anjesagt

Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Samstag, 24. Oktober 2015
Erinnerung
der große Führer

Am Sonntag waren es fünfhundert Tage.
Fünfhundert Tage sind eine ganz schön lange Zeit und natürlich haben wir mittlerweile alle unseren Alltag ohne dich eingerichtet.
Ich habe aufgehört, dich als selbstverständlichen Bestandteil meines Lebens zu betrachten und mich daran gewöhnt, mich nicht mehr ständig über dich zu ärgern.
Aber Fehlen tust du mir immer noch. An manchen Tagen mehr, an anderen weniger. Es gibt sogar ab und zu Tage, da bist du gar nicht da. Das sind dann meist die Tage, wo die Alltagsroutine einfach nur störungsfrei und ohne besondere Vorkommnisse abgelebt wird.
Ich habe begonnen, deine Hinterlassenschaften aufzuräumen. CK ist eine große Hilfe, ohne ihn wäre ich verzweifelt. Du hast das gewusst, oder? Und hast mir deshalb immer gesagt, ich solle ihn gut behandeln und auf keinen Fall verscheuchen.
Weißt du, was mir am meisten fehlt und was mich gleichzeitig auch am meisten daran ärgert, dass du nicht mehr da bist? Dass ich dich nicht mehr anschimpfen kann. Im Grunde hast du ganz schön Glück, dass du tot bist. Wenn ich dich heute zu fassen bekäme, dann würde ich dir aber sehr gründlich die Meinung sagen, da kannst du mal von ausgehen!
Wie kann man nur so schlurig sein und angefangene Dinge nie vernünftig zu Ende bringen?

Ich habe jetzt den Kram am Hals, von dem ich immer sagte, ich will es gar nicht haben, aber nun bleibt mir nichts anderes übrig, als es tatsächlich selber zu erledigen. Seitdem ich mich mit deinen Organisationsstrukturen zwangsbeschäftige, entdecke ich immer wieder neue Zusammenhänge und stelle immer wieder fest, was für ein Genie du warst. Du hast wirklich an alles gedacht – oder an fast alles. Es tut mir leid, dass ich dich dafür nicht genug bewundert habe.
Aber bis ich alle deine Passwörter rausgefunden hatte, das hat gedauert. Wenn du das nächste Mal stirbst, sollten wir unbedingt daran denken, vorher eine Liste anzulegen, auf der alle accounts und alle dazugehörenden Passwörter vermerkt sind. So war das sehr mühselig.
Die Grundstruktur deiner Hinterlassenschaft habe ich jetzt entwirrt und einige Gesellschaften komplett neu organisiert. Du warst unbestritten ein Genie, aber für die Alltagskleinigkeiten fehlte dir sichtbar das Interesse. Per Saldo kommt der Gewinn jedoch aus dem Alltag und nicht nur aus den a.o. Erträgen, das ist die Erklärung, warum es absolut dann doch nie so fluppte bei dir, wie du es erwartet hast.
Dir machte nur das Konzeptionieren Spaß. Das fertige Theoriegerüst anschließend umzusetzen und im Alltag zu begleiten, das hat dich so sehr gelangweilt, dass du es lieber gleich wieder kaputt gemacht hast.
Weißt du noch, wie du immer den alten Witz erzählt hast:
„Wir haben unsere Zuständigkeiten ganz genau aufgeteilt. Ich bin für die großen wichtigen Entscheidungen zuständig und meine Frau für den kleinen Alltagskram. Sie entscheidet, wo wir wohnen, wofür wir unser Geld ausgeben, wohin wir in Urlaub fahren und auf welche Schule die Kinder gehen. Ich kümmere mich in der Zeit um die wirklich wesentlichen Dinge: Soll die Türkei in die EU aufgenommen werden, wer wird neuer Präsident in den USA und ähnliches.“ – Im Grunde war das gar kein Witz, sondern hat genau unsere tatsächlichen Rollen beschrieben. Die Idee vom großen Ganzen. 42 war nicht ohne Grund deine Lieblingszahl.

Ich habe in den letzten 500 Tagen schon aus schierer Notwendigkeit Dinge getan, für die vorher immer du zuständig warst, aber plötzlich erwarteten alle, dass ich einfach da weitermache, wo du gegangen bist.
Es dauerte eine Zeit, bis ich überhaupt bereit war, diese Rolle anzunehmen. Heute klappt das ganz gut, denn ich habe irgendwann begriffen, dass du tatsächlich fort bist und zwar so fort, dass ich auch keine Rücksicht auf Deine Interessen mehr nehmen muss. Ich darf jetzt Dinge wegschmeißen.
Ich glaube, es ist besser, du hörst grad weg, aber ich habe so viele Dinge weggeschmissen, dass Du in deinem Grab vor lauter Rotieren nicht mehr zur Ruhe kämst, wenn du das tatsächlich mitbekommen würdest.

Oh CW, warum haben wir bloß nicht eher gemeinsam begonnen, diesen ganzen Kram aufzuräumen?

Ich habe außerdem ein neues Auto, eines, was ich tatsächlich genauso toll finde wie den Punto damals. Und du bist nicht mehr da, um das Auto mit mir gemeinsam toll zu finden. Du fehlst mir. Ich wüsste genau, was du zu diesem Auto sagen würdest: „So eines muss ich auch haben, unbedingt.“ Und würdest dann nicht locker lassen, bis du auch so ein Auto hast. Nicht, um damit zu fahren, sondern nur um es zu haben, so wie den Jaguar und den Chrysler und den Mercedes, den kleinen Citroen und den Punto, den ich ja nicht verkaufen durfte. Deine Autoflotte ist übrigens auch aufgelöst und der Beetle ist ebenfalls weg. Alles in 500 Tagen.

Das Haus hat ein neues Dach mit Veluxfenstern und einen Dachboden. Die Verkleidung vor der Schräge haben wir entfernt und damit die Grundfläche deutlich vergrößert. Außerdem haben wir einen Kaminofen gekauft und an dem zweiten Schornstein angeschlossen. Ich bin sicher, du würdest es lieben. Der Ofen ist drehbar, stell dir vor. Es ist so schade, dass du das alles nicht mehr siehst. Was hätten wir uns gestritten über den Umbau, obwohl es dann trotzdem genau so gekommen wäre, wie es jetzt ist.

Den Kindern geht es gut – aber du fehlst ihnen genau wie mir. Es sind die kleinen, eingeschobenen Zwischensätze, die das Fehlen aufblitzen lassen.
Ich hoffe, es geht dir gut, wo auch immer du bist, ach, und wenn du es irgendwie einrichten kannst, dann lass doch mal wieder was von dir hören, du wirst schon einen Weg finden, das zu organisieren, oder?

Der Retter

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