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Anjesagtes, Appjefahr'nes und manchmal auch Ausjedachtes
Sonntag, 25. Januar 2026
Ich bin nicht nostalgisch
Aktuell gibt es bei vielen Menschen ausgeprägte Nostalgiesehnsüchte, die wahrscheinlich daraus resultierten, dass es für viele gefühlt seit einiger Zeit nicht mehr positiv vorangeht und dass stattdessen die negativen Dinge täglich mehr werden.

Christian Buggisch hat dazu einen Beitrag geschrieben, der mir sehr gut gefällt, denn das Verklären der Vergangenheit hat mich schon immer irritiert.
Mit anderen Worten: Die Welt ist, wie sie ist, und wir müssen uns, wie im 20. Jahrhundert üblich, wieder einen nüchtern-realistischen Blick auf diese Welt aneignen. Dann werden wir sehen, dass nicht plötzlich alles schlimm geworden ist und dass es keinen Anlass gibt, sich die „guten“ alten Zeiten herbeizuwünschen.

Diese Nostalgiesehnsucht wird meistens mit "ich vermisse" formuliert, denn es gibt da etwas, das in der Erinnerung super war, das aber heute nicht mehr so ist, wie früher.

Klar gibt es heute vieles, was kacke ist, was schlecht läuft, was unfair ist, was man gerne anders hätte und es gibt auch vieles, was früher besser lief, weil früher halt früher war und damals andere Bedingungen galten.
Aber die Bedingungen von früher möchte ich ganz sicher nicht zurück, denn die hatten genauso ihre Nebenwirkungen und negativen Begleiterscheinungen, die viele Leute, die heute nostalgische Schwärmereien à la "ich vermisse so sehr" ausbreiten, gerne ausblenden bzw. die sie schlicht vergessen haben.

Das Vergessen scheint mir eine Form der retrograden Amnesie zu sein, die eine sehr praktische Erfindung der eigenen Psyche ist, man vergisst das Schreckliche und erinnert sich nur an die schönen Dinge.
Retrograde Amnesie ist sowas wie geblitztdingst von der eigenen Erinnerung und passiert allen ständig und pausenlos, weil es super praktisch und angenehm ist. Wenn es das nicht gäbe, wäre die Menschheit schon längst ausgestorben, denn welche Frau bekäme freiwillig ein zweites Kind, wenn ihr die Geburtsschmerzen der ersten Geburt als feste Erinnerung für immer ins Gehirn gebrannt wären?

Aber auch wenn ich den Schmerz selber nicht mehr fühle, so kann ich doch versuchen, mich wenigstens so objektiv und rational an die Vergangenheit zu erinnern und dann fällt mir auch wieder ein, was ich bei der ersten Geburt gedacht habe, nämlich: Was für eine verdammte Scheiße. Ich will das nicht, ich will hier raus, nie wieder lasse ich mich auf so etwas ein, ich sterbe.

Dadurch, dass wir heute vollständig selbstverständlich mit Dingen wie Internet und Smartphones leben, sind natürlich auch Dinge notwendig geworden, die früher nicht notwendig waren, weil nicht alle Menschen nach denselben ethischen Grundsätzen leben. Es gibt sogar Menschen, die halten sich noch nicht mal an die doch für alle vorgegebenen, einheitlichen gesetzlichen Regeln, die nennt man dann Kriminelle oder schlicht "böse Menschen".

Die gab es zwar schon immer, aber das extra fiese bei Kriminellen ist, dass sie ständig ihr Tätigkeitsfeld verändern und sich den gegebenen Möglichkeiten anpassen. Richtig böse Menschen sind oft überdurchschnittlich intelligent (das ist besonders verwerflich) und suchen sich deshalb ständig neue Wege und Einsatzgebiete, in denen sie ihre eigenen Interessen maximal erfolgreich umsetzen können. Heute noch Postkutschen zu überfallen wäre halt nicht mehr sehr einträglich.

In den Anfangszeiten von Computern und Internet waren es nur wenige Menschen, die diese neuen Medien und die Technik nutzten und selbstverständlich waren sie davon begeistert. Diejenigen, die es nutzten, bewegten sich quasi ausschließlich unter ihresgleichen, zumindest waren die Nutzergruppen deutlich homogener und - ganz entscheidend - eben auch viel kleiner. Das machte diese Welt für Menschen mit kriminellen Absichten damit noch nicht sehr interessant, denn erstens gab es dort damals noch nicht so viel zu holen und gleichzeitig hatten die bösen Menschen auch nicht so eine breite Masse an Menschen, die sie auf diesem Weg erreichen und für ihre Zwecke manipulieren und missbrauchen konnten.

Je mehr Menschen die Welt von Computern, Smartphones und Internet entdeckten und nutzten, umso interessanter wurde es für böse Menschen, sich damit zu beschäftigen, wie sie genau diese neue Technik für ihre Interessen nutzen könnten.

"Ich vermisse das Twitter von früher so sehr" - ein Satz, den ich schon oft gehört bzw. gelesen habe, der aber nur bedeutet, dass jemand einem Wunschdenken hinterherträumt, das ähnlich wie "Weltfrieden" leider komplett unrealistisch ist. Man hätte das Twitter von früher vielleicht konservieren müssen, aber das wiederum hätte bedeutet, dass man ein Twitter geschaffen hätte, was alle neuen Accounts kategorisch verhindert hätte. Irgendwann wäre es dann mangels Nachwuchs ausgestorben und der Letzte hätte das Licht ausmachen müssen…..

Nur dadurch, dass Twitter immer beliebter und größer wurde, wurde es erst für Elon Musk interessant. Aber wie will man verhindern, dass etwas, was gut ist und vielen gefallen könnte, nicht irgendwann auch von vielen entdeckt und benutzt wird und dann genau daran kaputt geht bzw. durch sein gigantisches Wachstum anderes zerstört?
Das gilt für Massentourismus (Venedig, Kreuzfahrtschiffe, etc.) genauso wie für SocialMedia Plattformen und komplett überfüllte Szenekneipen (die früher auch mal gemütlich waren).

So anstrengend, überflüssig, mühsam, lästig, ätzend, manipulativ, gefährlich, vernichtend, kriminell, unfair oder was weiß ich noch wie die sonstigen negativen Begleiterscheinungen der zwangsläufigen Fortentwicklungen der heutigen Welt sein können, so gibt es für mich per Saldo doch so viele positive Eigenschaften im technischen Fortschritt insgesamt, die ich alle nicht missen möchte, dass ich halt zähneknirschend mit den Nebenwirkungen lebe.
Die negativen Begleiterscheinungen zu beklagen, die Technik selber aber begeistert zu nutzen, hat ein wenig was von "Wasch mich, aber mach mich nicht nass".

Natürlich rege ich mich auch gerne darüber auf, dass ich die allermeisten Updates überflüssig finde und oft nicht als Verbesserung, sondern nur als Verumständlichung empfinde - aber in meinem Früher gab es diese Geräte alle gar nicht.
Ich vermisse weder eine Schreibmaschine (auch nicht die elektrischen mit Kugelkopf oder Typenrad und "Zeilen-Speicher"), noch den Commodore VC64 und auch nicht den ersten Bürocomputer, auf dem ich anno 1986 meine Diplomarbeit schrieb.

Wenn ich mich in mein eigenes Kindheits-Ich versetze, dann vermisse ich allerdings mein Smartphone schon fast schmerzlich. Um wie viel bequemer und schöner wäre mein Leben gewesen, wenn es damals schon ein Smartphone gegeben hätte und ich nicht immer diese unhandlichen, dicken Bücher durch die Gegend hätte schleppen müssen, um bloß niemals der Gefahr von Langeweile mangels geistiger Ablenkung ausgesetzt zu sein.

So ein Smartphone hat genau die Größe eines Gesangbuchs, aber weil ich früher kein Smartphone hatte, musste ich mir teuer und umständlich diese kleinen gelben Reclambüchlein besorgen, die einzige Möglichkeit, die unvermeidbaren Gottesdienststunden unauffällig hinterm Gesangbuch mit Beschäftigung zu füllen. Am liebsten las ich Ravensburger Taschenbücher, aber die waren größer als ein Gesangbuch und bevor ich jeden Sonntag ergeben eine Stunde in die Luft starrte und mich in Rawdogging übte, las ich sogar lieber Klassiker aus der Reclamreihe.

Ich finde es also höchst erfreulich, dass ich heute meinen Alltag weitestgehend digital steuern, speichern, überwachen und benutzen kann.

Dass böse Menschen versuchen, die Möglichkeiten dieser digitalen Welt für sich zu nutzen, finde ich absolut erwartbar, weil es halt ausreichend böse Menschen gab, gibt und immer geben wird.
Wenn ich früher nur meine analogen Besitztümer vor Diebstahl schützen musste, so muss ich heute eben auch meine online Existenz vor Betrügern schützen, dass dafür ständig Updates, neue Passwörter und angepasste Sicherheitsmaßnahmen notwendig sind, finde ich nicht nur völlig normal, sondern auch sehr beruhigend und gleichzeitig genauso lästig wie unvermeidbar.

Was ich ebenfalls nicht vermisse, ist die analoge Briefpost.
Seitdem Anfang des Jahres die Dänen ihren staatlichen Postbetrieb eingestellt haben, gab es viele Leute, die das als weiteren Sargnagel unserer bisherigen Zivilisation sahen und in ihrer Empörung auch gleich der Deutschen Post noch einen mitgegeben haben, die zwar ihre Dienste weiterhin anbietet, aber nicht mehr in dem Tempo wie früher ausliefert.
„Was war das früher schön, "E+1" als Garantie, manmanman, das waren noch Zeiten.“

Ich dagegen freue mich wie Bolle, dass ab 2026 endlich auch die Steuerbescheide rein digital zugestellt werden können.
Wenn es nach mir geht, bräuchte es gar keine Post mehr für behördliche oder formelle Dinge.
Ich brauche die Post nur für rein private Briefe oder Karten - und da finde ich es überhaupt nicht wichtig, wann es ankommt, da ist mir nur wichtig, dass es irgendwann ankommt, denn hier geht es nicht um eine schnelle Zustellung, sondern darum, dem anderen eine Freude zu machen - und von mir aus können wir postlaufmäßig da auch gerne wieder ins Postkutschenzeitalter zurückfallen.

Langsame Post nervt mich also nicht, dafür nervt es mich zum Beispiel sehr, dass Herr Merz so unbelehrbar hartnäckig "Ukreine" mit "ei" sagt, weil er das schon immer so gesagt hat und sich einen feuchten Kehricht darum schert, ob seine Sprache vielleicht mal ein korrigierendes Update bräuchte (Behebung von kleineren Fehlern), einen Umstand den er auch mit anderen Ausdrücken permanent demonstrieren muss, und ich sag mal so: Wenn mir das schon unangenehm aufstößt, mein lieber Herr Gesangsverein, dann muss es wirklich schlimm sein.
Mich nervt es sowieso, wenn Leute Wörter falsch aussprechen und allgemein in ihrem sprachlichen Ausdruck irgendwo in der Volksschule stecken geblieben* sind, bei derart hochrangigen Politikern, die natürlich auch immer eine Symbolfunktion haben, nervt es mich extra doll.
Gendern nervt mich übrigens nicht, gendern finde ich eher spaßig. Jede Generation entwickelt ihre eigenen sprachlichen Macken und ehrlich gesagt finde ich gendern angenehmer zu hören als "Digga, Bro und chill ma"

*Mich nervt es übrigens auch, wenn eine Firma für ihr neues Produkt "mit Elektrolüte" wirbt und das "Ü" darin zu ihrem USP macht, weil es ein deutlicher Hinweis darauf ist, dass es offensichtlich inzwischen lukrative Zielgruppen gibt, die das entweder nicht merken oder lustig finden. An dieser Stelle spüre auch ich Nostalgie: Früher war einfach mehr Orthographie.

Ansonsten nerven mich unsere aktuellen deutschen Politiker nicht mehr als immer schon, denn ich fand viele unserer Politiker schon sehr oft sehr schrecklich.
Vor Herrn Kohl habe ich mich richtiggehend gegruselt und mich jahrelang mit Auswanderungsgedanken beschäftigt. Ich fand früher viele Länder im Rest der Welt sehr attraktiv und hätte mir gut vorstellen können, Deutschland zu verlassen. Zweimal war ich ganz knapp davor. Dass ich schließlich doch hier geblieben bin, liegt vor allem an meiner Ausbildung, die ich ausschließlich hier in Deutschland sinnvoll nutzen kann, denn in anderen Ländern sind die Kenntnisse des deutschen Steuerrechts eher weniger nützlich. Das ist mir aber erst aufgefallen, als ich mich mit konkreten Auswanderungsgedanken trug. Augen auf bei der Berufswahl.
Dass ich es also früher hier besser fand als heute, kann ich ganz klar verneinen.

Über die Manipulation der Politik und der Wirtschaft (weltweit, nicht nur in Deutschland) habe ich mich schon in meiner Jugend aufgeregt, für mich höchstpersönlich hat sich da gefühlt rein gar nichts geändert.
Zeiten, in denen die Leute mit FakeNews gelenkt wurden, gab es schon immer. "Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt." - der Ablasshandel im 14./15. Jahrhundert war auch nichts anderes.
Aus meiner Sicht gehören FakeNews, Politiker und Wirtschaft eng zusammen, neu ist nur, dass Politik und Wirtschaft über die neuen Medien heute jede Menge neue Instrumente haben, mit denen sie die Gesellschaft noch effektiver manipulieren können, aber, s.o. das ist der Preis, den wir dafür zahlen, dass es Internet und Smartphones gibt
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