ist mein Leitsatz: Wer nicht grade kann, macht extra krumm, dann ist es Kunst.

Aber in der Grundschule wäre ich schon sehr gerne noch anders gewesen.
Damit man sich die Unterschiede vorstellen kann, habe ich extra mein altes Poesiealbum herausgesucht, was ich in der zweiten Klasse bekommen habe:

Eintrag in mein Poesiealbum von Anja

Ist so etwas nicht einfach nur bewundernswert? Anja war damals grade erst acht Jahre alt.

Im Vergleich dazu mein Eintrag auf dem Deckblatt vorne, noch nicht mal da gelang es mir grade und ordentlich

Mein Eintrag in mein Poesiealbum

Warum ich ganz oben meinen Namen noch mal zusätzlich mit grünem Filzstift hinschreiben musste, ist auch nicht zu verstehen.

Allerdings gab es zum Glück auch andere, die ähnliche Probleme mit Name, Größe und Schludrigkeit hatten, meine Freundin Hannelore war auch nicht besser dran.

Hannelores Eintrag in meinen Poesiealbum

Hannelore war die Tochter des Pastors, genauso groß wie ich und eben auch nicht wirklich mit Ordnung und Sorgfalt gesegnet.
Lehrers Kinder, Pastors Vieh, gedeihen selten oder nie - den Spruch haben wir sehr oft zu hören bekommen.
Und bei der Frage nach dem Namen, war mir Anje dann doch noch lieber als Hannelore.

Meine Doppelnamenabneigung erstreckt sich auch auf Vornamen und begann schon sehr früh, wie ich in der Erinnerung grade feststelle.
Hannelore gehört in die gleiche Kategorie wie Lieselotte, ein Name, den mein Großvater regelmäßig kommentierte mit: Heißt wie zwei Kühe.

Mein Vater erzählte gerne, dass er beim ersten Vorsprechen im Standesamt, als er die Geburt seiner Tochter anzeigen wollte, wieder umgeschickt wurde, weil der Standesbeamte den Namen Anje nicht akzeptierte, den gäbe es nicht.
Er fuhr also nach Hause, holte die alte Familienbibel, wo der Stammbaum seiner Familie eingetragen war und wies so nach, dass es den Namen Anje sehr wohl gibt, meine Ururoma hieß so und ich sage bis heute gern, dass auf Borkum die Friedhöfe voll sind mit Anjes.

Neben meinem Rufnamen bekam ich noch zwei weitere Namen, nämlich die meiner beiden Patentanten, Anita und Erika.
Beide Namen fand ich stets schrecklich und kann sie auch bis heute nicht leiden. Eigentlich habe ich immer dafür gesorgt, dass sie niemand erfährt, aber sie stehen natürlich ausgeschrieben in meinem Personalausweis und weil die Banken es ganz genau nehmen, läuft mein Bankkonto auf alle drei Vornamen und seitdem es jetzt diesen Namensabgleich bei der Kontonummer gibt, wird jedem, der bei Überweisungen nur meinen einfachen Vor- und Nachnamen als Empfänger angibt, angezeigt, wie der vollständige, richtige Name lautet. Ich finde es entsetzlich, kann es aber nicht verhindern.

Je älter ich wurde, umso mehr überzeugten mich die Vorteile eines seltenen Vornamens. Weil es nicht so viele Anjes gibt wie Anjas, Antjes oder Ankes, konnte ich meinen Nachnamen einfach weglassen, es gab in meinem Umfeld nur eine Anje und damit war ich überall eindeutig zu identifizieren.

So wurde mein Name quasi zu meinem USP und ich bin heute sehr zufrieden, dass ich wirklich so heiße, einfach Anje, ohne Tee oder Kakao, wie ich vielen Leuten immer wieder bestätige, wenn sie fragen, ob mein Name wirklich so geschrieben wird.
Englischsprachigen Menschen, die gerne schon mal so etwas wie "onion" daraus machen, erkläre ich dagegen, dass sich der Name wie "Lasagne" ausspricht, nur ohne Las.
Und als Basis für einen Blognamen ist er natürlich ebenfalls wunderbar.

Weil ich meinen Namen als etwas Besonderes empfinde, wollte ich auch für meine Kinder einen besonderen Namen finden, der aber, genau wie mein eigener Name, nichts Ausländisches sein sollte und sich nicht nur durch eine extravagante Schreibweise* auszeichnet, die gesprochen niemand hört. Birrgitt z. B. finde ich genauso anstrengend wie Wincent oder Detleff.

*Michaela gibt es in 135 verschiedenen Schreibweisen


Einen Mädchennamen wusste ich schon immer, den hatte ich nämlich von meinem Großvater übernommen und sofort seine Vorliebe für diesen Namen geteilt.
Mein Großvater hieß Karl und als er eines Tages sagte, er fände seinen Namen nicht so schön, er wäre viel lieber ein Mädchen geworden, weil er dann den schöneren Namen bekommen hätte, hat meine Großmutter ihn erstaunt angesehen und gefragt: "Dann hättest du Karla geheißen, das gefällt Dir besser?", antwortete er: "Nein, dann hätte ich Carlina geheißen und das finde ich viel schöner als Karl."

Da ich sowieso immer nur, wenn überhaupt, dann ein Mädchen als Kind haben wollte, habe ich über Jungsnamen nie nachgedacht. In meiner Vorstellung waren Jungs wie mein Vater oder mein Bruder, also Feiglinge mit einer großen Klappe, davon habe ich mich nur genervt abgewendet, denn ein braves Weichei als Kind wollte ich ganz bestimmt nicht und so einen Nichtskönner-Minimacho erst recht nicht. Ich wollte lieber ein draufgängerisches, wildes Mädchen, gegen mich selbst als Kind hätte ich nichts einzuwenden gehabt, aber mein Bruder als Kind wäre mir eindeutig zu langweilig gewesen*.

*auch wenn meine Mutter immer sagte, dass sie ganz froh war, nicht noch so ein Kind wie mich bekommen zu haben, sondern meinen Bruder als Kind sehr erholsam fand.

Nun war meine erste Schwangerschaft ein ungeplanter Zufallstreffer, ich also entsprechend überhaupt nicht vorbereitet und bis zum siebten Monat hatte der Arzt auch gesagt, es würde ein Mädchen, aber dann machte er noch mal einen ausführlichen Ultraschall und sagte, ne, das wäre wohl doch nicht der Daumen gewesen und nun ja, aber er sei sich jetzt sicher, dass es ein Junge wird.
Ich war total geschockt und hatte keine Lust mehr, ein Kind zu bekommen, wenn es am Ende doch bloß ein Junge wird, was soll ich denn damit?

In der Folge verweigerte ich jede weitere Planung oder Überlegung, wie es nach der Geburt weitergeht, wird ja eh bloß ein Junge, was soll ich mich da groß anstrengen?

Als das Kind auf der Welt war und ich gefragt wurde, wie es heißen soll, hatte ich nicht nur keine Idee, sondern auch keine Lust, mich brav in mein Schicksal als Jungsmutter zu fügen und überlegte ernsthaft, was wohl passiert, wenn ich mich als (unverheiratete) Mutter weigere, dem Kind einen Namen zu geben. Wird es dann vom Amt zwangsbenamt? Dagegen kann man doch bestimmt Einspruch einlegen, das wird ein Spaß, da schauen wir mal, wie das ausgeht.
Intern hatte das Baby einen Arbeitstitel, ich nannte es F1 und war sicher, dass es so einem Minibaby wirklich völlig schnurz ist, ob es schon einen offiziellen Namen hat oder noch nicht.

Aber dann sagte der Arzt, wenn das Kind keinen Namen hätte, könnte es auch keinen Impfausweis bekommen und ohne Impfausweis könne er das Baby nicht impfen und da knickte ich ein. Das arme Kind hatte schon genug darunter zu leiden, dass es nur ein Junge geworden war, da sollte es nicht auch noch zusätzlich irgendwelchen weiteren Krankheitsgefahren ausgesetzt werden.

Ich suchte also nach einem Namen und, fair wie ich war, durfte auch der Vater mitreden.
Der Vater (CW) meinte, sein erster Sohn aus erster Ehe hätte drei Vornamen, die mit A, B und C anfingen, er fände es super, wenn dieses Kind jetzt drei Vornamen bekäme, die mit D, E, und F weitergingen.

Da ich prinzipiell nur sehr ungern Nummer zwei bin und mich schon gar nicht freiwillig hinter jemandem, den ich aus vielerlei Gründen nur sehr verachtete, einsortiere, wurde die weitere alphabetische Durchnummerierung natürlich sofort abgelehnt. Auf keinen Fall.

Mag ja sein, dass es sein zweites Kind war, aber für mich war es das erste und es sollte selbstverständlich auch sonst überall Nummer 1 sein. Akzeptiert habe ich aber den Vorschlag des Vaters, dem Kind mehrere Namen zu geben, dann könne es später immer den am besten passenden auswählen.
CW meinte, jedes Kind bräuchte dringend einen Namen, wenn es Notar werden wolle und einen, wenn es ins Showbusiness wolle. Und ein normaler Name für den normalen Alltag wäre natürlich auch ganz praktisch. Außerdem fände er es gut, wenn jedes Kind auch einen österreichischen Namen bekommt, denn immerhin wäre das ja auch Teil der Herkunft.

Ich wollte dazu noch einen genderneutralen Namen, denn man kann ja nie wissen, vielleicht möchte der arme Junge ja später doch lieber ein Mädchen sein, dann hätte er immerhin schon mal einen passenden Namen.

Und so kam es, dass ich als ersten Namen "Cai" wählte, dann einen ostfriesischen Alltagsnamen (Klaas), den ich mit einem "Ni" davor etwas modernisierte, ohne zu bemerken, dass ich so durch Zufall einen Modenamen erwischt hatte, Pech, außerdem August für die Notarlaufbahn und Ferdinand für den Wiener Teil.

Als ich danach wieder schwanger wurde und diesmal endlich wirklich ein Mädchen unterwegs war, war der Alltagsname schon klar, es fehlten nur die Namen drumherum.

Da sie nicht im heimischen Bett, sondern in Belize auf Caye Caulker gezeugt worden war, kamen wir auf die Idee, sie auch "Cai" zu nennen, allerdings in der Schreibweise "Caye", schließlich ist sie ein Mädchen und da darf sie ruhig ein extra e als Unterscheidung bekommen.
Mit "Theresa" wurde die Wienerkomponente genauso bedient wie die eventuelle Notarlaufbahn und fürs Showbizz gab ich ihr noch eine "Filine" dazu. Problematisch wurde es, weil diesmal der Standesbeamte in Düsseldorf den Eintrag verweigerte, Caye wäre kein Name.

Mangels Familienbibel mussten wir die Namensberechtigung also irgendwie anders nachweisen und so kam CW auf die Idee, sich vom belizianischen Justice of Peace per Fax bescheinigen zu lassen, dass Caye ein ganz normaler belizianischer Mädchenname ist.

Da er geschäftliche Kontakte nach Belize hatte (deshalb waren wir damals ja auch dort zu Besuch), hatte er Schreiben aus den Ministerien, die er als Kopiervorlage für Absender, Briefkopf und Unterschrift nutzte. Weil er das Siegel vom Landwirtschaftsministerium besonders überzeugend und eindrucksvoll fand, (und natürlich auch aus einer Vorlage kopieren konnte) fügte er das auch noch ein, dann schrieb er den passenden Text, klebte die einzelnen Stücke anschließend mit Prittstift auf ein Stück Papier, kopierte alles, um es zum Schluss als Fax an das Düsseldorfer Standesamt "weiterzuleiten".

Das Originalpapier habe ich selbstverständlich zur Erinnerung aufgehoben und wenn C je ihre Memoiren schreibt, müssen die mit dem Satz beginnen: Meine Eltern waren Fälscher.

Die Bestätigung für das Düsseldorfer Standesamt

Als ich dann mit dem dritten Kind schwanger war, war längst klar, dass der erste Name auch wieder "Kai" sein wird, vorsichtshalber legten wir eine Liste an, welche verschiedenen Schreibweisen noch möglich sind (Quai z. B. ginge zur Not ja auch, oder Key), um zu planen, wie viele Kinder wir noch bekommen können, wenn jedes eine eigene Kai-Schreibweise bekommen soll.

Das dritte Kind wurde wieder ein Junge. Nach dem der erste Junge überhaupt nicht auf seinen Opa oder Onkel mütterlicherseits kam, sondern viel eher auf seinen Wiener Onkel, der vor allem für seine Durchgeknalltheit bekannt war oder auch auf Michel aus Lönneberga, was die Menge an Unsinn anging, den er beständig anstellte, hatte ich meine Jungsabneigung abgelegt und keinerlei konkrete Geschlechtswünsche mehr für das Baby.
Dass es ein Junge wurde, war früh bekannt, weil ich mit 35 als "Risikoschwangere" galt und über eine Fruchtwasseruntersuchung die Gesundheit und das Geschlecht des Kindes bestimmt wurde.

Wir hatten also reichlich Zeit, uns Namen zu überlegen und ich stellte fest, dass ich Jungsnamen schwieriger finde als Mädchennamen. Als Mädchen hätte ich Kaj Jona Carlotta Marie sehr schön gefunden, da waren alle wichtigen Komponenten drin und insgesamt haben die Namen hintereinander gesprochen einen schönen, schwingenden Klang.

Aber wir brauchten ja einen Jungsnamen.
Und es sollte etwa Österreichisches dabei sein. Ich schlug "Wiener Würstchen" vor, sah aber ein, dass das eher unpassend ist als Name. Dann schlug ich Felix Austria vor und verliebte mich immer mehr in diesen Vorschlag.
CW hatte allerdings die Sorge, dass der Standesbeamte hier wieder rumzicken würde und hing vorsichtshalber noch einen Leopold hinten dran, weil er davon ausging, dass der Austria als Streichergebnis wegfallen wird und Felix allein ja nicht wienerisch genug ist.

Überraschenderweise hat der Standesbeamte diesmal aber noch nicht mal gezuckt, sondern völlig kommentarlos die von uns angegebenen Namen in die Geburtsurkunde übertragen und so kommt es, dass das dritte Kind nun sogar fünf Namen hat und tatsächlich unter anderem Felix Austria heißt.
Okay, man kann jetzt sagen, dass das mindestens so schlimm ist wie Jimi Blue, aber immerhin ist das nicht sein Alltagsrufname, als Name für Showbizz dagegen perfekt. Und wenn er Notar werden möchte, nun, er hat ja noch den Leopold in Reserve.

Wie die Kinder selber ihre Namen finden weiß ich natürlich nicht genau, ich denke aber, mit ihren Alltagsnamen sind sie soweit zufrieden, C findet es nur schade, dass sie keine richtige "Mittelinitiale" hat, weil sie normalerweise immer ihren zweiten Namen benutzt und der ist ja selber schon irgendwie in der Mitte.

Ich dagegen finde es immer wieder schön, wenn ich sagen kann:
Meine Kinder heißen alle Kai, nur jeweils anders geschrieben
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Sonntag, 22. Februar 2026
Über das Faulsein
Seit 10 Tagen bin ich wieder auf Borkum und im Grunde habe ich in den letzten 10 Tagen hauptsächlich nichts getan. Meine Hauptbeschäftigung bestand darin, zu existieren und währenddessen immer wieder darüber nachzudenken, wie angenehm ich es finde, das Leben derart verlangsamt zu haben.

Ich war schon immer gerne faul, die meiste Energie habe ich stets vor allem dafür aufgebracht, mir strategischen Freiraum für eine maximale Faulheit zu schaffen.

Es gibt dieses Zitat, das wahlweise Bill Gates oder Henry Ford zugeschrieben wird, dass sie für eine schwierige Aufgabe am liebsten faule Menschen engagieren würden, weil die üblicherweise die einfachste Lösung dafür fänden und ich fühlte mich von diesem Zitat immer sehr bestätigt.

Deshalb stecke ich viel Zeit in den Aufbau einer effizienten Ordnungsstruktur (sowohl in der Küche als auch auf dem Computer oder bei allen beruflichen Aufgaben), weil ich mir dadurch sehr viel Suchen und doppelte Arbeit erspare. Wichtig sind mir dabei kurze, einfache und schnelle Erreichbarkeiten sowie Skalierbarkeit für Mengenveränderungen. Relativ unwichtig ist mir dagegen das optische Erscheinungsbild, niemals wäre ich bereit, nur aus optischen Gründen Zusatzarbeit oder extra Umständlichkeiten zu akzeptieren.

Zierleisten an Küchenfronten finde ich genauso überflüssig, wie fehlende Griffe oder gar, aus rein optischen Gründe, innenliegende Auszüge, weil ich eine Schublade definitiv öfter öffne als putze. Ich pfeife auch auf die Symmetrie, wenn ich konkrete Gründe habe, weshalb ich unterschiedliche Höhen, Breiten oder Aufteilungen in meinen Küchenschränken brauche. Mein Küchenbauer zuckt nur noch ergeben die Achseln.

Ich war schon immer gerne und absichtlich faul und habe gleichzeitig früh gelernt, dass es klug ist, das nicht zu öffentlich zu zeigen, denn diese protestantische Arbeitsethik, die vor allem der Nachkriegsgeneration eingebläut worden war, prangert Faulheit ja gerne als etwas Unethisches an.

Böll schrieb seine "Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral" bereits im Jahr 1963 und ich habe bis heute nicht begriffen, weshalb sie nicht für absolut jeden, der immer noch dieser seltsamen Strebsamkeitsehtik anhängt, der ultimative Augenöffner ist.



Weshalb, um alles in der Welt, sollte man beständig arbeiten und immer mehr und mehr wollen?
Klar, wenn man von Null kommt, muss man sich erst mal anstrengen, um sich ein Grundgerüst aufzubauen, auch der Fischer musste sein Boot ja irgendwoher bekommen haben. Für die Nachkriegsgeneration, die eine Welt in Schutt und Asche vorfand, ist es also ganz natürlich, dass sie sich erst etwas aufbauen mussten, um es dann in Ruhe genießen zu können, aber warum ist Herr Merz heute noch der Meinung, dass Lifestyle-Teilzeit etwas Negatives ist?

Ich begreife seine Absicht nicht, wenn er sagt, dass wir uns anstrengen müssen, wenn wir unseren Wohlstand erhalten wollen, denn grade DASS wir es uns heute leisten können, nicht mehr so viel zu arbeiten, ist doch ein wunderbarer Luxus. Und den will Herr Merz dadurch retten, das er das verbieten will? Merkste selber, nicht wahr?

Lifestyle-Teilzeit ist exakt mein Lebensstil. Ich finde ihn erstrebenswert und positiv. Warum soll ich mehr arbeiten als notwendig?*
Und notwendig ist Arbeit nur solange, bis ich das, was ich damit erreichen möchte, auch erreicht habe.

*Genau genommen verbringe ich die letzten 15 Jahre meines Arbeitslebens in Lifestyle-Freizeit, denn ich habe in meiner aktiven Zeit zwar Fulltime gearbeitet, ließ mich aber nur für Teilzeit (2/3 Stelle) bezahlen. So sammelte ich zehn Jahre lang jedes Jahr 1/3 meiner Arbeitszeit als Überstunden an, die ich jetzt, in den fünf Jahren bevor die offizielle Rente greift, "abfeiere".


Jetzt mag jeder unterschiedliche Ziele haben, was er erreichen möchte, aber mein Ziel war es immer zu arbeiten, um damit Geld zu verdienen, das ich brauche, um mir ein schönes Leben leisten zu können und zu einem schönen Leben gehört nach meiner Überzeugung, dass man eben nicht ständig arbeitet.

An dieser Stelle mache ich jetzt einen harten Schnitt, denn ich habe im ersten Überschwang des Schreibens auch noch sehr ausführlich dargestellt, was genau ich mir unter einem schönen Leben vorstellen und wie ich für mich den Zielkonflikt "Geldverdienen versus Leben genießen" gelöst habe, aber das ist ein komplett anderes Thema und den bereits getippten Text habe ich jetzt einfach in ein neues Dokument kopiert, wo ich ihn bei Gelegenheit mal weiter überdenken kann, denn eigentlich ist mein Ausgangspunkt "Faulheit" und auf dieses Thema bin ich gekommen, weil ich heute gleich zwei Texte dazu bei den Krautreportern gelesen habe.

Der erste Text heißt
Was für eine blöde Idee: Stress als Statussymbol
und stammt ursprünglich aus dem Jahr 2021.

Weil das Thema offensichtlich immer wieder aufs Neue aktuell ist, wurde er am 12.2.2026 aktualisiert und schwamm damit wieder nach oben, sonst hätte ich ihn gar nicht mehr wahrgenommen.
Außerdem passt er natürlich wunderbar zu dem zweiten Text, dessen Überschrift lautet:
So wirst du Friedrich Merz’ größter Feind
Eine Anleitung zum Faulsein in vier Schritten.

Weil ich ein KrautreporterAbo habe, konnte ich beide Links ohne Bezahlschranke freischalten, um sie hier zu teilen, eine Möglichkeit, die mir bei den Krautreportern sehr gefällt.

Ich mag den ersten Text besonders, weil er so unschlagbar überzeugend erklärt, warum Faulheit eine wirklich gute Sache ist und obwohl das Wort "faul" so negativ besetzt ist, wird es hier aktiv genutzt:
Ich möchte aber trotzdem bei dem Wort Faulheit bleiben. Aus einem einfachen Grund: Weil alle anderen Begriffe dem Nichtstun einen Zweck geben. „Muße“ ist ein philosophischer Rückzug, auch genüssliches Nichtstun und Entspannung können Ziele sein, an denen man sich aufreibt. Hier ist also meine Definition von Faulheit: Das Recht zu existieren, ohne zu produzieren, noch nicht einmal schöne Gedanken. Und ohne schlechtes Gewissen.
Genau auf diese Art bin ich auch sehr gerne faul.

Theresa Bäuerlein, die den ersten Text geschrieben hat, hat als Vorbereitung auf das Thema eine Umfrage gestartet und darin unter anderem gefragt, wie faul man sich jeweils selber einschätze.
Eine Frage, die ich gestellt habe, war: „Wie faul schätzt du dich ein?“ Die Antwort lag im Durchschnitt bei 6, also ein bisschen mehr als mittelfaul. Wir müssen davon ausgehen, dass die wirklich Faulen an dieser Umfrage nicht teilgenommen haben.
Manche Antworten stechen heraus. Weil sie von Teilnehmer:innen kommen, die ihren Frieden mit dem Nichtstun gefunden haben. Es sind wenige, wie Angela. „Ständig wird davon geredet, man solle aus seiner Komfortzone heraus. Ich bin heilfroh, nach vielen Jahren jetzt endlich mal hereinzufinden. Zu tun, was ich möchte, auch wenn es ‚nichts‘ ist, empfinde ich als totalen Luxus. Ich bin kein Geldmillionär, sondern ein Zeitmillionär“, schreibt sie.


Mir geht es exakt genau so. Ich finde es zwar wichtig, dass ich die finanzielle Seite erst vernünftig geregelt hatte, bevor ich mich in dieses ausführliche Nichtstun stürzte , was ich inzwischen seit fast anderthalb Jahren genieße, aber als wahren Reichtum sehe ich auch die unendliche Menge an Zeit pro Tag an, die ich frei nach eigenem Gusto verbringen kann. Gleichzeitig ist das für mich auch die Definition von Freiheit, denn Freiheit besteht für mich nicht unbedingt daraus, dass ich tun kann, was ich will, sondern dass ich nichts tun muss, was ich nicht will.

Die meisten anderen Teilnehmer:innen der Umfrage reden davon, dass sie gerne fauler wären, aber es nicht können. „Faulheit ist nie entspannend, weil immer ein schlechtes Gefühl da ist, dass ich etwas nicht tue, was ich erledigen sollte“, sagt Michaela. Ein:e anonym:e Leser:in hat im vergangenen Jahr aus gesundheitlichen Gründen weder arbeiten, noch einen Job suchen können. „Ich hätte also viel Zeit zum Faulsein gehabt, war aber trotzdem gestresst wegen schlechtem Gewissen.“
Damit hatte ich zum Glück in meinem ganzen Leben noch nie ein Problem, ich habe auch heute noch eine Liste mit Dingen, die ich erledigen muss (das liegt daran, dass die Admin-Dinge des Lebens auch im Alter nicht aufhören) und manche davon können echt böse enden, wenn man sie zu lange vor sich herschiebt, aber einer meiner Wahlsprüche, der mich schon mein gesamtes Leben begleitet, lautet:
Zum Glück gibt es ja immer noch die letzte Minute, sonst würde nie etwas getan
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Freitag, 6. Februar 2026
Schubladenumsortierung
Seit knapp einem Jahr schreibt Felix wieder täglich ins Internet und ich liebe es.

Als Blog- und Internet-Urgestein kenne ich den Namen Felix Schwenzel natürlich schon seit sozusagen immer, aber in meinem Kopf hatte ich den Namen und das Blog mit "Technikmensch" verknüpft und mich deshalb nicht weiter damit beschäftigt.

Für Leute, die Technik lieben ist mein Technikzu- und -umgang ungefähr so erschütternd wie für Menschen, die gerne kochen, meine Methoden "der Essensherstellung", denn ich habe in beiden Fällen nicht diese buddhistische "der Weg ist das Ziel"-Einstellung, sondern gebe schnell auf, wenn ich das Gefühl habe, dass das Ziel im Weg steht, oder anders ausgedrückt: Ich suche mir immer den bequemsten Weg zum Ziel und wenn das Ziel nur auf unbequemen Wegen zu erreichen ist, interessiert es mich schnell nicht mehr, außer ich finde einen komplett neuen, völlig anders ausgestalteten Weg, der üblicherweise so nicht vorgesehen ist.

Ich käme nie auf den Gedanken, einen Berg zu besteigen, nur um mich oben in das Gipfelbuch eintragen zu können. Wenn ich aber einen Hubschrauberpiloten kennen würde, der sagte, wir machen da eine Abseilübung und mich mal kurz zum Eintragen ins Gipfelbuch dort runterlässt - dann wäre ich mit Begeisterung dabei, wohlwissend, dass mich dafür alle "echten" Bergsteiger zutiefst verachten würden, weil das in ihren Augen selbstverständlich Betrug ist.

L'art pour l'art ist nix, was meiner Grundeinstellung zum Leben entspricht, Spaß haben um des Spaßes willen dagegen sehr.

Die meisten Künstler nehmen ihre Kunst ernst. Sie fühlen da eine innere Berufung, einen Drang, in, durch und mit ihrer Kunst zu leben, sie können nicht anders. Sie nehmen dafür Entbehrungen in Kauf, schlechte Bezahlung, körperliche Unbequemlichkeiten und eben alles, was man gemeinhin so als "hartes Leben" bezeichnet, einfach nur deshalb, weil sie nichts anderes machen wollen als ihre Kunst.

Die "Techniknerds", die ich in meinem Leben so kennengelernt habe, ticken oft ähnlich, denn beide, Technikfreaks genauso wie Künstler, sind gerne mal durchdrungen von dem Gedanken, dass man das, was sie machen, unbedingt auf die "richtige" Art machen sollte, alles andere ist Stückwerk. Und Hobbykünstler, naja, das sind halt nur Hobbykünstler. Zu denen ist man nett, aber die wirklichen Freunde hat man nur auf Augenhöhe in den Kreisen, die die eigene Leidenschaft teilen.

Zwischen mir und Menschen, die das Leben und ihr Tun ernst nehmen, gibt es nur sehr wenige Schnittpunkte.

Eine meiner zahllosen schlechten Eigenschaften ist es, Menschen sehr schnell und gedankenlos in Schubladen zu stecken.
Ich weiß, dass das nicht klug ist, finde es aber nur eingeschränkt schlimm, denn eigentlich bin vor allem ich diejenige, die dadurch Nachteile hat. Ich verpasse es nämlich leicht mal, interessante Menschen näher kennenzulernen, weil ich sie zu schnell vorab in eine Kategorie einsortiert habe, die bei mir unter "langweilig" läuft, was dann dazu führt, dass ich sie nur nebenher wahrnehme, aber nicht aktiv beachte.

Aber manchmal bemerke ich diesen Fehler und dann freue ich mich.

Felix hat sicherlich einen komplett anderen Zu- und Umgang mit Technik als ich und er schreibt in seinem Blog auch häufig über nerdige Technikthemen, von denen ich komplett gar nichts verstehe, aber meine Grundeinstellung zu diesem Thema wäre wahrscheinlich genau wie seine, wenn ich etwas davon verstehen würde: Man beschäftigt sich damit, weil es Spaß macht, aber das heißt nicht, dass man es ernst nehmen muss.

Und, was ich viel wichtiger finde, es gibt auch noch 1000 andere Themen im Leben, mit denen man sich beschäftigen kann und genau hier wird es für mich spannend, denn ich habe festgestellt, dass Felix sich gerne mit Themen beschäftigt, die ich ebenfalls interessant finde und dann formuliert er seine Gedanken dazu so, dass ich das Gefühl habe, ich würde es exakt genau so sagen, nur kann er es besser ausdrücken und formulieren und dann habe ich einen Mordsspaß daran, seine Texte zu lesen, weil ich immerzu denke: Ja, genau so geht es mir auch, ja, genau das sind meine Gedanken dazu, die ich nur bisher noch nicht formulieren konnte.

Irgendwann letztes Jahr im Sommer bin ich über einen Link in einem anderen Blog nach langer Zeit mal wieder auf wirres.net gelandet, war sehr fasziniert über seine Gedanken zum Thema Bloggen - und lese seitdem jeden Tag dort mit, einfach weil ich ab sofort keinen Text mehr verpassen möchte, der sich mit Themen beschäftigt, die ich auch interessant finde.

Gestern schrieb er einen Antwortbeitrag auf Thomas Gigold, der die Frage stellte: Wann hast du das letzte Mal hart nachgedacht? - und seine Antwort ist mal wieder ein Text, der meine Gedanken dazu komplett auf den Punkt bringt, denn ich habe mich auch schon öfter mal gefragt, wie andere Menschen wohl nachdenken, weil ich selber das Gefühl habe, ich weiß gar nicht, wie das geht.
Felix schreibt dazu:
das ei­gent­li­che den­ken fin­det dann ohne mich statt. ich muss nur für in­spi­ra­ti­on sor­gen, skiz­zen an­fer­ti­gen, wort­bal­lons stei­gen las­sen, viel­leicht ein biss­chen ab­schwei­fen und quatsch ma­chen.
Ja, exakt so fühlt es sich für mich auch an, ich denke nicht wirklich aktiv und schon gar nicht hart, "es" denkt irgendwie aus mir heraus, ich muss nur dafür sorgen, dass "es" nicht gestört wird und sich entfalten kann. Dann kommt es auch irgendwann mit einer Lösung um die Ecke.

Und weil ich mich in den letzten Monaten jetzt schon mehrfach über einen Text von Felix gefreut habe, wollte ich das heute endlich mal aktiv gesagt haben
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Sonntag, 25. Januar 2026
Ich bin nicht nostalgisch
Aktuell gibt es bei vielen Menschen ausgeprägte Nostalgiesehnsüchte, die wahrscheinlich daraus resultierten, dass es für viele gefühlt seit einiger Zeit nicht mehr positiv vorangeht und dass stattdessen die negativen Dinge täglich mehr werden.

Christian Buggisch hat dazu einen Beitrag geschrieben, der mir sehr gut gefällt, denn das Verklären der Vergangenheit hat mich schon immer irritiert.
Mit anderen Worten: Die Welt ist, wie sie ist, und wir müssen uns, wie im 20. Jahrhundert üblich, wieder einen nüchtern-realistischen Blick auf diese Welt aneignen. Dann werden wir sehen, dass nicht plötzlich alles schlimm geworden ist und dass es keinen Anlass gibt, sich die „guten“ alten Zeiten herbeizuwünschen.

Diese Nostalgiesehnsucht wird meistens mit "ich vermisse" formuliert, denn es gibt da etwas, das in der Erinnerung super war, das aber heute nicht mehr so ist, wie früher.

Klar gibt es heute vieles, was kacke ist, was schlecht läuft, was unfair ist, was man gerne anders hätte und es gibt auch vieles, was früher besser lief, weil früher halt früher war und damals andere Bedingungen galten.
Aber die Bedingungen von früher möchte ich ganz sicher nicht zurück, denn die hatten genauso ihre Nebenwirkungen und negativen Begleiterscheinungen, die viele Leute, die heute nostalgische Schwärmereien à la "ich vermisse so sehr" ausbreiten, gerne ausblenden bzw. die sie schlicht vergessen haben.

Das Vergessen scheint mir eine Form der retrograden Amnesie zu sein, die eine sehr praktische Erfindung der eigenen Psyche ist, man vergisst das Schreckliche und erinnert sich nur an die schönen Dinge.
Retrograde Amnesie ist sowas wie geblitztdingst von der eigenen Erinnerung und passiert allen ständig und pausenlos, weil es super praktisch und angenehm ist. Wenn es das nicht gäbe, wäre die Menschheit schon längst ausgestorben, denn welche Frau bekäme freiwillig ein zweites Kind, wenn ihr die Geburtsschmerzen der ersten Geburt als feste Erinnerung für immer ins Gehirn gebrannt wären?

Aber auch wenn ich den Schmerz selber nicht mehr fühle, so kann ich doch versuchen, mich wenigstens so objektiv und rational an die Vergangenheit zu erinnern und dann fällt mir auch wieder ein, was ich bei der ersten Geburt gedacht habe, nämlich: Was für eine verdammte Scheiße. Ich will das nicht, ich will hier raus, nie wieder lasse ich mich auf so etwas ein, ich sterbe.

Dadurch, dass wir heute vollständig selbstverständlich mit Dingen wie Internet und Smartphones leben, sind natürlich auch Dinge notwendig geworden, die früher nicht notwendig waren, weil nicht alle Menschen nach denselben ethischen Grundsätzen leben. Es gibt sogar Menschen, die halten sich noch nicht mal an die doch für alle vorgegebenen, einheitlichen gesetzlichen Regeln, die nennt man dann Kriminelle oder schlicht "böse Menschen".

Die gab es zwar schon immer, aber das extra fiese bei Kriminellen ist, dass sie ständig ihr Tätigkeitsfeld verändern und sich den gegebenen Möglichkeiten anpassen. Richtig böse Menschen sind oft überdurchschnittlich intelligent (das ist besonders verwerflich) und suchen sich deshalb ständig neue Wege und Einsatzgebiete, in denen sie ihre eigenen Interessen maximal erfolgreich umsetzen können. Heute noch Postkutschen zu überfallen wäre halt nicht mehr sehr einträglich.

In den Anfangszeiten von Computern und Internet waren es nur wenige Menschen, die diese neuen Medien und die Technik nutzten und selbstverständlich waren sie davon begeistert. Diejenigen, die es nutzten, bewegten sich quasi ausschließlich unter ihresgleichen, zumindest waren die Nutzergruppen deutlich homogener und - ganz entscheidend - eben auch viel kleiner. Das machte diese Welt für Menschen mit kriminellen Absichten damit noch nicht sehr interessant, denn erstens gab es dort damals noch nicht so viel zu holen und gleichzeitig hatten die bösen Menschen auch nicht so eine breite Masse an Menschen, die sie auf diesem Weg erreichen und für ihre Zwecke manipulieren und missbrauchen konnten.

Je mehr Menschen die Welt von Computern, Smartphones und Internet entdeckten und nutzten, umso interessanter wurde es für böse Menschen, sich damit zu beschäftigen, wie sie genau diese neue Technik für ihre Interessen nutzen könnten.

"Ich vermisse das Twitter von früher so sehr" - ein Satz, den ich schon oft gehört bzw. gelesen habe, der aber nur bedeutet, dass jemand einem Wunschdenken hinterherträumt, das ähnlich wie "Weltfrieden" leider komplett unrealistisch ist. Man hätte das Twitter von früher vielleicht konservieren müssen, aber das wiederum hätte bedeutet, dass man ein Twitter geschaffen hätte, was alle neuen Accounts kategorisch verhindert hätte. Irgendwann wäre es dann mangels Nachwuchs ausgestorben und der Letzte hätte das Licht ausmachen müssen…..

Nur dadurch, dass Twitter immer beliebter und größer wurde, wurde es erst für Elon Musk interessant. Aber wie will man verhindern, dass etwas, was gut ist und vielen gefallen könnte, nicht irgendwann auch von vielen entdeckt und benutzt wird und dann genau daran kaputt geht bzw. durch sein gigantisches Wachstum anderes zerstört?
Das gilt für Massentourismus (Venedig, Kreuzfahrtschiffe, etc.) genauso wie für SocialMedia Plattformen und komplett überfüllte Szenekneipen (die früher auch mal gemütlich waren).

So anstrengend, überflüssig, mühsam, lästig, ätzend, manipulativ, gefährlich, vernichtend, kriminell, unfair oder was weiß ich noch wie die sonstigen negativen Begleiterscheinungen der zwangsläufigen Fortentwicklungen der heutigen Welt sein können, so gibt es für mich per Saldo doch so viele positive Eigenschaften im technischen Fortschritt insgesamt, die ich alle nicht missen möchte, dass ich halt zähneknirschend mit den Nebenwirkungen lebe.
Die negativen Begleiterscheinungen zu beklagen, die Technik selber aber begeistert zu nutzen, hat ein wenig was von "Wasch mich, aber mach mich nicht nass".

Natürlich rege ich mich auch gerne darüber auf, dass ich die allermeisten Updates überflüssig finde und oft nicht als Verbesserung, sondern nur als Verumständlichung empfinde - aber in meinem Früher gab es diese Geräte alle gar nicht.
Ich vermisse weder eine Schreibmaschine (auch nicht die elektrischen mit Kugelkopf oder Typenrad und "Zeilen-Speicher"), noch den Commodore VC64 und auch nicht den ersten Bürocomputer, auf dem ich anno 1986 meine Diplomarbeit schrieb.

Wenn ich mich in mein eigenes Kindheits-Ich versetze, dann vermisse ich allerdings mein Smartphone schon fast schmerzlich. Um wie viel bequemer und schöner wäre mein Leben gewesen, wenn es damals schon ein Smartphone gegeben hätte und ich nicht immer diese unhandlichen, dicken Bücher durch die Gegend hätte schleppen müssen, um bloß niemals der Gefahr von Langeweile mangels geistiger Ablenkung ausgesetzt zu sein.

So ein Smartphone hat genau die Größe eines Gesangbuchs, aber weil ich früher kein Smartphone hatte, musste ich mir teuer und umständlich diese kleinen gelben Reclambüchlein besorgen, die einzige Möglichkeit, die unvermeidbaren Gottesdienststunden unauffällig hinterm Gesangbuch mit Beschäftigung zu füllen. Am liebsten las ich Ravensburger Taschenbücher, aber die waren größer als ein Gesangbuch und bevor ich jeden Sonntag ergeben eine Stunde in die Luft starrte und mich in Rawdogging übte, las ich sogar lieber Klassiker aus der Reclamreihe.

Ich finde es also höchst erfreulich, dass ich heute meinen Alltag weitestgehend digital steuern, speichern, überwachen und benutzen kann.

Dass böse Menschen versuchen, die Möglichkeiten dieser digitalen Welt für sich zu nutzen, finde ich absolut erwartbar, weil es halt ausreichend böse Menschen gab, gibt und immer geben wird.
Wenn ich früher nur meine analogen Besitztümer vor Diebstahl schützen musste, so muss ich heute eben auch meine online Existenz vor Betrügern schützen, dass dafür ständig Updates, neue Passwörter und angepasste Sicherheitsmaßnahmen notwendig sind, finde ich nicht nur völlig normal, sondern auch sehr beruhigend und gleichzeitig genauso lästig wie unvermeidbar.

Was ich ebenfalls nicht vermisse, ist die analoge Briefpost.
Seitdem Anfang des Jahres die Dänen ihren staatlichen Postbetrieb eingestellt haben, gab es viele Leute, die das als weiteren Sargnagel unserer bisherigen Zivilisation sahen und in ihrer Empörung auch gleich der Deutschen Post noch einen mitgegeben haben, die zwar ihre Dienste weiterhin anbietet, aber nicht mehr in dem Tempo wie früher ausliefert.
„Was war das früher schön, "E+1" als Garantie, manmanman, das waren noch Zeiten.“

Ich dagegen freue mich wie Bolle, dass ab 2026 endlich auch die Steuerbescheide rein digital zugestellt werden können.
Wenn es nach mir geht, bräuchte es gar keine Post mehr für behördliche oder formelle Dinge.
Ich brauche die Post nur für rein private Briefe oder Karten - und da finde ich es überhaupt nicht wichtig, wann es ankommt, da ist mir nur wichtig, dass es irgendwann ankommt, denn hier geht es nicht um eine schnelle Zustellung, sondern darum, dem anderen eine Freude zu machen - und von mir aus können wir postlaufmäßig da auch gerne wieder ins Postkutschenzeitalter zurückfallen.

Langsame Post nervt mich also nicht, dafür nervt es mich zum Beispiel sehr, dass Herr Merz so unbelehrbar hartnäckig "Ukreine" mit "ei" sagt, weil er das schon immer so gesagt hat und sich einen feuchten Kehricht darum schert, ob seine Sprache vielleicht mal ein korrigierendes Update bräuchte (Behebung von kleineren Fehlern), einen Umstand den er auch mit anderen Ausdrücken permanent demonstrieren muss, und ich sag mal so: Wenn mir das schon unangenehm aufstößt, mein lieber Herr Gesangsverein, dann muss es wirklich schlimm sein.
Mich nervt es sowieso, wenn Leute Wörter falsch aussprechen und allgemein in ihrem sprachlichen Ausdruck irgendwo in der Volksschule stecken geblieben* sind, bei derart hochrangigen Politikern, die natürlich auch immer eine Symbolfunktion haben, nervt es mich extra doll.
Gendern nervt mich übrigens nicht, gendern finde ich eher spaßig. Jede Generation entwickelt ihre eigenen sprachlichen Macken und ehrlich gesagt finde ich gendern angenehmer zu hören als "Digga, Bro und chill ma"

*Mich nervt es übrigens auch, wenn eine Firma für ihr neues Produkt "mit Elektrolüte" wirbt und das "Ü" darin zu ihrem USP macht, weil es ein deutlicher Hinweis darauf ist, dass es offensichtlich inzwischen lukrative Zielgruppen gibt, die das entweder nicht merken oder lustig finden. An dieser Stelle spüre auch ich Nostalgie: Früher war einfach mehr Orthographie.

Ansonsten nerven mich unsere aktuellen deutschen Politiker nicht mehr als immer schon, denn ich fand viele unserer Politiker schon sehr oft sehr schrecklich.
Vor Herrn Kohl habe ich mich richtiggehend gegruselt und mich jahrelang mit Auswanderungsgedanken beschäftigt. Ich fand früher viele Länder im Rest der Welt sehr attraktiv und hätte mir gut vorstellen können, Deutschland zu verlassen. Zweimal war ich ganz knapp davor. Dass ich schließlich doch hier geblieben bin, liegt vor allem an meiner Ausbildung, die ich ausschließlich hier in Deutschland sinnvoll nutzen kann, denn in anderen Ländern sind die Kenntnisse des deutschen Steuerrechts eher weniger nützlich. Das ist mir aber erst aufgefallen, als ich mich mit konkreten Auswanderungsgedanken trug. Augen auf bei der Berufswahl.
Dass ich es also früher hier besser fand als heute, kann ich ganz klar verneinen.

Über die Manipulation der Politik und der Wirtschaft (weltweit, nicht nur in Deutschland) habe ich mich schon in meiner Jugend aufgeregt, für mich höchstpersönlich hat sich da gefühlt rein gar nichts geändert.
Zeiten, in denen die Leute mit FakeNews gelenkt wurden, gab es schon immer. "Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt." - der Ablasshandel im 14./15. Jahrhundert war auch nichts anderes.
Aus meiner Sicht gehören FakeNews, Politiker und Wirtschaft eng zusammen, neu ist nur, dass Politik und Wirtschaft über die neuen Medien heute jede Menge neue Instrumente haben, mit denen sie die Gesellschaft noch effektiver manipulieren können, aber, s.o. das ist der Preis, den wir dafür zahlen, dass es Internet und Smartphones gibt
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Sonntag, 4. Januar 2026
Von gesagten und nicht gesagten Wörtern und Sätzen
Gestern Abend, kurz vorm Lichtausmachen, fragte mich mein Westfalenmann, ob ich wüsste, was ein Pilaster sei.
Ich fragte zurück, in welchem Zusammenhang, er sagte, in keinem, ihm sei das Wort eben einfach so eingefallen und er wüsse selber nicht genau, was es bedeutet, deshab frage er ja.

Ich staunte ein wenig, weil ich sonst nur die umgekehrte Variante kenne, nämlich dass man nach einem konkreten Begriff sucht, von dem man nur weiß, was er bedeuten soll und nur eine grobe Definition hat. Diese Richtung des Suchens macht mich immer ganz hibbelig, weil, wie findet man etwas, von dem man nicht weiß, wie es heißt?

Dass einem dagegen einfach so, out of the blue, ein Wort einfällt, von dem man nicht weiß, was es bedeutet, das fand ich zumindest bemerkenswert.
Die passende Definition dafür zu finden ist dann natürlich ganz leicht, man schaut bei Wikipedia nach und selbstverständlich wird da genau erklärt, was Pilaster sind.

Es sind Reliefpfeiler, ein Wort, was hauptsächlich als Palindrom bekannt ist.

Was ein Palindrom ist, wusste ich ohne nachzuschlagen und spontan fiel mir der Satz mit dem verbotenen N-Wort ein, der endet mit "zagt im Regen nie" und ich fragte mich, ob man den heute noch als Beispielssatz für ein Satz-Palindrom benutzen darf ohne Gefahr zu laufen, schief angesehen zu werden?

Ich meine, ich benutze all diese heute verpönten Wörter genauso wie ich vor 50 Jahren auch die damals verpönten Wörter benutzt habe, denn es gab ja schon immer Wörter, die man nicht aussprechen durfte, ohne dass man bei empfindlichen Gemütern Empörung erzeugte.
Und genau wie ich es vor 50 Jahren mit Wörter wie Sex*, Vögeln*, Arschloch* und Scheiße* gemacht habe, mache ich es auch mit den heute verpönten Wörtern: Ich benutze sie nur in einem Safe-Space, d.h. also wenn ich sicher bin, dass keine zartbesaiteten Anstandsdamen in der Nähe sind, die sich darüber nur wieder gewaltig aufregen und anschließenden Tiraden über - vor 50 Jahren: die verkommene Jugend - , oder heute: die respektlosen Boomer vom Stapel lassen.

*ich glaube, diese Wörter sind heute alle wieder gesellschaftsfähig, oder? Zumindest nimmt heute niemand mehr Rücksicht auf die Ohren von anständigen Fräuleins, heute nimmt man Rücksicht auf besonders empathische Mitmenschen, deshalb werde ich natürlich den Teufel tun und den Satz mit dem bösen N-Wort hier öffentlich aufschreiben. Mit der aktuell akzeptierten Bezeichnung ist allerdings das Palindrom dahin, manche Opfer muss man eben bringen, wenn man nicht unangenehm auffallen will.

Ehrlich gesagt, habe ich ein bisschen den Überblick darüber verloren, wen man heute mit Vorsatz und absichtlich beleidigen darf und wen noch nicht mal in Abwesenheit und ohne jede Beleidigungsabsicht, weil ich das mit dem Rassismus noch nicht so richtig kapiert habe.

Rassismus ist doch, wenn man Menschen, die einer anderen Ethnie angehören, bösartig ausgrenzt und verbal niedermacht, oder?

Was sagen die Kölner denn heute zu den Düsseldorfern - und umgekehrt? Oder die Schalker zu den Borussen?
Und dürfen die Borkumer die Holländer noch Muffköppe nennen und die Festländer Europäer oder gibt es dafür auch längst rassistisch korrekte, andere Begriffe?
Und was ist mit meinem Westfalenmann? Ich meine, wie soll ich den nennen, um ihn mit einem Wort zu beschreiben? Denn selbstverständlich bin ich mir meiner rassistischen Ausgrenzung ihm gegenüber bewusst, aber nun, er ist halt Westfale.
Ich habe ihn aber trotzdem lieb
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Montag, 29. Dezember 2025
Zwischenzeit
Mitten zwischen all den Feiertagen und Wochenenden gibt es noch einmal zwei ganz normale Wochentage, die wirken irgendwie fehl am Platz, so dazwischengeschoben.

Geöffnet haben dabei nur der Einzelhandel und notwendige Dienstleister.
Die allgemeine Verwaltung hat schon aus Energiespargründen an den meisten Standorten ihre Büros geschlossen, 2025 ist für die allermeisten Menschen damit schon erledigt, bis 2026 dauert es allerdings noch zwei Tage, wir leben also grade in einer Zwischenzeit.
Zwischen den Jahren - ich mag diesen Ausdruck.

Hier auf der Insel haben allerdings alle vor drei Tagen schon wieder auf Hauptsaison geschaltet. Die Verkehrsbeschränkungen sind für 9 Tage wieder aktiviert worden, die Fähren pumpen Mengen an Menschen auf die Insel und im Dorf herrscht allgemeine Betriebsamkeit, in gewisser Weise auch eine Zwischenzeit - nur andersrum. Zwischendurch kurz Hektik, Umsatz, Krach und Party, bevor hier anschließend wieder alles in den Winterschlaf fällt.

Ich finde den Partyrummel anstrengend, aber zum Glück muss ich mich damit ja auch nicht weiter beschäftigen, ich suche mir meinen ganz eigenen Rhythmus, so zwischen den Jahren, heute zum Beispiel im Fünf-Viertel-Takt



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Sonntag, 19. Oktober 2025
Wer hier so alles mitliest
Um es gleich vorab zu sagen: Ich freue mich darüber, dass meine Familie hier mitliest, denn so sind sie zumindest von meiner Seite aus immer über alles informiert, was ich mache, was mich so beschäftigt und wie es mir geht und ich muss niemanden mehr anrufen, und ihn einzeln informieren.

Da ich schon seit jeher Probleme damit haben, von mir aus andere Menschen anzurufen, weil ich immer Sorge habe, ich gehe ihnen auf die Nerven oder ich störe sie, was sie mir dann aber natürlich nie sagen würden, das wäre ja unhöflich, weil ich also Sorge habe, aus lauter Höflichkeit belogen zu werden, rufe ich ungerne Menschen an, wenn es nicht einen ganz konkreten Grund gibt.

Umgekehrt habe ich übrigens gar kein Problem damit, angerufen zu werden, wenn es grade nicht passt, gehe ich einfach nicht dran und überhaupt bin ich ja ausreichend bekannt für meine unhöfliche Ehrlichkeit.

Als ich vor ziemlich genau zehn Jahren begann, täglich etwas in dieses Blog zu schreiben, war das einer meiner wichtigen Gründe, überhaupt ein öffentliches Tagebuchblog zu führen, nämlich dass die Menschen in meinem Umfeld, zu denen ich einen engen und guten Kontakt habe, problemlos an meinem täglichen Leben teilnehmen können, wenn sie möchten.

Dass darüber hinaus jeder andere, den es interessiert, hier auch lesen kann, was ich so schreibe, war mir natürlich immer bewusst, hat mich aber nie gestört, weil es ja schließlich keine Geheimnisse sind, die hier zu lesen sind, sondern nur ganz normale Alltagsdinge, die ich erlebe und die mir so durch den Kopf gehen.

Ist ein bisschen wie in einer Kneipe oder einem Großraumzugabteil: Man unterhält sich mit seinem Nachbarn und natürlich können die Umsitzenden es dann mithören, wenn es sie interessiert, warum auch nicht? Sie können sich sogar ins Gespräch einmischen und manchmal lernt man ganz interessante Menschen auf diese Weise kennen oder knüpft angenehme Internetkontakte.
Insofern habe ich gar nichts dagegen, wenn Menschen hier mitlesen, die ich nicht persönlich kenne, ich lese ja auch in anderen Blogs bei Menschen, die ich nicht kenne.

Ein besonderes Bedürfnis, dieses Blog hier aktiv besonders bekannt zu machen, habe ich allerdings auch nicht, weil, warum?

Mittlerweile schreibe ich hier aber auch deshalb täglich, eben weil ich weiß, dass Menschen in meiner engen Umgebung regelmäßig mitlesen und es für alle im Laufe der Jahre zu einer angenehmen Routine geworden ist und ich natürlich auch ein bisschen stolz darauf bin, dass ihnen mein Geschreibsel offensichtlich immer noch nicht langweilig geworden ist.

Soweit zu dem von mir bewusst gewollten Teil der Blogleser.

Heute fragte der Onkel, ob ich etwa jeden Tag etwas Privates ins Internet schreibe, dass dann jeder lesen kann.

Es gibt nicht sehr viele infrage kommende Leute, die mit ihm reden und ihm so etwas erzählen, mich gleichzeitig aber noch nie auf dieses Blog angesprochen haben, bzw. mir gegenüber so tun, als wüssten sie nichts davon und würden deshalb hier natürlich überhaupt nicht mitlesen.

Die Wege, auf denen sich die Information über dieses Blog innerhalb des Teils meiner Familie verbreitet haben, zu dem ich sozusagen keinen Kontakt habe, sind mir allerdings klar. Und dass genau dieser Teil der Familie dann besonders interessiert an Informationen über mich und mein Leben ist, weil sie sich ohne Informationen ja gar nicht so gut das Maul über mich zerreißen könnten, das ist alles durchaus menschlich und verständlich.
Vielleicht haben sie aber auch nur Angst, dass ich etwas Negatives über sie persönlich schreiben könnte, denn es gibt ja Gründe, warum wir kaum Kontakt haben.

Und wahrscheinlich fühlen sie sich mit ihrer Schnüffelei gleichzeitig auch noch vollkommen im Recht, ist doch alles öffentlich hier, kann ihnen schließlich keiner verbieten.

Ich kenne diese Bigotterie seit meiner Kindheit.
Damals war es mein Vater, der hinter allem herspionierte, heimlich mein Tagebuch las und die Briefe meiner Mutter öffnete. Ich bin also sehr an diese Scheinheiligkeit von Menschen aus meiner direkten, privaten Umgebung gewöhnt.

Dass hier schon lange Leute aus meiner Familie mitlesen, die mir gegenüber dann so tun, als wüssten sie nichts von diesem Blog, weiß ich natürlich, aber jedesmal wenn es mir so deutlich vor Augen geführt wird wie heute, merke ich, wie sehr ich diese scheinheilige Heuchelei verachte.

Wenn ihr hier mitlest, weil es euch ehrlich interessiert, was ich so schreibe, wenn ihr also tatsächlich an mir persönlich interessiert seid und dieses Blog euch gefällt, WARUM SAGT IHR MIR DAS DANN NICHT?

Mein Vater begründete seine Schnüffelei damals damit, dass es für ihn wichtig wäre, zu erfahren, wer und vor allem welche konkreten Schlechtigkeit (er nannte es damals Unwahrheiten, Herr Trump nennt es heute Fake News) über ihn verbreitet würden.
Ich kann dazu nur sagen: Der Lauscher an der Wand......

Die Menschen, die meiner Mutter damals Briefe schrieben, haben schnell erfahren, dass ihre Briefe von ihm gelesen wurden, also war es sehr leicht, ihn bewusst zu ärgern, schließlich wusste man auch, was ihn mit Sicherheit besonders aufregte. Allerdings war mein Vater auch ein wirklich unangenehmer Mensch, kein Wunder, dass er mit einem dauerhaft latent schlechten Gewissen lebte.

Weil ich ebenfalls schon seit langem weiß, wer aus meinem persönlichen Umfeld hier (heimlich) mitliest, kann ich mir natürlich genauso bewusst überlegen, was ich schreibe, wenn ich jemanden ärgern will.

Als sich der Ex meiner Schwester vor einigen Jahren wirklich mehr als ungebührlich betrug, ist mir das besonders gut gelungen. Er hat sich über das, was ich ursprünglich geschrieben hatte sogar so aufgeregt, dass er offen zugab, dieses Blog zu lesen und verlangte, dass ich die Passage über ihn lösche, was ich natürlich tat, denn mein Plan, ihn zu ärgern, hatte ja zu 100% funktioniert.
Meine Schwester meint, er liest hier immer noch mit, weil er Sorge hat, dass ich wieder etwas Gemeines gegen ihn sage, eine Vorstellung, die ich regelmäßig sehr, sehr witzig finde. Da hat jemand ganz offensichtlich ein enorm schlechtes Gewissen. Woran das wohl liegt?

Von dem Rest meiner Familie, zu dem ich nur einen sehr formellen, höflichen Kontakt habe, hat mich noch nie jemand auf dieses Blog angesprochen, offensichtlich ist es aber interessant genug, es immer noch weiter zu verbreiten.

Deshalb hier jetzt die öffentliche Aufforderung: Sagt mir doch einfach, dass ihr regelmäßig hier mitlest, dann haben wir doch sofort viel mehr Gemeinsamkeiten und müssen uns im Zweifel gar nicht mehr so bemüht aus dem Weg gehen
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Sonntag, 28. September 2025
Über Geldausgeben und das eigene Verhältnis zu Geld
Auf dem Flohmarkt gestern traf ich auch die "Borkumfrau", das ist die Verkäuferin, die den Erlös ihrer Flohmarktverkäufe vollständig in ein soziales Projekt irgendwo in Afrika steckt und privat eine Ferienwohnung auf Borkum besitzt, was wir durch Zufall irgendwann mal rausfanden, also, dass wir beide da eine Wohnung haben und das auch noch auf derselben Straße, gar nicht weit voneinander entfernt.

Sie hatte mir vor einiger Zeit schon erzählt, dass sie im September für zehn Tage mit ihren Freundinnen nach Borkum fährt und ich fragte jetzt, ob sie wirklich da war, ich hätte sie gar nicht gesehen. Doch, doch, sie sei da gewesen, aber es hätte ja die gesamte Zeit geregnet, da wäre man halt viel drinnen gewesen oder man sei im Dorf in den Regenpausen von Geschäft zu Geschäft gelaufen, weil einem drinnen die Decke auf den Kopf fiel.

Ich fragte, ob sie in den Geschäften denn auch etwas gekauft habe und sie schüttelte nur den Kopf und sagte, nein, das ginge nicht, Flohmarktleute könnten nicht mehr in Geschäften einkaufen und ich musste sehr lachen, denn mir geht es ja exakt genau so. Flohmarktleute sind an Flohmarktpreise gewöhnt, Einkaufen im Geschäft bedeutet, dass man locker mindestens das zehnfache bezahlen müsste, um etwas zu kaufen, was man mit hoher Wahrscheinlichkeit auch demnächst auf dem Flohmarkt finden kann. Das gilt ganz besonders für diesen ganzen Touristendekokrimskrams, genauso aber auch für Klamotten und eben überhaupt für fast die gesamte tragbare "Kleinware".

Aus genau diesem Grund bin ich für "Shoppengehen", also Einkaufen von sonstigem Zeug (alles außer Alltagsverbrauchsmaterial) schon seit vielen, vielen Jahren komplett verdorben. Ich bekomme dort immer Schnappatmung wegen der Preise. Wenn ich doch mal durch Läden gehe, dann in der Regel nur, um mir Inspirationen zu holen, wonach ich auf dem Flohmarkt mal verstärkt Ausschau halten könnte.

In diesem Zusammenhang habe ich dann auch noch mal über Geld und das eigene Verhältnis zu Geld nachgedacht. Über die grundsätzliche Bedeutung von Geld habe ich ja schon vor drei Jahren mal ausführlich nachgedacht und festgestellt, dass jeder ein ganz eigenes, individuelles Verhältnis zu Geld hat.

Für mich ist ein sehr überlegter, bewusster und vor allem nachhaltiger Umgang mit Geld vor allem dann wichtig, wenn es um kleine Beträge geht. Nie käme ich auf die Idee, eine Pfandflasche einfach achtlos wegzuwerfen und selbstverständlich achte ich auf Sonderangebote und kaufe gezielt danach ein. In diese Kategorie gehören auch meine regelmäßigen Flohmarktbesuche und meine Begeisterung für Upcycling. Da sich das normale Alltagsleben fast ausschließlich in diesen Wertgrößen abspielt, macht es für mich einen entscheidenden Unterschied, ob ich 30€ oder 300€ für eine Winterjacke bezahle, wenn der Unterschied nicht in der Jacke selber, sondern im Zeitpunkt der Anschaffung und der Art des Verkäufers besteht.

Wenn es aber um große Beträge geht, also fünfstellig und aufwärts, reagiere ich mit großer Gelassenheit auf entsprechende Preisänderungen, wenn die Grundsatzentscheidung für das Basisgeschäft einmal gefallen ist und es klar ist, dass man für einen besseren Preis entweder irrsinnig lange warten muss und damit gleichzeitig auch ein großes Risiko eingeht, nämlich dass das gesamte Vorhaben scheitert, weil man keinen Vertragspartner für einen besseren Preis findet) oder sich die Preise während der Wartezeit noch mal deutlich verschlechtert haben oder dass man entsetzlich viel zusätzliche, eigene Arbeit reinstecken muss, ein Detail, was ich mittlerweile hartnäckig verweigere, weil der Stundenlohn, für den ich bereit bin, zu arbeiten, so hoch ist, dass es sich niemals lohnt, Dinge selber zu tun, auf die ich keine Lust habe.

Als ich Mitte des Jahres beschloss, die Wohnung in MG zu verkaufen, dachte ich noch, ich könnte vielleicht so 200.000€ dafür bekommen, schließlich ist allgemein bekannt, wie sehr die Immobilienpreise gestiegen sind und die Wohnung ist über 100qm groß usw. usw.
Nach dem sich der Makler meines Vertrauens aber die Wohnung angeschaut hatte und mir sagte, dass er einen realistischen Verkaufspreis höchstens zwischen 110-115T€ sieht, nun, da habe ich mich nach einem resignierten Achselzucken darauf eingelassen, weil mir alle anderen Alternativen nicht attraktiv erschienen.
Die Wohnung ohne Makler zu verkaufen war mir entschieden zu umständlich und sie vor einem Verkauf erst noch mit einer gehoben fünfstelligen Investition zu sanieren und schick herzurichten, war mir ebenfalls zu viel Arbeit und zu viel Risiko, und deshalb habe ich diesen Preis akzeptiert, ohne mich darüber aufzuregen.

Hätte ich mich mehr gekümmert, hätte ich unterm Strich vielleicht zehn-, zwanzig- oder sogar dreißigtausend Euro mehr bekommen können, einen Betrag, den ich mir durch konsequente Flohmarkt- und Sonderangebotseinkäufe nur nach sehr langer Zeit zusammensparen kann. Rein wirtschaftlich betrachtet wäre es also viel klüger gewesen, ich hätte mehr Energie in den Verkauf der Wohnung gesteckt und weniger in meine Einkaufssparaktionen beim Discounter oder Flohmarkt, aber genau das beschreibt mein Verhältnis zu Geld ziemlich passend: Geld ist für mich wie ein Butler, der soll auf mich aufpassen und für mich Dinge erledigen, zu denen ich keine Lust habe, die mir unangenehm, lästig oder zu anstrengend sind. Dafür behandle ich ihn gut und weise ihm keine unwichtigen Krimskrams-Alltagsaufgaben zu. Die kann ich selber machen, wenn ich Lust dazu habe, sonst sind diese Dinge im Zweifel einfach irrelevant.

Natürlich könnte ich einfach in einen Laden gehen und mir ohne nachzudenken all das kaufen, was ich grade haben möchte, aber irgendwie fände ich es respektlos gegenüber dem Geld. Für mich fühlt sich das an wie eine sinnlose Ressourcenverschwendung. Deshalb setze ich mein Geld lieber für Dinge ein, die mir nicht so leicht fallen und genieße es, dass ich es mir leisten kann, bei dem Verkauf der Wohnung nicht das Maximale rauskitzeln zu müssen.

Finanzielle Freiheit heißt nicht, dass man mit seinem Geld tun kann, was man will, sondern dass man nicht tun muss, was man nicht will.

Und um die Arroganz auf die Spitze zu treiben: Hunderttausend Euro hört sich zwar nach sehr viel an, ist aber tatsächlich nichts, mit dem man sehr viel bewegen kann. Nice to have auf alle Fälle, aber ansonsten bekomme ich für das Geld exakt ein neues Auto und ein neues Flachdach. In investiven Konsum übersetzt ist es plötzlich gar nicht mehr so viel.

Ich könnte es auch anlegen und versuchen, von den Zinsen zu leben. Bei 2% Zinsen bekomme ich für 110.000€ monatlich 135€ Zinsen netto.
Dazu sollte man im Hinterkopf haben, dass die aktuellen Zinsen ungefähr der Inflationsrate entsprechen - und dann wird einem plötzlich auch klar, was man da für komplett falsche Vorstellungen von Reichtum im Kopf hat
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